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Full text of "Ludwig Feuerbach in seinem briefwechsel und nachlass sowie in seiner philosophischen charakterentwicklung"

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LUDWIG 
FEUERBACH IN 

SEINEM 
BRIEFWECHSEL 
UND NACHLASS:... 

Ludwig Feuerbach 



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Ludwig reuerbach 



in seineiD 



Briefwechsel und Nachlass 



aowk in seimr 



I'Lilosopliisclieu Charaktereiitvv ickluug 



daigosdeUt ron 



Marl dran. 



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Leipzig & Seidelberg. 

C. F. Winter'sehe VerlagshandlnDg. 

1874. 



9 

Ludwig Feuerbach's 

Briefwechsel und Nachlaset 



1850—1872. 




Leipzig & Heidelberg. 

C. F. Winler'sche VerlagshandUng. 

1874. 



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1:1E NEW YORK 

PÜBLICLIBRA y 

AITCNI, LSMOX ANO 
IlLDCN FOur.OATlONa. 

189a. 



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4 



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Inhalt des zweiten Bandes. 



8«ite 

IV. Periode, 1850—1860. Die Natar nnd Mensch gewordene Philosophie. 

Die ,tTheogoiüe". Biographisches t • 

M- Drossbach an L. Feuerbach 1849 S 

Fenerbach an M. Drossbach 1850 — 

Feaerbach au Friodrirh Kapp 1850 7 

Fenerbach an Pfaut/> „für seine Schrift** 1850 8 

Dr. Ed. Blockhaus an Fenerbach 1850 9 

Feaerbach an Friedrich Kapp 1851 iO 

Fenerbach an Boux (?) 1851 11 

Fenerbach an Jos. Schibich 1851 12 

Feuerbach an Fr. A. Brockliaus 1851 LS 

Feuerbach an J. Schibich 1851 15 

Derselbe an denselben 1852 18 

V. Amonid a Feut-rbach 1852 19 

Feaerbach an Fr. Kapp 1852 — ■ 

Sievers an Feaerbach 1S52 2tf 

E. (t. V. Herder an Fenerbach 1852 21 

Feuerbach an Schibich 1852 22 

Feuerbach an Hcidcureich 1852 24 

Derselbe an denselben 1852 2ft 

Ff^iierbach an F. A. Brockhans 1852 2ft 

Fenerbach an Fr. Kapp 1853 27 

J Schibich an Feuerbach 1858 28 

Fenerbach an E. G. v. Herder 1853 2ft 

Feuerbach an Dr. J. Dnboc 1853 33 

Feuerbach an 0. Vigand 1855 3$: 

Derselbe an denselben J85t> 30' 

Boge an Fenerbach 1857 4ft 

Feaerbach an Roge 1857 41 

Heinri' h Bt-necke an Feuerbach 1856 42 

Feaerbach an H- Benecke 1856 43 



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VI 



H. Bpnecto an Fcnerbach 1658—1860 44 

Fcnerbach an W. Bolin 1S57. 1858 46 

W. Rnlin an Feücrha( h 1S5S 52 

W. Rolin an Fen. rh.irh l^')«) 5.1 

Feaerhach an W. Rolin IS.VJ 5Ä 

Feaerbach an Direktor Dr. Kapp 1857 57 

Feuerbach an Fr. Kapp 1859 58 

Feaerbach an Direktor Dr. Kapp 1S59 59 

Jakob Molcscbott an L. Fauerbach 1S50— l^^öS 60 

T. TilliüH k Fenerbach 1858 II 

Ans (l<-tn Vai'blass. 

Die Naturwissenschaft und die Rerolütion . , . . . , , , , , , , , 73 

Zar Theogonie: 

"Ein- und Vielgötterei . . ' 92 

l.fihnitz und die Wüni-fh ' . . . , . , . . . . . . , . . . . . 

Das Herz . — ein Polythoi^t 94 

Der Eid . . . . . . . . ^ . . . . . . . . , , , . . . . = 

llnsterblichü Schattin . . . . , . . . . , . . . . . . . , , — 

Spinozas Liebe zn Gott 95 

Piaton und das Christcnthum — 

Spiritualismus und Sensualismus. System der Rechtsphilosophie von Ludwig 
Knapp 96 

Dr. Fri» Mlnrh Wilhelm TToidcnrc iVb , . , . , . . , . , . . , , , Uli 



V. Periode, 1872. Die Leidenszeit. Sittlicho Probleme, Moralphilo - 

sophie, .»(iotthcit. Freiheit, Unsterblichkeit Das Fragment. Krankheit 

nnd Tod. Piographisches , . lOQ 



Friedrich Münch an L. Feuerbach 1860 116 

E. Dedckind an L- Fi'iierbach \^f>() . .117 

K. Vogt an Fencrbach 1860 118 

W. Bolin an Feuerbach 1860 IIQ 

Feuerbarh an W". Rolin 1860 — 

. Ch. Dollfus ä Feaerbach IbiU» ... 122 

Feuerbach an Dr. J. Duboc 1860 ' . . 123 

Feuerbach an 0. Lunin;; lS6o • ... 126 

Dr. J. Duboc an L. Feuerbach 1860 127 

Feuerbarh an Dr. J. Duboc 1861 — 

Jos. Schibich an L. Fencrbach 1<^»'.1 . 12R 

Konrad Haag an Feuerbach 1861 129 

Feuerbarh an W. Bolin 1861 135 

W. Rolin an F>'nerbach IM'.l I.^R 

Feuerbach an K. Haag 1^61 13^ 

Feuerbach an W. Bolin 1861 .139 

K. Haag an Feaerbach 1861 140 



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. VII 

Feuerbach an Trübner in London ISOl 144 

Trü])n.-r an FtiUttrbacli ISOI . . . . . . . . . llÄ 

Feiierbar.h an Dr. J. Dubüc lSf>2 . — 

Feucrharh au W. «olin 1S62 — 64 14S 

PriMP.ft dp. Khanilnff k Vmo. vha.rh \SiV,i . . ^ . . .. , , , .. , . . lÜÜ 

F. Tjkssallß an FeuerbarJi 162 

Mr. E. VaiHant ä Fencrbach isr»4 1611 

Mr. Jos. Roy & Fenerbacli 1S64 164 

T^. mi'ma an ni('mfi 1S65 . , .. .. .. , , .. , , , , , , , .. , IM 

Fauerbach au Fr. Kapp 1605 167 

Yaillant ä FcMUTbach 1S65 168 

K. Blind an Fcucibach 1865 . . , .. .. = = = . = .. .. = = . . .. lüD 

Feucrbach an W. Boliu lS(i5 — 

Feutrbach an H. W i;::anJ 1865 171 

Derst'.lhn an den selben ISO ö 172 

FftPftrharTi an W. Bolir. lS6fi . - - 174 

W. Rolin an Fftuerbar.h IStil', , . , . , , ., , , , , Hl 

Vamant ä Fauerbach 1866 178 

Mr. H. C. Brockmeyer to L. Fauerbach 1S66 — 

Ludwig Pfau an Fencrbach 1866 — 

/ Feuerbach an Dr. J. Duboc 1866 ISO 

f Feuerbach an Fr. Kapp 1866 183 

, Derselbe an denselben 1867 . . . , . , . . , . . . . . . . . . 184 

Fencrbach au W. Boliu 1807 — 

G. Bäuerlc an Fcuerbach lb67 186 

Feuerbach an Bäucrlc 1807 187 

L. Pfau an Feuerbach 1867 18« 

Feuerbach an W. Bolin 1867. 189 

Subprior P. üdeplious Müller an Feuerbach 1867 193 

W. Bolin an Feuerbach 1867 194 

Vaillant k Feuerbach 1867 195 • 

Fencrbach an Fr. Kapp 1868 196 

Molcschott an Feuerbach 1868 197 

Feuerbach au W. Boliu 1868— 1&7Ü 19'J 

Feuerbach an 0. Wigand 1868 208 

Le Prince de Khanikoll' ä Feuerbaeh 1808 204 

Vaillant ä Feuerbach 186i) 205 

Feuerbach an Frau Mathilde Wcndt (Newyork) 1809 2Q6 

Dersc-lbe au dieselbe 1870 207 

Fetterbach an Spyeidel) in Wien 1870 — 

Loigi Stefanoni a Feuerbach 1870 208 

Leonore Feuerbach an Luigi Stefanoni 209 

Mr Rachel an Feuerbach 1870 "21 0 • 

Ottilie As^iug au Feuerbach 1871 211 

Feuerbach an Hrn. Markus zu Hamburg 1871 213 

Ottilie Asäing an Feuerbach 1871 — 

K. (iruu au Feuerbach 187 1 -~ 

Phtlusuj^bi^cbeü Idyll uder Ludwig und Konrad 215 



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VIII 

Ans dem Nachlass. g^,^, 

Zinzendorf und die Ilormhuter 230 

Zar Moralphilosophie: 

Die ünzertrennlichkeit von Wille pnd GlOckseligkeitstrieb 253 

Der scheinbare Widci-simich des Selbstmordes mit dem Glticksciigkoitstrieb . . 256 

Der Unterschied zwischen Kopf und Kopflosigkeit 260 

Die Uebereinatinuiiung; ties Buddhismus mit dem (illu:k^>■ll^^k^lt^tt•iell . . . . 2G3 

Die gemeinen W idersprüche mit dem GlUokselii^^keitstricb 2G8 

Unverzeihliche Abschweifung vom Thema 272 

Der moralische Glückseligkeitstrieb 275 

Wesentliche Unterschiede der Glückseligkeit and der Selbstliebe 281 

uNoth meistert alle Gesetze and hebt sie auf" 285 

Der Einklang des Gewissens mit dem Gltlckseligkeitstrieb 29G 

Zusätze aus zerstreuten Papieren 303 



Nachgelassene Aphorismen : 

1. Zar theoretischen Philosophie 305 

2. Zar Rcligionsphilosophie 312 

8. Moralphilosophie und Moralitäten 315 

4. Politik 

5. Natur 330 



Seite 227 Zeile 3 von unten lies Fülak statt Pillak. 



IV. Periode. 

Von 1850 — 1860. 

Die Natur und Mensch gewordene Philosophie. — 
Die „Theogonie'^y fttr ihn selbst das Höchste. 

Die Zeit von 1850 — 1860 lag schwer auf dem enropUischen 
Kontinent, eine Schwefelatmosphäre nnter Bleidächern ! Es war die 
Zeit der „schliminsteu Iteaktion", wie Feuerbach sa^te, in welcher 
er seine schneidendsten Aphorismen niederschrieb. Nicht die 
politische Bewegung sell)st, sondern die antediluvianischen Prämissen, 
die Philosophie, den Gedanken, verfolgte und hetzte eine Meute 
von desperater Mittelm'assigkeit. Dass die Kanonenschläge an der 
Alma als het'reiende That empfunden werden konnten, seicbnet 
wohl diese Periode am Besten. 

Fenerbaeh bflsste selbst mit, und zwar als blosser Träger des 
(Gedankens menschlicher Freiheit Die Freiheit gedacht zu haben, 
war ein Verbrechen. Als er seine Heidelberger Vorlesungen znm 
Dmck redigirt hatte, erklärte er im Vorworte: er sei blos „kritischer 
Znschauer und Znhörer" von „kopflosen Unternehmnngen'^ der 
„sog. Revolutionszeit" gewesen. Die Republikaner hatten sich 
theoretisch gebärdet und an die „Schöpfung einer Republik aus 
Nichts" geglaubt. 

Und desshalb Räuber und Mörder — desshalb polizeiliche 
Haossuchangen in der Wohnung eines Philosophen! desshalb Aus- 
weisung aus Leipzig, wo er den Druck einer wissenschaftlichen 
»Schrift Uberwacht und nach Reliquien seines Vaters forscht! 

Otto Wigand konnte es in Deutschland nicht mehr aushalten, 
er warf den Blick auf Amerika. Der Verleger will den Schriftsteller 
persnadiren, die Hemisphäre zu weehsefai und auf der andern Seite 
der Erde anter der Standarte des Pressbengels thätig zu sein! 

Ort«, FMMrtadu Briefir«e1iMl a. NmUms. IL 1 



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2 



Auswandemog war die grosaei allgemeine Parole ; ganze Dörfer 
im Schwarzwald wanderten in corpore, Kirchen wurden feilgeboten ! 
Die Baaemkneehte in Pranken lasen nnr noch Schriften tiber Amerikai 
hatten kein Interesse mehr ak die Vereinigten Staaten. 

Der schOne jugendliehe Fritz Kapp war auch mit seiner Brant 
hinübergezogen , und als treuer Johannes lad er den Meister zn 
Bich nach New- York, in «eine neue Heimstätte. Ach, wie verlangte 
C8 den gequUltcn Denker hinllberzufliegen, die curopaiHchc MiHcre 
liiiitcr Hicli zu treten I Al)cr ch f^in^ nicht. Da waren novh (ieilanken 
auHzufUhren, Materialien in den Schinelztiegcl zu werfen, eine ;;aiizc 
\'er^anj^enlicit zu ahsolviren und da war die Familie, da war 
Weib und Kind! Aach der brave Dedekiod iiess vergebeutt seine 
LockHtimme ertönen. 

Interessant ist, wie der pldtsUeh so praktisch werdende Fritz 
Kapp die Schattenseiten des nordamerikanischen Lebens henrorhehti 
wlihrend Fenerbaeh, allerdings ans der FemCi y,aas Bttehem'', die 
positive Bedeutung der föderativen Republik geltend macht, and 
im Ganzen — so glauben wir — gerechter nrtheilt Nnr wo Kapp 
den Hochmnth der Yankees ztlchtigt und die Verdienste der 
DeiitHeheii um die anicrikaniHchc Freiheit Hcliildeit, da wallt dem 
deutschen Feuerhaeli auch nein Ulut da sind die Freunde eini^. 

Wie zerlahren lU)rigenH Hclhst der Gcibt der Htuninien ( »pjjositioii 
in dem damaligen Deutnchiand war oder wenn man will, wie 
wenig Konsistenz die Bewegung von lö4b gehabt hatte - das gellt 
znr Genüge aus dem Zirkular hervor, wclchcH A. Kuge, Semper 
redivivnSi im Frühjahr 1857 von Kngland aus in die Welt sandte, 
nnd womit er die Gründung einer neuen Zeitschrift emzuleiten ge- 
dachte. Man sehe sieh einmal die bunte Gesellschaft an, welche 
der literarische Wallenstein damals unter Einer Fahne versammeln 
wollte I 

Dr. BenningHcu in Göttingen, Albert ßObme in New- York, 
OherHt Hlulim in Konntantinopcl, J. Deyffel in London, ididolpli 
DUlon in New- York, Wilhelm Dtlfler in i'ariH, Ludwig Feu(;rhaelj 
in Bruckberg, Kuno FiHchcr in Jena, G. G, Gcrvinus in Heidel- 
berg, Alexander Jlerzen in London, Dr. llettncr in Dresden, Ale- 
xander V. Humboldt in Berlin, llinricbH d. J. in Halle, Theodor 
Kareher in London, Prof. Köchly in Zürich, Prof. Kiillickcr in 
Warsburg, G. F. Kolb io Zürich, Prof. Long in Brigbton, Prof. 
Michelet in Berlin , Dn Wilhelm Meyer in Bremen, Prof. Pott io 
Halle, Dr. Joh« Rösing d. J. in Bremen, Dr. Ludwig Hage in Berlin, 



3 



Friedrich Vischer in Zürich, Prof. Virchow in Berlin , Vamhagen 
von Ense in Berlin, Gastav Wisliceniis in Zttricb, Prof. Zimmermanu 
in Stnttgart — 

Fenerbach fand nicht den mindesten Geschmack an dieser 
011a podrida; er antwortete mit der Naehrieht, dass seine „Theo- 

gonie** vollendet sei. 

Um dieselbe Zeit, lö57, kam ein blutjiin«,^ci* Schwede nach 
Bruckberg gepilgert, der bis zum letzten Augenblick in persön- 
lichem und epistolarischem Verkehr mit Feuerbach blieb. Wilh. 
Hol in, in Petersburg geboren, 8ohn eines Schweden und einer 
Thüringerin, promo?irte später als Dr. phil., wurde 1865 Privat- 
dozent, 1868 ausserordentlicher Professor an der Universität zn 
Helsingfors in Finnland, und ist seit 1873 Bibliothekar daselbst. 
Er schloss mit F. einen jener innigen Freondschaftsbttnde, wie sie - 
ein bescheidner strebsamer Jtinger mit dem geliebten Meister zu 
schliessen vermag. Von seinen schriftstellerischen Leistungen k((n- 
nen leider hier nnr die Titel angefahrt werden: „Ueber die Familie" 
(schwedisch); „Ueber die Willensfreiheit" (1861>); „Eur()pa.s Staats- 
Icbeu und die politischen Lehren der lUiilosophie" (1871). Bolin, 
wie man lesen wird, dcbütirte mit der Poesie ein wenig a la Parny ; 
vernn'igc seiner eigentlichen, der [»liiltjsopliischcn Begabung, reprä- 
seutirt er die Fenerbach sehe Kichtuug im skandinavischen 2tIordcu. 
Er trägt sich gegenwärtig mit der Idee einer besondem Schrift 
fiber nnsem Philosophen. 

Zom Schloss bleibt ans no<^ ein Wort Uber die leidige Por- 
zellanfabrik im Schlosse zn Bmckberg zn sagen flbrig. Was 
nicht ans den nachfolgenden Briefen hervorgeht ^ das ergänzt eine 
handschriftliche Anfzeichnnng Fenerbachs, der wir die Haupt])unkte 
entnehmen. 

Im Jahre 1808 erwarb der ^Schwiegervater Low, der seit 1800 
Inspektor der Fabrik gewesen war, dieselbe käutlich unter lästigen 
Bedingungen vom Staate. Der Kaufschilling, 20,000 fl., wurde 
von einem Hrn. Späth vorgestreckt. Low hatte 4 Jahre Zeit zur 
Üeim Zahlung. Die Fabrik hob sich. 

Bis 1818 führten Low und Späth den Betrieb gemeinsam. 
Dann schloss Low mit Späth einen Leibrentenvertrag ab, worin 
er ihm ^lich 2600 fl. zusicherte (12 Vi Prozent!). Bereits im 
Jahre 1820 war dieser Jahresbetrag nicht mehr za erschwingen. 

1821 starb LOw. Die Begrilbnisskosten waren nicht zn decken. 
Späth rieth znm Konknrse« — Es entstand ein Prozess wegen des 



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Leibrentenvertrags. Man machte ein Konipromiss: Späth erbUlt ein 
Kapital von 6000 H. und juhrlich 1200 fi. Alles wurde richtig 
geleistet bis znm Jahre 1848. 

In Bmckberg wurde die „BeTolation^' zur Revolntioii. Die 
Produktion stand stille, positive Verloste traten ein. Dennooh 
wnrde Sp&tb befriedigt, nnd zwar bis 1854. Jetzt fiel die Oste^ 
reiehiscbe Valuta — die Fabrik lieferte nur nach Triest ^ der 
Holzpreis stieg, die Waarenpreise sanken. Späth wurde klagbar. 
Der Ort lag möglichst iiiigUnstig llir tlie Konkurrenz mit jüngeren 
Etablissements; die hoben Steuern drückten gewaUig. 

Der Zusammensturz war unaufhaltsam ; trübselig und besorg 
nissvoll schleppten sich die 50er Jahre hiu^ mit dem Ende des 
Dezenniums war Alles vorbei. Feuerbach musste sein geliebtes 
Bruckberg verlassen — für ihn hiess das, aus der Welt gehen. 
Sein Studirzinuner im Schlosse war seit 1836, also seit H Jahren 
seine Welt gewesen! 

Es galt Jetzt ein anderes Asyl zu suchen, und zwar unter 
druckenden Sorgen um Gegenwart und Zukunft. Freunde halfen, 
wie sehr ihn auch die diskreteste Freundschaft drückte — er wollte 
Gutes thun, nicht empfangen. Die Lebenden seien durch unser 
Schweigen geehrt, nur der verstorbene 0. Lliniiig werde genannt. 

Nicht Stadt, nicht Land — das war der fatale Kecheuberg 
bei Nünil)er;;. f'euerbach schrieb in sein Tagebuch: 

„Bruckberg war bei raeinen beschränkten Mitteln die Basis 
meiner Oekonomie, aber die Oekonomie ist die Basis der Philosophie 
und Moral.^' 

Und weiter schrieb er: 

„Meine Scheidung von Bruckberg ist eine Scheidung der Seele 
vom Leibe. Ich habe heute meinen Miethkontrakt mit H. r. B.^ 
nnd damit yielleicht mein Todesurtheil unterzeichnet.'* 



Briefe. 



M. Drossbach an L- 'Fenerbach. 

M&hrisch SchOnÜeig« den 15. Jani 1849. 

Wohlgeborncr Herr! ludern ich mir die Freiheit nehme, 
beiliegende Broschüre, betitelt: „Wiedergeburt oder Lösung der 
Uusterblichkeitsfrage nach den bekannten Naturgesetzen", Euer 
Wohlgeboren zu übersenden, erlaube ich mir zugleich die ergebenste 
Bitte, Dieselben möchten sie einer DurohlesuDg wttrdigen and mir 
das Urtheil gütigst mittheilen. 

Es ist Bedttrfhiss für mich, das Urtheil der ansgezeichnetsten 
Denker und besonders Männer von praktischer* Tendenz zu ver- 
nehmen, nm meine Ansichten darnach zu yervollkonmmen. 

Die Wichtigkeit des Oegenstandes gibt mir den Mnth, diese 
Bitte zu wagen und auf eine geneigte Antwort zu hoffen. 

Euer Wohlgeboren ergebenster M. Drossbach. 



Faaerbacli au M. DiOüsbach 
flber seiiie Scbiift «WiectoigebiirC**. 

Bruckberg, ilen 5. Juli 1850. 

... So sehr der Gegenstand Ihrer Schrift ein längst fttr mich 
abgethaner, allseitig von mir erschöpfter ist, so habe ich sie doch 
mit Vielem Interesse nnd Vergnfigen gelesen; denn sie ist mit Gebt 
nnd Natnrfrische geschrieben, nicht mit theologischen Phantastereien 
and Jämmerlichkeiten — mit Ausnahme Ton S. 8, die etwas nach 
theologischen Hyperbeln klingt — ; sie ist geschöpft aus dem Heilig- 
thnm vernünftiger Empirie. Aber trotzdem, oder viehiiebr eben 
dess wegen, hat sie mich in ihren Resultaten nicht befriedigt; denn 



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die Unsterblichkeit ist uud bleibt eine Idee oder Vorstellung der 
Phantasie, der Versuch eines empirischen, nalmbej^rilndeteu, der 
Wirklichkeit entsprechenden Hcwcises daher ein Widerspruch, 

Das wiedergeborne Wesen ist in der Xatnr nur das andere 
Individuuni. 80 wenig je das Jahr 1850 wiederkehrt — man 
niiisste denn die Zeit rttekiäafig machen — so wenig kehre ich je 
wieder. 

Kec 4uae yifteteriit iteruin revocaliitur unda, 
Kec qoae pneterüt, hora redirc potest.*) 

Darin besteht eben das absolute Wesen der Individualität, dass 
nie mehr znm zweiten Male dasselbe herauskommt , dass nur ein, 
ntir dieses Mal die Stoffe, Bedingnisse, Verhftltnisse, Umstände 
so sich gestalteten, dass sie grade dieses nnd kein anderes Dieses, 

einzige und unvergleichliche Individuum erzeugen konnten und 

mussten. 

Sollten alle diese individuellen Bedingungen noch einmal 
wiederkommen y Und wozuV Aller<lings ist Organisches nnd Un- 
organisches nicht SU geschieden in der Natur, wie in unserer !>is- 
herigen Natorwissenschatt ; aber gleichwohl ist doch zwischen einer 
nur chemischen Verbindung und dem Ueben wenigstens ein solcher 
Unterschied, dass nicht aus der Wiederberstellbarkeit jener auf 
die Wiederfaerstellbarkeit von diesem geschlossen werden kann. 
Die ehemischen Gnindstoffe verbinden sieh im Organismus auf eine 
unbereehenbare, absolut individuelle, ausserdem nicht vorhandene, 
originelle, unnaehahmbare, unwiederherstellbare Weise. Das Leben 
ist ein Geniestreich der Natur. Der Organismus ist eine Monogamie 
der Stoflfe, der Chemismus, um diesen Ausdruck beizubelialtcn, eine 
Polygamie; die Stoffe in der Chemie oder ausser uns können ein- 
ander ersetzen, gleichgültig- tritt ein Individuum — wenn anders 
vom Individuum im engeren und eigentliclicu Sinne hier die Kedc 
sein kann — an die Stelle des andern. Aber in uns knüpfen sie 
innige Liebesbande, die dem Individuum unersetzlich werden. 

Aus der Wiederberstellbarkeit des Wassers aus seiner Auflösung 
in Wasser- nnd Sauerstoffgas die Unsterblichkeit des Individuums — 
wenn auch nicht unmittelbar — folgern, kommt mir eben so* vor, 
als wenn man ans der monotonen Leier eines Wasserfalles eine 
Mozart* sehe Symphonie oder Ouvertüre ableiten wollte. L. F. 



*) „\N'«'iin 'lir die W< llc v<:rriiiiit, so ruf:>t du sie niemals zurttcke. 
Wenn dir die Stuude rernjmt, ist nie auf ewig vorbei." 



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7 



Fenerbacb an Friedrich Kapp. 

Bmckbeif, den 3. Mifz 1850. 

Lieber Freund! .... Du gehst nach Paris, und ich gehe 
nach dem Interim einer Vorlesung auf ein deutsches Dorf; Da 
beginnst ein neues Leben, und ich lange ganz im Einkhmg mit 
der Geschichte der deutschen „Revohition wieder das alte Leben 
an. Du gehst der Zukunft entgegen, und ich hinke wieder tief- 
gebeugt in die Vergangenheit zurück ; Du Glücklicher ! segelst jetzt 
selbst in das jugendliche Amerika hinüber, und ich sitze auf dem 
Mist des alterfanlen £aropa. Und doch stehe ich Dir geifltig so 
nahe, so gross auch der ri&nmliche and änsserliche Unterschied 
zwischen Deinem und meinem Leben. Dein Brief traf mich gerade 
ttber der Geschichte der Vereinigten Staaten ?on Nordamerika von 
Bancroft. Wo Du bald leiblich sein wirst, da bin ich längst geistig. 
Der Blick in die Zukunft der Menschheit ist bei mir der Blick 
nach Amerika. 

Ob ich aber auch sinnlic'i denselben Boden mit Dir theilen 
werde ? Das ist ein Problem, dessen Lösung natürlich auf meiner 
Üeite grosse Schwierigkeiten entgegenstehen. 

in Ermanglung einer Aussiebt ins Jenseits kann ich im Dies- 
seitB| im Jammerthal der deutschen, ja europäischen Politik über- 
hanpty nnr dadurch mich bei Leben und Verstand erhalten, dass 
ich die Gegenwart za emem Gegenstande aristophanischen Ge- 
lächters, die Zukunft unter der Gestalt Amerikas zu einem Gegen- 
stande meiner Phantasie und Hoffiiung, die Vergangenheit der 
Menschheit namenfltch In Deutschland, Rom und Athen zum Gegen- 
stande des Studiums niaclie. Nur durch Veränderung und Er- 
weiterung meiner Studien kann und konnte ich den Rückfall in 
das alte Leben ertragen. Nur in der Quelle des klassischen Alter- 
thums habe ich wieder Lebenskraft gefunden. Nur in unausge- 
aetztcr geistiger Thätigkeit kann ich es in dem Irren- und Schiir- 
kenhaus der europäischen Welt aushalten. Ich bin daher fleissiger 
nnd geistiger als je. 

Im vorigen Sommer studirte ich die Politik des Aristoteles. 
Wie viel mehr hab' ich daraus gelernt, als aus dem Parlaments- 
geschwätz des vorangegangenen Jahres! Wie habe ich mich oft 
später noch geschämt, diesen Schwätzern nur zugehOrt zu haben! 

Dein L. Fenerbach. 



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BrucJfberf, d«ii 15. JtiU 1%60. 

OrganiHch und IJnorganiHcli, oder Natur und McuhcIi, int im 
\Ve«eu idcntUch. VVilro die Natur ciu todter McchanisniUH, wie 
könnte auK dem Meiuicbeu Leben entspringen? Aber während Sie 
vom Menschen ausgelicn, den McnRchen zum Original Hiachen, 
naeb demn Bilde Sie die Natur scbafTen, gebe ieb von der Nator 
anSi und Uuue «ie ent im Menschen, nicht vor nnd annser dem- 
selben, fttblend und denkend, d. b. Mensch werden. Ihnen ist die 
Natur lebendig, weil Hie schon im Anorganischen Organisches er- 
blicken; mir aber, well ich im Organischen auch da» Anorganische, 
die Hog. phyhihcliL'ii und cliennHchcn KriU'te und llrHachen wirkHuni 
iiude. Sie erblicken im WuH-er duH Hluf (der IMunetcu); aber ieb 
erblicke im libite duK Wa8«er, und /war in looo 'l'beilen nicht 
weniger uIh 7<»o Tbcile WasBer, purcK, blanken W'aHHcr. Ich lasHe 
das WaMHcr WaHser Hciij/ab(M' ob es mir gleich nicht lebendig im 
Hinne den Mennchen, nicht liiut ist, so int es mir desswegen doch 
auch nichts TodtcH, Hondem ein H(dbHtüudig KU fasHendcB WeKcn. 

Die unorganische Natur ist mir also nur insofern individuell 
lebendig I als sie der wesentliche Qrund, Boden, RtofT, Gegenstand 
der subjektiven oder organischen Natur ist, aber nicht, wie Ihnen, 
unmittelbar selbst lebendig* AllerdingH hat der Planet Ulm und 
Herz, aber er hat nur im Thiere oder Menschen Hirn und Herz. 
Eh int duHKelbe auHHci" uuh wuh in uns, dieHciben Stolle dort wie 
hier; aber erst in dci- ZuKamnicnjMt'SHiin«:; in daH organiKcbc Herz 
und Hirn werden wie FUlilen uml Dridvcn in nuHcrrn Sinne. 

Der ScbluHH, was Inieiligen/, wan iicben Hcliatlf, uhihk Hclhnt 
Inteiligen/., neibst Leben Kein, ist nicht uaturbegrUndct. Denn hier 
laMHe ich Anfang und Kndi^ unmittelbar /UHammen, laHHe un/ilhlige 
Vermittlungen und Entwicklungen aus, als deren Resultat sich erat 
Leben und Intelligenz ergeben. Die Bedingungen des Höheren nnd 
Vollendeten sind nicht gleich von Anfang schon da; sie erzengen 
sich erst allmfthlig im Laufe der Entwicklung. Mozart's Vater war 
zwar Kapellmeister, aber um einen Mozart hervorzubringen, brauchte 
er nicht selbst Mozart zu sein. Hchon die SeliolaKtiker hatten den 
OrundHat/: Kntiu non chkc multiplicia inutiliter, die Dinge 
nind nicht unndl/crweiHe viele Kh gibt nur Kiiicn Mozart. Dieser 
Mozart der Natur, weuigHtens der Krdc, ist der Mensch. Woivi 



9 : 

also das Donnergepolter der Wolken, das Brausen der Wogen, 
das Sausen der Winde zu mozartischeu Kompositionen machen? 

L. F. 



Dr. üdnard Broclfhans an Feuerbacb. 

Leipzig, döu 2U. ^ov. 1S50. 

Lassen Sie mich an vorstehenden, im Namen meines 

Vaters geschriebenen gesch&fklichen Brief noch einige nngeschäft- 
Hche Worte von mir selbst fügen. Dass es mich wirklich herzlich 

gefreut hat, von Ihnen etwas, wenn auch durch dritte Ilanjl, für 
unsere Blätter zu erhalten, und dadurch mit Ihnen in eine hoffent- 
lich weiter fortgesetzte geschäi'tliclie Verbindung zu koninicu, werden 
Sie mir wohl glauben, da Ihnen unser gemeinschaftlicher Freund 
Fries gesagt haben wird, wie hoch ich Sie schätze. Ich kenne 
Ihre Schril'ten erst seit zwei Jahren, seit Ihren Vorlesungen in 
Heidelberg. Ich war damals noch unbedingter Anhänger der 
Hegersehen nnd NachhegePschen Spekulation, ich ging in Ihre 
Vorlesungen — ich darf das Jetzt wohl sagen — nur aus Neugierde, 
um auch diese „einseitige, extreme" Richtung der neuen Philosophie 
kennen zu 'lernen. Zugleich studirte ich Ihr „Wesen des Christen- 
thums" und Anderes. 

Da fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen! Ich 
war früher gläubig und fromm, ich verheimliche Ihnen das nicht, 
da ich weiss, dass auch Sie die wahre Fninunigkeit in ihrer Art 
tlir vollkommen berechtigt halten und dem scheinheiligen rationa- 
listischen Indiffereutismus vorziehen. Es kostete mich auch keinen 
geringen Kampf, aber endlich siegte die Wahrheit, nnd ich zähle 
mich seitdem zu Ihren aufrichtigsten Anhängern und Schillern. Es 
wird Ihnen das nichts Neues sein, dass sich frtthere entschiedene 
Gegner Ihrer Philosophie, sobald sie dieselbe erst wirklich kennen 
gelernt, in Ihre entschiedensten Anhänger verwandelten. Ich sage 
Ihnen dies auch nur, weil es mich bei dieser Gelegenheit drängte, 
ihnen meine Verehrung auszusprechen. 

Ich denke, dass sich mir in dem von mir gewählten buch- 
händlerischen Berufe mannichfache fielegenheit bieten wird, auch 
meinerseits den Ideen, deren Vertreter Sie sind, zu nützen und 
Geltung zu verschaffen. Es soll mich herzlich freuen, wenn auch 
»Sie mich dabei unterstützen wollen. Unser Haus wird es sich zu 
grosser Ehre rechnen, Ihre Werke zu verlegen. 



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10 



Entschuldigen ►Sic diese Zeilen, die Sie vielleicht wenig inter- 
essireu, und empfangen »Sie nochmals die aulrichtige Versicherung 
meiner Hochachtung. Dr. Eduard ßrockhaus. 

l'cuürbacli au Friedrich Kapp. 

Bfackbng, den 14. IKBiz 1851. 

Lieber Kapp! — Deine Schildening von Amerika ist sehr 
interessant, aber nichts weniger als einladend. Aber gleichwohl, 
was yst der Unterschied zwischen Europa und Amerika? Amerika 
hat noch nicht die alten Vorurtheilc überwunden, und Europa sucht 
sie mit aller Gewalt wieder herzustellen. A. hat keine geistige, 
E. hat keine materielle existirende Freiheit — eine Freiheit nur 
im Kopfe. Aber was hilft mir der freie Kopt, wenn der Leib ge- 
fesselt ist? Als ich unlängst in Leipzig war, um den Druck meiner 
Vorlesungen zn Überwachen, haben sie mich auf den eitelsten Vor- 
wand hin, trotz meines nagehienen königL bairisehen Passes aus- 
gewiesen. So sieht es bd nns ans. Europa ist ein Gefilogniss; 
der Unterschied zwischen einem Freien und Gefangenen nur ein 
quantitatiyer, nur der, dass jener ein etwas gerftumigerdB Geföng- 
niss bat. Ich wenigstens habe stets das Geftthl eines Gefangenen, 
habe mich nie zu jenem heroischen Supranaturalismus empor- 
schwingen können, der sich auch in Ketten frei fühlt. Gleichwohl 
verkenne ich nicht das Gute auch des Gelangnisslebens. Je weniger 
man aussen hat, desto mehr sucht man sein Glück in geistiger 
Tbätigkeit. Und je grösser der Druck von Aussen, desto grösser 
der Gegendruck von Innen, desto stärker das Selbstgefühl. In 
Amerika ist ein Mensch wie ich ein gleichgültiges Ding, ein Nichts ; 
aber in Europa ist eine persona ingrata ein höchst bedeutendes 
EtwaS) ein Dom im Auge der Regierungen, ein Pfahl im Fleische 
der geistlichen und weltlichen Polizei, der ihr Tag und Nacht keine 
Ruhe Iftssi Auf mich hat daher die Reaktion sehr wohlthätig 
gewirkt: raeinen Fleiss verdoppelt, meinen Geist konzentrirt, meine 
Gallenabsondcrung befördert. Ich sage mir oft: den Standpunkt, 
den einmal der Mensch einnimmt, den soll er auch bis zum letzten 
Hauch behaupten, das Thema das er einmal begonnen, auch hin 
zum letzten Faden abhaspeln. 

Ja das sage ich mir oft und ich werde auch so lange bleiben, 
bis ich mir mit vollem Bewusstsein sagen darf: Du kannst nicht 



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11 



mehr bleiben, Dn musst fort, bis die moraliflobe Notbwendigkeit 
SSO einer physischen geworden ist 

Diess schreibe ich auch Dedekind, dessen Existenz in 
Aincrika und Anerbieten mich höchst lilierrascht und erfreut liat. 
Allerdings tauge ich zu Nichts als höchstens einem Farmer, wie 
Du schreibst, aber zu diesem tauge ich noch, namentlich in der 
Nähe oder unter den Augen eines so tüchtigen Ockonomen als D. 
ist. Bin ich ja hier schon ein halber Bauer — doch genug hievon. 

Unsere Staaten sind bereits moralisch todt. Sie können sieb 
daher nur dadurch noch eine Zeit lang halten, wodnrch die Staaten 
ttoihwendig zu Grande gehen. 

' . . . Von Meran eilte ich naeb Venedig, nm von dort nnd 

aof der Rückreise Yon der Tyroler Nator grossartige Eindrucke 
zn nnanslöschlicber Erinnerung in mein einförmiges Dorfleben 
zurückzubringen. Das Kelsen ist mir so in den Leib geluliren, ist 
ein solches Bedtirl'niss für mich, gehört so nothwendig seihst zu 
meiner „Philosophie", dass ich sogar den kühnen Gedanken einer 
Reise nach Amerika, nur um aus eigner Anschauung es kennen zu 
lernen, gefasst habe. Gleichzeitig mit Deinem Briefe erhielt ich 
ans New -York einen, wenn ich anders richtig lese — der Name 
ist etwas undeutlich — Theodor Kaufmann unterzeichneten Brief. 
Ist dies Tb. Kaufmann aus Dresden, der, in dessen Quartier Du 
einzogst, ein Künstler — so sage ihm, dass ich mich seiner noch 
sehr gut und mit vielem Vergnügen erinnere, dass mir seine Be- 
kanntschaft eine der angenehmsten nnd interessantesten, die ich in 
dem schalen Frankfurt machte, und grüsse ihn in meinem Namen. 

Dein L. Feuerbach. 



Feuerbac]! an ? (walinclieinlich Roux). 

Bruckberg, den 24. Juni J**5I. 

Ich habe Ihnen eine Neuigkeit von höchster Wichtigkeit mit- 
zntbeilen. „Es geht nun nächstens wieder los''; aber rathen Sie 
wo? in Paris? in London? in Rom? Ei bewahre, in Bruckbei^ 
im Landgericht Ansbach. Sie werden lachen, aber durch dieses 
Lachen nur beweisen, dass Sie auf dem Standpunkt des gemeinen 
and bescbiilnkten Unterthanenverstandes stehen. So lacht auch 
der gemeine Menschenverstand, wenn man ihm die teleskopischen 
und mikroskopischen Entdeckungen der Naturwissenschaft mittheilt. 
iSo ist es auch mit dieser meiner Nachricht; sie ist nichts Geringeres 



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12 



als eine polizciwifisenschaftliche Entdeckune; der hohen Regierung 
in Ansbach. Die Regierung betrachtet, wie der Naturforscher, alle 
Kleinigkeiten mit bewaffneten Augen. Gensdarmen und Polizei- 
diener sind ihre Tele- und MikroBkope. Kein Wunder, dass sie 
Alles anders. Vieles nnendlieb gritoser sieht, als unser Eins mit seinen 
natOrlichen Augen; kein Wunder, dass sie in der Bruekberger Por- 
zellanfiibrik den Industrie- Ausstellungs- Palast der Demokratie ans 
allen fHnf Welttbeilen, in jedem Fremden,- der dort aus- und ein« 
geht, die Londoner Propaganda, in jedem Paar Menschen einen 
demokratischen Verein, iu jedem, wenn auch unter 4, oder hiiehstens 
Ö Augen gesprochenen und nichtgesprochenen Worte — Reden an das 
Volk, in jedem wenn auch noch so unpolitischen Liede antedilnvia- 
nischer, d. h. vorniarzlicher Gesangvereine — Marseillaisen, in jedem 
Türkenbecber einen Giftbecher, in jedem Kapselscberben ein Barri- 
kadenfragment, in jedem Kaolinkörnchen ein Pulvermagazin — 
kurz in Nichts Etwas, in Niemand Jemand, und zwar nicht nur 
so ein unbestimmtes Substantiv, sondern ganz bestimmte, wahrhafte 
Personen erbliekt 

So hat erst vor Kurzem wieder die hohe Polizei, und zwiu* 
mit solcher Bestimmtheit, Deutlichkeit und Gewissheit, dass sie den 
Ortsvorsteber fast zwin^a^n wollte, ihre tele- und mikroskopischen 
Phantasmen durch sein Vidi zu bestätigen, den „Redakteur L. und 
den Professor 1). aus D." leil)haftig hier herumspaziren sehen, ob- 
gleich hier selbst die beiden Herren von Niemanden erblickt 
worden sind. 

Doch genug fUr heute. Nächstens hoffe ich Ihnen den Ans- 
bruch der Revolution oder doch wenigstens einstweilen die Ankunft 
von Eossuth und Mazzini melden zu kOnnen.*) 



Feuerbach an J. Schibich**) (Lecbwiz bei Xasim in Mähren)* 

Brockberg, den- 15. Aug. 1851. 

Mein lieber Herr Schibich! . . . Die einzige Titnlatnr, die 
mir entspricht und die ich gern hörC; ist die, welche mir die Bauern 

*) Ks handelte sieb um einen von der Polizei gehetzten Studenten, den F. beher- 
bergt haben sollte. Man mag an jene infiune Zeit and die tiefe Erbännlicbkeit der 
damaligen Regierangen laom znrllckdenken, ohne seine OaUe zn spüren. Wnrde doch, 
wie man gelesen hat und nodi lesen wird, der „gefiihrliche** Feaerbach aas Leipzig 
aasgewiesen, wohin er sich za rein literarischen Zwecken begeben hatte! 

**) Damals Pidagog, später Oekonomleverwalter. 



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13 

io hiesiger Gegend geben, die mich schlecht und recht Ilr. Fener- 
bach nennen, gewiss das Wenigste, was mau verlangen kann; deuu 
das deutsche „Herr'' hat nichts mit einem französischen Seigueur 
gemein, ist ein sehr populäres Ding. Eben so unrichtig sind Ihre 
Vorstellungen tlber meine äusseren Verhältnisse. Ich bemerke 
hierüber jedoch auch nur dies Eine. Wäre ich, was Sie nicht 
bezweifehn, auch nnr in einem sehr mittelmttssigen Grade, dann, 
mein Lieber! hätte ich, wenigstens der Quantität nach, aneh 
nnendlieh mehr geleistet, dann wäre ich längst auf einer Beise um 
die Welt oder im Schreiben einer Universalgeschichte der Religion 
und Menschheit begriflfen. Aber so! — doch ich spreche Uber ge 
wisse Dinge mich nicht aus 

In Wien können Sie mich allerdings sehen, aber nur in effigie, 
bei meinem Fieunde, dem Professor und Maler Ixahl. welcher 
voriges Jahr bei meiner Abreise von München, aber in aller Eile — 
mit allen Tugenden, aber auch allen Mängeln, die das Periculum 
in mora mit sich bringt, mich abkonterfeit hat"^) Ausserdem 
existirt nach dem Oelgemälde eines andern Freundes, des Malers 
Fries aus Heidelbeig, eine in Franlifurt gemachte Lithographie 
▼on mir, die aber besser Ihnen unbekannt bleibt, denn es ist das 
Bild eines Todten, aber keines Lebenden .... 

Gegenwärtig bin ich wohl mit der Herausgabe eines Werkes 
beschäftigt, das aber nicht mich und meine Gedanken betrifft, mit 
der Herausgabe des literarischen Nachlasses meines Vaters, eines, 
wie »Sie wissen werden, berühmten Juristen und Staatsmannes. 
Diesen Winter gehe ich zu einer neuen Schritt : entweder eine neue 
Ubersichtliche Darstellung des Ganzen meiner Gedanken, oder einer 
Entwicklung besonderer Punkte, die ich noch nicht genügend behan- 
delt babe^ oder eine blosse Samndung von historischen ßelegen und 
Aignmenten ad hominem, oder vielmehr ad asmum ... Ihr L. F. 



Feoerbach an Fr. A. BrockhaiiB. 

Bniclibcrg, den lU/22. August 1851. 

Herrn P. A. Brockhaus in Leipzig Wohlgeboren! 
Schon in den ersten Tagen dieses Jahres habe ich in einem freund- 
BchafUichen Schreiben an Ihren Herrn Sohn Dr. Eduard ein Werk 
von oder iber meinen Vater als den ersten Gegenstand euier mOg- 



Dioses etvas hypergenuü au^sefasste Bild befindet sieb j«:(zt im Besitz des 
«»fteieD deutschen Hocbstifb** zu Fn&lLfiirt a. H. 



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- - u 

lichcQ Verbiudung zwischen Ihrem I lause und dem Geiste Feuer- 
bachs in Aussicht gestellt. Endlich bin ich nach vieler anstrengen- 
den Arbeit und oft hitohst peinlicher Muhe im .Stande^ mein damals 
noch ganz anbestunrntes Anerbieten in dn fbrndiehee zn verwandeln. 
In der Erwägung, dass der Mensch in seiner Totalität unendlich 
mehr ist als der Rechtsphilosoph oder gar der Kriminalist, dass 
die Darstellung von jenem auch diese beiden in sich begreife, aher 
nicht umgekehrt, dass namentlich mir als Sohn es mehr obliegt, 
den Menschen , als den Gelehrten in abstracto darzustellen , habe 
ich vor Allein die Herausgabe des bi()grai)liischcn Nachlasses mir 
zur Autgabe gemacht - aber des biographischen Nachlasses im 
weitesten, umlassendsten Sinne. Meine Absicht war, ein vollständiges 
und allseitiges Bild von meinem Vater zu geben, jedoch ein rein 
objektives, nur von seinen cigenhändfgen Pinselstrichen zusammen- 
gesetztes. Meine eigene Thätigkeit bestand nur in der kritischen 
Auswahl der einzelnen Bruchstttcke^ der chronologischen Zusammen- 
setzung derselben zu einem Ganzen, und der Beifügung erklibrender, 
ergänzender oder berichtigender Anmerkungen. Das Werk, das 
ich Ihnen anbiete, ist daher nichts Anderes als eine — indirekte — 
Autobiographie — ein Wort, das mir auch fHr den Titel als das 
geeignetste erscheint, obgleich der Gcbraiicli dieses Wortes t'tir eine 
Schritt, die- nur zum allergeringsten Theile aus Selbstschilderungen 
besteht, die nur eine hauptsächlich aus Rrielcn, Vortragen, Gut- 
achten, Gesuchen u. s. vv. zusammengesetzte Lebensbeschreibung 
enthält, eines kurzen Vorwortes zu seiner Bechtierügung be- 

dürlite 

Nebenzweck meines Aut'entbaltes in Leipzig im verflossenen 
Winter war eben so, wie Sie zu besuchen und einen TheU des 
väterlichen Nachlasses, den ich eben desswegen im Koffer mitge- 
schleppt hatte, Ihnen zur Ansicht zu ttberreichen, auch persönlich 
noch nach vielleicht vorhandenen, der Veröffentlichung werthen 
Briefen zu fahnden. Aber gerade an dem Tage, >Vo ich, fertig mit 
den nachträglichen Veränderungen im Maiiuskrii)tc meiner Vor- 
lesungen, einen Blick Uber die Grunzen meiner nächsten Aufgabe 
und Umgebung hinausrichten und aus meinem Incognito heraus- 
treten wollte, wurde ich von der gränzeulosen Unverschämt- 
heit der Polizei ausgewiesen — und so war nicht nur mein 
Hauptzweck nur zur Hälfte erreicht, sondern auch alle meine anderen 
Nebenzwecke vereitelt. Aber trotzdem ist der Mangel an Briefen 
an seine kriminalistischen Freunde und Feinde kein wesentlicher. 



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16 



Feuerbach als Kriminalist ist, wenn auch nicht als Kriniinal-Keclits- 
iebrer, doch als Kriminal-Gesetzgeber, also in seiner bobereu, das 
allgemeine Publikam ioteressirendeü KoUe, hiDlänglich repräsen- 
tirt 

Euer Woblgeboren ergebeimter Ludwig Feaerbacb. 



Fenerbach an /. Schibich. 

Brackberg, den 21. Okt 1851. 

Mein lieber Freund! ... Sie wollen von dem Menseben 
Feiierbacb wissen. Wo soll ich aber da anfangen V bei meinen 
Kinder- und Studienjahren? Das wäre zu weit gegriffen. Ich be- 
ginne mit der Zeit, worin ich jetzt lebe, und dem Orte, worauf 
ich jetzt stehe und gehe. Brackberg ist ein kleines, in einem an- 
mathigen aber beschränkten, von Wäldern und Aeckern umgränzten 
Wiesenthal gelegenes Dörfchen, das aber den grossen Vortheil hat, 
dass hier kein Pfarrer und keine Kirche ist Die hiesige Kirche 
oder Kirchlein hat zn Ende des vorigen Jahrhunderts der Blitz 
vernichtet. Das Gebände, worin ich lebe und sehaffis, ist ein ehe- 
maliges markgräfliches Jagdscbloss, seit Ende des vorigen Jahr- 
hunderts aber und noch jetzt eine Porzcllanlubrik , deren Besitzer 
drei noch lebende Schwestern sind, wovon die eine meine Frau, 
deren oberster Lenker und Leiter mein Schwager ist. Diese Fabrik 
ist leider! höchst ungünstig gelegen und schwer belastet, ihr Be- 
trieb höchst kostspielig, ihr Ertrag äusserst geringfügig, ihre 
Existenz, namentlich in Folge der verhängnissvollen Ereignisse von 
1848, der österreichischen Bankrotte, der österreichischen Geld- 
p^ierlampenwirthschaft, wodurch noch jetzt die Fabrik an jeden 
100 fl. 20 — 30 Prozent verliert — und leider! steht sie nur mit 
Triest in Verkehr — sehr prekär. Den fast einzigen Vortheil daher, 
den ich von ihr habe, ist Holz nnd freie, weil eigene Wohnung. 
Diene schöne und geräumige, zum Studiren und Denken trefflich 
geeignete Wohnung ist es auch, die mich hauptsächlich an B. 
fesselt. 

Meine, selbstgeschaffene, Familie ist sehr klein, besteht nur 
aus dem Minimum, was zum Begriff einer Familie gehört: einem 
Manu, nämlich mii*, einem Eheweib und einem Kinde, einem 
Mädchen von 12 vollendeten Jahren, das ich unendlich Hebe, aber 
Mcb den einfachsten Grundsätzen endehe, nämlich vor Allem sich 



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16 



benlich seines ländlichen Lebens nnd Siniies erfreuen, aber auch 
ernstlich lernen und in den weiblichen Künsten sich Üben lasse. 

Drei meiner Brtider sind leider! nnd zwar in den besten Jahren 
gestorben: der eine ein erfinderischer spekulativer Mathematiker, 
der andere ein gelehrter Jurist, der dritte, der iilteste, der erst 
vor Kurzem starb, Dichter und Art hUolog, ausgezeichneter Kenner 
der bildenden Künste, Verfasser des „Apoll von TJelvedere", ein 
Mann, dessen Umgang, welchen ich aber wegen der Entfernung 
der Orte — er war Professor an der Universität Freiburg im 
Breisgan — leider! nur selten genoss, besonders desswegeu für 
mich interessant war, weü er die Prinzipien meiner Anschauung 
in ihrer Anwendung auf die Kunst vollständig bestätigt fand, nnd 
obwohl oder weil eine reme Eflnstlerseele, auch mit meiner Re- 
ligionsphilosophie im Wesentlichen harmonirte. 

Mein Vater war auch keineswegs nur Jurist oder Kriminalist, 
sondern ein legislatorischer und rechtsphiiosophiscber Kopf, im 
universellsten Sinne des Wortes. Seine engeren kriminalrecbtlichen 
Prinzipien verwerfe ich, wenigstens so weit^ als sich in ihnen nicht 
der Psychologi sondern der Jurist ausspricht — denn sie bestehen 
aus zwei einander ganz widersprechenden Seelen; aber in seinen 
allgememen rechtsgeschichtlichen und rechtsphilosophischen Ideen, 
die freilich nur in nnedirten Fragmenten bestehen, stimmen wir. 
auf eine merkwürdige Weise iiberein. Daher es Sie nicht wundern 
wird, dass ich, abgesehen von früherem sporadischen Zeitaufwand, 
fast ein ganzes ungetliciltes Jabr auf seinen Nacblass, dessen 
biographiscben Tbeil icli bereits fertig und dem 13ucbbändler au- 
geboten habCi verwenden konnte. leb halte aber diesen Zeitauf- 
wand auch schon aus dem Grunde für keinen Verlust, weil ich 
erkannt habe, wie wichtig das Kriminalreeht oder vielmehr die 
Geschichte desselben iUr den Denker und Schriftsteller in meinem 
Sinne ist 

Meine Lebensweise ist höchst einfach, regelmässig und natur- 
gemäss — alle meine Werke sind Früchte des Tages, des uatttr- 
liehen, nicht des künstlichen Lichtes, der gesunden Nüchternheit, 
nicht der Aufregung und Ueberreizuug durch Genüsse. Nur zwei 
Tassen nicht besonders starken schwarzen Kaffees ohne Milch und 
Zucker trmke ich täglich, eine Morgens, die andere nach Tiseb, 
aber jeder geht voran und folgt nach noch eüi Glas kalten Wassers. 
Erst am Abend, nach gethaner Arbeit, ungefähr nach 8 oder um 9 Uhr, 



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" 17 



trinke ich Hier, wobei icb eine Pfeife Mehinaucbei niieb unterbalte 
«ider Zeitungen n. dergl. lese. 

AriH (lifHer diätetischen Lehensordniing komme ich nur, wenn 
icb Überhaupt durch fieMondcrc \'ernnhi»Hungen ao0 meiner Ordnung, 
meiner Lebens- und Tbätigkeitsweise beraaskomme. Da }iaae ich 
allerdiogt oll ttichtig Uber die Schnur, sowobl an« Jnttinkt als 
CkmndiatXi mii doreh ewiges ßinerlei den KOrper nicht zn verwohnen 
and rerweiehliehen, den Qelat nicht ftbznstnmpfeii, knn um in daa 
Hyttem der Ruhe und Ordnung zeitweise eine wohlthätige Revolntion 
hineinaithringen. 

Von jeher habe ich das T.ehen alH einen Fehlzug betrachtet, 
nnd daher darauf Bedacht genommen, mich auf alle Falle zu rliHten, 
mich jeder Witterung anngcHctzt, mich Htetn 8o leicht als mriglich 
gekleidet, ho viel aln mö^^Üch den Schwachen meiner Natur nicht 
nacligegebeDy sondern getrotzt, mich daran gewöhnt, alles geniessen, 
alba aoebi wenn es sein mass, entbehren %u liönnen. 

Ansser Katarrh und Hchnopfeni EhenmatismeOi Ohrensaasen — 
nmnaotlieh seit den ietsten Jahren, aber auch rhenrnstischer Natnr — 
bal mir in meinem Lehen nie etwas gefehlt Eigentlieh Jirank, 
bettiigerig kranli bin ich nie gewesen. Gleichwohl hin ich nicht 
rotnister, aber auch nicht schwilchlicher Katar, gleicliwie ich auch 
nir-ht ^^rriHser, aber aach nicht kleiner Btator, nicht dick, aber auch 
nicht grade mager hin. 

Wein liehe ich «ehr, er ist das meiner Natur entsprechende 
(betrank; aber ich trinke ihn Helten. Was meine Tracht hetriflf't, so 
hasse ich in dieser Üeziehung alles Hchlampigc, Nachlässige, 
Schmutzige, I'bilisterhafte, eben so wie alles Gezierte, Geckenhafte, 
Modische. Der Frack ist mir nnansstehlich, ich trage nur (Jeher 
fOeke, am Uehsten karz, oben geschlossen. Wie meine Bchreib- 
mateiiaHmi, namentlich Federn beschaffen sind, kOnnen Sie aas 
den Zflgen meiner Hand selbst ersehen. Ich Hebe das Schon- oder 
wenigstens nicht garstig and widerlich Schreiben, aber dieser gute 
Wille wird meist za Schanden an dem sehteehten Zustand meiner 
Federn, mit denen Niemand aln ich schreiben kann . . . 

Danmer war viele Jahre lang mein persönlicher Freund, trotz 
unserer geistigen und wiHHcnHchaftliehen Differenz. Mit dem W. 
d. Chr. aber und einer Rezension von mir Uber seinen Marien- 
kultnn, die ich im reinsten iSinne der Freondsebaft, aber freilich 
aaeb der Wahrhaftigkeit schrieb, er aber missverstand nnd ndss- 
destete, warde diese gefotige Differenz seinerseits eine persOnlkbe. 



• 



18 



Seit der Zeit (1844) wo er Heine »Schrift p:e^(!n iiiicli im Niirn 
l>er^er KorreMj». v. u. f. DeutKclilaiHl" uiit eiiM- liöchnt l>eki(li{.^<'iHle 
VVeiHc ankllndi^te, liube ieli ihn niciit mehr hesuclit noch ^espivx lim, 
ob ich ^'leicb ihm nicht böHc bin; denn er int un/.ureehnungMiähi^, 
unfrei, Sklave seiner krankhaitou Einbildungen , ein pietistiiKiher 
NatoraÜBt 

Htranss habe ieh nur einmal (bei iieiisbronn) bc8ncbt| ieb 
glanbe 1842. Viieher habe ieb aueb nnr einmal obenhin in Prank- 
furt K^^pi'oehen. 

lieben Sie wohl! Ibr L. Fenerbacb. 



Dortelbe »n dAnselbeo. 

Rni' khr^rjf, den 27. .Tan. l«ir»2. 

Li eher Sühibieii! . . . Ich gehe damit um, noch eine tiber- 
zen^end oder vielmehr beHchUmcnd klare, mit bistoriHehcn Heinpielen 
und Entwicklungen belegte Darstellung meiner ntheiHtiHchen Re- 
ligionsprinnjrien zu geben. Hie sehen hieraus, dass das keine 
Arbeit fUr Sie und mieh, sondern nur fUr Andere, dgentlieb nor 
eine Gselsbrtteke ist Gestehen mnss ieb aueb, dass mir schon oft 
vor Scham die Feder aus der Hand und alle Lust aus dem Herzen 
entfiel, wenn ich daran dachte, daHB ich noch einmal Uber Dinj^c 
»chreÜK'n .soll, die Kir dtu (JeiHt, der ei;;eittli(li allein zn beriirk 
Hichtigen int, |jln;;st (MHriiöjilt und ali;;ctliaii wind. Freilicli rr 
miithigt njicli dann doch wieder der (Icdaiikf . dieser (ieirtt int doeii 
ein /.Ii vornehmer, ariHtokratiHclier (ieint, nanicntlieli in Dingen, die 
nicht nur den Denker, den Geist in abniraeto, sondern den Menschen 
Überhaupt interesHlrcn ; der wahre Geist ist zugleich ein praktischer 
Geist, aber der praktische Geist ist ein unermttdlieber, langmttthiger, 
barmheraiger Geist. 

Damit haben Sie zugleich Ihre Fraget warum ich so vid aitlre? 
beantwortet. Wie wenige Mensehen gibt es, die einen Gedanken 
fUr sich selbst, ohne Unterlage eines Zitats denken und als wahr, 
als objektiv begründet begreifen können? Gleichwohl zitire ieh 
immer nur pars pro t<»fo, weil cm nur zu laugneilifc int luielizu- 
Hcldatreii, (»der ieli im Aii^inddicke, dan Andere, olt «lan iJeste \rr 
geisHcn lial>e. Duhh ich aljer so olf Anti(juitiifen , He|l»Ht aus dem 
Zopfzeitalter zitire, iiat darin seineu (trund, daHs unnere Gross* und 
Urgrossväter bei aller Zeremonialität und Formalität ihrer reltgüHieD 



- - Ii» 

Gedauken und Enipfindun![>:eii , weit offener uud naiver sind, als 
die moderiieu Galanteriegeister. Adieu! L. F. 

Mr. V. Arnonld i Fenerbach. 

Bruxelles, la IS. F/vri^r 1h52. 

Monsieur Louis Feuerbaelil Nous avons bien rerii en leur 
tenips les 12 francs que vous nous avez envoyes jjoiir renouveUenient 
de votre abonnement 41aLiberte. C'est avee au v^ritable bonhenr 
qne doqb royons notre oetivre encourag^e par un bomme pour qui 
nous ^pronvons tous, avec le plus profond respect, la plus grande 
admiration, et dont nous sommes fiers de nous dire les disoiples. 

II 7 a longtemps qne j'anrais vonln tous accuser röception de 
votre- enyoi, mais j'eas dösirö, Honsieury ne pas yons torire, sans 
▼OOS donner des nonvelles d'un monvement qni se fait ici pour 
offrir au grand Fenerbach un temoignage de Tadmiration r|ue res- 
seutent pour lui uos uinis de l>elgi([ue. J'espere, dans peu, Otre 
a meme de mc faire an})res de vous Tinterprete de ce grand et 
unaninie sentinient, aiissi Uouorable pour riiomuie, qu'il est couso- 
laot pour le pbilosophe. 

AgröeZi Monsieur, l'assurance de la baute eonsidf^ratioi], avec 
laquelle je suis Votre disciple dävouö. V. A rn o u 1 d. 

Bi-d. en clicf de la Lib«rt(S. 



Beuerbach an Fr. K;ii4j. 

Bruckbtifg-. «Ion 22. Febr. Jh.") 2. 

Mein lieber Ka])))! — Wigand drängt mich, nocb dieses 
Jahr mit ibm nach Amerika zu reisen. £r will sieb dort erst um- 
sehen, ehe er an eine förmliche Answandemng denkt Aber ich 
mnner Teufel , wie l&ann ich das wagen, bei diesem sehlecbten 
Stande des Bactihandels! bei diesen schlechten Aussichten in die 
Zukttttill Ja, wenn noch die Zeit wäre wie frtther! aber jetzt! Ich 
kann nicht naeh Amerika, ohne doi-t zu ideibcn. Und wie kann 
ich lort, ebe icb den gclebiien Un- und Vonatb auxgesc bilden, 
ehe ich lueiuen Willen — uud ieb bin teuax propositi — aiisge- ' 
führt habe? 

Aber Ireiliib, was sind Tläne und Vorsätze? Notb bliebt Kisen. 
Es ist so weit bei uns gekommen, dass man bel'Urebten uiuss, 
deportirt zn werden, wenn man nicht l'reiwUlig gebt. En iät Jetzt 
kein Krieg mehr gegen die Konsequenzen, sondern gegen die 

2* 



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20 

aiitediluvianischen Prämissen der Revolution — gegen die Philo- 
sophie, gegen die lutelligeDz. Nicht das FrUlyahr 1848, Jahr- 
hunderte sollen ausgestrichen werben. Es ist nur noch der Wahn- 
sinn: Facta infeota facere volle, Geschehenes ungeschehen 
machen zu wollen, der bei uns regiert und herrseht Mein Ab- 
sehen , mein Grausen vor diesen Zuständen, vor diesen erbärm- 
lichen Persönlichkeiten, ist gränzenlos. Wer weiss also was ge- 
schieht, ob ich Dieh doch nicht selbst dieses Jahr in Amerika 
sehe? Lebe wohl und grüsse herzlich Deine Frau und Freund 
Kauimaiiu von Deinem Lud. Feucrhach. 



Siereis in Gotlia an Feueibach. 

(Jotha, den 28. Februar 1852. 

Hochgeehrter Herr! Auf den Kesultaten Ihrer Forschung 
stehend und mit dem Drauge, von dem durch Sie gewonnenen 
Standpunkte am das menschliche Wesen tiefer zu verstehen, habe 
ich mich dem Shakespeare zugewandt, denjenigen unter allen 
Dichtem, der dem spezifisch Christlichen am Fernsten steht, und 
der Quelle der Erkenntniss, die selbst reiner als das Leben und 
die Geschichte uns den Menschen vorführt. Ich habe mehr in ihm 
gefunden, als ich dachte. Nicht nur den Menschen als solchen, 
oder, weil das ein Unsinn ist, nicht nur den bestimmten Menschen 
seiner Zeit hab' ich in ihm gefunden, sondern den Menschen der 
verschiedensten Entwicklungsstufen, von den Römern herab bis in 
seine Zeit. Das Prinzip wenigstens der verschiedenen Epochen 
ist jedes Mal in seinen Dramen ausgeprägt. 

Ich gehe, hochgeehrter Herr, in meiner Anschauung der Ge- 
schichte von dem Hegerschen Standpunkte aus, msofem nämlich, 
als ich an dem Fortschritte des Menschengeistes, wenn auch nicht 
dem unendlichen, festhalte. Aber ich meine, es inttsste noch erst 
Ernst gemacht werden mit diesem Grundgedanken; derselbe mtlsse 
ganz bestimmt als eine fortschreitende Umwandlung des 15 e - 
wusstseius bezeichnet werden, das sich stets ein neues Höchstes, 
einen n e u e n G o tt erzeugt j die Geschichte müsse psychologisch 
behandelt werden. 

Ihnen sage ich damit freilich nichts Neues, denn eben Ihr 
Ausspruch, die Religion sei Anthropologie, hat sich i'ür mich in das 
Obige umgesetzt, die Geschichte sei PhUnomenologie des mensch- 
heitlichen fiewnsstseins. Aber mit dieser Umsetzung ist dann eben 



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21 

auch die JReligion in den aUgemeinen Flosa hineingezogen nnd 
mma aneh historiseh-psychologiscli behandelt werden. 

In meinem Romeo nnd Jolie'', hochgeehrter Herr, habe ieh 
das Prinzip der mittelalterlichen Religion, das zugleich das des 
gesammten Lebens dieses Zeitalters ist, dargelegt, obgleich treilich 
seine Wirksamkeit auf dem religiösen Gebiete nur angedeutet ist. 
Ihnen traue ich die grösstc Unbefangenheit fremden Ansichten 
gegentiber zu, ja ich meine sogar, Ihnen mit der meinigen in die 
Hi&nde za arbeiten und zum Ausbau Ihres Werkes mit dem dort Gege- 
benen beizutragen, obwohl ich auch nicht übersehe, was uns trennt. 

Wenn Sie aber meine Schrift der Durchsicht wttrdigen nnd die 
Anifassnng des Mittelalters, die in ihr niedergelegt ist, fUr mehr als 
ein blosses Paradozon erkennen, werth ansgeftlhrt zn werden: dann, 
hochgeehrter Herr, hoffe ich anf einige Zeilen der Ermanternng, in 
denen ich anch freudig den Rath nnd Hinweis, auf die schwachen 
SeitQD dieser Theorien von Seiten eines ftlteren, gelehrteren Mannes 
finden würde, den ich seit meinen Htudcntenjahren hoch verehrte. 

Jedenfalls sehen Sie diese Zusendung als ein Zeichen meiner 
Verehrung für Sie an. Ihr Sievers. 



r. Herder an Fenerbitc]!.*) 

Erlangen, den 15. Hirz 52. 

Geliebter Freund! Wo böte der scheussliche Zustand, 
worin sich die arme Menschheit in Deutschland und ganz Europa 
gegenwärtig befindet, auch nur einen Ast, der sicher genug wäre, 
um sich daran aufrichten zu können — der leidige Trost der 
Doktrinären, dass das Elend bald seinen äassersten Grad erreicht 
haben werde, von dem an der Pendelschwnng seinen Rücklauf 
nehmen mflsste, dieser Gemeinplatz ist eben so unwahr, als ann- 
selig. Denn bis zn welchem Ungrunde der Erschlaffung nnd Ver- 
thiernng die Völker versinken können, lehrt nur zn allseitig nnd 
allzeitig die Geschichte! 

Bei der mir bewnssten Uebereinstimmung unserer Ansichten 
über diesen Punkt war mir daher die mir vor einigen Wochen in 
Nürnberg zugekommene Nachricht, dass Du beschlossen habest, 
nach Amerika zu gehen nnd dass dieses schon im Laufe dieses 
JSommers ausgeführt werde, — nichts weniger als befremdend; 
denn Du magst die Ki\jonade, mit der mau Dich allseitig verfolgt» 

•) Siehe L 968. 



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22 



dicksatt genug bekommen haben, und da Du das von der Natur 
Dir verliehene grosse Pinnd nicht vergraben, noch weniger ver- 
Bauern lassen dari'st, da Dir der deutsche Boden Deine Wirksamkeit 
verwehrt, so bleibt Dir wohl nichts anderes tlbrig, als den deutschen 

staub von den Ftlssen zu schtitteln, anf so wenig Befriedigung Du 
aiu'h in dcni mehrseitig boniirten Vankeelande wenigstens anfangs 
wirst reebnen dllrfen, und so sehnierzlich Dir selbst die Trennung 
fallen niaic. 

Mein K^uisnius iiat indessen hiebt ohne HetViedigung aus Deinem 
Briefe entnommen, dass Deine Keise nach Amerika noch nicht so 
fest und nalie zu stehen scheint, als man mir gesagt hatte, und das 
nehme ich dankbar an. Denn lUr mich hier Zurttckbleibenmflssenden 
wird der Verlust Deines, wenn auch leider noch zu selten genossenen 
Umganges eine schmerzliche Wunde zurücklassen. Solange es uns 
daher noch vergönnt ist, einander zu erreichen, sollten wir nmso* 
mehr anf — sei es noch so kurze — Zusammenkünfte denken. 
Zu dem Denkmal, welches Du Deinem edlen Vater gesetzt hast, 
bringe ich Dir meinen freudigsten (llüekwunsch. Das gegenwärtige 
Hrscheinen dieses Denkmals erachte ieh in hohem Grade zeitge- 
mäss; denn wohl keine Zeit, als die jetzige sehauervolle , liat es 
mehr bedurft, dass ihr der Spiegel eines Itir Kecht, Wahrheit und 
Freiheit so hochgiühenden, gediegenen Geistes, wie Deines grossen 
Vaters, vorgehalten werde. Mit Dank zur Vorsehung denke ich an 
das Jahr 1813 zurUck, wo ich das Glück hatte, öfters mit Deinem 
Vater bei Jakobi zusammenzusem und mich an seinem Glühen tHr 
Deutschlands Freiheit zu erheben. Mit grosser Begierde sehe ich 
Deiner Schrift entgegen. Dass Du eine Stelle in der Vorrede zu 
meinem Opus, das so schmählich Üasco gemacht hat, ftlr würdig 
gefunden hast, Dich darauf zu beziehen, freut mich ungemein, und 
ich fühle mich hoehgcehrl, dass Du mich otlciitlich als Deinen 
Freund aufführst. leb weiss in der Welt keinen lebenden Mann, 
auf dessen Freundschaft ieh stolzer wäre, als auf die Deinige, mein 
lieber Ludwig. Sei treulich umarmt von Deinem Herder. 



Feuerbach an J. Srhibi. Ii. 

firockberg, dcu 22. März 1652. 

Mein lieber Schibich! Endlich bin ich dazu gekommen, 
einige Kardinalpunkte religionsphilosophisch durchzufUhren, wenig- 
stens so weit zu treiben, als es meine beschränkten pekuniären und 



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28 



litfiribnacheii Mittel erlaaben. Diese Arbeit erfordert nicht nur 
pbiiosopliiBehey sondern anch philologische Th&tigkeit Man mmw 
das Original selbst lesen , nnd zn diesem Zwecke es nicht ver- 
flobmihen, sein Leben von Vorne» d. h. von der Bchnle — Leben 

und Lernen ist ja bei uns eins — wieder anzufangen. Dn bist 
Erde und sollst zur Erde werden, heisst der Fluch des Alten 
Testaments. Du bist Bttcherstaub nnd sollst wieder zu iScbulbtaub 
werden, heisst der Fluch des Kcuen Testaments. 

Doch ich tröste mich damit, dass ich mit diesem Staube nur 
den Boden dttn'ge, ans dem einst Blumen und Frttcbte des Lebens 
spriessen. 

Gegenwärtig bin ich über der Homerischen Theologie, nm zn 
beweisen, dass schon der blinde Homer vollständig, . nnr poetisch 
es aasgesprochen hat, dass das Geheimniss der Theologie die An- 
thrapologte ist. In dieser meiner Rttckkehr znr Kindheit der 

Mensebheit und meiner eigenen haben Sie einen zureichenden Grund 

von meiner BrietTaulheit, und zugleich ein Bild von mir, vielleicht 
ein richtifj:ercs als Sie von Wien mitgenommen haben. Denn in 
den Urstiitten der Anthropologie, der Iliade und Otlyssee, sieht man 
nicht nur Blut, sondern auch ThrUnen fliesseu, hört man nicht 
nur den polemischen Ares brüllen, sondern auch Helden schluchzen 
und seufzen. 

Gleichwohl kann ich Ihnen nicht die fleischliche Ansicht von 
mhr silassen, wenn Sie es zn einer richtigen Einsicht in mich nnd 
mehw Philosophie brmgen wollen; denn erst dann werden Sie sich 
ftbenengen, welch' ein unendlicher Unterschied ist zwischm dem 
gemalten oder gedachten nnd dem wirklichen F., aber zugleich 
auch iiberzengen, dass an mir nichts zu sehen ist, was nicht an 
jedem Andern, wenn man ihn nur seiner, sei's nun weltlichen oder 
geistlichen Montur und Dressur entkleidet. 

\on der sog. philosophisehen Literatur nehme ich gar keine 
Xotiz. Was mir von dieser noch unter die Hände gekommen, ist 
unter dem L 

Von Danmer weiss ich gar nichts, von Vischer auch nichts; 
von Bayerhoffer nur dass er in Wisconsin Farmer nnd neulich das 
Malheur gehabt hat, dass ihm seine Kuh davon gelanfini; von 
m^em Bruder, dass er sich mit den Sprichwörtern, hauptsächlich 
Earopas, beschäftigt, was er Übrigens schon seit mehreren Jahren 
treibt Sie sehen, ich weiss nicht viel mehr als Sie, ob ich gleich 
Theoretiker bin und :5ic Praktiker sind. 



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- 24 - 



Sie wollen sich auch aktiv bctlieiligcn, und ich wünschte, Sie 
könnten es. Aber lohnt es sich der Mdlic, jetzt wenigstens, auch 
nur noch ein vernünftiges Wort zu sprechen? Ist es nicht Weisheit 
zn schweigen^ wo die Tborheit, wenn auch im Gewände jesuitucber 
Versobmitstbeit, das grosse Wort führt? 

Lassen Sie getrost der Zeit den Glanben, dass nun anf einmal 
auf alleitOebsten Befebl der menscbliebe Geist still steht; lassen 
Sie nur darttber niebt Ibie eigene Mtlble ins Stocken geratben! 

Leben Sie wobl! F. 



Fenerbach »ii Heidenreioh. 

Bnickberg, den 26. Mai 1852. 

Lieber Heidenreich! liier erhältst Du Moleschotts Schritten. 
yiDie Physiologie des Stoffwechsels'' wird natürlich vor allem Deine 
Augen ant sich ziehen. Lass Dich aber nicht abhalten durch den 
Titel „t^r das Volk'', nnd dnreh den ongeschiokten, weniger er- 
leichternden als venpnrrenden Gebranch emiger dentscher Wörter 
statt der chemischen Knnstansdrttcke, anob in die Lehre der 
„Nahrungsmittel'' Deine Blicke hineinsvwerfen. Es wftre mir sehr 
lieb, Dein Urtbeil zn vernehmen. Moleschott ist sehr hänfig mit 
Liebig und Mulder im Kampfe, kein Wiederkäuer, sondern selb- 
ständiger Forscher und Denker zugleich. Er ist auf diesem Gebiete 
der einzige (mir bekannte) radikale und prinzipielle Naturforscher. 
Nur aus diesem Grunde und aus diesem Gesichtspunkte habe ich 
auch die Anzeige jener Schrift, die gar nichts anderes sein sollte 
als eine prosaische Satyre auf unsere bisherige Philosophie, über- 
nommen. Um Dir aber eine kurze Uebereicht ttber Moleschotts 
Lehre mitzntbeUen, aus der Dn zugleich ermessen kannst, ob Du 
diese selbst des weiteren Lesens für werth hältst, lege ich zngleich 
bei einen, wahrscheinlich für eine Ensyklopüdie oder Zeitschrift 
geschriebenen Artikel ttber diese Lehre, den ich vor Kurzem emt 
von ihm erhielt, nnd erst diesen Morgen las. Nur kommen einige 
selbst mir widerliche Popularisationen und Trivialitäten vor, die 
Du eben überlesen musst. Die Chemie bleibt ewig, wie die Astro- 
nomie, eine unpopuläre Wissenschaft. Die Waffe der Analyse wird 
durch deutsche Namen den Menschen, die Alles nur en gros be- 
trachten, nicht befreundet, nicht näher gelegt Doch sich' selbst 
und liesi oder wirf es w^! 



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1 



25 - 

Am Sonntag Morgen bedauerte ich sehr die Einladung Deiner 
Frau zum FrUhstUckc aul dem Meinberge nicht angenommen zu 
haben; aber Mittags beider schrecklichen Hitze war ich doch sehr 
iroh, dass ich die kühle Nacht zum Nachhausegeheu benatzt hatte, 
80 müde ich auch war. 

Das Geld bitte ich Dich, bis auf passende Gelegenheit» bei Dir 
noch zn beherbeigen. Dein L. Fenerbach. 



Derselbe an denselbeo. 

Brackbfiif, den 24. Juni 1852. 

Lieber Heidenreich! Ich bedauere, dass Du eine goldene 
Morgenstunde tllr mich verwandt hast und zwar zur Widerlegung 
einer Annahme, die mir nie in den Sinn gekommen ist, da es ja 
gerade Deine differentia specitica^ um diesen scholastischen Terminus 
zn gebrauchen, dass Du die Medizin, wenigstens theoretisch, auf 
die Physik und Chemie gründest, und die Lehre der Nahnmgsmittei 
▼on Moleechott .dem Materiale nach nichts anderes enthält, als die 
Resultate der nenen Chemie über diesen Gegenstand. Fttr mich, 
der ieh in der organischen Chemie bis anf Holeschott ein Ignorant 
gewesen bin, war aneb seinem Stoffe nach das Bneh eine Noviült; 
aber obgleich der Mensch das ftlr ihn Wichtige nur zu leicht und 
gerne zu einer Wichtigkeit auch für Andere macht, so ist es mir 
doch nie im Traume eingefallen. Dir, den ich noch aus unseren 
alten geologischen Zeiten her als einen fixen Chemiker kenne, Dir, 
dem Vertasser der „medizinischen Physik'', meine eigene Unwissen- 
heit aufzubürden, auch nur eine irgendwie wichtige chemische 
Thatsache als Dir anbekannt anzunehmen. Aber diese Tbatsachen 
bat doch Moleschott so zusammen- und dargestellt, dass die Schrift, 
obgleich eine rem empirische, doch zugleich eine Schrift von ächt • 
pbilosophiseber Bedeutung ist Du wirst Dich erinnern, wie Du 
mir selbst eine Ärztliche Rezension vorgelesen, die ein durchaus 
absprechendes Urtheil Aber die Schrift als eine pure materialistische 
enthielt. Und der junge Mtlller, den ich hier nur als einen Refrain 
der neuen Prager Schule l)ctia('litc und antühre, sprach sich gleich- 
falls geringschätzig, wenigstens über den praktischen Nutzen der 
physiologischen Chemie für die Medizin aus. Ich glaube auch in 
der That, dass zwischen dem Standpunkte des Arztes, der den 
Or^ranismus als solchen, als lebendiges Wesen vor sich hat, and 
dem Standpunkte des organischen Chemikers zur Zeit noch eine 



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26 



nothwendigc und ungelöste Differenz besteht und so lange bestehen 
wird, als nicht der Organismus vollständig in die Chemie, oder 
diese in jenen anfgeldst, kurz der Organismns rollständig erklärt 
ist. Was ist denn die Nerventhfttigkeit nnd wie verhält sie sieh 
zu dem ^^Stofifweehsel'') der das Lehen ausmacht? Darauf finde ich 
keine Antwort in Moleseholt Aus diesem allgemeinen Gesichts- 
punkte wUnschte ich auch ron Dir die Moleschotf sehe Schrift ge> 
lesen. Doch lassen wir die „Nahrungsmittel". Es freut mich, dass 
Dir wenigstens die Physiologie des 8totl\vcchsels gemundet hat, 
und ich Dir so auch einmal mit etwas Wohlselimeekendem aufge- 
wartet habe. Die Parallelstellen zu Moleschott in Deiner iSchrift 
habe ich nachgelesen. 

Sie sag^n allerdings dasselbe, nur dass der grosse kritische 
Zeitraum von 1836 — 1851, in dem der Menschengeist eine gaoi 
entschiedene Wendung und Schwenkung gemacht, dazwischen liegt 

Doch ich hoffe morgen das Gespräch mttudlich fortsusetseD, 
wenn nicht wieder, wie vergangenen Samstag, der Regen mich an 
die keupermerglige Scholle fesselt. Dein L. Feuerbach. 

Kcucrbach an Fr. A. Brockhauä. 

11. Juni 1852. 

Sie erhalten hier, verehrter Herr, die .Vrtikel über meinen 
Vater und meine Brüder zurück, aber leider nur mit den nnth- 
dUrl'tigsten Verbesserungen und Zusätzen, namentlich zu den Artikeln 
über meine Brüder. Aber wo der Vater schon so viel Platz ein- 
nimmt, da bleibt wenig ftlr die Söhne übrig. Zudem habe ich alle 
auf meinen ältesten jflngstverstorbenen Bruder sich besiehenden 
Papiere und Notizen weggegeben, so dass ich mich selbst erst zum 
Behufe eines ausführlichen Artikels in der Ferne nach genauen 
Angaben hätte umsehen müssen ; aber dazu fehlte es bei dem von 
ihnen so kurz gestellten Termine nnd bei meiner mehrmaligen 
Entfernung von hier an Zeit. Musste ich aber bei dem ältesten 
Hiiuler mich so beschränken, so konute ich auch bei den Anderen, 
auch bei mir nicht, der S\ innictrie wegen, mich austiihrlicher aus- 
sprechen. Bei mir kommt noch der Grund dazu, dass die gegen- 
wärtige Zeit gar nicht geeigensehaftet ist, zu einem freien und 
tiefer eingehenden Ui theil über mein eigenes geistiges Wesen und 
Prinzip. Es ist das Beste, sich hier nur auf ein ganz allgemeines 
Urtfaeil und die blosse Angabe der Schriften zu beschränken . . . . 
V L. F. ' 



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27 



Feuer bach an Fr. Kapp. 

Bmdtbeig, den 28. Jan. 1853. 

Lieber, thenrer Prennd! Ich mnss auf Deine fVeundsohaffr- 
liehe, höchst vcrtührerischc Einladung, nach Newyork zu Dir zu 
konnnen, wenigstens vor der Hand mit Nein antworten. Ich hahe 
die letzten Jahre, namentlich das Ictztvcrflossene, zum Zweck meiner 
Arbeit für alte und neue Bücher so enorme Summen ausgegeben, 
nicht minder bedeutende Summen der hiesigen Fabrik vorgestreckt^ 
ohne Aussieht, sie wieder zu bekommen, wenn nicht der Tod ihres 
pekuniären Vampyrs sie endlich ans ihrem Todeskampf erlöst, 
• ttberdem gerade zu der Zeit, wo die Lebensmittel bei uns einen 
nngewOhnlich hohen Preis hatten, ttber ein Jahr lang einen riesen- 
grossen Hofmeister, der sich dbrigens in diesem Sommer — auch 
ein Beispiel von nnsern löblichen Zustanden — einer der ersten 
nnd Ireiesten Köpfe der süddeutschen, nach Emanzipation von der 
Kirche strebenden Hchullehrer - auf eine schauderhafte Weise in 
unserer Nilhe um das Leben gebracht hat, zu crnUhren gehabt; 
ich habe endlich für meine fast schon zur Jungfrau herangewachsene 
Tochter, welche sich gegenwärtig mit meiner Frau in Nürnberg 
befindet und dort, ausser Englisch und andern Stunden — horribile 
dietn — Konfirmationsunterricht — auch wieder ein Beispiel der 
deutschen Freiheit in religiösen Dingen — fttr schweres Geld em- 
pfängt — : ich habe, sage ich, dieses Jahr so grosse Ausgaben, 
dass ich anf die Befriedigung der kldnsten, bescheidensten Wttnsche, 
wie viel mehr meines höchsten Wunsches, Amerika aus eigener 
Anschauung kennen zu lernen, verzichten muss . . . 

Die glücklichen Amerikaner, bei denen Time ^foney ist I Wie 
zeitgeizig bin ich, und doch hal)C ich es zu Nichts gebra<'ht ! Kein 
Wunder freilich, da nach dem deutschen Idealismus, der uns noch 
tief im Fleische steckt, die Zeit Ja nichts Reelles ist! — Auch in 
diesem verflossenen Jahr ereignete sich ein Todesfall in unserer 
Familie. Meine gute treue Mutter starb in einem Alter von nicht 
ganz 7d Jahren, aber einen Tod, wie ihn nur der Mensch sich in 
seinem Leben wttnschen kann, euien gänzlich schmerz- und kampf- 
losen Tod, nnd zwar ohne vorausgegangene Krankheit nnd Altera- 
beeehwerde • . . 

Der AuBwanderungstrieb ist bei uns nicht im Abnehmen; im 
G^gentheil, selbst die jungen Haucinbuben wollen schon hinüber- 
fliegen, ehe sie flügge sind. Ein benachbarter gcscheidtcr Bauer 



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will alle seine riint* Söliiio, so wie sie jxrösser sind, nach Amerika 
sehicken. Das einzige Gespräeh in den abgelegensten Hanernwinkcin 
ist Amerika, das einzige Riicli, das Dn zn Deiner Verwund ernnj::: 
in einem Wirthsliaus in der Hand eines Hauernknechts oder Herrn 
siehst, ist ein Buch über Amerika. Ich selbst habe kein andere« 
firsiehnngsprinzip als Amerika . . . 

Empfange noeb den Dank fttr Deine Einladung, die mir ein 
höehst woUthfttiges Zeichen treuer Freundaehafti und die Versiehe- 
rang, dasB ioh an Deinem und Deiner FamUie Woblergeben den 
innigsten Antbeil nehme, und diesen Dir noch persönlich bezeugen 
zu können hoffe. Mit dieser Hoifnung Dein L. Feuerbach. 



Jos. Schibioh an Fenerbacli. 

LiM-hwiz in Mähren, den 6. März 1853. 

Ich kam auf meiner Rüekreise aus Ungarn in Wien an. 
l^achdeni ich mich von dem Keiseschmutz gereinigt und um- 
gekleidet hatte, miethete ich mir am Kohlmarkt, gegentlber vom 
Mandarin, einen Comfortable, und trat so dne Entdeckungsreise an. 
Zuerst begab ich mich in die „Akademie der bildenden Ktlnste'' 
und fragte dort nach der Adresse des Herrn Professors Kahl , nnd 
erhielt zum Unglück, wie sich bald ergab, eine falsche nnd wieder 
eine falsche, und so fort, bis ich nach zweistündigem Herumfahren 
vor einem llausc in der Feldgasse lialten Hess. Dort erl'ubr ieh 
von einem kleinen Manne mit ungeheuer langem Barte dem 
Famulus Hahl's dass Letzterer nicht zu Hause sei und erst 
spät Abends kommen dürfte. Meine Betrlibniss war gränzenlosi 
Ich ersuchte den Diener, mir ein Stück Papier zu geben, worauf 
ich einige Zeilen — die Ursache meines Kommens und das Leid 
bei meinem Geben enthaltend — an Rabl schrieb, und während ich 
den offenen Zettel dem Diener übergab, verdoUmetsohte ich ihm 
einen dort gebrauchten Ausdruck: „mein theurer, lieber, guter 
Ludwig" damit, dass ich sagte, es betreffe dies den grdssten Philo- 
sophen, Feuerbach. „Also F. wollen Sie sehen? Ich werde 
Ihnen das Portrait zeigen." leb bat ihn, aber schnell, mich F. 
seihst suchen zu lassen; ich habe ihn zwar weder einmal im Hilde 
noch in Wirklichkeit gesehen, aber ich werde ihn an seinem Kopfe 
erkennen. — Wir traten in den grossen Saal des Ateliers, es waren 
nebst anderep Stücken 30 bis 40 Portraits da. — „Der ist's nicht" 
.]|8gte ich, „der auch nicht'' — „Ach entschuldigen Sie, ebep 



39 

erinnere ich miob^ dass ihn drtt]»ett die Sohole kopirt'' — So war 
anch dieser Reiz, dieses SeelenvergnUgen des Selberfindcns verloren. 
Famulus trat bald mit dem lleiligthume ein ( — das Wort kommt 
aus dem Innersten meines Herzens! M'eun's ein Heiligthum gibt, 
so ist's nur ein solches und stellte es auf eine Staffelei. Mein 
Feuer b ach! Wenn ich ein Wort weiter sagen könnte über das, 
was in diesem Augenblicke in mir war, so wäre dies ein Zeichen, 
daas ich doch noch Besinnung hatte — aber ich hatte keine! Nor 
▼on den ersten £indrttelLen ist mir soviel erinnerlieh: Die Angen 
zeigen Sparen eines unendlichen, aber schon ttberlebten Schmerzes; 
ich las es denselben ab, dass sie schon Spott, Hohn, Unterdrückung, 
Verfolgung getroffen, dass sie die finsteren Labyrinthe der Menschen- 
ge schichte dnrch wandelt, dass sie das Elend des Menschengeschlechtes 
geschaut! Ob sie, ob diese Augen wohl auch schon eine ThrUue 
netzte? - Der ganze Ausdruck des Gesichtes hatte nichts, was ' 
man geheimnissvoll nennen könnte, alles ist klar, alles offen — 
alles licht! 

Ich verliess das Haus, sprang in meinen Wagen und fuhr in 
meine Wohnung, ins Hotel London (dasselbe, wo Blum wohnte 
und gefangen genommen wurde). Ich war ganz erschöpft; die 
steyriseben Gebirge hatten mir einen Schnupfen mit seiner ganzen 
Suite angehängt, das Wetter in Wien war trttbe und regnerisch,. 
Typhuskranke in jedem Hause; ich war zu sehr aufgeregt yon dem 
Besuche bei Rah1, mir war unheimlich. — Ich Hess warm heizen, 
las Zeitungen, um Feuerbach und Typhus zu vergessen, ass ein 
Kotelett und trank eine Bouteille Rothwein auf meinem Zimmer 
und ging zu Bette. Am folgenden Tage trat ich die Reise nach 
Znaim an. Von Znaim kam ich hieher nach Lechwiz und hofl'te 
eine Antwort auf meinen Brief aus der letzten Hälfte des Dezembers 
hier zu finden. ~ Ich fand sie nicht, ward traurig — und schrieb 
diese Zeilen ! KUsse Sie und die ihrigen herzlichst. ~ 

J. Schibich. 



Fonorbach an £. G. v. Uerdor. 

Nürnberg, den 1. Juni 18&3. 

Th eurer Freund! . . . Ich hoffte gestern, heute vielleicht 
fra Stande zu sein, nach Erlangen zu fahren, um Deinen siehe nz ig- 
jührigeu Geburtstag in Person mitzufeiern. Allein meine Hoffnung 



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erfüllte sich nicht Mein Katarrh ist im G^gentbeil nur noch 

schlimmer geworden, so dass ich heute gar uicht ausgehen will. 
Sü sehe ich iiiiidi denn genöthigt, Dir, statt aus einem fröhlichen 
und geselligen Glas Wein, aus dem tristen, misauthropiächen Tinten- 
t'ass meine Glückwünsche darzubringen. 

So wie sidi mein Katarrh gebessert hat, gehe ich nach Bruck- 
berg, um mein Lorchen in der Periode der Wiedergenesnng und 
Auferstehnng vom Bette mit Uberwachen zu können. Bei meiner 
Rttekknnft boffe ich Dich hier oder in Erlangen wiederzusehen. 
Dann werde ich Dir auch die Geschichte des englischen Deinnas 
zurückgeben, die ich bereits hier durchgelesen nnd als ein sehr 
gutes und interessantes Bneh befanden habe, fUr dessen Mittheilnng 
ich Dir innigst verbunden bin. 

Mit der ßilte, mich Deiner verehrten Fräulein Schwägerin, 
Fräulein Adele und Don Fernando*) zu empfehlen, von Herzen 

Dein L. Feuerbach. 



Derselbe an denselben. 

Brockberp, den 13. Jan. 1854. 

Mein lieber h oc h v ere h rtcr Freun d ! . . . Ich war fort- 
während, bin es noch jetzt, so sehr in meine Studien verloren, 
dass ich nicht einmal die Zeit oder vielmehr die Freiheit und Müsse 
auch nur zu einem Hrietc fand. Nur dieses Buch, dachte ich bei 
mir, mnsst Da noch fertig machen, dann kannst Du mit gutem 
Gewissen and gntem Mathe an deinen Herder schreiben. Aber 
anf dieses Bach folgte sogleich wieder ein anderes dieses, anf das 
zweite ein drittes, nnd so nnaafhörlich fort bis in die sehleehte 
Hegel sche „Unendlichkeit''. Noch bin ich mitten in dieser schlechten 
Unendlichkeit, oder, wenn Du lieber willst, in dieser unendlichen 
Schlechtigkeit; aber es rei;t sich nun doch bii mir ein ganz anderes 
Gewissen, als das szicutivische oder literärische - das Gewissen 
des Menschen, des Freundes, das stärker drückt als die Last 
uueutleerter Folianten . . . 



*) Die Scbwigerin var die TerolimngswQidige Therese Forster, Tochter Qeorg 
Försters, damals 67 Jahre alt. Schwester der st^hon verstorbenen Louise r. Herder, 
geb. Huber, welche Mutterstelle bei l[«'nI<Tb Kindern vertrat. Adele, die Tochter 
E. G. V. Her>lr i-s. h< iratht>U'! noch 1S5H den bayrischen Arzt Dr. Knby. Don Fernando 
iüt der Petersburger BibliutheLar. 



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— ai — 

Es ist zwar an sich oder vom astronomischen Standpunkt kein 
Unterschied zwischen dem alten und neuen Jahre, aber auf unserem 
armen menschlichen und bürgerlichen Standpunkt ist es doch ein 
gewaltiger Unterschied) ob Nr. 53 oder 54 auf nnserer Stirn ge- 
sebrieben steht, namentlich wenn man bereits so weit yorgerttckt 
ist wie D»! verehrter Freund! Ich „gratnlire" Niemanden mm 
neuen Jahre, es wttrde mir bei jedem Andern als eme leere Formel 
erseheinen ; aber bei Dir drängt sich mur unwillktthrlich und herzlich 
der Wunsch auf, dass es Dein unverkttmmertes Eigenthnm werden 
möge. Namentlich wlinsche ich Dir, dass Dir die Irennung von 
Deinen Kindern durch erfrcnlichcNachriclitcn von ihnen erleichtert,*) 
die Anwesenheit und Gesellschalt aber Deiner verehrten Schwägerin 
Dir und ihr nicht durch kürperUche Leiden verbittert werde. Lebe 
wohl! Herzlich Dein L. Feuerbach« 



Derselbe an densuibun 

16. Juni 1854. 

Mein lieber hochverehrter Herder. Erschrick nicht^ 
wenn Du diese Hand erblickst, im Gedanken, dass aueh die übrigen 

zu ihr gehörigen Körpertheile, die Fitsse, die Gurgel, der Kopf, 
kurz der ganze Kerl schon wieder zu Dir in das Haus komme, 
k'li will nur ein wenig aus der Ferne mich darnach umsehen, ob 
die \\'nn(ien, die ich Deinem ruhegewöhnten Herzen im Hause 
geseblagen, die Lücken, die ich in Deinen Weinkeller gebracht, 
die Lache, die ich in meiner Schlafstube durch das Verschütten — 
ich weiss selbst nicht ob des Wasserglases oder eines andern Ge- 
schirres — yerursacht, kurs ob alle die unsaubern Bier- und Wem- 
geister, die ein sensualistiscber blasphemischer Philosoph in einem 
gerroanisch-ehristtichen Hause zurttcklttsst, bereits exorzirt und yer- 
seliwnnden sind. Ich fürchte, Du selbst bist diesmal endlich zum 
Kreuz gekrochen; ich fHrchte, das erste und letzte Kreuz, das Du 
iD Deinem Leben gemacht, hat mir gegolten. 

Ich verliess F^ruckberg in der grössten kör])erlicben und geistigen 
VerutimmuDg, in einer üeberartigen Aufregung . . . Aber gleichwohl 

*) Adele war ihi'cin .Manne nach rimiasuns gefolgt; Don Fernando aber wtgcn 
seines Ja politischer B«ziuhaug betliiitigtcu Yurhaltena, im Intorosse der Uiiivorsitäüi- 
stoAnadeii'* aus Eriangon und dem Vaterhause ausgewiesen. Er stadiric Botanik 
itiKl Girtnerei in Zarich, nachdem man ihn, den geprüften Kochttdiaiididatcn, von der 
Aoitspfaii]! ausgoschlossen I So rcrfilgt von Pascha Beigensberg. — 



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ist mir die Partie, trotz oder vielleiciit eben wegen ihrer krassen 
Widersprüche mit meinen Lebensgewohnheiten, vortreft'lich bekom- 
men. Ist es bei Dir ebenso , denn durch mich bist Du doch aus 
dem gewohnten Mass gerissen worden, so bin ich zufrieden. 

Für Deinen Lukrez bin ich Dir schon jetsty wo ich ausser der 
Einleitung nur einige hundert Verse gelesen, hOehst dankbar. Es 
ist dies eine Uebersetzung sans {»areille; der Text ist aber nieht 
von Greeeh, den leb in Nflmberg gekauft, sondern ein sp&terer, 
viel kritiseberer, wie leb bei dem wenigen Gelesenen miob ttber- 
zeugt habe, ron Wakefield. 

Vergiss nicht, dass ich nur Dir zu Liebe, oder richtiger nur 
zu Dir, zu Deiner iStudirstube, als einer heiligen Kapeile aus der 
alten guten Zeit der deutscheu Literatur, nach Erlangen gewall- 
fabrtet bin, vergiss also nicht Uber dem Erlanger Feuerbach 

Deinen Bmckberger L. Feaerbacb. 



Derselbe an denselben. 

Bmckbftrg, den 3. Januar 1855. 

Hoehverehrter Freund Seit ich das letzte Mal bei 

Dir war, bin ieb, unTermeidliobe Gänge nach Ansbach abgerecbnet, 
nicbt Ton hier fortgekommen, stets beschäftigt mit meiner neuen 
Schrift, die gleichwohl nichts wesentlich Neues bringen wird, sondern 
nur Beweise, ansfabrliche, historisob und philosophisch erörterte 
Beweise des längst in Jugendfrische Gesagten. Aber was Anderes 
könnte man der jetzigen abergläubischen und aberwitzigen Mensch- 
heit bringen wollen V Gegen die Geistlosigkeit, die sich als Geist, 
als Geist der Wahrheit und Menschheit gebärdet, kann dieser Geist 
nur in der Form anspruchsloser Geistlosigkeit zu Felde ziehen. 

BUchernoth treibt mich nun aber doch bald vielleicht von hier 
fort, und dann werde ich nicht unterlassen, mich persönlich nach 
Dir umzuschauen. Ein Sporn zu diesem für einen Landmanu 
ritterlichen Unternehmen ist mir auch Moleschott's treffliehe Sehritl: 
Georg Förster. Ich will seine wttrdige Tochter, ich will Dich, den 
Geistes- und Blutsrerwandten unserer ehrwürdigen Menschen- — 
nicht Kirchenyäter, wieder sehen. Dein L. Feuer b ach.*) 



*) Im letzton llriofe an HcrJtT (22. Vehr. I>«ö5) biett-t IVia ibach »loiii l'reuiitl«'. 
der zu üeiuer Tochter iu likeiubayeni zu zicho gedachte, seine Uulfe bei Vcritussc- 
rang der Bibltothek «n. Oer Brief traf den Kremul auC dem Todesbette, anf velcbom 
er den 26. Febr. veisclited. 



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dd 

Feuerbach an Dr. J. Duboc.''') 

Bmokbeig, dea 20. Mai 1853. 

Verehrter Herr! Der Gegenstand, den Sie in Ihrem mir 
trotz seiner irrigen Ortsbezeichnnng richtig nnd rechtzeitig zn- 
gelLommenen Briefe zur Sprache bringen — ein Gegenstand , der 
mir niehi nttr als Denicer nnd Mensch dberhanpt^ sondern auch 
insbesondere als Sohn eines Hanptkriminalisten , dessen sämmt- 
licher gedruckter und schriitlicher Nachla^s in meinen Händen 
ist, unendlich nahe lieä2:t — würde längst von mir zum (legen- 
standc einer «elb.ständi<;en Al)haiulhing gemacht worden sein, wenn 
ich Zeit und Raum dafUr gefunden hätte. Aber seit mehreren 
Jahren besehättigt mich, wenn auch nicht gerade eine förmliche 
Religionsgeschichte, doch eine religionsgcschichtliche Darstellung 
und DurchiÜhrnng einiger im Wesen der natürlichen und christlichen 
Beligion ausgesprochenen Gedanken, welche alle meine Zeit nnd 
Kraft in Ansprach nimmt, so dass ich alles Andere, was sieh nicht 
anmittelbar anf diese Arbeit bezieht, nicht nnr äusserlich, sondern 
auch in meinem Kopfe bei Seite legen mnss. Gleichwohl ist aber 
dieser Gegenstand nicht nnr indirekt nnd implieite, sondern auch 
ausdrücklich bei verschiedenen Gelegenheiten von mir bedacht und 
licsprochen worden, ausser in den Schriften, die Sie kennen, be- 
sonders, obwohl kurz, in meinen Gedanken über Tod und Unsterb- 
lichkeit, in der letzten Abhandlung vom Jahre 184(>. Desgleichen, 
wenn auch nicht namentlich, doch dem Wesen nach, in meinen 
Aphorismen wider den Dualif>nius des Leibes und der Seele, im 
II. Bande meiner Gesammtschriften. Der Punkt, den Sie in dieser 
Frage besonders hervorheben, scheint mir ttbrigens erbebliche 
Schwierigkeiten nicht darzubieten. Ich erinnere an ein berühmtes 
Beispiel ans der Creschiehte der Philosophie, nämlich an den Magnet, 
der, wenn er Bewnsstsein oder GeiUhl hätte, auch glauben würde, 
dass er von selbst oder mit Freiheit sich stets nach dem Korden 
richte, weil diese Richtung eben seiner Natur entspricht, er Iteine 
derselben entgegengesetzte Kichtung oder Neigung habe, also sich 
nicht genöthigt oder gezwungen fühle. Der Mensch fühlt sich frei, 
weil jede Bestimmung, die ihn zu dieser oder jener Handlung, 
dieser oder jener Unterlassung bewegt, selbst eine durch seine 
individuelle Natur bestimmte ist. 

Der letzte Ponlit in der Reihe der aui' mich einwirkenden 

*) Dies}« Briefe sind, mit Ausnalmie eines einzigen, ron dem Hrn. Einpränger itt 
d«r Wigaad'sdien „Deatsche Warte** zum Abdrack gebracht vorden. 

ttrii, FeitibMlu Briefwecksd v. NmMbm. IL 3 



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34 



Ursachen ist doch oft'eubar der Punkt meiner Erzeugung und (ieburt. 
Ich bin dieser Mensch nur als erzeugt von diesen Eltern, iu dieser 
Zeit, an diesem Orte n. 8. w. Ich wäre ein ganz Anderer, Ton 
anderen Eltern, unter anderen Umständen u. s. w. erzeugt. Ich 
bin mit Kothwendigkeit so, wie nnd der icb eben bin. Aber diese 
Notbwendigkeit ist ja Eins mit mir selbsti meiner Individualität, 
meinem Wesen, folglicb fttr mein Gefühl Freiheit; denn nur das 
von mir Unterschiedene, vielmehr das mir Widersprechende, das 
mich Beeinträchtigende gibt mir das GeiDhl der Unfreiheit. So 
ffilden wir uns unfrei in einer Gesellschaft, die unserem Wesen, 
unseren Neigungen, Gewobnlieiten u. s. w. wider. sj) rieht, in der wir 
uns in einem fremdartigen Elemente befinden, in der uns folglich 
nicht wohl ist. Freiheit ist die Heimat des Menschen, oder richtiger 
umgekehrt: die Heimat des Menschen ist seine Freiheit; da, wo 
ich zu Hause bin, eigentlich und bildlich, da bin und lUhle ich 
mich frei. Nun sind aber die Bestimmungen oder Antriebe zu 
meinen Handlungen, selbst wenn sie in äusseren Ursachen ihren 
Grund haben, heimische — es ist kein fremdes, anderes Wesen in 
nnd bei mir zu Gaste, der Treiber und der Getriebene sind nicht 
zwei verschiedene Wesen — wie sollte ich mich also unfrei ffiblen? 
Wenn ich in der Wahl oder Kollision zwischen zwei Dingen mich 
befinde, ich zuerst schwanke, welches von beiden ich ergreifen soll, 
so werde icb mich schliesslich doch immer liir ila.s entscheiden, 
was meinen vorherrschenden Xcigun^ani, meinen cljaniktcristischcn, 

• mein individuelles Wesen ausmaihcndcn Eigenschuften am meisten 
entspricht, und folglich mich frei füblen, obgleich (oder vielmehr 
vielleicht gerade desswegen weil) ich uothwendig mich so entscheide. 
Hinterdrein (vielleicht selbst im Moment der Entscheidung) kann 

. ich mir freilich aiuli einbilden, dass ich anders handeln kann oder 
anders hätte handeln können, als icb gehandelt habe, und diese 
Einbildung, diese Vorstellung, dass man das Gcgentheil von dem 
thnn kOnne, was man wirklich und nothwendig thut, ist es auch, 
worin die gewöhnliche Vorstellung der Freiheit wurzelt. Das wiilL- 
liehe GefHbl der Freiheit ist nichts Anderes als das Gef&hl der 
Gesundheit, des Wohlseins, d. h. der Harmonie irgend einer He 
stimnmng, Handlung, iMitschcidung oder Zustiuides mit meinen» 
individuellen Wesen. Bei der Freiheitsfrage muss mau vor Allem 
nicht von dem einseitigen Gesichtspunkte der MoralitUt oder nio- 
ralist hen Freiheit ausgehen, und ebensowenig die Notbwendigkeit 
auf eine mechanische, gleichi'drmige, abstrakte reduziren. 



36 

Die äusseren Ursachen, denen ich mein Leben und Wesen 
verdauke, sind meiner Indinduaiität entsprechende; es haben mich 
nicht andere Menschen überhaupt^ sondern diese Menschen, die ich 
eben desswegen als meine Eltern von Anderen unterscheide und 
berorzoge, gezeugt; ^s hat mich nicht die Sonne oder Natur Uber- 
haapt, nicht die afrikanische Sonne, sondern die in Deutsehland 
seheinende Sonne, die in Deutschland herrschende Natur, vom ersten 
Ponkte meiuer Existenz an uml'angcn, es sind also nicht dcspotiscbe, 
fremdartige, gegen micli feindselige, sondern vertraute, meiner 
lii(li\i(lualität zusagende, ja mit ihr identische Wesen oder Mächte, 
die auf mich einwirken. Kurz, das Geflihl der Freiheit, dessen 
Gegenstand nicht die phantastische Chimäre des Allesthunkönnens, 
sondern etwas Wirkliches ist, ist nichts Anderes als das Gefühl 
der Harmonie des Menschen mit der Natur, des Menschen mit dem 
Mensehen, des Menschen mit sich selbst. Frei t'tlhlt sich und ist 
der Mensch nur da, wo er gern ist und in dem, was er gern thut 
Dieses Thun, dieses Sein ist üreies, weil mit meinem Wesen har- 
monisches7 desswegen aber auch innerlich nothwendiges. Nichts 
ist trHglicher und willkttrlicher als die Auslegung der Menschen 
von ihren Gefühlen! Und wie Vieles bilden sie sich ein zu 
lüblen, was sie nicht fühlen, gar nicht fühlen können. Wer die 
rnsterblichkeit glaubt, fühlt sie. Aber wer kann wirklich fühlen, 
was irar nicht oder wenigstens noch nicht ist. — Entschuldigen 
Sic diese wenigen und ungenügenden Zeilen mit meiner Arbeit, 
Ergebeust Ibr L. Feuerbaeb. 



DerBvlbc au (IüiisicDm u. 

Bruckberg, Ueu 2U. Juui ]bö3. 

VerehrterHerr! Unangenehme Vorfälle haben mich 14 Tage 
lang nicht nur von meiner Arbeit, sondern auch von meiner hiesigen 

WobnstUtte entfernt gehalten und nöthigen mich, nächstens wieder 
anf einige Tage mich von hier zu eutleiiien, so duss ich erst bei 
meiner Rückkehr meine Arbeit wieder vornehmen kann und mittler- 
weile Zeit zur Fortsetzung des mit Ihnen begonnenen Tiicmas habe. 
— Die Kothwendigkeit der menschlichen Handlungen erstreckt 
sieb keineswegs auf Alles ohne Unterschied. Die Nothweudigkeit 
erstreckt sich nur auf das Nothwendige, Wesentliche, HauptsUch- 
Hebe, nieht auf das Gleichgültige, Unwesen.tiiche, Zufällige, leb 

3* 



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r 

i 



36 

wähle znm Beispiel die niedrigste, alltäglichste Nothweodigkeit, 
die Nothwendigkeit der Nabrnng. Diese Nothwendigkeit erstreckt | 
sieb Qor auf die Speise überhaupt , aber nicht gerade diese oder 
jene Speise, so lange icb wenigstens gesnnd bin; aber die Gesundheit 
ist doeh offenbar der normale Gesichtspunkt, 'von dem man überall 
ausgehen muss. Ob diese oder jene Speise, ist mir gleichgttltig, 
ich verlange nichts weiter als die generelle Eigenschaft, dass sie 
fOr den Gaumen und Magen eines Knltnrmenschen geniessbar ist 
Wenn mir in einer Kestaiiration die Speisekarte gereielit wird , so 
werde ich mir allordinfrs die Siieisc aiiswiihlen, die mir am liebsten 
ist; ist diese aber l)ereits vcrgrilVen, so werde ieh mir üljer den 
Verlust kein |j;ra lies Haar \vaebsen lassen, sondern irgend ein anderes 
Gericht auswählen. Wer sieb so zur Speise verhält, ist frei, wenig- 
stens in dieser lieziehung. Wer aber nur auf gewisse ausgesuchte 
Speisen versessen ist, wer ausser sich und unglücklich ist, weBO 
er diese nicht hat, wer dieser einseitigen Kichtung und Neigung 
sein Verm($gen, seine Gesundheit, seinen Verstand u. s. w. aufopfert 
der ist unfrei, aber fühlt sich unfrei nur so lange noch andere 
Neigungen und Interessen in ihm rege sind und, wenn auch er- 
folglos, gegen die Herrschsucht seines Leckermaules sieh aufleimen. 
Wenn aber wirklich der Press* oder Sauffcrieb zur „charakteristischen, 
sein individuelles Wesen ausmachenden KigenschatV eines Menseben 
geworden ist, dann zweifle ieb, dass er sieb als Sklave'^ seiner 
Leidenschaft fühlt", dann bebaupte icb vielmehr, dass er sieh nur 
frei fühlt, wenn er Irisst und säuft, unliei und unglücklich, wenn 
er Nichts zum Fressen und Saufen hat. Ein Mensch, dessen Wesen 
wirklich im Säulen aufgeht, dessen wesentliches Prädikat: der 
Säufer ist, hat auch längst seine Vernunft versotten — er ist bei 
sich, bei Geist, bei Kraft und Leben nur beim Trunk • er kann 
nicht sein ohne zu trinken — er ist „toujonrs besoffen". So ge- 
stand ein Wüstling und Liebling Karl's II. von England auf seinem 
Todtenbette, dass er fünf Jahre lang toigonrs besoffen gewesen sei 
Es ist nicht selten, dass Menschen eine mit ihrem übrigen Wesen gar 
nicht zusammenstimmende Neigung zu einem Laster haben, von der 
sie sich eben desswcgen als Sklaven lublen, weil sie sich mit ihrem 
sonstigen Wesen, ihren anderen Neii;ungen und Triel)eu im Wider- 
sjjrucbe fühlen. Solche sind aber aueb, wenn auch nicht von (irund 
aus zu heilen, ducb zu massigen, wenn zur gelniri^^en Zeit die 
richtigen Heilmittel angewendet werden; denn die Lehre von der 
menschlichen Freiheit gehört zur Arzeneimitteilehre. Der wahre 



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37 



Sklave dagegen fühlt sich nicht sih bltlave, wie im Politischeu 
im Moralischen. 

5. Juli. 

Diese schon vor einigen Tageu hingeworfenen, aber durch 
meine abermalige Entferaang unterbrochenen, dann ans Missfalien 
an dem Niedergeschriebenen nnd der Ueberzeognng, dass solche 
Gegenstände sich nicht fttr Briefe eignen, ad acta gelegten Zeilen 
sobieke ich Ihnen nan doch, nm Ihnen wenigstens meinen gnten 
Willen zn zeigen. Ich füge denselben nur noch den Satz bei : wer 
sich als Sklave fühlt, fühlt sich unglücklich, ärgert, empört sich 
Uber seine Herrscbuft, bestrebt sich das lästige Joch abzuschütteln 
und beweist eben durch diesen Widerwillen, dieses revolutionaire 
llestreben, dass diese oder jene Neigung oder I^eidenschaft nicht 
seine cbarakteristisctfe oder wesentliche, mit ihm in Eins verschmol- 
zene Eigenschaft ist. Und tiberlasse die Folgerungen daraus und 
Ergänzungen, vielleicht anch Berichtigungen dazu Ihrem eigenen 
Verstände. Ergebenst Ihr L. Fenerbach. 



Dertielbe an denselben. 

Bmckberf, den 22. JoU 1853. 

Verehrter Herr! Erst gestern and nach langen und verschie- 
denartigen Unterbrechungen zum Gegenstande meiner Arbeit zurück- 
gekehrt, und von der bei mir so äusserst seltenen und schnell 
vcrirchendcn Lust zur eigentlichen schriftstellerischen Behandlung 
eines Themas ergriffen, bescliräiike ich mich, um diesen glinstigen 
Moment nicht zu verlieren und doch zugleich 8ie nicht lange warten 
zu lassen, auf eine kurze Erwiderung der Hauptpunkte ihres Briefes. 
Ich bemerke zunächst, dass Ihre Ausstellung au dem von mir ge- 
brauchten Beispiele mit dem Säufer richtig ist, dass ich dasselbe 
nicht imverkrOppelt nnd nnbescbädiget ans dem Kopfe aufs Papier 
gebracht habe, dass aber meme Beschr&nknng der Nothweirdigkeit 
auf das Wesentliche keineswegs im Widerspruche mit meinem 
froheren Briefe steht, weil, wenn wir anch Alles ans Nothwendigkeit 
thuD, wir doch nicht Alles mit gleicher Nothwendigkeit thnn, 
dass wir verschiedene Grade der Nothwendigkeit zn unterscheiden 
hallen Nothwendigkeit hängt ja mit Noth, ßedlirfniss, Vcrlaii-cu 
zusaninien und Xotli bricht Eisen — dass gegen die dringendere 
Nnth, das mehr Nothwcndige, das minder Nothvvendige vcrsi h\vin<h !, 
dass selbst in der äusseren Natur schon die niedere Nothwendigkeit 



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- 38 

von der sUlrkercn aurgehoben wird, /. H. von der cheniisclieQ 
Wablverwandtschatt, von der AdhUsion z. B. des Wassers am Glas, 
die Nothwendigkeit, mit der es ausserdem mit sich zusammenhängt 
und sich im Gleichgewichte erhult; dass aber eben in der Unter- 
ordnung des im minderen Grade Notbwendigen unter das Kotlh 
wendigere nnd Nothwendigste die Oesnndheit, Weisheit nnd Freiheit 
des Menschen besteht. Doch betrachten Sie diese flüchtige Bemer- 
kung als nngeschrieben oder doch, da sie nun einmal geschrieben 
ist, als nicht nennen»- nnd dankenswerth. 

Von der cigcntlichoii i)hilosoi)bisc'ben I^iteratur der Gegenwart, 
nach der Sie sich erkundigen, nehme ich nur sehr wenig Notiz, 
weil ich nur wenig Bücher lese, aus denen icb Etwas lerne oder 
l'Ur meine Arbeiten brauehe, zu diesen Büchern al)er nicht die un- 
serer jetzigen „Philosophie'' gehören. Das Beste, was jedoch noch 
in dieser Literatur geleistet wird, betrifft die Geschichte der Philo- 
sophie. Hieruber, namentlieh Uber die Geschichte der Philosophie 
seit Kant, sind mehrere Schriften erschienen, so von Chalybftas in 
Kiel, Fortlage in Jena (erst dieses Jahr, glaub' ich). Schaller, Ge- 
schichte der Naturphilosophie, IL Band, worin natfirlich aber auch 
auf das ganze System eines Philosophen Rücksicht genommen wnd. 

Nun zn Ihrer «weiten Frage .... Bruckberg hat allerdings 
Wirthshäuser, aber das i'llr Sie geeignete Wirthshaus ist allein 
mein Wohnhaus, wo Sie mir und meiner kleinen, aus meiner Frau 
nnd meiner 14 Jährigen Tochter bestehenden Familie herzlich wiU- 
kommen^sein werden. Ergebenst L. Feuerbacb. 



l''i'iH5rba«-h ait ntto Wigand. 

Kriickbei'g, Uüu 30. Juli 1S55. 

Lieb er F r eu nd! Ich benutze die Absendnng der musikalischen 
Werke meines Freundes Maier in Ansbach an Sie, um meine 
mündliche Empfehlung desselben schrüUieh zu erneuern, um Sie 
um Ihre Verwendung fttr ein Ihrer Verwendung vollkommen würdiges, 

musikalisches Talent, oder vornehm gesprochen, Genie zu ersuchen. 
Sie thun mit der Erfüllung dieser Bitte nicht nur ein Freundeswerk, 
sondern zugleich auch ein christliches, biblisches Werk. Es beissf 
Ja in der Schrift: Ihr sollt das Licht nicht unter den Scheffel 
stellen. Maier ist aber ein unter den Scheffel gestelltes, an einen 
obskuren Ort versetztes Licht, ein Menscb, der ebensowenig nach 
Ansbach gehört als Musiker, wie ich nach Bruckberg als Denker. 



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Macben 8ie alno, mein lieber Wigand, dass dieses Licht auf den 
Scbe£fel einer Leipziger Buch- und Mosikalienbandlnng gestellt 
werde und so aller Welt in die Augen leuchte, in die Herzen 
brenne. Maier ist ein Sehfller Spobr's, ein Bekannter Liszt'Si ein 
Mann von dem reinsten, nnverdorbensten, muB&aliBchen Gesehmack, 
inniger Verehrer der alten, klasslBehen Meister, namenflioh Mozarf s, 
gleichwohl kein Nachahmer derselben, sondern durchdrongen von 
der Nothwendigkeit einer Neugestaltung der Musik aus eigener, 
nur durch die alten Meister gebildeten Brust und Kehle. 

.... Doch eines grossen Bockes bekenne ich mich schuldig : 
ich habe dem Kelibocke noch nicht Ihren Frcundschal'tsgruss aus- 
gerichtet, werde aber ibni diesen noch beute Abend unter der 
Gestalt eines Salats oder Klees zu Herzen, oder was hier eins, zu 
Magen bringen. Vorgestern war mein 5L Geburtstag. Ich wurde 
reich beschenkt; ich erhielt von K (in stierbänden eine schäme Tyrolcr 
Landschaft. In dem letzten Aphorismus von mir in Ihrer Zeit- 
schrift habe ich zum Schrecken der gelehrten Pedanten einen 
Erinnerungsbock erkannt Es war nicht Pendope, sondern die 
Enrykleia, die Haushälterin, die den Ulysses an dem Barte erkannte. 
Wählen Sie einmal aus meinen Xenien einige bittere PiUen aus, 
wenn diese anders die Polizei passiren. Ihr Feuerbach. 

Derselbe an denselbes. 

Bmcicberg, den 12. Dezember 1856. 

Lieber Wigand! Sie müssen wenigstens das noch einmal 
hören, dass ich für meine neue Schrift keinen andern Verleger als 
Sic im Munde und in petto gehabt habe. Was die Honorari'orderung 
betrifft, so warten Sie, bis die Stunde der Entscheidung gekommen; 
denn es ist ein selbst in meinen Schriften, ich glaube im Gurri- 
oolum vitae, ausgesprochener Grundsatz und mehr, Charakterzug 
ron mir, dass ich mich nicht eher über etwas entscheide, als bis 
der Zeitpunkt und mit ihm die Nothwendigkeit der Entscheidung 
gekommen ist. Dass diese Stande aber auch nach „18 Monaten^' 
noch nicht gekommen, ist kein Wunder, wenn Sie meine Isolirtbeit 
nnd verzweifelte BUchernoth bedenken, bedenken, das« ich z. R. 
die zur gründlichen sprachlichen Kenntniss Homers unerlasslichcn 
sog. Venetianischen Scholien, horribile dictu erst dieses Frühjahr, 
wie ich, glaube ich, Ihnen selbst schon i,^esch rieben, crlialten halx*, 
nicht zu erwähnen, dass mir viele andere ÜUlfsmittel, wie z. Ii. 



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dio Aiimerkinig'cii Nitscli's y.nv 0<lyRscc, auf (lein Aiiti(|uaiicn-Wc«^c 
- leider iiiuss icli die w oliUeilsten aber iaii^sninstcn Wej^e anl- 
8UüIien — erst diesen Sommer und Ilcr))st in die ilünde gekommen 
sind. Ist das nicht zum DcRperatweidonV Mubs man nicht alle 
Lust verlieren, wenn alle Aogenhlicke hloss aus Manj^el an Brenn- 
material die Maschine stille stehen mussV Doch die Stunde der 
Entscheidnng naht, d. b. die »Stunde der Vollendung. Also warten 
Sie noch so lange, ehe Sie nichts mehr von meiner Schrift hOren 
wollen. Ich sage nur soviel im Voraus : Ich habe in memem Kopfe 
fUr das Ckinze nie mehr verlangt, als die Kosten für die Bücher- 
ausgaben der (> auf meine Schrift verwandten Jahre, um die Kosten 
nir eine ebeuKoviele .laiire entbehrte lieisc heranszuscblagcn. Oewins 
eine sehr bcsclieidene licclinung ! Docli wie gesn;j:t, ich kann und 
mag nicht reehncn und fordern in endgültiger Weise, als bis ich 
anis Ende, ans letzte Punktum meiner Schrift gekommen. 

Ihre Bitte kann ich leider nicht erfüllen, da ich weder Daguerro- 
typCi noch eine Photographie von mir besitze. Ihr F e n e r b a c h. 

Kiigu au Kuiici'bacli. 

Brigliton, fingUad, FrUl^abr 1857. 

Lieber Freundl Verschiedene jüngere Leute tragen sich 
schon seit 48 mit dem Plane einer Revue. Sie sollte erst in 

Berlin mit der „Reform'' vereinigt werden. Die Ereignisse vom 
November 1848 vereitelten dies. Dann ist es unterl)lieben , weil 
die Urheber des Planes zu sehr an die Zii^( liauerrollc gewcihnt 
sind. So hab' ich es endlicli selbst imternommcii und hoffe, dass 
die Sache gelingt. Wahrse heinlich lesen Sie wenig von dem elen- 
den Zeuge, welches die 'J'agespresse zu Wege bringt. Wenn man 
es aber auch gelegentllt h liest, so spürt man einen empfindlichen 
Aerger, dass man ein Zeitgenosse dieser Menschen ist Wir brauchen 
unsere eigene Zeit, unsere eigene Erscheinung, und mtlssen die 
wahre Aristokratie gegen diese Lumperei geltend machen; sonst 
scheint es, dass sie uns begraben hat, wie sie es denn fortdauernd 
unternimmt zu thun. 

Ich habe seit 48 nichts von Ihnen gehfjrt oder gesehen. Hier 
ist man leicht zum Aiiachoreten gemacht, wenn man nicht besondere 
Ausgaben für die Theilnahme an dem Treiben der Deutsehen 
machen will. Erst in der letzten Zeit hab' ich dies getlian. und 
dies bat mich zu dem Entöchlusse gebracht, den ich ihnen hier 



41 



mittheile. Ln^;!=!cn Sie mich bald von sich h<>ren. Hoffentlich sind 
Sie und die IbrigeB woblauf! Empfehlen Sie mieh allen freund- 
lich! Sie baben biet einen Verehrer in Prof. Long, der Ihre Bttoher 
in London gefanden nnd sie mit dem grössten Entbnsiasmns ge- 
lesen hat Er ist ein gelehrter Philologe nnd nieht leieht zu be- 
friedigen, da er gleich strenge gegen den Inhalt nnd gegen die 
Form ist. leh hahe sehr bei ihm gewonnen, dass ich Sie kenne 
und ihm einen Brief an Sie versprochen, wenn er mal des Weges 
käme. Von ganzem Herzen der Ihrige Arnold Kuge, 

Feiieil»ach au Kugc. 

10. April Ibol. 

Lieber Freund! Ihr Rundschreiben traf hier gerade an 
demselben Tage ein, an dem ich das Manuskript eines neuen 
Werkes, betitelt: „Theogonie, nach den Quellen des klassischen, 
hebrftiscben nnd christlichen Alterthnms", die Frucht sechsjähriger 
Studien, dem Wigand zum Verlage und Drucke ttberschiekt hatte. 
In diesem seligen Momente des Fertig- und Ledigseins von einer 
vieljährigen Gewissenslast, erfreut /Aigleich, dass meiner auch noch 
in der Feme als eines Lebenden gedacht wird, sagte ich in 
Gedanken Ihrer Einladung unbedenklich zu; nachdem aber an die 
Ötelle dieses seligen FreiheitsgefUhles das Gefühl jener Leere und 
Unbestimmtheit getreten war, die man nach Beendigung einer 
koozentrirenden Arbeit empfindet, war ich lange unentschlossen, 
was ich thnn, ob ich mit Ja oder Nein auf Ihre Anfrage antworten 
sollte. Endlich bin ich, um Sie nicht länger warten zu lassen, 
entschlossen, n. zw. zu einem, wenigstens provisorischen, Nein. 
Ich sage: provisorischen, weil ich zu einer Sache, die noch nicht 
ist, die ich nicht vor Augen habe, weder Nein, nocb Ja entschieden 
sagen kann Von jeher war ich (Iberdem zwar ein sehr fleissiger 
und immerwährender Student, aber ein sehr fauler und nur momen- 
taner Skribent, hin es aber jetzt, aus sehr begreiflichen Gründen, 
in bei weitem hidicren Grade, so dass nur die Freude an den 
Leistungen Anderer mich zu thätiger Tlicihinhme bestimmen und 
/u enfsprechender Thiitigkeit verleiten könnte ete. Kurz, ich kann 
micb keiner Zeitschrift versprechen, ehe ich sie gesehen nnd lieb 
gewonnen habe. Homo sum, sensualistischer Mensch. Von der 
Differenz zwischen nns erwähnte ieb nichts, weil sie ohne Einfluss 
anf mein provisorisches Nein, da wir, wenn auch in den Wegen 



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and Ausgangspunkton verschieden — ich gehe wesentlich von der 
Naturwissenscbaft ans — doch in Ziel und Zweck nnaeres Lebens 
nnd Strebena einig sind. L. F. 



Ucinricb Benecke an Feuerbacli.*) 

Varzin, den 11. Norember 1856. 

Ilochgcclu'ter Herr Doktor! (lümien Sie mir nur das 
VcrguMgen, für dieses Mal meinen Brief direkt «m Sie zu richten, 
und wenn ich Sie mit meinem werthlosen Geschwiltze aucli immer- 
hin auf Augenblicke stilre, so soll mich dies doch weniger be- 
kllmmcrn, als wenn ich Sie Uberhaupt nicht mehr stören könnte, 
loh bin ja der b(')se Mensch, der Sie todt sagte ; doch glauben Sie 
mir, geehrter Herr Doktor, dass ich Sie mit Freuden wieder unter 
den Lebendigen begrttsBe. Nach dem Erfolge beurtheilt, erscbeine 
ich natürlich als ein grftnzenloser Narr; aber Sie sollen selbst ent- 
scheiden, ob ich, wie jeder Andere, der die Nnmmer 129 der 
„Literatur des Anslandes" gelesen, zn einem anderen, als dem be- 
wussten Ueaultate kommen konnte. Ein Franzose, St. Ren4-Taillan- 
dier, hat ein Huch geschrieben Uber die Geschichte der deutschen 
Literatur der Gegenwart; in diesem sagt er, auf die neueste Philo- 
sophie kommend: „Ludwig Feuerbach hat sich zurückgezogen". 
Hierauf bezieht sich dann eine Anmerkung des Redacteurs 
J. Lehmann in Berlin: „Herr T. scheint nicht zu wissen, dass 
Tjudwig Feuerbach vom Schauplatze dieser Welt durch einen höheren 
Kiohter abberufen worden!" Lässt diese Redeweise auch nnr den 
geringsten Zweifel Uber die Mittbeilnng zn? Ueberdies ist mir von 
Berlin her bekannt, wie wohlanterriebtet sonst dieses Jonmal ist; 
auch kenne ich Joseph Lehmann persönlich als einen dnrobans 
vorsichtigen nnd ernsten Mann. — Darauf hin schrieb ich nach 
Bruckberg und, weil ich an Bruckberg durch grosse Lebenser- 
innerungen gefesselt, so war die lebhafteste und Ijerzlii-hste Theil- 
nahme ganz natürlich. Hiezu kommt ausserdem, dass ich, nach 
Hinterpommern verschlagen, von der lauten und intelligenten Welt 

*) Dr. 11. Bcncfkc. o.'mrv icncr „jiliigcni Ficuiid«''* l'"cucil>aclis im Norr1«yi, 
hat sich iluri'li srino trinic uiiil lii'l)cuswürdi}?c Aiihännliclikcit an Minrn ^aussen 
Lehrer, bis uIht «lits (iiab, au.sgczcichnct. Er vcrfnäbte ciu hcriiichca Icuiilctun l'Ur 
dio Wiener .JM csse" (14. Doz. 71), und ein zweites in demseibon Blatte beim Tode 
Feneilwclw (Sept. 1872). Seine Briefe ans dem Dezennium 1850'— flO folgen Ucr 
hintereinander. 



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weitiib liege; ich mussto glauben, eher llir einen NacbxUgler, als 
flir einen faUehen Propheten gehalten sn werden. 

HochachtnngSYoll Heinrich Benecke. 



Feuerbacb au H. Beuecke. 

Bruckberg« den 28. Norember ]&6tt. 

Verehrter Freund! Es ist kein Wunder, dass ich bereits 
zu den Todten gerechnet werde. Ich bin j.a schon lilngst von den 
deutschen Theologen und riiiloKoj)hcii widerlegt", das heisst auf 
deutsch geistig todt gesciilagcn; nun hängt aber bekanntlich in 
Deutschland das Leben, die Physik, sanimt allen ihren Kräften und 
StoffcDy nur vom Geiste, scilieet den deutschen Kanzel- und Katheder- 
gelehrten ab; also bin ich natttrlich oder vielmehr logisch noth- 
wendig auch physisch todt. Todt nennen die Menschen den, der 
kein Lebenszeichen mehr von sieb gibt — die gemeinen Menschen 
den, der nichts mehr von sich sehen und hOren Iftsst, den sie nicht 
mehr handeln sehen, sprechen bnren; die Gelehrten, namentlich 
in Deutschland, wo der Sensualismus eine Chinülre, den, der nichts 
mehr schreibt, den sie sich folglich nicht mehr niit der Feder 
thätig denken können. 

Nun habe ich aber seit vielen .Jahren nichts mehr geschrieben ; 
ein Mensch, der aber keinen Tropfen Tinte mehr verspritzt, der 
hat auch keinen Tropfen Blut mehr ftir Gott, K()nig und Vaterland 
zu verspritzen, also oder anders und spekulativ ausgedrückt: 
„Die Identität von Denken und Sein ist das innerste und höchste 
Wesen der deutschen Philosophie, des deutschen Geistes über- 
haupt" Was das Gebet der Gerechten nicht vermag, das vennag 
der Gedanke der Philosophen. Die deutschen Frommen haben 
mich längst „todt gebetet leider ohne Erfolg; nun haben aber 
die spekulativen l*hiIosophen mich todt gemacht, ergo bin ich auch 
todt. Sie sehen, dass ich die Nothwendigkeit meines Todes selbst 
a priori deduzire und dass ich daher über Ihren Nekrolog nicht im 
Geringsten mich verwundern oder gar entsetzen konnte. Wie 
wünschte ich auch anderen Todten, dass sie so noch nach ihrem 
Tode lebten, wie ich, so noch Uber die Theilnahme der ihnen 
i\achfllhlenden Ueberlebenden sich erfreuten, so noch an den Blättern 
und Blumen ihrer Gräber sich ergötzten! Wie gern wttrden sie 
fllr solchen Tod das Leben hingeben, das ihnen einst von der 
Kanzel vorgepredigt, vom Katheder vordemonstrirt worden ist! 



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44 



Meine Frau und Tochter grUssen Sic durch mich freaadlicbst 
nnd wünschen nebst den ttbiigen äcblossbewohnern , Sie einmal 
wieder hier persönlich begrtlssen zu kOnnen. Auch ich schUesse 
mich diesem Wunsche an nnd bezeuge Ihnen zugleich nnter der 
Versiehemng meiner Verehrung mit dem einzigen in Deutschland 
privilegirten und authentischen Lebensorgan und Lebenszeichen, 
der Feder, dass ich mich schreibe L. Feuerbach. 

NB. Ein deutscher Gelehrter kann .selbst nicht seinen Namen 
unterzeichnen, ohne eine Anmerkung darunter zu setzen. Ich be- 
merke daher, dass ich noch nie mit solchem Schwünge meinen 
Namen geschrieben habe. Aber es galt ja auch nicht mein Todes-, 
sondern mein Lebensurtbeil zu unterzeichnen .... L. F. 

H. Beneck« an Feuorbach. 

liOndou, don 15. Mai 1S5S. 

Hochgeehrter Herr Doktorl Die von jiämmtlichcn 

Feuerbachs l)islicr erschienenen Bücher finden sich hier vor; mit 
besonderem Interesse aber verglich ich die Esscnces of Chri- 
stianity, translatcd by Mr. £van8, in Chapmann's Quartcrly 
Series, No. 6, mit dem Bruckberger Originale H. B. 



Leipzig', (Ich 24. Niivcmlx r l^öS 

Hochgeehrter Herr Doktor! .... Erinnern Sie sich noch 
eines gewissen K. Lfideking? Er hat im „Jahrhundert'', einer 
Hamburger Zeitschrift, eine Reiseskizze Aber „Ludwig Fenerbach'' 
veröffentlicht, die zuerst in einem in St. Louis erscheinenden 
Jonmale erschien. Ich nehme an, dass Ihnen das „Jahrhundert" 
nicht zugehen wird und werde mir demzufolge erlauben, Ihnen 
morgen j)er Kreuzband die betreffende Nummer zuzuschicken. Ich 
könnte viel darüber sagen, aber nur das Eine: nach Lüdeking 
haben Sie Ihre schriftstellerische Tliätigkeit nut der „Theogonic** 
abgeschlossen. Ist dies mit so absoluter Bestimmtheit vorauszusagen, 
verehrter Herr Doktor? Ich wollte, ich wäre bei Ihnen in Bruck- 
berg, um diesen Ihren Entschluss mit lebendigen Worten zu be- 
kämpfen; denn ~ erst vor Wochen kamen mir zum ersten Male, 
nachdem ich die „Gedanken Uber Tod und Unsterblichkeit^* durch- 
gemacht, die Triarier in die Hände, ein Schriftchen, dessen Ver- 
fasser ich gerne durch Sie erftlhre. Durch ihn wurde mir von 



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46 



Keueuj klar, wa.s ich hoühI bei mir KelljHt gedacht hatte: es fehlt 
■iebty als Eraatz 1(1 r da^ viele, da« diin li Sie der Welt ahhanden 
gekommeii bt, an den herrlichsten eUiisehen Gedanken in Ihren 
Werken; aber es fehlt noeb eine anthropologische Ethik , als ein 
Ganzes fDr sieb. Verehrter Herr Doktor, Sie sollten schweigen 
wollen? Wer will da reden V Ludwig Feaerbaeb, wie ich ihn 
ans seinen Hehriften erkenne, ist nicht bloss der beredte nnd 
lebarfe Kritiker, - er wird und naisH auch, ho lange noch ein 
HlntKtropren in ilnii ist, den 'rcnipel zu erijaiicn suchen, in dem 
ijat h seinem Kvangelium die Mennchen nicli erhaiieii. Die Hai;- 
Ktcine lie;,a ii niaüflCMweine zertttreut, aber uur der Mmtcr kann »iu 
ziUMiiimicnlUgeu .... Ihr Ii. B. * 



I.cipitig, tl:u 17. Dczeioix-r l'ja^. 

Sehr geehrter Herr Dokt(»r! .... Noch mnss ich Sie 
frageUi ob Sie „Arnold ituge n Briefe ilhcr die Theogonle'' zoiaillig 
gelesen haben, die sich gletcblalls im „Deutschen Museum'' vor- 
linden. Wenn nicht, so werde ich sie Ihnen bereitwillig schicken, 
da ich im Besitze der Nummern bin; ich habe sie nur nicht augeu- 
blieklieb zur Hand. Sonst ist mir eine KriHk der „Theogonie" 
nicht vorgekommen. 

In London haben Sie in der Person des Kev'^ Dr. Cappel, 
meine« dorti;?en liesehUtzerH , eini n wannen und treuen i'reimd. 
Kommen Sir jemals dorthin, so he^rlMcken Sie den Mann mit einem 
HcKUchc; er wohnt Daihton Kise. «.pjiosite Ii) and 1(>. Ich stehe 
mit Dr. Loui» Cappel, einem irisclien, trettüeben Mennchen noch 
in KorrcKpondenz; er hat mir, wenngleich persönlich ihnen nicht 
bekannt, einen Gruss an Sic autgctra^^en. Sie wie ganz Bruck- 
berg berzlicb grtfssend, verbleibe ich in Hochachtung und Ergeben- 
heit Ihr Hie verehrender H. B. 

Jkriia, den 26. iMptoiaber 1%59. 

Hochverehrter Herr Doktor! ... Das „Gift" Ihrer 
Philosophie, einziger Herr Doktor, hat sich vielleicht in Prenssen 

am allenneiKten durchgetrc8Hcn und manchen klaren Kopf gcmaeht, 
waM jetzt Hchon Früchte trägt; ich habe darin manche intercKsaute 
Erl'abrung gemacht Ihr 11. b. 



46 



BeiUo, den 24. Jani 1860. 

Hochverehrter Herr Duktor! .... Die Welt sollte end- 
lich einmal wieder ein Novum von Ihnen zn sehen hekonunen; es 
will mir g;anz so vorkoninien, als seien Ihre ideeu von Gott imd 
Unsterbliehkeit , von Himmel imd Hölle, in den Köpfen der so- 
genannten Gebildeten leidlich verarbeitet worden. Ein Jeder liat 
nur noch nicht den Muth, damit hervorzutreten; unter ?ier Augen 
geben die Herren Pastores gerade so viel zu, als die Mediziner 
und Juristen. — £2s wird mich ungemein interessiren, von Ihren 
literarischen Absichten etwas zu erfahren ... Ihr H. B. 

Pnuerbach an W. ßolin.*) 

Bruckbi-rg, di-n IC. Nuv. 

Mein lieber j ugendlicher Freund! Sie wollen von mir 
wissen, ob der bewusste ^^Gegenstand, eine gründliche Ueberarbeitung 
vorausgesetzt, an die Oeffentlichkeit zu treten verdiene''. Unter 
„Gegenstand'' kann ich nichts andres verstehen und werden auch Sie 
nichts andres verstehen als die Fabula, den so zu sagen geschieht- 
lichen oder mythischen, in dürren Worten erzfthlbaren Inhalt, — 
die griechischen €MJtter versammeln sich zu einem Diner, invitiren 
dazu den Jehovah, dieser erscheint, verliebt sich etc. Mir gelallt 
umi aber der Gegenstand, wie ich schon in meinem letzten Brief 
andeutete, nur bis zu diesem Punkte, wo Jch. mit der \'enus in 
Berührung konmit, — die Sache lediglich vom poetischen Gesichts- 
punkte aus betrachtet. Dieser Bund des abstrakten Denkwesens 
mit dem Geschlechtswesen ist der eigentliche Knoten des Stttckes; 
aber gerade die Lösung, die Entwickelung dieses Knotens, stellt 
fnr mein Geftthl nur einen Konflict der Poesie und Historie dar. 
Statt frei poetisch diesen Knoten zu lösen, nehmen Sie zu der 
dogmatischen Finte der Beschattung im Geiste Ihre Zuflucht und 
lassen neben der Macht der Liebe zugleich die Macht des Ehr- 
geizes, des monotheistischen Antokratismus, bestimmt von historischen 
Keminiszenzen, eine Rolle im Jeh. spielen, während doch Jeh. schon 

*) Wilh. Bolin Um ab 22j8]iiiger junger Mann im tiept. 1S57 snoKt nach 
Bruckbeiy, wo er seinen Besach im felgoiden Jaliie zweimal erneuerte. Ancli auf 
dem Becheubeige war er in den 60er Jahren dreimal Feuerbach» willkommnec (Säst. 



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47 



aulgehört hat, Jeh. zu sein, nachdem ihn der „Veuusschiuati*' ^e- 
brandmarkt bat. Ein Franzose, wie z. B. Paruy, der bckaimtUch iu 
seiDer „Guerre des Dieux^' die Maria in eine ähnliebe Berührung mit 
Apollo, wenn ich mich recht erinnere — es sind vielleicht )}8 Jahre 
her, dass ich diese Schrift gelesen — gebracht hat, würde den 
Knoten auf obszdne Weise gelöst haben. Sie haben diese Klippe 
rermieden, sind aber dafür anf eine andere ^erathen. Kurz, der 
Gegenstand von dem bezeichneten Wendepunkte an gefUllt mir 
nicht und erscheint mir daher nicht für die Veröffentlichung geeignet. 
Ich spreche aber dieses ürtheil nur als ein s ii 1j j e kt i ves aus, 
und zwar aus den schon in meinem früheren Briel' ausgesprochenen 
Gründen. Ich wiederhole aber den einen, damit 8io ihn in Zukunlt 
nicht ausser Acht lassen, obgleich er an sich ein höchst gleich- 
gültiger, nichts desto weniger für den Leser und Kritiker erheb- 
licher Punkt ist. Ich meine die Beschaffenheit Ihres Manuskrij)ts, 
das durch die prosaischen Schwierigkeiten des Lesens oder yielmehr 
Zusammenlesens der einzehien Worte und Verse dem Leser den 
poetischen Genuss verbittert. Ein Werk, namentlieh ein poetisches, 
muss aber schon äusserlich den Stempel der letzten Iland, der 
Vollendung an sieh tragen, wenn es nicht verstimmen soll Sollte 
aber mein Urtheil mcht nur ein subjektives sein, sondern anf objektive 
Gültigkeit Anspruch machen, so werden Sie sich hoffentlich dcs»- 
wegen nicht ein graues Haar wachsen lassen. Die ernten 
Aeusseruugen unserer Talente sind stets zugleich nur die Knt- 
äusseruDgen unserer Fehler. Wer nicht den .Muth bat, seine Kehler 
zu erkennen, nnd auch nicht die Kralt über sie sich zu ärgern 
und betrüben, der hat auch kein Keeht und keine Ansciebty sich 
über seine einstigen Tugenden zu frenen. Wer sich namentlich 
als JUngling nicht Kiehts sein kann, der wird sicberlieh ak Mmmb 
nie Anderen Etwas adn. Und wer nicht über den, waa er erat 
zn machen liat, das was er berats gemacht hat mit leichtem mmI 
frohem Sinn vogiast, der gehSrt in eine Petrelakteasammiiiog, aber 
nicht in daa Bcieh der lebcadigcB Wesen. Daram vorwärts^ mkU 
rttekw&rts ge^ehaot! Zam Tenfel mit der Ver;rarigeribeit, zwtn 
Himmel mit der Zukunft! .-.rl*:h werde ^Al. <itr ^Än w^rrd^r,"** 
,,Ja wohl: ich werde sein wa« ich •eiij »ni- /m *^,tii ^hii*^.i,f, - 
dieser hoffnungsreiche W-m-^jh i-t der ein/J;re e^ii^*: Oo« d#?r 
Mciiiichhcit", «agt p. ^ der utn/tMü Istt^jf^obtt 



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ßrii. kl)<:ix, »U li '.». Kebr. 11*5^». 

Mein lieber Herr Hol in. Man bat mir oft vorgeworfen, 
dass ich ein aphoristischer Schriftsteller sei, mag sein; aber ich 
bin wenigstens kein aphoristischer Mensch , Denker und »Stndirer. 
Im Gegentheil: ich treibe und stadire Alles in absatzlosem, un- 
unterbrochenem Zusammenhang; ich kann nichts Neues anfangen, 
als bis Ich das Alte — wenn auch nur bis zu einer mir vorgesetzten 
Grilnze — vollendet babc. Zu dicBcr Ki^^enscliuii ;:,esellt hIcIi nun 
nocb als lUindus^cnosHin die Kiiilormii^keit des i.aiidh'ljciis, d.Ms 
keinen Weclisel kennt alH den de.s Wetters und der .Inlireszciten. 
Kein Wunder dalici-, dass icli so ilusserBt sebwer zum Scbreiben, 
nameuthcb aber zum Hriet'st lireiben komme; denn was sind liriefc 
anders als aus dem Zusauimbangc des Lebens und Denkens heraus- 
gerissene A|diorismenV Nun giebt es l'reilicli kein Leben, sei es 
auch ein noch so abgeschiedenes und uniformes, wo nicht der 
Mensch gewaltsam aus seinen Planen, Studien und Gedanken heraus- 
gerissen wird; aber diese Risse sind die unvermeidliche Folge von 
der Kette der Nothwendigkeit, die Eins mit dem Anderen verbindet, 
und mit der Nothwendigkeit kämpfen selbst nicht die Götter, wie 
viel wenif^er die Menscbcn. Und ho ist denn aueb bei mir eij^ent- 
lieb nur diis JJand der N<>tbwendigkeit das liaiid meiner Korres)M»n- 
(Jenzen. leh selireitK' nur, wo und wann icb sclireihen niuss. Dabcr 
liabc icb aueli Ibre Irillieren Briele ^Heieb beuntwortet, weil bier 
Antwort Notbwendigkeit war, wenn aueb nur moraiisclie, iiicbt 
aber Ihren letzten, obglcieb so innigen und anziehenden Brief, weil 
kein bestimmtes Objekt zur Antwort nötbigte. 

Allerdings anerkenne und befolge ich, auch im Briefschreiben, 
die Empfindung als eine Nothwendigkeit, und diese drängte mich 
zur Beantwortung desselben; aber sie wurde durch eine stärkere 
Empfindung vefdrängt In derselben Woche nämlich, in welcher 
ich Ihren Brief erhalten, verlor ich durch den Tod meinen besten 
und ältesten Freund, den als Arzt, Nattirforacber und Mensch gleieb 
ausgezeiebneten Dr. lleidenreidi in An,>baeb. Seit seinem Tode 
babc icb micb nur mit süineni (ieiste, seinen medizinisclien Und 
naturwissenscbaltliclien Sebril'tcn neljst den dazu eriorderliebcn 
Studien besebUl'tigt, und so Uber dem Todten die Lel)endi;;en ver- 
gessen. Auch jetzt ergreife ich nur die Feder, um ibueu zu sagen, 
warum ich so lange nicht geseb rieben, warum icb so wenig Hebr( i])e, 
damit Sie meinem längem Stillschweigen nicht falsche GrUnde 
unterlegen. 



4l> 

Hoffentlich treffen diese Zeilen Sie noch au Ort und Stelle. 
Wenn Sie mir wieder einmal schreiben, so bitte ich Sie nur schlecht 
und recht ohne weitere Prädikate auf der Adresse meinen Namen 
%u netzen. 

Mit dem Wunsche, dass ihre Plane und Entwürfe gedeihen 
mögen, Ihr L. F. 



Bruckberg, den 20. März 1858. 

Mein lieber Herr Bolin. Ihr letzter Brief war Wasser 
auf meine Müble, detnn er dreht sich um einen Gegenstand, nm 
den sieh jetst die gesammte Kleinwelt oder Kleinstadt der gegen* 
wärtigen deutschen Philosophie (sit venia verbo) dreht; aber nieht 
wie diese philosophischen Petit-Maltres, nämlich wie jenes bekanute 
,,Thier auf dürrer Haide", — sondern wie ein junges Pferd, das 
von der dürren Haide weg: seine gesunden Glieder und Sinne der 
schönen grtlneu Weide" ziistreckt. Sie haben vollkommen Recht, 
wenn Sie die Halbheit verwerten, die das idealistische Genie Ficbtes 
meistern und der Verirrung zeihen will. Die Kantische Philosophie 
führt mit unTcrmeidücher Noth wendigkeit auf den Fiohte'schen 
Idealismus oder — so sonderbar es auf den ersten Blick scheint, 
aber die Kantische Philosophie ist ein Widerspruch — auf den 
Sensualismus. Die erste Konsequenz gehört der Vergangenheit, 
der Historie an — aber die meisten Gelehrten und Philosophen 
haben nur vergangene Gedanken im Kopf —y die zwdte Konsequenz 
gehört der Gegenwart und Zukunft an, wenn wir anders, wie wir 
nun einmal in allen Stticken gewohnt sind, an eine historische 
Erscheinung, die nicht nur aus der Tinte und- Schule, woraus die 
;^elehrten Schulmeister Alles erklären und ableiten, sondern auch 
aus der Natur, dem F.eben, dem Hinte stammende Kntwickelung 
der Geister anknüpfen wollen. Und allerdings ist Kant vor Allen 
dieser Ehre würdig, denn Hegel und Schölling sind zuletzt doch 
nur mystifizirte, durch den Absolutismus der Idee des einseitigen 
Idealismus scheinbar entkleidete Kantianer. Ich nannte Ihren Brief 
aber auch desswegen Wasser auf meine Mtthle, weil ich im Spät- 
herbst des verflossenen Jahres selbst mit dem Gedanken einer Schrift 
Ober Kant mich beschäftigte und dessw^n diese alte Bekannt- 
sehaft meiner Jugend und Mannheit erneuerte. Ich wurde aber in 
diesen Gedanken unterbrochen, theils durch den erwähnten Tod 
meines Freundes H., theils durch das Studium der neuesten physio- 

ürün, Ffuerliachs Uriet'wechüel u. Narlilu!».'«. II. 4k 



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50 



logischen Werke über die Sinne. Ol) ich von da wieder zu Kant 
zurückkehren werde — wahrlich ein grosser KUckschiitt — steht 
noeh dahin. 

So sehr mich aber Ihr Brie! interessirt und erfreut hat, so 
bätle ich doch beinahe wieder — ans den bekannten, obgleich 
noch lange nicht genng bekannten und entwickelten anti-epiato- 
lariscben Gründen — mit meiner Antwort den rechten Zeitpunkt 
versäumt und Sie von Berlin abreisen lassen, ohne Ihnen Gltick 
auf Ihre Reise zu wünschen nnd als die wohl ftlr beide Theile 
schicklichste und sicherste Zeit Ihrer Ilierherkunft die Zeit Ihrer 
Rückkehr zu bestimmen. Doch alle Vorausbestimmungen aus weiter 
Ferne sind im mcnscblicben Leben gewagt und unsicher, nament- 
lich t'lir einen lieisenden wie Sie. Ich Überlasse daher die näheren 
Bestimmungen Ihnen. Lehen Sie wohl! L. Fh. 



Hruckberjf, den 1. Juni ls."»s. 

Ihrem Wunsche gemäss, lieber Freund, melde ich Ihnen nach 
Hamburg, dass ich Sie um Mitte Juli — gleichgültig oh einige 
Tage früher oder später — hier erwarte. Ich habe zwar selbst, 
jedoch nur meiner Tochter zu Liehe, eine kleine Reise vor; aber 
ich werde sie entweder vor oder nach dieser Zeit machen. Wenn 
Sie von München ans ohne Umschweife hieber kommen wollen, 
so fahren Sie mit der Eisenbahn bis Günzenhausen, von da mit 
der Post oder dem Omnibus bis Ansbach, von wo aus nur noch 
3 Poststunden ])is hieher sind. Ich bedauere nur, dass Sie nicht 
schon jetzt hieher kommen können, jetzt, wo die BlUthentUllc und 
das tlj)])ige Wiesengrlln die Hhissen des menschlichen Eigennutzes 
verdecken, die zur Zeit der Cictrcidereile so sehr in die Augen 
stechen. Doch mir und den Meinigeu sind 8ie jederzeit herzlich 
willkommen. L. Fb. 



Bnicltbeig« den 30. Kor. 1858. 

Mein lieber Herr Bolin. Es ist bereits über ein \'icrtel- 
jalir, dass Sie mir von Hamburg aus geschrieben, und gewiss 
werden Sie längst einer Antwort von mir mit Ungeduld entgegen- 
gesehen haben. Aber was fflr Sic spät und lange, ist Idr mich 
sehr l'rllli und kurz; denn ich ])flege Briefe, die nicht eine augen- 
blicklich zu erledigende Angelegenheit bctrclfen, die nur einen 
geistigen Zusammenbang fortsetzen, nur ein Surrogat der Konver- 



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51 



sation sein sollen, nur von Jahr zu Jahr oder höchstens von einer 
Jahreshälfte bis zur andern zu schreiben. 

Ich bin nicht nnr, wie ich Ihnen, glaube ich, schon schrieb, 
an ein . nnnnterbrochenes und zasammenhängendes, sondern auch 
an ein znittckgesogenes Denken nnd Leben so sehr gewöhnt, dass 
mir der Aphorismus emes Briefs ausserordentlich schwer fiUlt. 
Meme Gesinnung ist zwar human und gesellig ^ aber meine Feder 
höchst widerspenstiger und ungeselliger Natur. Es gibt genug 
Leute, bei denen Lernen und Lehren, Empfinden und Sprechen, 
Denken und Schreiben identisch ist. Ich geliiiie aber nicht zu 
diesen Glücklichen, ich niuss erst genöthigt oder in Affekt ver- 
setzt werden, um meiner Feder eine Zeile, meinem Munde ein 
Wort zu entlocken. Die alten Pliilosophen und Physiker hatten 
einen Horror vor dem Vacuum Uberhaupt, ich habe einen Horror vor 
dem leeren Papier. Schreiben ist wohl für den Leser ein (Gewinn 
nnd Bedttrfniss, aber für den Schreiber selbst ein Luxus und Ver« 
lost; denn was er schreibt, das weiss er ja schön, das hat er in 
sich selbst „Kurz ist aber das Leben und lang die Kunst" Man 
kann daher nicht viel genug lernen, aber nicht wenig genug schreiben. 
So denke ich als Schriftsteller, so als Briefsteller. So müssen auch Sie 
von mir denken und nach diesen Gedanken Ihre Erwartungen ein- 
richten, wenn es gleicli an sich eine unbillige Forderung ist, dass 
Sic, ein junger Mann, mit mir, der ich den grössten und wichtigsten 
Theii des Lebens, den Sie erst vor sich haben, bereits hinter mir 
habe, dieselben rigorosen, kurzen, resignatorischcn Gedanken 
haben sollen. 

Allein ich verlange sie ja auch nur in l^eziehung auf mich 
selbst Vergessen Sie vor Allem nicht, um Ihre Erwartungen auf 
das Minimum herabzustimmen — ich selbst hätte eigentlich damit 
beginnen sollen — , dass ich ein Landmann bin, wenn auch nicht 
de jure, doch de facto, wenn auch nicht der Beschäftigung ^ aber 
doch dem Orte und Status quo nach. Aber der Landmann bringt 
nur Früchte hervor, die langer Zeit zu ihrer Reite bedürfen. Aul 
und vom Lande kann man zur Noth wohl BUcher, aber keine 
Hriele schreiben. Zum Hricfschreiben fehlt der Kelz des Wechsels 
der Novitäten und Animositäten des Stadtlcl)ens. Die Städter 
machen sich gegenseitig Visiten in ihren Häusern — und was sind 
Briefe anders als schriftliche Visiten V — der Landmann aber hat 
sein Haus nur für sich selbst; was er fUr Andere ist nnd hervor- 
bringt, was Andere interessirt von ihm zu wissen und zu haben, 

4* 



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das bringt er auf den öffentlichen Marktplatz. So ist es aneh mit 
mir, nnr dass mein Markt, den ich ttbrigens auch nur selten betrete, 
die Literatur ist Weil ich nun aber doch, im Widerspruch mit 
meiner Denk- und Lebensweise, eine Visite Ihnen abstatte, so sei 
auch Einiges erwähnt, was zu einer solchen sich eignet. Seit Sie 
von hier fort sind, bin ich nirf^ends hingekommen als zweimal 
nach Nürnberg:, einmal Geschatte halber, das andere Mal, um mit 
meiner Frau und Tochter einer hoehi^a^schätzteu Freundin und ihrer 
Tochter, die aus Amerika zum Wiedersehen ihrer leidenden Mutter 
herübergekommen war, einen licsuch zu niaehen. Das war im 
August, und im nächsten Monat darauf, am 13. September, ist auf 
ihrer Rückkehr nach Amerika diese liebenswürdige junge Freundin 
nebst ihrem reizenden 5jährigen Kinde bei dem verhängnissvollcn 
Brande der Austria — man weiss es nicht — vom Feuer verzehrt 
oder vom Meere versohlungen worden. Wenige Wochen nach der 
Kunde von diesem Ereigniss folgte die unglückliche Mutter — eine 
nicht nur persönliche, sondern auch geistige Freundin von mir ~ 
der ungUlckUchen Tochter und Enkelin ins Grab nach. Bei diesem 
Brande verunglückte auch noch ein anderer jüngerer Freuml und 
ZuhJirer von mir, der Dr. Friedländer, weiland Privatdozeut in 
Heidelberg. Dieses schreckliche Ereigniss, so fern von hier vor- 
gefallen, ist doch mir und den Mcini^^en so nahe, so zu Herzen 
gegangen, dass es jetzt noch alles Andere aus den Gedanken und 
aus der Feder mir verdrängt. Und so sei denn auch nur Dieses 
erwähnt! Leben Sic wohll Und schreiben Sie mir von Ihrem 
Leben, Ihren Beschäftigungen, Ihren Planen und Aussichten fhr 
die Zukunft. Ihr freundschaftlich ergebener L. F. 



W. Boliu au Feuerbach. 

Hebiogfois, Freitag den 17. Deaemb. ]S5^. 

Mehr denn einmal, mein thcuerer väterlicher Freund, 
habe ich während der vier Monate meines Hierseins Ihnen sehroiben 
wollen. Doch i)lieb es immer nur l)eim Gelüste, beim \'orsatz, der 
heute erst seine Erledigung lindet, und zwar durch Ihr liebevolles 
Schreiben vom 30. November veranlasst, wofUr ich hiemit meinen 
herzlichsten Dank abstatte. 

Anfang September hier angekommen, widmete ich mieh ganx 
Ihnen. Auf Ihre Anregung hin las ich Knapp 's meisterhafte 
Rechtsphilosophie, sodann weihte ich mich mit neuer Liebe Ihren 



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— 53 



Werken. Sclion laiijjjc hatte ich mich auf die Wiederaulnahmc 
dieses Studiums gelreut, jetzt eben bin ich bei Ihrem Bayle. Mitt^u 
in dieser Besch Uftigung wurde mir durch die in No. 43 des „Jabr- 
baoderts" mitgetheilte Reiseskizze von LUdeking unser erstes Zu- 
sammentreffen äusserst lebhaft ins Gedächtoiss gerufen, so dass 
ich im Geiste meinen Besuch bei Ihnen wiederholte und somit 
Ihnen noch näher kam, als ich's Überhaupt diese Zeit hindureh 
gewesen. — Mit nächstem Jahre denke ich eine gute Uebersicht 
der Naturwissenschaften sn gewinnen, von denen ich bisher nur 
genascht und genippt, obwohl auch diese erneute Bekanntsc halt 
bei mir, als Mittel zur besseren Einsicht in ihre Schriften, nur 
sekundäre Bedeutung hat . . . 

Wir werden noch ninnchen Hriel' wechseln, ehe ich von Ansbach 
aus den aumuthigen Weg zu Ihrem gastlichen Hause wieder ein- 
schlagen kann. Hier liegt mir oi), den Doktorhut zu erwerben. 
Um diese ^eschmBcklose Kopfbedeckung ist mir's wahrhaftig ebenso 
wenig, als um den abgeschmackten Titel zu thun. Doch heischen 
das meine Verhältnisse, denen ein abhängiger Mensch wie ich 
Rechnung tragen muss. Zu meinem Spezimen habe ich mich noch 
nicht entschlossen, natürlich muss es aber so neutral im Wesen, 
als massig im Umfange sein, und wird wahrscheinlich z. B. Börne's 
Aussagen über und gegen Geithe betreffen ; doch habe ich , wie 
gesagt, noch keinen festen Kutscliluss gefasst, obwohl es mein 
nächstes Ziel angeht. 

Behalten Sie lieb ihren Wilhelm Boiin. 



\V. Bolin an Foui iba« h. 

Ilulsingfors, Mittwoch duu ;iU. März 

Mein lieber, hochgeehrter Freund! Als ich Ihnen im 
vorigen Dezember auf Ihr freundliches Letztes dankend antwortete, 
äusserte ich rieUeicht, dass ich abermals von Schopenhauer Notiz 
genommen, eigentlich nur, um dem Manne gerecht zu werden. An 

der Quelle selbst zu schöpfen, gebrach es mir an Zeit; ich begniigtc 
mich daher mit Frauenstiidt's begeisterter Darstellung. So klar 
mir diese originelle Anschauung ward , so bin ich doch nicht be- 
kehrt , und werde mich an die Hchriften des Meisters selbst erst 
dann wagen, wenn ich überhaupt einsehe, dass icli mehr zum 
Philosophen, als zum Dichter tauge; - denn natürlich gehe i( h 
in dieses „Theben mit hundert Thoren*' (wie er seine Philosophie 



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54 



nennt) mit eben den Absichten hinein, wie des Odysseos Uokpi'erd 
naoh nion. 

Mit ganzem Herzen stimme ich Ihrer Anssage ttber Schopen- 
haner bei: er ist ein ganzer, gesunder, kräftiger Denker, „ein 
triseher Qnell'', wie Sie ihn nannten. Aber was soll uns der Bnd- 

dhismns, was der enieute Zwiespalt von Erkenntnis» (Vorstellung) 
nnd Ding an sich (Willen)? Unwillkürlich treibt es mich zum 
Protest, namentlich liegen die nur theilw eise Anerkennung von Raum, 
Zeit, KausalitUt, (beschichte n. s. f. Ich würde mir die Sache über- 
aus leicht macheu, wenn ich es hier nicht mit einem ehrliehen 
Denker zu thun hätte, der keine feigen Konzessionen macht, sondern 
lUr die Wissenschatit und aus Liebe zu ihr forscht und wirkt. Mit 
seinem Buddhismus halte ich ihn für den mit Fichte und Schölling 
auf gleicher Stnfe stehenden wissenschaftlichen Interpreten der 
romantischen Schate. Dieser war das Mittelalter nicht gemflthlich 
genug, und so begab sie sieh in den Orient Da und wir so kann 
ich mir SehopenlmQers geschichtlichen Znsammenhang mit sdner 
Zeit und Bildung denken, und so rRclit sich denn auch an ihm 
der von ihm verläugnctc, zum blossen llirngespinnst herabgewürdigte 
Zusatz von Raum und Zeit. Und nun bin ich beim Nervus meines 
Schreibens: ich möchte Ihnen meine Hedenken gegen Schdpenhaner's 
und Kaufs Beweise, dass Haum und Zeit nur unserer Erkenntuiss- 
weise zukommen, zur geneigten Begutachtung vorlegen. 

Die thcologisirendeu Denksiinden unserer Vorfahren werden 
an den Nachkommen schwer heimgesucht Gewohnt, eine andere 
Welt, ein Etwas über der zudringlichen sinnlichen Realität zu denken, 
kann man, auch als entschiedener Atheist, wie Schopenhauer, die 
Spuren dieser verkehrten Denkweise nicht los werden, nnd kon- 
struirt sich eine transzendentale Welt oder auch nur ein solches 
Prinzip. Ich kann mir und ihm nicht helfen und muss den Willen 
für das seiner PersJinliclikeit beraubte, naturalisirtc, kosmologisirte 
Ich des von Scho])enhauer verspotteten Fichte erklären.*) Auch 
er ist ein Kantianer, auch er arbeitet mit vergangenen Gedanken. 
Wohl aber bildet er durch seine genaue «Stellung zur Natur den 
Uebergang von Kant zu Ihnen, wohin auch die anderen Ve^ 
zweigungen der Philosophie ttihren, die Ihnen durch die Geschichte 
nahestehen. Aber sie bleiben Kantianer, weil undankbar gegen 

*) A'oitroUlicli, iit bereits nacligcwicicii wonlt u um! sull abcmiulä lüv üuituug 
gebracht ireideiL D. H. 



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55 

die Sinne. Im Schopenhauer kommt die ganze sinnliche Wirk- 
lichkeit auf dem Wege der reinsten Erfahrung zur Geltung ; aber 

dennoch ist sie ihm nicht Realität, welche er nur dem dahinter 
spukenden Ding an sicli = Willen vindizift. Der ganze Idealis- 
mus von Cartesius bis auf unsere Tage scheint mir als positives 
Resultat den Beweis zu liefern, dass wir, um über die Welt zu 
denken, sehr gut ohne Ai-istoteles und den lieben Gott fertig werden 
können. Indem man erklärt, die änssere Welt sei nur Produkt der 
Sinne, erkUlrt man indirekt, dass nur die Sinne uns die äussere 
Welt zugänglich machen. 

In einem Ihrer früheren Briefe bezeichneten Sie den Uebergang 
von Kant zu Fichte u. s. w. als historisch und gewesen; den Weg 
von Kant zum Sensualismus als Aufgabe der Gegenwart und Zu- 
kunft. Sollte dieser Uebergang einfach in der Gewissheit beruhen, 
dass die uns durch Erfahrung offen liegende Welt, die sinnliche 
Natur selbst, das Ding an sich seiV Während dieses bei Kant un- 
erforschlich blieb, wird es in Sc]io})cnhauer's W^illen eine materielle, 
wenigstens durchaus empirische Emphndung und sinnliclie W^ahr- 
nehmuug. Jedenfalls muss dieser Wille — Ding an sich — die 
Form der Vorstellung annehmen,'*') in die Erscheinungswelt sich 
herablassen, um sich als seiend zu behaupten und zum Selbsthe- 
wnsstsein zu gelangen. Wenn ich mir diesen Zwiespalt genau be- 
trachte, so erscheint mur das mysteriöse, undefinirbare Ding an sich 
als die letzte theologisurende Täuschung des Denkens. Der Kantia- 
nismns sei denn der Erlöser, der die ErbsOnde auf sich genommen — 
trotzdem verdanken wir ihm die wiederhergestellte reine Er- 
fahrung Wilhelm B. 

Feuerbach an W. Bolin. 

Bruckberg, <lcii 13. Juiii 1859. 

Mein lieber Herr Bolin. — Es sind diese Zeilen vielleicht 
die letzten, die Sie von mir erhalten. Sie wissen, ich bin kein Misan- 
throp, aber ein Misograph. U est nöcessaure de penser, aber es ist 
nieht nothwendig, neun, es ist ttberflttssig zu schreiben, insbesondere 
Briete zu schreiben, namentlich wenn man ein Denker ist, und 
noch dazu senie wesentlichen Gedanken, die man der Menschheit 
schildert^ bereits ausgesprochen hat. Die Welt bat mich eben so 

*) liat ihm scliou! U. 



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wohl als Mcuscli von rrUhcster Jugend an, wie als Schriftsteller 
von den ersten Zeilen an , die von der Zensur gestrichen oder, be- 
reits ü:o(lnii'kt, kontiszirt wurden, nur auf mich selbst zuriU'k«:e- 
wiesen, nieineiu von Unuse aus freien und rllcksichtsloscn Geiste 
widernatürliche Schranken auferlegt und dadurch mich zu einem 
epistolarischen und literarischen Pessimisten gemacht In diesem 
Jahre habe ich noch dazu in Folge meines unseligen ZuBammen- 
banges mit der hiesigen Fabrik , auf der, wie das Volk sagt, ein 
roarkgrftflicher Fluch, in Wirklichkeit ein romanhaftes Ungltlck 
lastet, so viel Tranriges and Störendes, ja meine ganze materielle 
und geistige Existenz Oeflhrdendes erlebt, dass mein Hang und 
Wunsch nur nooh gnostische Sr/i', ist. Wie passt aber zu solcher 
Stimmung der tlu' dansant cini^s Hriefwechscls? — Dooh ich hin, 
sage ich mir selbst opponirend, nicht Orientalist, sondern (uMinanist, 
nicht Spiritualist, sondern Sensualist, und der Sensualist hat iu( ht 
nur Nerven zum Kmplinden und Leiden, sondern aucli Nerven zur 
Bewegung und Muskeln zur Tliatkralt, zur Ifeberwindung nieder- 
beugender Lasten. Im Hewnsstsein und Besitze dieser Widerstands- 
kräfte habe ich denn auch trotz und mitten in den traurigen Rrleb- 
nissen nnd erschttttemden politischen Ereignissen dieses Jahres die 
Vorbereitungen nnd Anfünge zu einer neuen schriftstellerischen Arbeit 
getroffen, desswegen auch diese Zeilen an Sie nicht als mein kate- 
gorisches, sondern nur als mein mögliches Ultimatumbezeichnet. 

Dem was Sie in Ihrem Brief tiber Raum nnd Zeit sagen, 
stimiiie ioh vollkommmen hei. Mir sind übrigens die philosophischen 
Vexirfragen Uber Kaum und Zeit so in abstracto betrachtet, wie 
von Kant und anderen, todtzuwider, todtzuwider meinem 
realistischen Sinn, statt vom Häumlichsein des IMenschen seine Vor- 
stellung oder Anschauung, umgekehrt von dieser jenes abzuleiten. 
Aber das ist eben das aoMTur vfväo^ der modernen Philosophie, 
dass sie beim BcwusstHcin das Wissen allein hervorbebt und zum 
Primitiven macht, das Sein zum Abgeleiteten,* oder gar wie Cartesins 
mit dem Denken und Wissen fttr ein nnd dasselbe h&lt, als wäre 
nicht das Denken eben die Thfttigkeit eines seienden, eines leben- 
digen, eines individuell sinnlichen Wesens. Doch ich beseitige, 
was ich im Briefeingang gesagt. Wie tlherflllssig ist es in einem 
Brief, d. h. im Stillen, zu .sagen, was mau schon laut und öffent- 
lich gedacht und gesagt hat! 

Von Schopenhauer habe ich seitdem weiter nichts gelesen als 
ein paar »SUtze, die in einem Schriftcheu Uber Goethes Faust von ihm 



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57 



angeführt wurden, die mieh aber gar nicht Itlr ihn einnahmen, die 
vollkommen bestätigen, was Sie von ihm nrtheilen, die ganz orien- 
talischen oder vielmehr mimchischen Geist athmen. Sie handelten 
von der CTeschleclitsliebe, der Menschenzeiij^ung, der poenit prini. 
coitus. Aber er hat Uber dieser nirmchischen Piinitenz des alten, 
baroken, eben so lrci;j:ei8tiHchcii wie superstitifisen Plinius, von dem 
er diesen Satz zur Bestätigung seiner AusicUt ant'ülu't, vergessen den 
andern, ich glaube aristotelischen Satz: omnc an i mal post coitum 
triste, — ein Satz, der ihm eine physiologische, sehr natürliche Er- 
klämng von der Stimmnng des Mensehen nach dem Begattnngsakt 
an die Hand gegeben hätte. Fürwahr eine traurige Philosophie, fUr 
welche die Schöpfung des Menschen keine Ursache der Lnst and 
Freude, sondern der Rene und Trauer ist Uebrigens ist Niemand 
mehr als ich davon entternt, die unendliche Misere des menschlichen 
Lebens zu verkennen nnd die Wahrheit der poenitentia coitus in 
unzähligen Fällen zu Uiugnen. - Ich glaube, dass in unserer Zeit der 
Weltgcist nicht auf Seiten der Poesie, sondern der Philosophie, ver 
steht sich der empirischen, naturwissenschaftlichen steht, und dass 
das Individuum sich darnach zu richten und zu bilden hat. Die 
Meinigen, die wie ich wohl sind, denken Ihrer freundlichst: Treben 
Sie wohl! L. Fb. 



Feuerbacli au (iymnasialdirektor Dr. Fr. Kapp (Vater). 

Bnickberg, den 24. Okt 1857. 

Verehrter Freund! tun kyio (hiktkl Wie gross ist bei 
mir die Kluft zwischen Denken und Sehreiben! Schwieriger als 
Odysseus seinen Leib aus der Meerfluth ans Land, bringe ich ans 
dem Innern meine Gedanken aufs Papier. Wie oft und wie innig 
habe ich seit meiner Piickkunft von Hamm an Dich, an Ida und 
Deine Enkel gedacht! Wie treu Jeden Zug Deiner aufopfernden, 
liebenswürdigen Gastfreundlichkeit, jedes interessante Gespräch, jede 
Spaa&ierfahrt, jedes Glas köstlichen W eines in dankbarer ßrinnerung 
mir yergegenwärtigt! Und wie ansfuhrlioh diese Erinnerung in Worte 
gefasst! Aber leider! immer nur in meinem Kopfe, nur immer in 
mir, ftlr mieh selbst, nicht fttr Dich. Und doch ist es mit den 
Gedanken, namentlich brieflichen, wie mit gewissen Speisen; sie 
müssen, wenn sie nicht ihren Werth nnd Geschmack verlieren sollen, 
auf der Stelle gegessen werden, d. h. an den Ort ihrer Bestimmung 
kommen, so wie sie an dem Ort ihrer Zubereitung fertig sind. 



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Dies gilt auch von den Brieten, die ich Dir Hingst in fredanken 
geschrieben, und zwar um so mehr, als die angcuclinien Eindrücke 
gänzlich vcrdrihigt worden sind durch die letzten traurigen Nach- 
richten aus Hanmj, so dass ich Jetzt die Feder ergreitc, um statt 
IVcudigen Dankes nur mein tiefstes Bedauern über den jamnior- 
vollcn Zustand Deines verebi-ten Schwiegersohnes auszudrlleken 
und Dir so zu bezeugen , dass ich nicht nur im Guten und Ange- 
nehmen Dein mitgeniessendery sondern auch im Sehiimmen and 
Traurigen bin Dein mitleidender Freund L. Feuerbach. 

Fcoerback au FrieUrich Kapp. 

Brackberg, den 20. Ukt 1S59. 

Lieber Ka])p! . . . Für jetzt nur ein Wort, nicht ein Werk 
herzlichen Dankes für Deinen vortretTlichen Stcuben! Ich habe 
zwar bis jetzt nur die ersten und letzten Kapitel gelesen , aber 
doch genug gelesen, um zu erkennen, dass Du Deinen Heiden nicht als 
Genre-, sondern als Historienmaler aufgefasst und dargestellt, dass 
Du Deinen Gegenstand mit eben so grosser saehlieher Gründlichkeit 
und OlQektivität, als styltstischer Angemessenheit behandelt hast 
Es ist ein grosses, ein, wie die Zukunft beweisen wird, geschicht- 
liches Verdienst von Dir, dass Du den hochmttthigen Amerikanern 
auf eine so wUrdige Weise die Verdienste der Deutschen um ihre 
Unabhängigkeit zu Verstand und Gemdthe bringst, und so ihnen 
Respekt vor ihren ältern liriidcrn einlliisscst — eine Wirkung, die, 
wenn sie auch nicht bis zum amerikanischen VnheX unmittelbar 
durchdringt, doch nicht verfehlen wird, indirekt wohlthUtigere Folgen 
zu haben itir die deutsehen Auswanderer, als etwaige Massregeln 
yorsorglicher und vormäuliger Kegierungcn 

Die Fabrik füllt in die Hände ihrer Gläubiger, und zwar ihres 
schlimmsten Gläubigers, eines 85 jährigen — Ehrenmannes, der seit 
40 Jahren durch einen, meinem längst 7erstorbenen Schwiegervater 
in einer schwachen Stunde abgelockten, objektiv gänzlich unbe- 
rechtigten Leibrentenvertrag der Fabrik allen Kahrungsstoff ausge- 
sogen hat, und nun, nachdem er sie zu Tode gehungert, die Wuth 
seiner Habsucht an den von diesem Todesfall Hetroflfenen auslässt. 
l-'nd so bin denn auch ich, dessen Frau schon seit 18'1H nicht cin- 
nml die Zinsen von ihrem mtitterlichen Voraus bezogen, der ich 
selbst nie etwas von der Fabrik genossen, ja sie durch bedeutende 
GeldvorschUsse, die nun auch alle zum Teufel sind, unterstützt habe. 



— 59 



in die Noth und »Schmach eines Banqiierottes hineingezogen. Ob 
dieser Nürnberger Shylock an mich and meine Sachen sioti halten 
kann, darttber sprechen sieh die Juristen widersprechend ans. Ich 
kann es mit meinen Rechtsbegriffen nicht zusammenreimen , denn 
ich gehdre zu den Erben des PrSs. v. Fenerbaeh, nicht zu den Erben 
L^'s, anf deren Immobilien nnd Mobilten er rechtlich Ansprache 
machen kann. Sollte aber die Bchmutzigste und rechtloseste Hab- 
sucht so viel licclil haben, auch mein vom Vater ererbtes, grüsstcn- 
theils aber selbsterworbeues Eigenthum anzugreiten, so appellire 
ich au die Oetlentlichkeit, so maolic ich in einer eigenen Sclirilt 
rtlcksiehtsh)s diese unheilvolle Gescliichte bekannt, und will dann 
sehen wer Hecht hat, ol) ich, der Vertreter der Rechtlichkeit und 
Uneigennützigkeit, oder die Bechtsanwälte der Hab- und Selbst- 
sucht 

Was die deutsche Politik betrifft, so heisst es hier bekanntlich: 
quot capita, tot sensus. Und doch wird Deutschland nie unter 
Einen Hut kommen, kommt es nicht unter Einen Kopf — aber 
wohl nie unter Einen Kopf kommen, als bis Einer das Herz hat, 

nnt dem Schwert in der Hand zu behaupten: Ich bin das Haupt 
Deutschlands! Aber wo ist dieser Bund von Herz und KopiV 
Preussen hat wohl den Kopl", aber nicht das Herz; Oesterreich 
wohl das Herz, aber nicht den Kopf. . . 

Dein Freund L. Feuerbacb. 



Küucrbacli an Direktor hai»ii (Vater). 

Verehrter Freund! Längst habe ich Dir geschrieben, aber 
leider nur im Kopf, nicht mit der Hand, die doch das einzige Organ 
ist, womit der Kopf sich in die Feme erstreckt. Es ist diese 

österreichische Langsamkeit der Hand in diesem Falle um so un- 
verzeihlicher, als Du meinem Ko])fc die Ehre eines geistigen Marschall 
Vorwärts angethau, und so den mächtigsten Hebel im Menschen, 
den Egoismus, in Hewegung gesetzt hast. Und zwar nicht den 
schlechten, verwerflichen, sondern den nothwendigeu, gerechtfer- 
tigten Egoismus; denn wer sollte nicht berechtigt sem sich zu freuen, 
wenn er, bisher entweder gänzlich ignorirt, oder, was noch schlimmer 
Ist, yerurtheiit vom Unverstand oder UebelwoUen, endlich das Ur- 
theil eines Kenners vernimmt? Und das Ist Dein Urtheil Uber meine 
Theogonie. 



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60 



Die Bedeutang zwar, die Du mir auf Grand dieser Sehrift im 
Verhältniss zd Andern gibst, lasse ich dahin gestellt, weil ich nicht 
gewohnt bin, mich mit Andern zn vergleichen, also hierttber kein 
Urtheil habe, wenigstens kein solches, welches im eigenen Ego das 
Wort des Alter ego bestätigt findet. Aber was Du über die Jie- 
deutung meiner Schritt im Verliältniss zu meinen t'riiliern Schriften, 
namentlich zum Wesen des Christenthums, Uber ibren Unterschied, 
ihren Vorzug vor demselben aussagst, das nehme ich mit Freuden 
und ohne Beselnänkungen au und auf; denn es fällt hier das Ur- 
theil des Sclbstbewusstscins, der eigenen kritischen Seibsterkennt- 
niss, mit Deinem Urtheil zusammen. Meine Theogonie verhält sich 
zum W. d. Chr., wie der Mann zum Jüngling, der Meister zum 
Schüler, wie das: Bs ist Tag, zu dem: Es wird Tag, wie die 
faktische Gewissheit nnd Abgemachtheit (s. v. v.) der Poesie zur 
Beweisvermittlung der Philosophie. 

Und doch versetzen die Leute, selbst angebliche Freunde, wie 
z. H. Kugc in seinen mich gänzlich verkennenden Briefen im 
Prutz'schen Museum, diese Schritt zurück auf den Standpunkt von 
1811, erblicken in ihr nichts als „Variationen eines im W. d. Chr. 
abgedroschenen Thema's^'. Wie kann man aber auch diese Sehrift 
beurtheilen, wenn man von den Quellen absieht, woraus sie ge- 
schöpft ist, und nicht wie Du mit den gehörigen Saoh- und Fach- 
kenntnissen aasgestattet ist! ... . 

Lebe wohl! Dein ergehener Freund L. Fenerbach. 



Moleschott an Fenerbach.*) 

Mainz, den 30. Man 1850. 

Ilocligcclirter Herr! Sie werden in diesen Tagen durch 
meinen Verleger, Herrn Enke in Erlangen, ein Exemplar meiner 
„Lehre der Nahrungsmittel, für das Volk'^ erhalten oder erhalten 
haben. Wenn ich diese Gelegenheit benatze, nm daran meinen 
anirichtigen, hochachtungsvoUen Grass za knttpfen, so geschieht 
es nicht, nm meui Bttohelchen zu bevorworten. Denn ich bin ehr- 
lich genug, Ihnen die Hoffhnng aaszaspreohen, dass Sie meine 
Schrift als eine von den Blttthen werden gelten lassen, in denen 
sich die alle neuere Wissenschaft drängende, schwellende Knospe 



Die tulaciKiiiii k(.>rii^i'(li' ,i;L-iieii und eben so lierzinuigeii Briefe Molcschottü 
werden dem J.eäer eine gaiiz besondere Freude beroitcu. 



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— 61 



Ihres Prinzips entlalttt. l iitl ich scliiueicble mir, einen praktischen 
Griff gethan zu haben, indem ich dazu einen Gegenstand benutzte, 
der 80 vielfach und innig mit den mächtigsten Interessen der Zeit 
verwebt ist 

Ihren omfaBsenden Arbeiten gegenüber kann ich es nicht wagen, 
mieh mit der Bitte nm eine Rezension an Sie zn wenden. Dessen- 
ungeachtet erlaube ich mir anszosprechen , wie nnendlieh es mich 
frenen würde, Wenn Sie Lust und Gelegenheit finden sollten, das 
Verbältniss meiner Arbeit zu den allgemeinen ethischen Fragen 
öffentlich zu besprechen. Die negative Kritik, die in Ihrem Wesen 
des ('hristenthums so gewaltig Bahn gebrochen hat, wii d erst dann 
ihre allgemeine Anerkennung finden , wenn an die Stelle der \ er- 
aheten Satzungen ein positives Wissen getreten ist, das, wie alles 
wahre Wissen, zugleich frei macht und den Forderungen des Ge- 
fühles genügt. Ich hoffe dazu durch meine Darstellung einen kleineu 
Beitrag geliefert zu haben, den ich als einen ersten kleineren ^'er• 
sueb zur Anthropologie Uberhaupt betrachtet wissen möchte. Gerade 
dessbalb schien mir das Vehikel so passend, weil es mir möglich 
macht, die kitzlichsten Fragen so organisch mit tSgUehen Bedllrf- 
nisden zn verbinden, dass man mich beim ersten Male wenigstens 
unbefangen lesen wird. 

Genehmigen Sie die herzliche und aufrichtige Versicherung der 
vollkommensten Hochachtung und freundschaftlichen Oesinnung 
ihres ergebensten J a k. M o 1 e s c h <> 1 1. 

1*. S. Ich schreibe ans Mainz, wo ich Imü ui. iiK'in S( li\vir^-, rvater, Dr. Strccicr, 
lUc Ferien zabriuge. Am 1(1. April kehre ich nach Ueidclberg zurack. 



Heidelberg;, den 11. KoTember 1S5Ü. 

Mein lieber, hochverehrter Freund! — Denn, wie kann 
ich Sie noch anders nennen, seitdem mir Freund Hettner in Gegen- 
wart unserer Frauen Ihren Aufsatz: „Die ReTolution und die Natur- 
wissenschaften" vorgelesen bat? Glauben Sie aber nicht, dass dieser 
Aufsatz in meiner Hrust das Freundschaftsgefühl erst erweckt hat. 
Das Geftihl erfüllte micli schon, als ich kaum die Hchnle ver- 
lassen, gepflegt von meinem Vater und Moritz Fleischer in Cleve, 
den Sie aus den „Hallischeu Jahrbüchern" kennen — unbedingt 
einem Ihrer wärmsten Verehrer. Als mir die Sehnsucht vieler Jahre 
endlich befriedigt wurde, als ich Sic zum ersten Male im Kapp'schcn 
(harten von Angesicht zu Augesicht sah, da kannten Sie mich noch 



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(>2 — 



nicht. Ich traf Sie das erste Mal gerade nicht in g:esprächigor 
Laune und hatte zu viel Ehrfurcht vor dem Manne, der die alte 
Welt, die his zur Mitte des Iii. .Jahrhunderts reichende, vernichtet, 
um mich mit vorlauter l'cizeisterunji: hinanzudrängen. Nachher sah 
ieh Sie selten. Mein llandhuch der Diätetik sperrte mich in raein 
Zimmer, and wenn ich mich erholen wollte , eilte ieh nach Mainz 
zn meiner Braut, bei der ieh Ihnen nicht untren zu werden brauchte. 
Und dennoch blieb der Augenblick nicht aus, in dem auch Sie 
meine Verwandtschaft mit Ihnen fühlten. Ihnen ist er vielleicht 
entschwunden — mir mnsste er unendlich viel wichtiger, er wird 
mir ewig unvcrgesslich sein. Es war an einem Ahende hei Kapp. 
Heim Nachtessen sass ich Ihnen gegenüher und hatte lange — 
indem ich andere (icspräche führen niusste, — mit halbem Ohre 
Ihrer Disputation mit Ihrem Nachbar, dem Studi(»sus Hirsch, j;-e- 
lauscht. Hirsch machte Ihnen physiologische Einwürfe, — es waren 
Fetzen aus Henic's Anthropologie. Henle, ein umgekehrter Ketzer, 
tiUignet den grössten Gedanken, den wir bisher aus unserem positiven 
Wissen abstrahiren können — er läugnet, dass die Funktion wie 
die Form unabänderlich bedingt werde durch die Mischung. „Die 
Knochenzähne der Raubthiere und die Hombarten des Wallfisches 
hätten ja beide die Aufgabe, die Speisen zu zerkleinern.''!!! Was 
Wunder, dass ein trotzdem so geistreicher Führer den begabten 
Jüngling irregeleitet und diesen zu der Meinung verführt hatte, er 
krmnc Ihnen einige materielle Tliatsaclicn entgegenhalten. Ich 
zeigte dem Hirsch, wie er die Tliatsachen zum Theil vereinzelt, 
zum Theil in falschem Zusammenhange aufgefasst habe. — Den 
anderen Tag sagten Sic der Johanna Kapp, Sie mUssten mich be- 
suchen und mich öfters sehen. Leider reiste ich wenige Tage 
später ab, und ich bin darum gekommen. 

Ist es nicht, als hätten Sie mich dafttr entschädigen wollen, 
dass ich es aus ihrem Munde nicht mehr hören konnte, wie anch 
Sie mich als Ihren Freund anerkennen? Ich weiss es, Sie erwarten 
keinen gewöhnlichen Dank von mir. Aber Sie wissen, wie Alles 
in mir jauchzt, dass Hie das Beste, was ich gehen kann, in dieser 
Weise gelten lassen. Sie wissen , wie es mich erheben und be- 
geistern muss , mich so verstanden zu fühlen; denn ich bin unbe- 
fangen genug, mit stolzem Bewusstsein zu gestehen, dass ieh weiss, 
wie Sie Aehnlichcs fühlten, als »Sie mein Buch zum ersten Male 
gelesen. Ohne dieses Bewusstsein gäbe es ja keine siegende Pro- 
duktivität. »Sie haben mir in Ihrem Aui'satze, den Uettner wie ich 



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— 63 



zu Ihren charakteristischsten Arbeiten zählen, einen Zanberspiegel 
vorgehalten, der alle Strahlen, welche ich zu einem Büschel ver- 
einigt hatte, noch tausendfach konzentrirt. Bisher war mein Buch 
wiederholt von praktischer Seite besprochen — die Würdigung 
der inneren Tendenz konnte ich nur bei Ihnen finden. Sie kennen 
ans eigenen Studien die Naturgesetze und die Philosophie — und 
gewiss bat Niemand auch mit so yielem historischen Rechte den 
ganzen spekulativ-dogmatischen Plunder von sich geworten, um es 
mit lauter Stimme zu verkünden, dass die einzigen Ideen Natur- 
gesetze sind. Und unsere Natur besteht nicht aus Gemälden, 
Bäumen, ^Menschen, Sternen — sie ist die Welt. 

Auch Humboldt und die Fanny Lewald schrieben mir entzUckt 
über das Buch — allein das weiss ich, einen zweiten Leser wie 
Sie kann ich nicht finden. Die Stellen, die Sie aus meinem Buche 
henrorgehohen, sind gerade Diejenigen, welche ich Freunden speziell 
bezeichne, bei denen ich mhr eine solche Führung erlauben kann. 
Knrz, ich habe das Beste erreicht, was ich 'erreichen konnte, den 
Beifall des Mannes, der uns die Bahn geebnet hat, um in 
der Naturwissenschaft die Menschwerdung der Philo- 
sophie zu bewirken. Sie haben zuerst das knechtische Ver- 
hältniss aufgehoben, in dem man die Knii)iric an dns zweil'eihalte 
Licht einer spckuhitiven rhilosophie hinanhielt. Sie haben es zuerst 
verkündet, dass die bcgritrene Natur Eins ist mit dem Keiehe der 
Ideen — Sie haben nicht bloss den theologischen — Sic haben 
auch den philosophischen, den wissenschaftlichen, 
kurz allen Dogmatismus vernichtet. 

Die Naturwissenschaft umfasst für uns auch die Aesthetik. 
Das wahre Kunstwerk gehorcht denselben Gesetzen innerer Natnr- 
notbwendigkeit, wie jede Naturerscheinung« Damm enthält auch 
QBsere Naturwissenschaft die höchste und reinste Moral. Sie schafft 
nicht nur den freien, den sittlichen, sie schafft auch den schönen 
Menschen. Ihre Frucht ist die vollendete y.alox aycn'tia. 

Ich hielt es bewusst ittr meine Aufgabe, ein Werk zu liefern, 
in welchem das Naturgesetz als Idee, als sittliche r>estinmiung, als 
bruhste Hedinj^ung der Schönheit erschiene. Sie erklären mit der 
genialsten Kühnheit meinen Versuch iUr gelungen — ich habe mein 
b^hstes Ziel erreicht. 

Jetzt darf ich Ihnen im Geiste die lland drücken, lieber, ver- 
ehrter Fenerbach, — leb weiss jetzt, Sie erkennen mieh als Ihren 
in begeisterter Hochachtung ergebenen Freund Jak. Molesohott. 



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(54 



P. S. llettner griisst Sie herzlichst. Er versprach mir, mir 
durch Hrot khaus ein paar Abdrücke von Ihrem AiUsatze zu ver- 
schatl'en. Ich wdiische vor allen Dingen, dass mein Vater Ihreu 
Aufsatz liest, da in HoUaud die „Blätter t. litt. Lnt.'' nicht aut'zu- 
treiben sind. Es ist sehr anzuerkennen, dass Brockbaus den Auf- 
satz gedruckt hat. J. M. 



Heidelbefg, im Juni 1952. 

Hoch geeinter Freund! Kmllich hin ich so glücklich, 
ihnen meine Arbeit vorlegen zu können, in der ich den Kreis- 
lauf des Lehens mit allen seinen Folgen, Gedanken und Willeus- 
Uusserungen auf naturwissenschat'tlichcni Hoden, für Alle verständ- 
lich, zu schiidem versucht. Ein Blick auf das Inhaltsverzeichniss 
wird Ihnen zeigen, wie tief ich mich in ein Feld hineingewagt habe, 
das eigentlich erst durch Ihre Kritik urbar wird. 

Ich bitte Sie nicht um eine Anzeige meines Buches. Sollten 
Sie sich jedoch angeregt iUhlen, irgendwo ein Öffentliches Wort 
darüber zu sagen, so bitte ich, mir das Organ, welches Sie dazn 
wählen, zu bezeichnen, damit ich die Anerbietnngen minder Be- 
fugter mit dei' Hinweisung auf das von Ihnen zu Frwartende be- 
antworten kann. An stürmischem Tadel wird es nicht fehlen, und 
i lerr R u d o 1 f W a g n e r nebst Freunden haben dafür gesorgt, dass 
nuch beim Sclireiben der Gedanke nicht verliess, dass Lautredeu 
noththut. Ihr herzlich ergebener Jak. Moleschott. 



Heidelberg, «Ifii 12. Juli Isö2. 

Mein lieber, innig hochverehrter Freund! Seit einigen 
Tagen habe ich Ihr werthvoUes, Ihr herrliches Geschenk bis zu 
Ende genossen, und ich passte nur auf diese Stunde, um Ihnen 
meinen wärmsten Dank zu sagen. 

Ich danke zunächst im Namen des Herzens. Denn wahrlieh, 
es war mir eine Herzensfreude, einen so tiefen Blick werfen zu 
dlirfen in die gemttthlichen Ursachen so gewaltiger geistiger Be- 
wegungen. In diesem Sinne habe ich von den Briefen Hires vor- 
tretflichen \'arcrs einen Eindruck genommen, der nur für's Lebeu 
bleiben wird, und Sie, mein verehrtcster Freund, haben diesem Ein- 
druck durch Ihr \'orwort mit seiner tiefen Wärme und seiner kör- 
nigen Sehlagfertigkeit einen Grundstein gelegt, der sich selbst zu 
einem logischen Denlunal erhebt. 



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65 



Nun aber habe ich Ihnen auch im Namen des Kopfes eine 
Klarheit zu verdanken Uber Dinge, die bei mir noch im allertiefsten 
Dinikel verhUUt lagen. Die Memoiren und Vorü'äge Bind, wie immer 
die Arbeiten eines genialen Kopfes, eines ganzen Mannes, durch 
die unwiderstehliche Deutlichkeit ausgezeichnet, durch welche sie 
angesucht den höchsten Grad von Popularität gewinnen. Ich finde 
in dem Nachlasse Ihres Vaters alle Materialien zu einer yortreff- 
liehen Rechtslehre fttr das Volk. Daher verdanke ich Ihrer freund- 
liehen Vermittlung die ersten Aufschltlsse über das konkrete Wesen 
des Rechtes, Über die eigenthilmlich neuen Gedanken des Code 
Napoleon, Uber den Unterschied zwischen Recht und Zucht, über 
das eij^entliche Wesen der Polizei — wo sollte ich aulhöreny 

Zu allem diesem ha!)e ich in dem Werke Uber Kaspar Hauser 
die wichtigsten Tliatsachen gefunden, nüt denen ich zu j^chru-iger 
Zeit zu wuchern hoflfe, und die ich schon jetzt für meine anthro- 
pologischen Vorlesungen ausbeuten konnte. Ich kenne Niemanden, 
der wärmer als Sie die Freude des Lernens rerherrlicht hätte. 
Niemand wird besser als Sie die herzinnige Freude wOrdigen 
können, -welche Sie durch Ihr Geschenk bereitet haben Ihrem dank- 
baren Frennde Jak. Moleschott. 

P. S. Ihre Sendung bat eine Ueincru von mir gekreuzt. Mein Brief war lHii<:-st 
ror Empfang Ihrer Gabe geschrieben. Leben Sie recht wehl. 3. Moleschott. 

ffcidclhcrir. (lau 9. Oktober fS.-iM. 

Verehrtester Freundl öchon hundertmal habe ich Ibneu 
aus vollem Herzen gedankt für Ihr werthvolles Geschenk, das mich 
seitdem bereits so oft erbaut hat. Und ich entschuldige mich weiter 
nicht, dass ich diesem DankgefUhle nicht frUher mit der Feder 
Worte lieh, weil meine Empfindungen und Gedanken Ihnen in 
diesem Punkte so bekannt sind, dass es keiner Worte bedarf. Nur 
das Eine kann ich nicht unterdrttcken, dass es mich mit rflhrendem 
Stolze erfüllt, aus Ihrem Exemplare lernen «u dürfen, und ich spreche 
ilas mit iVeicm Geniiithc aus, weil ich mich fest darauf verlasse, 
(Inss hic sich für den Au^^cnblick keine Verlegenheit durch Ihre 
l'VeiirclM^^keit bereitet lial)en. 

iMit i^^rosser Freude haben wir in jüngster Zeit die Erscheinung 
des Nachlasses Ihres Bruder» begrUsst. Ich habe sein Leben meiner 
Frau vorgelesen. So innig und vom reichsten Verständnisse milde 
tjegeistert, und so wahr zugleich, wird selten eine Frau das Leben 

OrBBt FrawbMht Btlefwech«»! n. NacblMs. H. 5 



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66 



Ihres Mannes geschrieben haben oder sohreiben. Wie schön ist 
die Stelle von der „tr(>tzenden Kraft" nnd dem ,,he2:ehrenden 
Selbstbewusstsein"! 8. 2. In den Italienischen Brieten habe ich 
geschwelgt in der künstlerischen Fülle, mit der sich ein edles Ge- 
mtttb entfaltet Warum müssen wir Anderen von ihm so viel, und 
wamm mnsste er selbst verhultnissmässig so wenig gemessen! 

Ich habe die Ferien hier in gedeihlichem Fleisse Yerlebt, in 
der Mikroskopie viel Neues gelernt. Aber Mensehenracen stndirt, 
nnd mich in der Mathematik gettbt. Wegen des letzteren Faebes 
mnss ich es oft beklagen, dass ich nicht in der Schule die Einsicht 
besass, die ich jetzt habe. Indess verzweifle ich nicht, wenn ich 
beharrlich torttahre, das Ziel zu erreichen, das ich liir uuerlässlich 
halte. Ich muss aber mit den Stunden geizen. 

Viel Freude macht mir meine Untersuchung über den F.inflnss 
des Lichtes auf den thierischen Organismus, indem sich aus den 
jetzt vor mir liegenden Zahlen deutlich herausstellt, dass der £in- 
fluss des Lichtes die Menge der ausgeschiedenen Kohlensäure ver- 
mehrt 

Wie gerne würde ich einmal in Ihre Werkstatt schauen. Aber 
auch daran vejrzweifle ich nicht, wenn auch die nächste Zeit dazu 
noch so wenig Aussicht bietet Es werden sicll doch einmal die 
Verhältnisse so gestalten lassen, dass ich eine freie Reise machen 
kann, und dann geht es auf einmal zu Ihnen, zu Hettner, zu meinem 
Schwager Ule, und meine Frau bringe ich thiiin mit, die sieh ge- 
wiss mit der Ihrigen und Ihrer Tochter ebensu leicht verständigen 
wird, als sie sich mit Ihrem Wesen l)creits verständigt hat. 

Kennen Sie eine Familie Sattler aut der Mainburg bei Schweiu- 
fiirtV Dort lebt eine Frau, die über (50 Jahre alt ist und selbst 
auf dem Krankenlager Trost aus Ihren iSchrifteu schöpft. Eine 
solche Frau lässt auf ihren Mann schliessen. Mit herzlicher Ve^ 
ehrnng Ihr Jak. Moleschott 



Mainz, den 19. MAiz l!>&4. 

Mein hochverehrter Freund! Seit vier Tagen bin ich 
mit Frau nnd Kindern in Mainz bei meinen Schwiegereltern, nm 
mich von den iihermässigen Anstrengungen des Semesters zu er- 
holen. Jetzt endlich konnuc ich dazu, den in meinem Herzen nie- 
mals verahenden und desshall), wie ich Intfte, auch in Ihren Augen 
nicht verspäteten Dank für ihr wertbvoUes Geschenk abzustatten. 



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- 67 . - 

Wenn ich Ihre Schritten lese und wieder lese, dann beherrscht mich 
auch der Gedanke, wie all' das ])1iilosophisohe Geschwätz der Nach- 
könimliDge einer darch Sie überwuudeuen Periode so jämmerlich 
ist, dass man gar keine Lanze mehr dagegen breeben mag. Was 
icb davon höre nnd sehe, nötbigt mir immer ein nnbebaglicbes 
Acbselzacken ab. Nacb meiner Meinung kann es sieb nur noeb 
nm gescbicbfHcbe Aufgaben bandeln, wenn von reiner Pbilosopbie 
die Rede ist. Am empfindlichsten entbehre icb eine veigldehende 
Geschichte der Religionen nnd Philosophien, die sich nicht blos in 
den Gräuzen unserer Kultur bewegt, sondern die Entwicklung aller 
Hacen umf'asst Eine solche Arbeit wird nothwcndig gefordert durch 
den anthropologischen Standpunkt, auf den Sie unser Jahrhundert 
zu vollem Hewusstsein hingefllhrt haben. Hätten wir nur viele 
Reisende wie Georg Forster gehabt, die mit so viel Tiefe als Un- 
befangenheit das Menschlichei wie es sich in den allgemeinsten 
Ansehaanngen nnd doch so konkret enthaltet, aufzufassen ver- 
mochten; nachher wtirden die von Ihnen geöffneten Angen nicht 
fehlen, nm in den reinen Baustoffen die gewaltige und doeh so 
einfach fortschreitende Entwicklung zu erblicken, die wir jetzt nur 
ahnen können. Mir scheint es, dass die Anthropologie nicht zu 
ihrem Abschlüsse gelangen wird, so lange nicht die vergleichende 
Religionsgeschichtc, vergleichende Sprachwissenschaft, vergleichende 
Ethik u. s, f. uns von all' den engherzigen Vorstellungen befreien 
werden, in denen wir gefangen sind, wenn wir jenseits des Ganges, 
Aegyptens und des atlantischen Meeres keine geschichtlich merk- 
würdige Menschheit mehr sehen wollen. Wir brauchen al)er wohl 
noch hundert Forster und hundert Kötli, um dieses Ziel zu erreiclien. 
Einstweilen bleibt es belohnend genug, die zerstreuten Thatsachen, 
die wir kennen, zu einem Bilde zu gestalten, dessen ZUge fttr sieh 
selbst sprechen. Ich bin dem Engländer Prichard zu dem wärmsten 
Dank verpachtet für die nttchteme Zusammenstellung des liate- 
rials, aus dem sich schon so wichtige Gesetze herauslesen hissen. 
Allein zur Erkenntniss solcher Gesetze hat sich der rücksichtsvolle 
Engländer fast nie herausgearbeitet. 

Wissen Sie, dass eine englische Uebersetzung Ihrer Werke an- 
gekündigt isty Ich sah es neulich in der Westminstcr Review. 
Ich l)aue gute Floffnungen darauf; denn ich weiss aus Erfahrung, 
dass e» Engländer gibt, die Sie verstehen. — Auf Ihre neue Arbeit 
hin ich ausserordentlich gespannt, und ich hadere mit dem Schick- 
sale, das mir nicht erUubt, mit Ihnen mündlich zu verkehren, ich 

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08 



lÜR'lite, (las (lauert so lange, bis meine Anthropologie in der Welt 
ist; dann niuss es niüglicli gemacht werden, und ich trete daiiii 
gelehrig vor die Schranken Ihres Gerichtes. — Noch einmal sage 
ich ihueu den berzlichsteu Dauk Ihres Molcschott. 

Heidelberg, den 2U. Korcmber lbj4. 

Mein hochverehrter Freund! Von ganzem Herzen frene 
ich mich, dass meine Arbeit ttber Forster mir eine bestimmte Ver- 
anlassHug gibt, Ihnen zn sagen, mit wie dankbarem Herzen ich 
Ihrer gedenke, nnd noch inniger wttrde ich mich frenen, wenn ich 

Sie dadurch bewegen könnte, mir wieder einmal Nachrieht von 
Ihnen zu geben. Wenn Sie wlissten, wie Jeder Stricli Ilircr Feder, 
jeder Gedanke Ihres Hirns, jeder Schritt Ihres Lebens mich inte res- 
sirt, dann würden Sic mich vielleicht etwas weniger karg lialten. 

Mir geht es gut, sehr gut. Zwar kann ich nicht leugnen, dass 
der Abschied von meiner Lelirthätigkeit und von einigen guten 
»Schülern anfangs mit grosser Aulregung iür mich verbunden war, 
da ich dem Lehren mit Leib und Seele anhing. Allein der Ab- 
schiedsschmerz wnrde bald Überwunden von der Freude ttber die 
Ablösung von einem so feigen, charakterlosen, geistesträgen Lehr- 
körper, wie sie jetzt an unseren Hochschulen ein im Zimmer ein- 
gesperrtes Pflanzenleben fahren. Man kann aus einer solchen 
»Scheidung nur geläutert hervorgehen. — 

Ich werde vor der Hand hier bleiben, in meinem Laboratorium 
lortarbeiten, meine Untersuchungen veröffentlichen, meine Anthro- 
pologie schreiben, und vor allen Dingen viel zu lernen suchen. 
Bin ich iu etwa drei Jahren mit meinen nächsten Aufgaben fertig, 
dann widme ich mich nicht mehr ausschliesslich der Wissenschall, 
sondern dem werkthätigen Berufe des Arztes, den ich schon früher 
mit Liebe pflegte, vor Jahren aber aufgab, weil ich mich nicht 
genug erstarkt ftthlte, um in beiden Richtungen selbständig zn 
arbeiten. Jetzt hoflb ich, es zwingen zu kOnnen, zumal in einer 
grossen Stadt. Gegen das Universitätsleben hatte ich schon lange 
einen grossen Ekel und ftlr jetzt sogar einen unüberwindlichen. 
Ich bin indess durch Erfahrung genug gewitzigt, um zu wissen, 
dass man desshalb nicht gut für sieh sagen kann, dass man nie 
wieder dazu zurückkehrt, und ich kann mir eine rnigcstaltun'r 
unserer Hochschulen denken, nach der es wieder wlinschenswerth 
wird, auch innerhalb der Marken des Staates ein Lehramt zu be- 



69 



kleiden. Jetzt preise ich mich glücklich, wie Sie, der Charakter* 
losen Kaste nicht mehr anzugehören. 

Die Darstellung meines Forster, desjenigen Schriftstellers, bei 
dem ieh seit dem Jahre 1845 am meisten Anregung, Trost nnd Er- 
baaong gesncbt habe, bildete einen sehr wohlthätigen Uebergang 
m meinem neuen Leben. Ich bin fest ttberzengt, dass Sie meine 
Vorliebe fttr diesen Mann theilen. Ihr aufrichtiges Urtheil darüber, 
ob Sie finden, dass ich ihn richtig gefasst habe oder nicht, wird 
liir mich den allerhöchsten Werth haben, das wissen Sie. Schreiben 
Sie niir's gelegentlich. Aber vor allen Dingen, liebster Freund,- 
rjageii Sie mir, wie Sie leben, was Sie arbeiten? — In herzlichster 
Verehrung Ihr getreuer Jak. Moleschptt. 

Züridi, den 27. Mai 1858. 

Hochverehrter Freund! Durch allerlei Weehselfälle bin 
ieh bis auf den heutigen Tag verhindert worden, Ihnen den Dank, 
den ich fttr Ihre „Theogonie" ün Herzen hege, auch sehriftlich 
auszusprechen. Zunächst hielt mich sehr wider Wüten eine Ueber- 
last der Arbeit davon ab, Ihr lehrreiches Buch zu studiren, und 
ich wollte nicht schreiben, bevor ich es durchgearbeitet hatte. 
Dann war ich lange im Zweifel, ob meine Zuschrift Sie auch wie 
l)ishcr in Bruckberg finden würde. Mir wurde nändieh erzählt, 
dass Sie entschlossen seien, in New- York Ihren Wohnsitz aufzu- 
schlagen. Und als endlich, trotzdem meine Zweifel nicht beseitigt 
waren, die dritte Auflage meines „Kreislaufes" auf dem Tische lag, 
um mit einigen Worten des Dankes an Sie abzugehen, hatte ich, 
in der Mitte des Herbstes vorigen Jahres, das UnglUck, meinen 
innig verehrten Vater zu verlieren und in ihm den Freund und 
Führer meiner Jugend und meiner reiferen Jahre, der mir Ihr 
„Wesen des Gbristentbums^' zuerst in die Hand gegeben. 

Dieser Schlag hat mich tief niedergebeugt; den ganzen Winter 
über war ich froh, wenn ich der vielen Arbeit gegenüber, die jeder 
Tag von mir verlangte, Widerstandskraft genug ])esass, um wenig- 
stens in meinem Berufe keine Pflicht zu versäumen. Kurz, ich 
konnte durchaus keine Stimmung finden, um einen freundschaft- 
lichen Brief zu schreiben. Wenn ich in dieser Abspannung und 
Niedergeschlagenheit, hochverehrter Freund und Lehrer, eine Nach- 
lässigkeit gegen Sie beging, die oft meinem Herzen drückend war, 
so hoffe ich dadurch allein emigermassen Ihre Absolution verdient 



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70 



zu haben, daas ich stete mit vollem Vertrauen auf Ihr menschliches 
Verzeihen rechnete. 

Also mein Dank kommt spät, so splU, dass ich bekennen muss, 
nicht mehr unter dem frischen Eindrucke Ihres Buohes zu stehen, 
za spät^ um Sie noch in der ersten Entbindungsfreude zu begrfissen. 
Allein es war mir eine erquickende und doch auch eine aufregende 
Arbeit, Ihr Werk zu studiren, und ich habe dicssmal besonders viel 
für den täglichen Hausgebrauch in meinem geistigen Leben daraus 
gelernt. Ich habe meine rechte Freude daran, zu hedenkeu, wie 
unbequem dieses Buch Ihren Feinden sein muss, da Sie in so kon- 
kreter Weise und mit so fester Hand die Entwicklungsgeschichte 
ihrer heilig gehalteneu Wahnvorstellungen gezeichnet haben, nnd 
wenn mir auch der eine und der andere blasirte Freund Ihrer 
Richtung begegnet ist, der bei aller Anerkennung Ihres Baches 
meinte, auf diesem Felde kenne er Sie schon, so bin ich docb fest 
überzeugt, dass Hie mit dieser konkreten Ausbildung und ins Ein- 
zelne gehenden Durchführung Ihrer Anschauung einen praktischen, 
höchst wirksamen MeistergritT gcthan haben, dass Ihr Buch einen 
klassischen Platz behaupten wird in der Schatzkammer, mit welcher 
Sie die anthropologische Philosophie begründet und bereichert haben. 
Möge Ihnen Lust und Kraft gegeben sein, recht bald mit einem 
ähnliehen Werke vom Stapel zu gehen. 

Mit wahrer Spannung erwarte ich die bestimmte Nachricht, 
dass Sie nach wie vor in Deutsehland weilen. Der Gedanke, dass 
Sie in Amerika weilen könnten, Sie, itlr den Deutschland kanm 
deutsch genug ist, um Ihr Schaffen zu begreifen, ist mir geradezu 
unerträglich. Lassen Sie bald von sich hören. 

Leider trete ich so gut wie mit leeren Händen vor Sie, indem 
ich Ihnen nur Altes in erneuerter Form bringe. Ich erlaube es mir 
in der Erwägung, dass es Ihnen bei Ihren inhaltsschweren und 
umiangreichen Studien vielleicht mUhsam ist, die naturwissenschaft- 
liche Literatur in allen Zweigen zu verfolgen, so dass die eine oder 
die andere Erweiterung fSr Sie Interesse hat Als Freund wage 
ich es sogar, Sie darum zu bitten, das neue Vorwort an Lieb ig 
im „Kreislaufe" zu lesen. Es ist gewiss nicht unnütz, wenn wir 
von einander wissen, wie wir uns wehren gegen die Schmähungen 
derer, die die Welt tlir mächtig hält und die doch mit so stumpfen 
Waffen, wie Schimpf und Schmähung, kUnipf'en. In unwandelbarer 
Verehrung Ihr Jak. Moleschott 



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71 



Mr. L. Tilliard ii Feuerbach. 

Heidelberg, le 14 Jauvicr IboS. 

Monsieur, J'ai des exeases ä tous faire , d'avoir attendn 
d longtciupä, pour voas remercier de Tenvoi graotenx qne vons 
m'avez fait de votre livre. Heureiisement les honimes de votre 
treiiipc nnissent toiijoms riiulul^^ciice et la bontc dans les rapports 
au\ nobles qualites de l'esprit (jui les disÜDguent. Soyez assnrc, 
ccpcndant, que j'ai senti tont le prix de votre don et que cc vo- 
liinie qiii vous a coüt^ an long et penible ti'avail, m'est devenu 
doublcment precieux. Mon temps a ätö pris par les premiöres pa- 
blieaSons de la Bevne germanique, vous savez mietix qne per- 
sonne de combien de soins il fant entoarer ces nonveanx-n^ de 
la pensöe. G'est la premiöre fois d'aillenrs qne votre AUemagne 
se tronve en possession d'nn organe pnblic en France, et, ä la 
honte de mon pays, je suis oblig6 de dire que nous sommes con- 
dannies, noiis Ics iondateurs, ä une foule de reservcs et de nicnagc- 
uiciis. La tcrre de Voltaire, de Diderot, de Jean-Jacques, n'cst plus 
le pays de la vraie libertc. La pensee, la litterature, la pbilosophie, 
y sont devenues esclaves aussi bleu que les moeurs et les insti- 
tations. Ce qn'il y a de fi^re hardiesse dans le g^nie allemand, 
Ini- semble Strange et lui fait penr. 

II nons fant attönner avec prndence l'^lat de rintelUgence 
de Kant, de Flehte, de Hegel; et ponrqnoi vous le dissimnleri de 
la v6tre snrtont, Monsieur, pour qne les yeux de nos Argas n'en 
soient poiut offcnses. La oü la parole devrait suffire, il est nöces- 
saire de recourir avec precaution a« savoir faire, a la ruse niemc. 
C'est une douleur pour nioi d'avoir a enqiloyer vis-ä-vis de vous 
des excuses de ce genre; mais vous les eoniprendrez. 

Je vous remercie donc avec une effusion plus vive encore, 
maintenant qne vons savez les canses de mon retard. Je ferai 
mes efforts ponr conserver, dans mon appr^ciation, le caraetöi'e qne 
vons avez donnö k votre oeuvre. La critiqne, senle digne de ce 
nom, est celle qni sait maintenir son ind^pendance, sa sineörit^ et 
sa justice. Elle ne doit priter attention ni anx petits usages, ni 
aux nie8(iuine.s hyprocrisies, ni aux pauvres convenances que notre 
socicte ainie taut ii respecter. La vcritc et l'art, voila scs unifpies 
preoccupations. Api)elee A. surveiller les ocuvrcs de Tcsprit buniain, 
eile doit remplir sa niission en philosophc, cn artiste, en Soldat, 
et, s'il en est besoin, en martyr, et suppose qn'uue divergente 



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d'opioiuu vienue noos separer a certainä momeuB^ je &ma cunvamca 
qae sons ce rapport nous resterons tonjonrs nnis. 

J'ai le bonheor de voir sonvent M"^* TOtre belle-soear, et now 
pjuloiw de Y0I18. II est des peroonnes ineoimnes qni int^ressent 
davantage qae bieD des gens de eonnaissance, et quand il exlste 
tine Sympathie d'iDtelligeiice, on ressent nn charme rM ä s'eotre- 
tcnir d'elles. Je me trouve clans cette position a votre cgard, Mon- 
sieur, et si je dois ä ina bonne tortiine de vous rencontrer quelqoe 
jour, j'espere vous couvaincre de la veritc de nies paroles. 

Adieu, Monsieur, et nierci de nouveau. Puissiez vous vivre 
heureux comme je vous le souhaite. Croyez aux sentimeDs de 
baate eonsid^ation de L. Tilliard. 



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Aus dem Nachlass. 



II 



Die NatnrwUHsenscliafl and die Revolatioii.*) 

Der selige IGnister Eichhoni gab einmal der Königsberger 
Unirersiföt die gnädige Versieheruug: dass die königliehe Regierung 
zwar keine mit ihren Gmndsäteen in Widerspruch stehenden 

Religions- und Staatslehren dulden könne, dass sie aber nicht im 
entferntesten daran denke, mit dieser Beschränkung der philo- 
sophischen Wissenschaltcn auch die Naturwissenschalten beschränken 
zu wollen. Wenn uns ein anderer preussischer Minister mit dem 
beschränkten Unterthanenverstand bekannt gemacht, so hat dagegen 
der Herr Minister Eichhorn bei dieser Gelegenheit — freilich nicht 
bei dieser allein — den Beweis geliefert, dass es auch einen sehr 
beschrilnkten Kegierungsverstand gibt. Wie? die Regierung masst 
sich die Herrschaft Uber unsere Gedanken und Gesinnungen an, 
sie schreibt uns vor, was wir denken und glauben sollen, und 
dennoch erlaubt sie uns den Gebrauch unserer flinf Sinne? Die 
Ke^'ieruug steckt ihre Nase in Alles, sie durchstöbert jeden Winkel 
in unserm Schreibtisch, jeden Wisch in unserni Papierkorb, um 
selbst noch in den ad piom usum bestimmten Papieren Spuren von 
HochTcrrath auszuwittern, und doch untersucht sie nicht den Inhalt 
unserer Herbarien, unserer Steinsammlungen, unserer ausgestopften 
Thiere?**) Die Regierung nimmt dem Bürger seüie Waffen, dem 

^) Bluter filr litenridche Unterlialtattg, Nr. 2tt8, 8. Kor. 1850. 

**) Die Kcgiemngen uiaclicii Ricscnfortsohiitte. Wenige Wochen nachdem Dieses 
Jiiedeigescliliebcii war, brachten die Zeitiugcn die Nachricht, dass die preussische 
Regieran"^ in d<jui Ivopfe eines Hirsches nach dem Entwurf eines furchtbaren Knni- 
plob geraucht habe. So rtirwirklicheu unsoic Kegieruugen selbst dio tollsten Träume 
der PhaAtasie! F. 



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Schritt8tcllcr seine spitzige Feder, dem Dracker seinen PrcssbcDgel, 
und doch lässt 8ie dem Geologen seinen Hammer, dem Anatomen 
sein Sezirmesser, dem Chemiker sein Seheidewasser? Ist das nicht 
ein ungeheuerer Widersprach? Was ist aher der Grund dieser 
liberalen Gesinnung gegen die Naturwissenschaften? Nur der be- 
schränkte Kegicrungsvci'Htand, der Nichts weiss von dem geheimen 
staatsgetahrlichcn HuihIc der Naturwissenschaft mit Keligion, Philo- 
sophie und Politik. Aul' den ersten ohertlUclilichen Blick erscheint 
allerdings die Beschäftigung mit der Natur als die allcrunsehiid- 
lichste, Ja unschuldigste, die es nur immer geben kann ; denn was 
steht dem Getriebe der politischen Welt ferner als die Natur? 
Was ist fltr ein Znsammenhang zwischen den C^etzen der Natur 
und den Intriguenspielen unserer Politik, zwischen den Bedttrfnissen 
des Lebens und den Luxusartikeln unserer .Staaten , zwischen den 
Kräften der Materie und den Phrasen unserer Minister und Depu- 
tirtenV Was kümmern sich die NaturmUchte um unsere Gross- 
und Klcinniäelite, unsere Fürsten und Deniokraten V Unterscheidet 
der Floh zwischen fürstlichem und bürgerlichem Blut, der Blitz 
zwischen einem i^ekninten und ungekrönten Haupte? Aber wie 
das Objekt so das Subjekt, wie die Ursache so die Wirkung. 
Gleichgültigkeit gegen die politischen Parteien und Händel ist daher 
die erste Wirkung der Naturwissenschaft. Diese Wirkung paaat 
nun allerdings insofern in den Kram unserer reaktionauren Re- 
gierungen, als der Naturforscher nicht gegen sie ist; aber er ist 
auch nicht für sie, und Das allein macht ihn schon zu einem 
höchst verdächtigen Menschen ; denn unsere Staaten sind ja „gut 
christlich", sie stützen sich, wenn auch nur mit Ba} onnetten, auf 
die Heilige Schrift, und in ihr steht gesehrie!)en : „Wer nicht für 
mich ist, ist wider mich'^ Die politische Indiiferenz ist übrigens 
auch nur eine yorflbergebende Wirkung der Naturwissenschaft; denn 
die Natur kttmmert sieh nicht nur Nichts um Politik, sie ist aoeh 
das direkte Gegentheil der Politik. Wo Natur, ist keine Politik, 
wenigstens im Sinne der Dynasten, und wo Politik, nur Unnatur: 
wie könnte also der Naturforscher bei diesem augenfälligen Kon- 
traste zwischen dem Wesen der Natur und dem Unwesen der 
Politik glciehgültig bleiben? Der Naturforseher sieht, wie die 
Natur in einem ewigen Fortschritte begritfen ist, wie sie nie mehr 
auf eine einmal überschrittene Stufe zurückfällt, nie mehr aus 
einem Mann ein Knabe, einem Weibe ein Mädchen, einer Frucht 
eine Blttthe, einer Blttthe ein Blatt wird, wie in der Natur immer 



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75 



das Alte abstirbt, und zwar nur dazu, um den Dünger itir eine 
bessere Zukonft abzugeben; wie tbdrioht, wie lächerlich iLommen 
ihm dagegen die reaktionairen Thanmatnigen vor, welche sieh ein- 
bilden, inhaltsvolle Jahre aus der Geschichte streichen, die Menschen 

auf einen verlassenen Standpunkt zurückversetzen, Männer zu 
Kindern wieder machen zu können! Der Naturiorscher sieht, wie 
CS in der Natur nichts Isolirtes, niclits Vereinzeltes gibt, wie Alles 
vielmehr in ihr in einem uuthwondigcn und grossartigen Zusammen- 
hang steht, wie die Naturwesen sich zwar in verschiedene Klassen 
abtheilen, aber nur nach begründeten Unterschieden, und wie selbst 
diese wieder zuletzt in die Einheit des Ganzen sich auflösen; er 
gewöhnt sich dadurch unwillktfhrlieh, alle Dinge von einem uni- 
versellen Standpunkte aus zu betrachten, folglich auch an die 
Politik den grossen Massstab der Natur anzulegen. Wenn er daher 
einen Blick in die deutsche Politik wirft, ach ! wie winzig erscheinen 
ihm da unsere „grossen Staatsmlinner^S wie unerheblich die Spiel- 
arten der „achtunddreissig deutschen Nationen", die sich auf dem 
3Iiste des historischen Kechtsbodens erzeugt haben, wie komisch 
die zwieträchtige Eintracht der deutschen Fürsten, wie unwürdig 
das chorburschenschaftliche Wesen und Treiben unserer Partikula- 
rieten, wie ungeheuer die Beschränktheit der Politiker, welche einen 
Staat wie Preussen als emen Grossstaat betrachten und bezeichnen! 
Oer Naturforseher verkennt zwar nicht, dass Preussen in dem kleinen 
Baden gross gethan ; aber wie klein, wie unendlieh klein erseheint 
ihm Preussen und sein Benehmen im Grossen und Ganzen der 
deutschen Politik! Der Naturforscher ist Grossdeutscher im wahrsten 
und eminentesten Sinne des Worts. Für ihn existirt kein Lichten- 
und Lobensteiu, aber auch kein Preussen, kein Oestreich, kein 
Bayern. Der Naturforscher weiss ans der Erfahrung, dass die Farbe 
das allerwesenloseste Unterschiedsmerkmal. Was anders nnter- 
seheidet denn aber zuletzt z. B. den Preussen und Bayern, als die 
Farben: schwarzweiss und blauweiss? Wie kann also der Natur- 
forscher seinen universellen Sinn und Blick durch diese wesenlosen, 
willkürlichen, kleinlichen Unterschiede beschränken, wie preussisch 
oder bayrisch gesinnt sein? Wenn man aber nicht mehr preussisch 
oder bayrisch denkt, kann man dann noch eine königlich preussische 
oder königlich bayrische, oder gar fürstlich loben- und lichten- 
steinische Gesinnung haben y Unmöglich ! Der Naturforscher wirft 
daher mit Cicero's Ausruf über die Politik seiner Zeit : „Sunt omnia 
omnium miseriamm plenissima^', Alles ist aller Erbärmlichkeiten 



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voll, (»ebiisacbtsvoll seine Blicke über die blanweissen und schwarz- 
weiflsen Scbiagbänme der deatsebeo Politik bintiber in die freien 
Urwälder NordamerikaSi vor dessen räumlicher GrOsse allein sebon 
die kleinlichen Hassstftbe der europäischen Kabinetspolitik in Nichts 
verschwinden und findet das Heil nur in der Demokratie.*) 

Aber nicht mir Demokrat, selbst auch Sozialist und Kommnnfsf; 
freilich nur im vernünftigen und allgciiicincn Sinne dieses Worts, 
wird nothwendi/^ der XaturlVn'scher; denn die Natur weiss nicht« 
von den AumasHungeo und Fiktiimeii, durch die der Mensch im 
Rechte die Existenz seines Nchennicnschen bescbrünkt und ver- 
kümmert bat. Die Luft gebort von Natur Jedem und eben damit 
Niemanden, sie ist das Gemeingut aller Lebenden; aber die Recht- 
haberei hat selbst die Luft zu einem Regale gemach t, „der Wind 
geh5rt der Herrschaft^'. Die Natur kennt allerdings das Eigenthum, 
aber nur das nothwendigc, vom Leben unabsonderlicbe; sie gibt 
jedem Wesen, was es braucht; sie hat keines zum Verhungern 
geschalfen. Die N<ithwen(li;^keit der Verhuii«;erung verdankt ihre 
Existenz nur der Willkübr des Staats, dessen Wesen der „Staat'*', 
die Liiilorm, der Schein, der Tand Ist. Der Blick in die Natur 
erbebt darum den Menschen über die engherzigen »Schranken des 
peinlicben Rechts, sie macht den Mensehen kommunistisch, d« h. 
freisinnig und freigebig. Helbst schon der beilige Anselmns sagt 
seinem Lebensbescbreiber Oadmerus zufolge, ganz im Widerspruch 
mit der weltbekannten geistlichen Habsucht, dass nach dem Natur- 



*) l)'u'^-u l'cl)<;rv':uiir /III D' Uiulrati«; hat i< Ikm» >\>.i Ij' iuliint'r l'hyniolu^^ Ilallcr 
ilcü jetzig<:ü Natuiiui-a<;h«,ni zur rili< lit jjeujaclit Hall>:i- »i^brioli drei jjojiliach': lio- 
maoe. Her errfo hudelt von der DeifiKrtic oder absolaten Monarcbie, der zweite roti 
der koDütitotioneUeD Monarchie, d«ir dritte von der ari&ti*kratiKcheu Kepublik. Was 
hätte nun nothvendig foli^tcn MllenV „I<c taldeau d'nnc d<*niocratie parfaitc**, wb: 
tt-hoa Condorcet in iksinem ««^fe de M. d«: If aller** iHiUierkt Aber dietie Kon- 
»eqaenz scheiterte an der bemer Aristokratie, d'^rcn Mitiplied UaUer sclUt war. Der 
i' t/.itre Katurforvlier ist jedoch aii diese Lokalsclirank'; nirhf mehr gebunden. Er hal 
den Felil«;r llall<;r'ii ^utzuniarlien. L'clirig«:us la'»ü<: irh iii<:lit umsonst den Naturfor' 
scher nadi Auj'.riiui liiuülj'-ildi' Ivu, und woui<ijrIi<:ij vrllj-t liiiiub';r;:':li'.ii ; d<;nii i-.t 
noch »ehr in I ra^r»*, ob Europa, weni'z-.t'.ns in cin<:Mi \oraii--i' |itli< jn-n Zeitraum. eiri< r 
waliPM) \ ii\'^'--.t:i\vu\i' und Verjiiiij.Mjfi^f f.ilii</ yji. (». wuhnf' s l'elj-I i-t dein Meii-eli- u 
liel*' r aU unj^ewohnlea Neuw, wenn^lei' h ft-i ein '<iit i » I el>' rdi',- erfordert ein«* 
neue Zeit auch einen neuen Ifauni. OrtJiverän<leruic'^ gehört /.ur Siiinenanderun][r. Auf 
dem alten Boden liaftea auch die alten Sünden. DeuüschJand, (nler wam Ein» Iti, 
Europa in eine Bepubllk venrandehi «rollen, kommt mir oft gerade so vor, aUi wenn 
man eine Dirne, die schon allen Potentaten gedient, in eine /nngfran venrandeln 
wollte. Es gibt keine leligtüseB, aber noch keine moralischen und polithfchen Wunder. F. 



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77 

gesetz (secundum naturalem legem) Nichts dem Einen mehr als 
dem Andern angehr)i'e, und dass alle Schätze der Welt zum all- 
gemeinen Besten der Menschen erschaffen seien. Das ,,gute alte 
Rechf' hat die Menschheit in Noblesse nnd Canaille, Adel und 
Pöbel geschieden und zur Rechtfertigung dieser Iignrie gegen das 
Menschengeschlecht den unsinnigen Satz aufgestellt: y^Veuter nobi- 
litat".*) Aber die Naturwissenschaft kennt keinen Unterschied 
zwischen einem atlelip^en und bürgerlichen Baucli, sie weiss nur 
von einem allen Menschen gemeinen und gleichen Ursprung. Als 
einst der Anatom Jodocus Lucius die Lage der Gebärmutter zeigte, 
sagte er: ,,Iiier lasset uns bespiegeln, wir Menschen, die wir mit 
unserer adeligen Ankunft prangen und memen, wir seien besser 
als Andere, hier ist unsere erste Wohnung zwischen Harn und 
Koth/' Solche kommunistische, Staats- und rechtswidrige Gesin- 
nungen fldsst die Natur ein! Und doch gibt der beschränkte 
Regiemngsyerstand die Naturwissenschaft frei nnd stellt nur die 
Philosophie unter polizeiliche Aufsicht. Nur die rhilosophie! Wie 
thörichtl Wie unschädlich ist sie, wie arm, wie wehrlos im Vergleich 
zu den Xaturwissenschaltenl Wie leiclit kann man ihre genUuiiclien 
Wirkungen auf das Publikum verhindern! Was gehört dazu, einen 
Philosophen zu widerlegen? Nichts weiter als ein Professor der 
Philosophie, und was ist leichter zu haben als ein solcher 1 Wenn 
daher ein revolutionairer Philosoph auftritt,. so braucht man nur 
einen Professor der Philosophie gegen ihn schreiben zu lassen, und 
der arme Philosoph ist, wenigstens in den Augen des Publikums 
— aber darauf kommt es allein an, Schein regiert die Welt — 
mausetodt. Dem Philosophen, dem mir das treulose nnd vieldeutige • 
Wort zum Organ dient, kann man ja ohne Mühe auch den sonnen- 
klarsten Satz, den unwidersprcchlichsten ßeweis zuniclite machen: 
man darf nur ein Wort verdrehen, oft selbst nur eine Partikel 
auslassen, und der ganze Satz löst sich in Unsinn auf. Was sind 
gegen die festbestimmten und innigen Verbindungen der chemischen 
Stoffe die losen, flflchtigen Wortverbindungen, die der Gedanke 
eingeht? Was gegen den soliden Körperbau der naturgeschicht- 
lichen Wesen der pap lerne Periodenbau^ worauf sich der Philosoph 
stutzt ! Was gegen die Platinadichte des Natursystems das luftige 

*) Da icli hier die Schnuiken des bistorisclien Bechts zerbiodie, so mögen mir 
Oft die Ilerran Juristen« iMmentlich die christlich •germanisclien, nicht Tcnigen, dass 
h \i hier auch dem Yenter eine kommunistische, ebensowohl minnliche als weibliche 
Bedeatung fcebe. F. 



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■ - 

S})iimeu^c\vtln' der Sprache, worin der Deiikei- sein Wesen ent- 
l'altetl Spinne ncjcli s«» sor^fjilti«::, noch so logisch zusannneuhänjjeud 
Faden au Faden : du vermagst jNichts gegen die Natur der Sprache, 
dn reihst nur Lücke an Lücke, und jede Lücke ist ein Tummelplatz 
fttr den Unsinn kritischer Bosheit nnd Dummheit. Der Philosoph 
spricht steh ferner nnr in allgemeinen nnd ehei^desswegen abstrakten 
Sfttaen ans. Sind diese gleich nnr Ton einaelnen wirklichen Füllen 
abgezogen, so scheinen sie doch nnr ans der Lnft gcgrifflm m 
sein, wenn man nicht durch den Schein hindurch auf den Orund 
Idicken, das Abstrakte mit dem Konkreten, das Geistige mit dem 
Sinnlichen verknüplVu kann. Aber wie Wenige vermögen Dieses I 
Lud wie maciitlos sind ül)erhaupt abstrakte Wahrheiten! Wie ganz 
anders ist es dagegen mit der ^iaturwissenschatt, deren Grundsätze 
anschauliche Thatsacheni deren Beweismittel sinnliche Instrumente 
sind. Doch wozn sagen, was schon Andere besser gesagt haben! 
Condorcet in seinem y,Eloge de Mariotte'' sagt: 

Les th^ries nonvelles, les mienx pronvöes, ibnt pen de progr^s, 
tant qu'elles ne sont apiuiyöes qne snr des principes abstraits; 
meme los meillcurs esprits, accoutumes a ccrtaiues idees abstraites, 
aciiuises dans la jeuncsse, rejettent tontes cclles (|ui ne sc lient pas 
aisement avec les preini«"'res, et toutes les verites sj)cculatives dont 
ou ne peut ieur donner des preuves sensibles, sont absolaiueut 
perdnes ponr eux. Ainsi toutes les fois qu'un homroe de gtoie 
propose des v^rit^ nouvelles, il n'a ponr partisan qne ses öganz, 
et qnelqnes jennes gens ölev6i loin despr^jngtodes^colespnbliqnes; 
le reste ne Tentend point, on Tentend mal, le persöcnte on le 
tonme en ridicnle. 

Allerdings greift der Naturforscher nicht direkt, wie der PhiKv 
soph, die rcligiitsen und politisciicn Vorurtheilc an, aber man kann 
kein Glied aus der lieilie der menscldiclien Vorstellungen heraiis- 
reissen oder verändern, ohne danut die ganze Reihe zu verändern. 
So lange die Phantasie des religiösen Glaubens die Menschen 
beherrschte, so lange war auch die natürliche Welt eine Fabcl- 
nnd Märchenwelt Wer an Wunder in der Bibel glaubt, der glaubt 
auch an Wunder ausser der Bibel, der hat überall Wunder im 
Kopfe. Und umgekehrt: wer an keine natttrlichen Wunder mehr 
glaubt, der glaubt auch keine religiösen mehr. Wie wSre es auch 
anders mJjglichV Der Hoden aller Wunder ist ja die Natur. Freilieh 
kann sich der Mensch nut der Ausrede helfen , dass er nur auf 
dem Gebiete der Natur, nicht der iicligiou und Theologie, das 



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79 



Wunder aufhebe, aber nur eine Zeit lang, endlieh siegt doch im 
Menschen der Einbeitsdrang und Wahrheitssinn Uber den Zwiespalt 
zwischen einer verntinftigen natürlichen und einer unvernünftigen 
übernatürlichen Welt. Der erste Revolutionair der neuern Zeit 
war daher — merkwürdigerweise ein Pole*) — der Verfasser der 
Schrift „De revolutionibus orbium coelestium", Nikolaus Kopernicus. 
Kopcrnicus hat den allgemeinsten, den ältesten, den heiligsten 
Glauben der Menschheit, den Glauben an die Unbeweglichkeit der 
Erde unigestossen, und mit diesem Ötosse das ganze Glaubens- 
system der alten Welt erschüttert. Er hat als ein echter „Umsturz- 
mann" das Unterste zu oberst und das Oberste zu unterst gekehrt, 
die brachste Sphäre des ptolemUischen Systems, das Primum mobile 
(die Ursache der täglichen llimmelsbewegung) zum Parterre der 
Astronomie gemacht, der Erde die Initiative der Bewegung zuge- 
eignet und dadurch allen ferneren und anderweitigen Revolutionen 
der Erde Thür und Thor geöffnet; er hat dem phantastisch -de- 
spotischen Dominium mundi des Mittelalters, welches sich die Erde 
Uber die Himmelskörper, der Papst Uber die Geister, der Kaiser 
über die Fürsten und Völker, der Mensch Uber die Menschen an- 
gemasst hatte, für immer den Garaus gemacht; er hat den mensch- 
lichen Geist aus den epizyklischen Zauberkreisen des verworrenen, 
widerspiTichsvollen Unsinns einer eingebildeten Welt erlöst und zur 
Anschauung der wirklichen Welt, zur Einfachheit der Natur zurück- 
geführt; er hat mit frecher Hand die bis auf ihn verschlossene, 
mit Ausnahme einiger ketzerischer Denker selbst den grössten 
Geistern des Alterthums undurchdringliche, nur zur lirustwehr der 
menschlichen Beschränktheit, Gedankenlosigkeit und Gläubigkeit 
dienende Himmelsveste aufgesprengt, und dadurch den Blick des 
Menschen bis in die Unendlichkeit des Universums erweitert und 
dem gesunden Menschenverstand Eingang selbst in den Himmel 
verschalet. Der Himmel galt sonst in der Religion Itlr den Thron 
und Sitz der Gottheit, den Wohnort der Seligen, in der Philosophie 
für das fünfte Element, wo keine Negation, keine Veränderung, 
kein Entstehen und Vergehen wie auf der plebejischen Erde statt- 
finden sollte, kurz: für ein heiliges, göttliches Wesen. Aber alle 
diese süssen, heiligen Vorstellungen und Aussichten, die sich sonst 
an den Himmel knüpften, hat die moderne Astronomie, deren Ur- 
heber oder Anfänger Kopernicus, schonungslos vernichtet. Sie hat 

*) Voll «leutsclu.'ii TAU'Tii in 'i'lioni ücboreii. D. H. 



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1 



80 

zwar die Erde in den Himmel emporgehoben, aber eben tladnicb 
auch den Himmel profanirt, die Uimmeisgestirne auf gleichen Fuss 
mit der Erde gesetzt. Kopernions ist es^ der die Menschheit um 
ihren Himmel gebracht hat Wo kein sinnlicher Himmel mehr, 
verschwindet auch bald der Himmel des Glanbens; denn nnr an 
dem sinnlichen Himmel hatte ja auch der religiöse seinen Grund 
und Haltpiuikt. Mit vollem Kochte wurde das Kopernicanisehe 
Weltsvsteiu von den Katholiken als ein ketzerisches tV>nnlich ver- 
dammt, von den Protestanten wenigstens theoretisch verworien, 
denn es widerspricht der Heiligen Schrift. „Du gründest das 
Erdreich^', heisst es im Psalm, „auf seinen Boden (super stabilitatem 
suam, wie es in der Vnlgata heisst), dass es bleibt immer und 
ewiglich." „Die Erde bleibet ewiglich", sagt der Frediger Salomo, 
„die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort." Diese 
und noch einige andere Sprüche der Bibel hielt man den Koperni- 
kanern entgegen. Was aber in der Bibel steht, muss auch in der 
Xatur stehen. Hat man doch selbst in den Sternbildern die he- 
bräischen Buchstaben gefunden I „Alles, was die Heilige Schrift 
behauptet'% heisst es z. B. in „Theodorici Winsheraii noyae 
quaestiones sphaerae'^ vom J. 1564, „ist unbezweifelbar gewiss. 
' Die Heilige Schrift behauptet aber, dass die Erde fest und nu- 
beweglich sei. Also ruht die Erde in der Mitte der Welt und 
bewegt sich nicht" Welch eine glückliche Zeit, wo man noch 
mit Bibelsprüchen den menschliehen Geist bannen, mit Bibelsprüchen 
den Revolutionen der Erde Stillstand gebieten konnte! Was sind 
irciren diese Wirkuniicn des todten biblischen Bnclistabens die 
oratorischen Machtsprüche, womit unsere politischen Schlangen- 
beschwörer die „lernäische Schlange*^ der Revolution bezwingen 
wollen. Und gleichwohl sieht der beschränkte Regierungsverstand 
nicht ein, dass nicht erst die gottlose Philosophie, sondern schon 
Meister Kopemicus der Bibel ihre reaktionaire Zaubermacht ge* 
nommen. Kopemicus hat das körperliche Zentrum der Welt, die 
Erde, in die Reihe der Irrsterne eingei^lhrt; Kopemicus hat auch 
das geistige Zentrum der christlichen Welt, die Bibel, in die Klasse 
der irrenden menscblichen Bücher versetzt. Schwach sind die 
Gründe, womit die Kopernikancr die göttliche Ehre der Bibel zu 
retten suchten. Die Geschichte^ hat sie längst widerlegt, „Der 
Heilige Geist lässt sich nicht trennen, noch theilen, dass er ein 
»Stllck sollte wahrhaftig und das andere falsch lehren oder glauben 
lassen." Wo die Bibel keine Stimme mehr in der Astronomie hat| 



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I 



— öl — 

da hat sie bald auch keine mehr iu andern Dingen. Wie verträgt 
sich denn auch mit einer talsehen Astronomie eine wahre Anthro- 
pologie oder Psychologie ^ Wie kann man den Menschen im wahren 
Liebte betrachten, wenn man die Weit, zu der er gehört, nur nach 
ihrem Scheine beurtheüt? Doch wozn versteige ich mich bis in 
den fernen Himmel der Astronomie, um die Natnrwissenschaiten 
wegen ihrer revolntionairen Tendenz bei nnsem Regierungen zu 
dennnziren? Einen uns weit' näher liegenden, eindringlichem und 
zeitgemUssern Beweis von der universellen revolntionairen Be- 
deutung der Naturwisscuschalt iiaben wir an vorliegender neuer 
Schrift : 

Lehre der Nahrungsmittel. Für das Volk, von 
Jakob Mo lese hott. Erlangen, Enkc. Ls5(). Gr. 6. 1 Thlr. 

Diese Schrift theilt uns mit in volks- oder, was Eins ist, 
menschenfrenndlicher Absicht und Sprache die Besültate der mo- 
dernen Chemie Uber die Nahrungsmittel, ihre Bestandthelle, ihre 
Beschaffenheiten, Wirkungen und Veränderungen in unserm Leibe ; 
sie hat also eigentlich nur einen gastronomischen Zweck und 
Gegenstand, und doch ist sie eine und zwar im höchsten Grade 
Kopf und Herz aufregende , eine , sowohl in philosophischer als 
ethischer und selbst politischer Beziehung hüchstwichtige, ja revo- 
iationaire SchriiL 

Ich beginne meine Denunziation mit der Philosophie und be^ 
hanptCy dass diese Schritt, obgleich sie nur von Essen nnd Trinken 
handelt y den in den Augen unserer supranaturalistischen Schein- 
kultnr niedrigsten Akten, doch von der höchsten philosophischen 
Hedentnng und Wichtigkeit ist. Ja ich gehe weiter nnd behaupte, 
dass nur sie die wahren „Grundsätze der Philosophie der Zukunft" 
und Gegenwart enthält, dass wir in ihr die schwierigsten Probleme 
der Philosophie gelöst finden. Was haben sich nicht sonst die 
Philosophen den Kopf zerbrochen mit der Frage von dem Bande 
zwischen dem Leib und der Seele! Jetzt wissen wir aus wissen- 
whaftlichen Gründen, was längst das Volk aus der Eri'ahning 
WQsste, dass Essen und Trinken Leib und äeele zusammenhält, 
dass das gesuchte Band also die Nahrung ist. Wie hat man sich 
nicht sonst ttber eingeborene oder von aussen gekommene Ideen 
geiankt und wie yerächtlieh auf Die herabgeblickt, welche den 
Ursprung der Ideen aus den Sinnen ableiteten! Jetzt ist es uns 
eben so unmöglich von eingeborenen Ideen zu reden, als von ein- 
gebt)renen Speisen oder von eingeborener Wärme, die auch sonst 

Orao, FeuMbachs Briefwechsel u. NachlMS. IL 6 



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unter dem Nanieu calor innatns eine Hauptrolle in der Natur- 
wiAseiiflcbaft spielte. Jetzt wissen wir, dass die Respiration die 
banptsilobliebBte Quelle der Wärme, dass die Lnft ein wesentlicher 
Theil nnseror selbst ist, dass wir Alles von aussen pumpen, dass 
wir Nicbts zu eigen haben, dass wir als reine Lumpen und Kom- 
munisten auf die Welt kommen, dass gar Nicbts in uns ist, was 
nicht auch ausser uns cxistirt, dass wir am Endo nur aus Saucr- 
stotV, StickstotV, KuldeuKtidl' und WasserstolV, diesen wenigen, ein- 
lachen und doch so unendlich verschiedenartiger Verbindung fUhigen, 
diesen geisterhaften, unmittelbar un- und UbersiDüliclieu und dennoch 
an sich und mittelbar sinnlichen IStoffcn zusammengeflickt Bind. 
Wie stimmt aber diese Anschauung des Menschen mit der cbrist- 
Hohen Welt- und Mensehenanschauung? Denn was ist der eigent- 
liehe Keri^ der christlichen, wenigstens dogmatisch-christliehen Lehre? 
Der: „dass wir existiren konnten aUein mit Gott, auch wenn kein 
Raum, keine Materie wäre, weil unser Wesen niclit den HegritV 
der Existenz der äussern Dinge in sich schliesst", dass der Mensch 
ein Bihl Gottes, d. h. das Wesen ist, welches nur aus sieh und in 
sich, d. h. nur aus und iu Gcdaukeu besteht, welches keiuer Welt, 
keiner Natur, keiner Materie zu seiner Existenz bcd:irf, dass also 
der Mensch noch existirt, aneh wenn sein Leib und die materielle 
Welt ttberbaupt zugrundegeht. Und dennoch dulden unsere gut- 
christlichen Eegierungen im ehristliohen Staate die Naturwissen- 
schaften, insbesondere die allerradikalste, korrosivste und destruk- 
tivste Wissenschaft, die Chemie, die längst in ihrem Scheidewasser 
die Mysterien der christliehen Weltanschauung aufgelöst V Welch' 
ein ungeheurer Widerspruch! I)(>eh kehren wir wieder von den 
Thorhcitcn der Tolitik zur Thilosophic zurück. Wie hat nicht der 
Begriff der Substanz die Philosophie vexirt! Was ist sieV Ich 
oder Nicht-Ich, Geist oder Natur, oder die Einheit von beiden? 
Ja, die Einheit. Aber was ist denn damit gesagt? Die Nahrung 
nur ist die Substanz; die Nahrang die Identität von Geist and 
Natur; wo kein Fett, ist kein Fleisch, aber wo kein Fett, da ist 
aneh kein Hirn, kein Geist, und das Fett kommt nur aus der 
Nahrung, die Nahrung ist das »Spinozistische Lv y.ni nur, (ias Alles- 
unifassendc, das Wesen der Wesen. Alles hängt vom Essen inid 
Trinken ab. Die Verschiedenheit (ks Wesens ist nur Versehicdenbeit 
der Nahrung, bchon in der „Otfenbarung der Natur und natUr* 
liehen Dinge . . . durch den li^)cligelehrten llieronymutn Cardanum'' 
beisst es übrigens ganz im Widerspruch mit der Offenbarung der 



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* 83 

Bibel, wo dem Edite bibite nur eine frivole Bedeutung gegeben, 
das Wesen des Menseben als ein vom Essen nnd Trinken unab- 
hängiges vorgestellt wird: „die Nabmng mögend in alle Natnren 
die Menschen verenderen. WOllicbe nnn vil Wildbret nnd GewHns 
in der Rpeiss braueben, werden alle grimm nnd zornig Icutb, 
wöl liehe kraut essend, werdend milt und zahm." Welche dornen- 
volle l'ntersuchnngen hat nicht das Sein den l*hilosophen ver* 
nrsacht! Ist es Eines oder Vieles, Eins mit dem Denker oder 
verschieden von dem Nichts des Gedankens? Unntitze Fragen! 
Das Sein ist Eins mit dem Essen ; Sein heisst Essen ; was ist, isst 
nnd wird gegessen. Essen ist die subjektive, tbätige, gegessen 
werden die objektive, leidende Form des Seins, aber Beides nn- 
sertrennlich. Erst im Essen erfallt sich daher der hoble Begriff 
des Seins nnd offenbart sich die Unsinnigkeit der Frage: ob Sem 
nnd Nichtsein identisch, d. h. ob Essen nnd Hungern identisch ist ? 
Was haben sich nicht <lic PhiloHophcn mit der Fra{j,c ge(|ualt: 
was ist der Anfang der J'hiloHopliic V Ich oder Nicht-Ich, Hewusst- 
sein oder .Sein? O ihr Thoren, die ilir vor lauter Verwunderung 
über das Käthsel des Anfangs den Mund aufsperrt und doch nicht 
seht, dass der offene Mund der Eingang ins Inncrc der Natur ist, 
dass die Zähne schon längst die NUsse geknackt haben, worttber 
ihr noch heute euch vergeblich den Kopf zerbrecht.! Damit mnss 
man anfangen zu denken, womit man anfängt zu existiren. Das 
Principium essendi ist anch das Principinm eognoscendi. Der An- 
fang der Existenz ist aber die Ernährnnp:; die Nahrung also der 
Anfanji: der Weisheit. Die erste licdin^ung, (hiss du Etwas in dein 
Herz und deinen Kopl bringst, ist: dass du Etwas in deinen Ma^^en 
bringst. ,,A Jove principiun»'* hicss es sonst, aber jetzt heisst es: 
„a vcntrc principium". Die alte Weit stellte den Leib auf den 
Kopf, die nene seist den Kopt auf den Leib; die alte Welt Hess 
die Materie ans dem Geiste, die nene iässt den Geist ans der 
Materie entspringen. Die alte Weltordnnng war eine phantastische 
nnd verkehrte , die neue ist eine natnr- nnd eben dessw^gen eine 
vemanflgemässe. Die alte Philosophie begann mit dem Denken, 
sie „wusste nur die Geister zu vergnügen und Hess darum die 
Menschen ohne J^rod", die neue beginnt mit Essen und Trinken; 
die alte Philosojjliie hatte daher nichts im Kopie — „Sein und 
^sichts ist identisch", das Nichts ist das iniinitum et indctermi- 
natum negans, Dieu est oppose au ncant ~ , denn wo Nichts im 
Ifagen, ist auch Hiebt» im Kopfe. Der Kopf ist das Vermögen, 

6* 



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84 - 



zn schliesseo, aber die Vordersätze, die Elemeute zu diesen 
Scblfissen liegen ii) den Speisen und Getränken. Der Geiet ist 
Lieht, yerzehrendes Feuer, aber der Brennstoff ist der Nahrungsstoff. 
Plenns venter non stndet libenter, richtig; aber so lange der 
Bauch voll ist, so lange hat der Kopf auch Nichts yom Inhalte 
des Bauchs, Hirn werden die Speisen erst, wenn sie verdaut, wenn 
sie Blut geworden sind. Der plenns venter ist also ein alberner 
Einwand. Es bleibt dabei: der Nnlninii^sstotf ist Gedankenstoff. 

Das Gehirn kann ohne phosphorhaltiires Fett nicht bestehen. . . . 
An das phosphorhaltip:c Fett ist die Entstehung, folglich auch die 
Tbätigkeit des Hirns gekutiptit. . . . Ohne Phosphor kein Gedanke 
(„Lehre der Nahrungsmittel", S. 115 fg.). 

Wo hat je ein spekulativer Philosoph daran gedacht? Haben 
sie nicht alle das Denken aus sich selbst erklärt, den Greist zu 
einem selbständigen, stofflosen, von aller Materie abgesonderten 
Wesen gemacht? Haben sie nicht ihr Nichtwissen von den ma- 
teriellen Grundlagen des Geistes in ein Nichtsein derselben ver- 
wandelt? Ist es nun ein Wunder, dass es noch so dunkel in der 
Welt aussieht, da scll)st unsere grössten Denker keinen Phosphor 
im Kopfe hatten? Ist es ein Wunder, das» die unsinnigste Vor- 
stellung, die Schöpfung aus Nichts sogar zu einem heiligen Glaubens- 
artikel und zum „höchsten Problem der spekulativen Philosophie'* 
wurde? Was heisst denn aber: Die Welt ist geschaffen aus Nichts! 
anders als: sie ist geschaffen ich weiss nicht woraus? Was heisst 
also, an eine Schöpfung oder Überhaupt Entstehung aus Nichts 
glauben? Es heisst an die Heiligkeit und Göttlichkeit der Ignoranz 
glauben, es heisst die Ignoranz an die Spitze der Welt, der Religion 
und Wissenschalt stellen. Ein Beispiel hiervon haben wir eben 
an dem ErnHhrungsi)rozess. Dass die Speisen Fleisch und Blut 
werden, wusste man; aber wie? Das wusste man nicht. Wie löste 
man nun den Widerspruch zwischen dem bekannten Etwas und 
dem unbekannten Nichts oder dem Nichts der Unwissenheit? Man 
schrieb dem Leibe unter dem Namen der Lebenskraft ohne Weiteres 
die Kraft zu, die Speisen in Blut zu verwandeln, d. h. man dichtete 
dem Organismus, wenn auch nicht mit Worten, doch der That 
nach, eine aus Nichts schaffende Kraft an, um so die Wunder der 
christlichen Dogmatik in succum et sMUguinem zu vertiren. Aber 
in der Wirklichkeit verhält es sich ganz anders. Hören wir wie. 
Ehe wir aber dieses Wie verstehen, müssen wir wissen, warum 
wir essen und was wir essen oder vielmehr uns aneignen. „Das 



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- 85 

Leben ist Stoffwechsel*' (8. 66;. Wir empfangen von der Aussen- 
weit Stoffe und geben sie wieder zurttck, nur in anderer Gestalt, 
scheiden sie ans. Und je mehr oder weniger wir von nns geben, 
desto mehr oder weniger müssen wir anch zn nns nehmen. Leider 
ist aber nicht mit der verminderten Annahme von Nabrnngsmitteln 
anch eine verhftltnissmSssige Abnahme der Ansscheidongen ver- 
banden. Wenn wir Nichts zu verzehren haben, verzehren wir uns 
selbst. Es heisst (S. 62): 

Auch wenn wir uns aller Sjicise und alles Tranks enthalten, 
hauchen \vir Kohlensäure uiul Wasser aus, die Ausloerungcn von 
Harn und Koth erfolgen nach wie vor, die Haare wachsen, die 
Nägel verlängern sich, und Scbweiss und Schleim entziehen dem 
Körper von Stunde zu Stunde seine wesentlichsten Bestandtheile. 
Und wenn die Enthaltsamkeit fortdauert, dann verrfltb sie sich nur 
za bald durch eine beträchtliche Abnahme des Gewichts unseres 
Körpers. 

Ferner S. 63: 

Wenn der Ersatz aufhiirt, während die Ausgaben fortdauern, 
dann ändert sich alsbald die Zusammensetzung der Gewebe, und 
das Blut, das nicht nur für die Gewebe, sondern auch für sich 
selbst einkauft, macht in einigen Tagen oder, wenn es hoch kommt, 
in wenigen Wochen Bankrott. Denn der Sauerstoff, den wir ein- 
athmen, zehrt vom Blut, dessen Einnahmen stocken. 

Und S. 49: 

Allen Stoffen unseres Körpers wird nämlich Sauerstoff der Luft 
zngefitthrt, den wir unablässig einathmen. Kein Stoff aber greift 

mäihtiger als der Sauerstoff in das Werden und Vergehen der 
organischen Verbindungen ein. Vor der anbaltenden Wirkung des 
Sauerstoffs hat keine organische Verbindung unsers Kcirpers Bestand. 

Am ersten schwinden unter dem verzehrenden Kintluss des 
Sauerstoffs die Fette, dann die Muskeln, das Uerz, Milz und Leber, 
am spätesten die Nerven und das Hirn — eine merkwttrdige Er- 
scheinung, da sie aus den wandelbarsten Stoffen unsers Körpers, 
ans Fett und Eiweiss bestehen, eine bis jetzt noch unerklärte Er- 
scheinung, .die aber trotzdem das späte Absterben der geistigen 
Thätigkeit erklärt. Doch die Folgen des Büngerns oder Fastens 
erstrecken sich noch weiter. Wo die Menge und Mischung des 
Stoffs, verändert sich auch die Form der Verrichtung. 

Denn ein gemeinsames Band hält Stoff und Form und Ver- 
hchtong umsclüungen . . . Der leichtere Mudkel, dessen Fett und 



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8« - 



Eiwciss gCHcliu uiulcu ist, erHcheiiit al« welk«'« Fleisch, das sich 
laui^sam zusanuncnzicht. Das Herz ist trä^^e, die Zahl der Pulse 
in der Minute beträchtlich veriniudert... Kleine Keize haben grosfie 
Wirkung. Das Licht thut welie, ein stärkerer Schall wird nner- 
t]%lich, eine BertlbrnDg erweckt Zoro ... In schlaf loser Nacht quält 
den Hnngernden die Gier, der mächtige Hebel so vieler Leiden- 
schaften. Wer zu Aas und Leichen, zum Fleisob seiner Freunde 
oder zu seinem eigenen Körper greift, der beweist mehr als die 
Einbildungskraft der Dichter sich vorstellen kann . . . Von keinem 
Triebe wird die flacht des Geistes trauriger besiegt. Der Hunger 
vcrr»det Kopf und Herz . . . Der Hungernde fühlt Jiden Druck mit 
Zcnlncrscbwere, darum hat der Hunger mehr Empörungen verur- 
sacht als der Ehrgeiz unzufriedener Köpfe... Kalt und starr, die 
Muskeln zackend in gelähmten Gliedern, seufzend, mit trübem Auge, 
abgestumpfter Empfindung, bethörtem Urtheil kämpft der Gepeinigte 
den Todeskampf, dem häufig eine Ohnmacht sein Ziel steckt, bis- 
weilen aber rasendes Irrereden vorausgeht. (S. 66-68.) 

Dies das Gemälde von den schrecklichen Folgen des unbe- 
friedigten Hungers, Dies der Grund des Nahrungsbcdlirfnisses, Dies 
auch der (»rund, warum die neue Weltweishcit nicht mehr das 
Nichts im Kopfe, sondern das Nichts im Magen — ein sehr reelles, 
weil empliüdliches Nicht« — zu ihrem und der Welt Prinzip macht 

Wenden wir uns nun zu den a|>petitlichen Gegenständen, womit 
wir vamxn Hunger stillen. Die Natur hat reichlich ttir uns gesorgt. 
Alle drei Reiche der Natur liefern uns Nahrangsmittel oder viel- 
mehr Nahrungsstoffe, wie der Verfasser die Bestandtheile derselben 
nennt. Dieselben bestehen nämlich: 1) aus anorganischen, 2) or- 
ganischen stickstoffTreien und 3) organischen stickstoffhaltigen 
NahrungsstofTen. Die ehemischen (irundstorte oder Elemente der 
Nahruugsstotfe aber sind — wenigstens die wichtigeren — : Kalium, 
Natrium, Calcium, Magnesium, Aluminium, Silicium, Eisen, Maugan, 
Fluor, Chlor, welche zehn Grundstotfe vorzugsweise dem Mineral- 
reiche angehören; ferner: Phosphor, Schwefel, Sanerstoif, welche 
ungefähr gleich oft in der oiganisohen und unorganischen Welt 
vorkommen; endlich: Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, welche in 
allen lebenden Wesen vorkommen, während sie in sehr vielen 
Mineralien fehlen, und daher im engern Sinne als organische Ele- 
mente bezeichnet werden können. Die anorganischen Nahrungs- 
stotio sind näher: Clihiruatrium, welches unser Koch- oder Steinsalz 
ist, Chlurkalium, eiue dem Kochsalz sehr ähnliche Verbindung, ferner 



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87 



äalze der Alkalien d. h. Salze im ehemiscben Siniiey Verbindungen 
von Säuren: hier die Sehwefelsänre, Kohlensäure und Phosphoisänre; 
mit Basen: hier den Alkalien, nämlich dem Kali und Natron; dann 
Erdsalze, z. B. schwefelsaurer Kalk, schwefelsaure Thonerde; end* 

lieh ein Metallsalz, das phoHplKjrsiiuic Kiscnoxyd. 

Die or«;anis('lieii stickstofffreien Nahriingsstoffc, Verbiiulungeu 
von KolileiKstofi", Wasserstoff und Sauerstoff, sind theils Stoffe die 
sich in Fett verwandeln können, und die desshalb der Verfasser 
Fettbildner ueunt, theils schon gebildete Fette. Die wichtigsten 
Fctthildner sind das Amyluni oder Stärkemehl (wie z. B. die Kar- 
toffelstärke, ans der man den Kleister macht), das Gummi (das in 
sehr vielen Pflanzen vorkommt, aus manchen von selbst ausfliesst, 
und an dem arabischen Gummi sein Musterbild hat), und der Zucker, 
sllf^eraein bekannt, aber auch als Rohrzucker, was wir hier sogleich 
bemerken, mit Unrecht allgemein verschrieen, als ob er die Zähne 
verderbe, da er \iehnchr die Hildung der Knoehen und Zilhne 
fördert Die Fette sind : der Oelstoff (Olein oder FJain genannt), 
der am schwersten in der Kälte erstarrende Hauptbestandtheil aller 
Oele; das Perlmutterfett, ein leicht erstarrendes Fett, das man in 
perlmutterglänzenden Krystallen erhalten kann, daher sein Name; 
der Talgstoff oder das Stearm, das festeste aller Fette, hauptsäch- 
lich in Hammel- und Oehsenfett vorkommend. 

Die organischen stickstoffhaltigen Kahmngsstoffe bestehen ans 
mehr Elementen als die ebengenannten, nämlieh aus Stickstoff, 
Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Schwefel und meistens auch 
uoch aus Phosphor. Von diesen konnneu hier blos die ciwciss- 
arti^cn Körper in Betracht, also genannt wegen dor Aeliulichkcit 
ihrer Eigenschatten und der üebereinstimmung in ihrer Zusammen- 
setzung mit dem Iltihnereiweiss, keineswegs aber nur, wie der Name 
den Laien glauben machen könnte, auf die thierische Welt be- 
schränkt, sondern auch in der Pflanzenwelt enthalten unter dem 
Namen: (lösliches und geronnenes) Pflanzeneiweiss, das sich in 
sehr vielen Pflanzensamen zeigt, und in allen in der Hitze ge- 
rinnenden Pflanzensäften, Pflanzcnleim, der sieh besonders in den 
Getreidesamen findet und KJcber (Gluten) heisst, weil er, so lange 
er feucht, ein klebriger Stotf ist, und I^egmnin oder (nach des Ver- 
fassers Ausdruck) Erbsenstoff, welcher in allen Hülsenfrüchten als 
Bohnen, Erbson, Linsen zu Hause ist, und den wichtigsten Kahrungs- 
atoff derselben ausmacht. 

Das sind also die Stoffe, die in den Nahrungsmitteln von uns 



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aurgenoninicn werden. Wie ist es min aber ni<ij;lieh, dass sie Blnt 
werden?*) Diese Fra^e beantwortet sich, wenn wir wissen was 
Blut ist, und woraus es besteht. 

Das Blut ist eine alkalische Flüssigkeit, eine Lösung von 
Salzen, eiweissartigen Körpern, Fett und Seiten^ d. h. Verbindungen 
der obengenannten Fette mit den Alkalien. Tansend Thette 
Menschenblnt enthalten zwei Theile FaBerstoff (ein eiweissarfciger 
Körper, dessen Eigenschaft ist dass er gerinnt, sowie das Blnt dem 
lebenden Körper entzogen wird), 131 Theile sogenannte Blutkör- 
))ercheu ( welche als I^läseheii mit rotbem Inhalt und weisse körnige 
Körpereben im Blute bernmseliwimmen , und in larbip:e , den Bhit- 
farbcstotf enthaltende und farblose Blutkörperchen unterschieden 
werden, welche beide aber eiweissartige Körper sind), 71 Theile 
Eiweiss (im engern Sinne), fünf Theile Chlorverbindungen und 
Salate, womnter das Kochsalz das Uebergewicht hat, zwei Theile 
Fett, 789 Theile Wasser. Die Speisen werden also zn Blnt, weil 
sie aus denselben Bestandtheilen als das Blnt bestehen , weil im 
Blnt niehts Anderes ist als was in den Speisen, nnd umgekehrt**) 

Dies gilt aber nur absolut oder abstrakt gesprochen. In der 
Wirklichkeit sind die Speisen, sehr undelikat und inhuman, mit 
nicht oder höchst schwer assimilirbaren StotTen vermengt, wie es 
der Zellstoff der ptianzlieheu , die elastische Faser der thierischen 
Speisen ist, ihre Bestandtheile entweder zwar nicht verschieden von 
den Bestandtheilen des Bluts, aber doch in einer solchen Fora 
nnd Verbindung, in welcher sie nicht assimilirbar sind, nnd daher 
erst aufgelöst werden mflssen, oder verschieden von denselben, in 
welchem Falle sie nicht nur erst gelöst werden, sondern auch dne 
Reibe von Vermittelungen und Verwandlungen durchlaufen müssen, 
ehe sie den Bestandtheilen des Bluts i;leichgcmaeht , und folglich 
Blut werden können. So wird z. B. das Stärkemehl durch die 
Einwirkung des MundspeiclieLs und Baucbspeiebels zuerst in Gunmii 
verwandelt, der Gununi in Zucker, der Zacker aber durch die Galle 
in Milchsäure, die Milchsäure in Buttersäure, welche das erste Glied 
in der Reihe der thieriscben Fette ist Hieranf eben bemht der 

*) Ich beschränke mich liii r \>\oa auf dio Blutbilduiig, obgleich die Eruährun!: 
im ei»!?orii Sinuc erst nach *lersclben beginnt. Aber ans dem Blut entsteht ja Alles. 
Haben wir Blut im Leibe, so fehlt üw» üichtti mehr, (iib loir einen Biatstiopfen und 

ich schafie Menschen. F. 

**) Der Satz der alten Philosophen: „Simile simili uutrlrii nou ili» aliijiiibaii cott" 
stamuä*\ i:>t demnach ganz richti|f. h\ 



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89 



Verdanangsprosess and die Versohiedcuheit der Speisen oder 
Nahnmgsmittel hinstehflieh ihrer Löslichkeit, Yerdaalichkeit nnd 
Nahrhaftigkeit. So heisst es S. 81: 

Je leichter die Kahmngsstoffe in den Verdanungsflttssigkeiten 

gelöst und in Blutbestandtheile umgewandelt werden können, um 
80 gröHser ist ihre Verdaulichkeit, doiiii die Verdauung besteht 
nicht nur in der Auflösung, sondern in der Umwandlung in die 
wesentlichen Stotfe des Bluts. Beide Bedingungen sind gleich- 
wichtig. Wenn also zwei Stoffe mit gleicher Leichtigkeit gelöst 
werdeni dann wird derjenige der verdaalicberc sein, der mit irgend 
einem Bestandtheile des Bluts die grossere Aehnlichkeit hat Ist 
aber bei zwei Kahrangsstoffen die Uebereinstunmnng mit Bestand- , 
theilen des Blnts gleich gross, dann ist der lOsliehere der ver- 
danlichere. 

Femer 8. 83: 

Unter den Nalinnigsmitteln sind diejenigen am verdaulichsten, 
welche am meisten leicht löslich und leicht in Blutstoff Ubergehende 
Nahrnngsstoffe enthalten . . . Nur was als wesentlicher Bestnndthcil 
m das Blut übergeht, ist überhaupt als NahrnngsstoiT zu betrachten, 
darum ein Nahrungsmittel um so nahrhafter, je verdaulicher es ist. 

Und S. 76: 

In der Sprache des Volks heisst jeder Stoff ein Nahrungsmittel, 
der Hnnger und Durst zu stillen vermag. Die wissenschaftliche 

Bestimmung des Begriffs der Nahrungsmittel ergibt sich aus der 
Ursache Jener Empfindung. Was dem Blute seine verlorenge- 
gangenen wesentlichen Bestandtheile ersetzt, und vom Blute aus den 
Kreislauf durch die Gewebe beginnt, das ist im weitesten Sinne 
als Nahrungsmittel zu betrachten. Nahrungsmittel, die dem Blute 
die Chlorverbindungen und Salze, Fett und Eiweiss wiederersetzen, 
stillen den Hunger. Der Durst wird gelöscht, wenn dem Blut das 
fehlende Wasser wieder zugeftlhrt wird. 

Nur die Nahrungsmittel, welche aus allen dreien oben ange- 
riebenen Gruppen Nahrungsstoffe enthalten, sind daher geeignet, 
(las nienschliche Leben in der normalen, gesetzmässigen , dem 
iiienschlichen Blut und Wesen gemässen Weise zu erhalten. ^Xir 
>«ehen hieraus, in welchem grasslichen, das menschliche Blut em- 
pörenden Widerspruch mit der Ordnung der Natur unsere angebliche 
sittliche Welt- oder Staatsordnung steht. Die Natur hat verordnet, 
dass der Mensch stickstoffhaltige KOrper verzehre, denn der 8tick- 
itoff ist ein wesentlicher Bestandtheil des Bluts, aber [die Staats- 



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— oo • 

Ordnung vertlainnit riizUlili^a' /n Xahningsmittelii, die dic;SL& wescut- 
lieben Blutstoflfü eutbchrcii. Ein solches uumen^rhlichcs uud uaUur- 
widriges Nahninj^sniittel ist vor Allem die Kartoflfel, wenn sie, wie 
es bei ttmern Voiksklassen der Fall, das einssige oder doch baopl' 
säcblielie Nabmngsmittel ist In seiner gereehten Indignation ntft 
der Verfasser aas (8. 124 %.)• 

Was soll man von einem Nahrungsmittel halten, in dem Eiwetss 
und Fettbildner gerade im umgekelirteu VerhUltnissc von deu Ei- 
Weisskörpern und dem Fott des Bluts vorhanden sindV Mit Fct! 
kann es das Blut und die Oewehe iihert'iillenj aber wie es das Blut 
nur ärmlich mit Kiweiss versorgt, so kann es den Muskeln keinen 
Faserstoff und keine Kraft, dem (uliirn weder Eiweiss noeh phos- 
phorhaltiges Fett zuführen . . . Trilges Kartoft'elblut, soll es den 
Muskeln Kraft znr Arbeit, dem Hirn den belebenden Sohwnng der 
Hoffnung ertheilen? Armes Irland! Du kannst nicht siegen in dem 
Kampfe gegen den stehen Nachbar, dessen ilpi)ige Heerden die 
Macht seiner Söldner ei*zcngen! Du kannst nieht siegen, denn deine 
Nalirung kann nur ohnmaehtige Verzweiflung, nieht Begreisternn^ 
erwecken, und nur Boireisternn«: verniai: es den Kiesen abi^uwebren, 
dem mit reicliem Blute Thutkralt dureli die Adern rollt. 

Wir sehen zugleich hieraus, von weklier wichtigen ethischen 
sowohl als politischen Bedeutung die Lehre von den Nahrungs- 
mitteln fttr das Volk ist. Die Speisen werden xu Blut, das Blut 
zu Hen und Hirn, su Gedanken und Gksinnnngsstoff. Menschliche 
Kost ist die Grundlage menschlicher Bildung und Gesinnung. Wollt 
ihr das Volk bessern , so gebt ihm statt Deklamationen gegen die 
J^iinde bessere Speisen. Der Menseli ist was er isst. AVer mir 
rtlanzenkost geniesst, ist auch nur ein vcgetireudes Wesen, hat 
keine Thatkratl. (S. 101): 

Wer kennt nicht die Vorzüge des englischen Arbeiters, den 
sein Boastbeet' krUftigt, vor dem italienischen Lazzaronc, dessen 
vorherrschende Pflansenkost einen grossen Theil seines Hanges sor 
Faulheit erklärt. 

S. 119: 

Bei ausschliesslichem Genuss von Kiüutem wird nicht nur 
die Mnskel kraftlos, sondern auch dem Gehirn wird wenig 8tofl 
zugelilhrt. Daher ein unentsehl(»ssener Wille und feiges Aufgeben 
der Selbständigkeit bei den Hindus und andern Tropen bcwohnero, 
die sich fast nur von (Tcmfisepflanzen ernähren. 

Daher auch bei ans der Sieg der Beaktion, der schmähliche 



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91 

Yeriuul' und Ausgang unserer sogenannten Märzrevolutiun, denn 
auch bei ans besteht der grösste Theil des Volks aar durch oad 
aus Kartoflblstopfem* Sollen wir aber desswegen yerzweifeln? Gibt 
es keinen Stoff, der die Kartoffel auch bei der ärmem Volksklasse 
ersetzen, der zugleich dem Volk männliche Gesinnung und Thatkrait 
einflössen kann? Jal es gibt einen solchen Stoff, einen Stoff also, 
der der Bürge einer bessern Zukunft ist, den Keim zu einer neuen, 
wenn auch langsamen und allmähligen, aber um so solidem Re- 
volution enthält: es ist der Erbsenstotl'. Er zeichnet sich durch 
seinen R6icbthnm an Phosphor aus, das Gehirn aber kann, wie 
wir bereits wissen, ohne phosphorhaltiges Fett nicht bestehen; er 
ist aberdem em eiweissartiger Körper, und zwar ein solcher der 
nicht nur den Klebergehalt des Brodes, sondern auch den im Fleisch 
enthaltenen Faserstoff bedeutend ttbertrifffc. — Indess ist es nicht 
genug, dass wir unter dem Volk, welches ja längst vor der Ent- 
deckung der thierisch -vegetabilischen Substanz der Hülsenfrüchte 
aus der Emphndung die Wichtigkeit derselben, besonders der Einsen 
erkannt hat, Propaganda lür den Erbsenstotl" machen, um durch 
die Salze und phosphorsauren Alkalien, die in den lliüsenl'rUchtcn 
in so reichlicher Menge enthalten sind, das faule Kartoffelblut des 
deutsehen Volks wieder in Bewegung zu setzen. Auch wir, die 
WUT nnverdienterweise so glücklich sind, nicht aliein von Kartoffeln 
zu leben, mttssen die Lehre der Nahrungsmittel zu unserer Richt- 
schnur nehmen, wenn wir einen guten Grund zu einer neuen He- 
volution legen wollen. Die Diät ist die Basis der Weisheit und 
Tugend, der männlichen, muskelkrät'tigen, nervenslarken Tugend; 
aber ohne Weisheit und Tugend gedeiht keine Revolution. Lassen 
wir uns daher vor Allem durch die Rolitik, so niederschlagend und 
ekelerregend sie auch jetzt ist , nicht den Appetit zum Essen und 
Trinken verderben, aber mässigen wir den Genuss durch die Kennt- 
oiss der Nahrungsstoffe, wie sie uns hier der Verfasser mittheilt, 
wenngleich uns die Empfindung von ihren Wirkungen längst gesagt 
bat, was uns die Chemie lehrt. Aber die Aufgabe des Menschen 
ist eben, den Grund der Empfindung zu entdecken, den Gegenstand 
der Empfindung zu einem Gegenstand des Wissens zu erheben. 
Nicht nut Gebet, mit Erkenntniss zu geniesscn, ist menschlich. 
Doch wir können dem Verfasser nicht bis in seine Diätetik und 
Zergliederung der einzelnen Speisen, Getränke und GevvUrze hinein- 
l'ojgen, empfehlen aber jedem Gelehrten, dem der Mensch mehr ist 
als das Buch, jedem Kttnstler, jedem Handwerker, jedem Lehrer, 



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jedem Vater, Jeder lIuuHl'ran dieses Buch als ein uneutbehrliches, 
als ein Buch, welches alle die Bedingungen ertittllty welche ku einer 
gesunden, ihrem BegriiTe entsprechenden, sowohl leiblichen als 
geistigen Nahrung erfordert worden. 



Zur „Theogoule*^ 

Ein- II ml Viol^ iHtrroi. 

Den Polytheismus aus dem Monotheismus ableiteui ist eben so 
viel| als wenn man den Menschen vom Abstrakten zum Konkreten, 
von dem Begriffe der Blume zu der Vorstellung der vielen Blumen 
kommen lassen wollte. Wenn der Mensch Hein Land fUr die Erde, 

seinen Bcrp; i'Wv den einzigen oder hWchstcn Her^, den IJcr^; der 
Hrr^T, Hi'iiuMi Fliiss l'llr das l'rvvasHer halten kann, so kann er aiicli 
einen (le^enstand der Nafnr, etwa die Sonne, auHscliliesslicii als 
das Fact(>tuin der Welt betrachten, so von dem Kindruck <lerscll)eii, 
der Macht derselben eingenommen 8ein, dass allen Andere daneben 
nichts ist, dass er nur diesem Einen seine Opfer, Gebete und son- 
stigen Huldigungen darbringt. Aber dieser Monotheismus fUllt selbst 
in das Gebiet des Toi} thelsmus, weil dieser Eine Gott nur Einer 
neben anderen ist, dem daher andere Wesen, wenn der Mcnncli 
zur Hinsicht kommt, dass auch Hie ein gcwielitigeH Wort mit drein 
roden, dass jener lOine nicht Alles thne, sich beigesellen können. 

Der eigentliche Monotheismus setzt d(Mi rnlytheismus voran«. 
lÜHtoriHeh selbst sehen wir dicMCS an den Uebrücrn, den Cbrlätcn, den 
Muhamedanem, welche zuerst . den J'ol^ theiBmuH hatten, und diesem 
dann den Monotheismus entgegensetzten. Die Hebräer sind nur dess- 
halb so oft vom Monotheismus abgefallen, weil sie ursprünglich 
Polytheisten waren, und der Mensch immer zu dem Alten zurück- 
kehrt, wenn er zu etwas Anderem, Neuem herangezogen wird. 
WHrc dagegen der MonotheiHmus das lirsprtingliehc, so würde der 
Mensch vom l'olythcismns in den Monotheismus zurllckgefallen sein; 
denn das Recht der Anti(|uität, das Hecht der Krstgehurt geht tihcr 
Alles, namentlich iu der alten Welt. Es gibt keine Abfälle, die 
nicht RUekrjllle sind — auHscr freilich ip der Theologie, in der 
Alles möglich ist, die die Welt auH Nichts macht, und nun nattirlicb 
auch einen Abfall aus Nichts zu Nichts. - • Der Mensch iUUt ab 
vom Angelernten zum Angebornen, vom Neuen zum Alten. Wenn 
der Mensch vom Alten zum Neuen ttbergeht, so goschieht es nur, 



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98 

weil jene« sieb abgelebt, weil es keine Maebt mehr Uber den 
KeDBchen hat; sein Abfall ist nur Rückkehr zu einer seiner Natur 
entsprechenden Vorstellung. Am deutlichsten sehen wir aus der 
Polemik der Kirchenväter gegen die Heiden, wie sich der Mono- 

tlicisimis mit Noth wendigkeit aus dem Polytheismus ergibt, in Folfj:c 
derselljcii ( Jesctze der Logik, mit denen sich aus irgend einer Menge 
gleichartiger Individuen der Begriff' der Gattung bildet 

Wo der Mensch viele Wünsche hat, nur in der Befriedigung 
dieser Vielheit sein Glück tindet, wenn er gleich diese vielen Wlinseho 
einem obersten Wunsche unterordnet, da hat er auch viele Götter, 
wenn gleich mit einem Oberhaupte. Wo dagegen der Mensch nur 
Emen Wunsch hat, und diesem Einen die vielen Wttnsche des 
menschlichen Wesens nicht nur unterordnet, sondern auch aufopfert, 
da verwirklicht er diesen absolut monarchischen Wunsch auch in 
einem absolut monarchischen, monotheistischen Wesen. 

„Der Glaube an hfdierc Uber der Natur stehende, oder iu den 
KrUlten derselben hausende und sie nach Willkür lenkende Wesen 
wurselt in der Tiefe des menschlichen Gemüths." 

Ja wohil aber diese höheren, über der Natur stehenden Wesen 
sind nur und gar nichts anderes als die Wünsche. 

Je grosser die Gefahr, je dringender die Noth, desto stärker, 
desto konzentrirter der Wunsch« In der Todesgefahr hat der 
Mensch nur noch den einzigen höchsten Wunsch, sein s))litter- 
nacktes Leben zu retten, „das reine Sein" der Philosophen. Dens 
nudus est, sagt Seneea, ein nacktes AV^esen, bcraiU)t des sinnver- 
blcudenden Schmuckes und Embonpoiuts der iiuiteriellen Wesen. 

Trotz ihrer Vielgötterei rufen die Chinesen doch in grossen 
Gefahren: Lac — Tien-Öche (0 grosser Herr, hilf uns!). Revue 
de l'Orient, Ausland, August 1844. 

Leibnitz und die WUnsclie. 

Was Leibnitz von dem metaphysischen Gott sagt, dass er 
gleichsam der Ort der Ideen sei, die Grundlage, das Subjekt, in 
dem die metaphysischen Begritfe oder Möglichkeiten, die ausserdem 
nur P]inbildungen wären, Existenz haben, realisentur, dasselbe ^ilt 
von dem physischen oder lebendigen Gott, dem Gott der mensch- 
lichen Wunsche and Begierden. Die Götter sind die Repositorien, 
die Sammelorte, die Ruhesitze der menschlichen Wttnsche, die 
msserdem von jedem Windhauch des Zufalls verweht, und m alle 



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94 

vier Weltgegenden zerstrent, spnrios vereehwinden würden. Die 
Zauberin setzt Himmel ond Hölle in Bewegung, greift zu den 
schauerlichsten Mitteln der Verzweiflung, nm das treulose Herz 
ihreR Geliebten zu durchbohren oder wieder an sich zu fesseln. 

Die ThörinI sie will eine Wirkung: ohne die Ursachi', eine Fol^e 
ohne ihr I'rinzip, eine Frueht, aber ohne die FruchthUnnie. Wie 
^nnz anders niaeht es die Venusglänhi^e, die sich in ihrer Noth 
an ein Wesen wemlet, das alle Herzen in Händen bat, alle »Schmerzeu 
der Liebe mit Leiebtigkeit heilen kann und vvirklieb heilt , wenn 
gie nur will, an ein Wesen , das die „prttstabilirte Harmonie'^ der 
Geschlechter in Person, das von Natur schon der erfüllte Wunsch 
der Liebe ist, und daher auch jedem Liebeskranken die BrftUInng 
seiner Wtlnsche verspricht und verbtirgt. 

Dan llerz — ein Polytheitst. 

Das menschliche Herz ist ein Polytheist, es hat unendlieh viele 

Wtinsehe und folj;lich unendlich viele Götter. Aber wie viele Wlinsebe. 
so viele FHicbe; wie viele Gr>ttcr, so viele Tenfel; wie viele \ ivats, 
s(» viele, oder eigentlieb noeb mehr Fereats. ,, Diese sollen stehen 
auf dem Berge (irisini, zu se}:;iien das Volk. Unil diese sollen 
stehen auf dem Berge Ebal zu Iluchen.'' 5. Mose 27, 12. 13. 

Der Eid. 

Der £id ist eine geistliche Tortur, denn ich will durch 
die Furcht vor dem Uebcl, die ich ihm drohe oder anhexe, wenn 
er falsch schwört, dem Eidleister eine Wahrheit oder Leistung ab- 
zwingen; ich will sein von mir unabhängiges Wissen und Handebi 
in den Kreis meines Wissens und Handelns hineinzaubem. Was 
die Zauberei, die Maf,ae, der Natur gegenüber, das ist der Eid dem 
Menschen gegenUl)C'r. Durch die Zaul)erei macht der Mensch n<»th- 
wendige Handlungen oder Wirkungen zu willkfirlichen, freien; 
durch den Kid treic Handlungen zu notliwcudigcn. Durch die 
Magie will der Mensch die Gesetze, durch den Eid die Freiheit| 
die Ungesetzlichkeit der Natur aufheben. 



U Ii s t r r Ii I i c h c S <: h a 1 1 0 ii. 

Ein Neuseeländer antwortete auf die Frage: wslh er unter einem 
Atua verstehe; — einen unsterblichen iSchatten. Ein anderer, 



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»5 

ein alter Häuptling, stellte einem Missionär gegenüber die originelle, 
kttfane Behauptung auf, dass „der Gott des Donners in seiner 
Stirn sitze." (Die Neuseeländer. Nach dem Englischen, Leipz. 1833.) 
So sind aber die G5tter, weil hier ein Wunsch nach Glttck nur die 

unbe^ninzte Furcbt vor Unglück, der wirkliche Wuiiscb mir ein 
flik'litiges Tagesj;-escbö])f ist, das Uber den Ocmiss eines Hratens 
siidi sell)st vergisst, niclit an die Zukiinl'l denkt und erst wieder 
mit dem Nagen des Hungers zum iSelbstbewusstseiD erwacht. 



Spiuoza's Liebe zu Gott. 

Wenn Spinoza von dem h(»cbsten Wesen seiner Philosophie, 
das er niissbräuchlich „Gott^' nennt, sagt, dass der Mensch es liebe, 
aber nicht von ihm wieder geliebt werde, so ist diese Liebe ohne 
Gegenliebe eine unglfickliche, aber gleichwohl die Unnmgttnglichkeit 
und Wahrheit der Selbstliebe darin bestätigt, dass dieses Wesen, 
welches in den Augen Anderer ein schaudererregendes Unwesen ist, 
in seinen Augen ein liebenswerthes ist, weil ein seinem Verstände 
nnd Wesen entsprechendes, Spinoza also in seinem Gotte wenig- 
stens sich selbst liebt, wenn er auch nicht von ihm geliebt wird — 
ireihch eine trostlose Einseitigkeit, die nicht verfehlen konnte, die 
Selbstliebe des Menschen aufs beltigste gegen den spinozistischen 
(Witt zu enipiiren. Die YoUkommene, dieeriUUte, glückliche Selbst- 
liebe ist die Liebe zu einem Wesen, von dem man wieder geliebt 
wird. Will man daher die Selbstliebe verwerfen, so muss man auch 
die Gegenliebe und überhaupt die Nächstenliebe verwerfen, und wie 
Nero den Menschen sammt und sonders nur einen Kopf wflnsehen, 
um mit einem gelungenen Streiche fttr immer der Selbstliebe den 
Garaus zu machen. 



Platoii und das Christciithum. 

Hefar lehrreich ist, wie Plate im 10. Buch der „Gesetze'' ver- 

lährt, um gegen die Atheisten und Materialisten seiner Zeit die 
Götter zu vertheidigen. Kr zeigt diesen Thilosophen, wenn mau 
anders Menschen dieses Gelichters mit dem Xamen Philosophen 
lieehren will, die Unwifeisenheit in lietrell" der Seele und ihrer Eigen- 
scbafllen. Sie haben nicht eingesehen, dass die Seele ihrem Ur- 
sprünge nach eines der ersten Wesen, dass sie vor den Körpern 
existirt; wenn aber diese dem Körper vorangeht, muss nicht Alles, 



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« 



96 

wa» mit der Seele verwandt ist, frlilier Bciu, als das Krirpcrlicbey 
Folglich mnfls die Meinung und die Voraussicht und die Erkenot- 
niss und die Kansi and das Gesetz vorher existirt liaben, und die 
ersten Operationen und Werke gehören der Kunst Die ProdnktioneD 
der Natnr nnd diese selbst sind also s|^ter nnd nntergeordnet der 
Knnst und Intelligenz. Der linterHchied zwinchen dem PlatoniftmnH 
nnd dem CliriHtentliinn int mir, (Ijish whh dort Sache der Spekii- 
liitioii, der AnHeinand('rs(*tznii^, hier Saclie des (ilauhens, d. h. 
zweileUoHer, unljedeul^lieher (iewi»Hhcit , da88 wa.s dort genetiseh 
der rhil(»H(»ph am Mich und Heiner Seele herau.SKpinnt, daher nur 
als Gedanke erscheint, in der Religion nnd Tlicologie nnmittelhar 
als ein existirendes, ansgemacfates, absolutes Wesen, welches eben 
Gott beissti vorausgesetzt ist; dass das, was bei dem Philosophen, 
weil ein im Gegensatz gegen den Materialismus ausgesprochener 
(icdanke, als eine bcHtrcit- nnd bezwcif'elbare Meinung erHcheiut, 
hier dienen Schein verliert, weil dieser Gegen«atz gar nicht vor 
liauden int 



^ipirilllalismuK und ^ensuailsmuK. * j 

Sytttem der Reehtspjiilofopble ran T^dvig Knapp. £rlaoseJi l%37. 

Der ge|;('iiwiirti;;e Streit /winehen (ieni SpiritualisninR nnd Ma- 
tcrialiHmUH wird ans einem lalschcii (irsichtspiinkt betrachtet, wenn 
man «ie »ich ais al>H(»hite (tcgenHätze vorstellt. Der iMaterialisinuB 
ist so alt nnd weit verbreitet, ain die Menschheit, ho einleuchtend, 
wie das Licht, so nothwendig, wie Wasser und Hrod, so unentbehr- 
lich, so zudringlich nnd unabweisbar, wie die Luft. Oer Spiritua- 
lismus ist nichts andres, als der spiritualistische Materialismus. 
„Nicht ist alles Fleisch einerlei Fleisch, sondern ein anderes Fleuch 
ist der Mengchen, ein andere» de« Vichc». Und ch »ind himmÜHche 
Kiirj)cr und irdinehe Körper." Aher gleichwohl ist allen Fleiwch, 
wenn auch nicht einerlei FleiHch, docli iiimierliiii Meise h, nnd aller 
Körjjer, auch der liinindiHche, der (iattiing nach ehen ho f^'ut K'nper, 
als der irdische. Nicht ist also aller MaterialiHniUH einerlei Mate- 
rialisninH, Hondem ein anderer der, welcher den (U'\Ht oder die 
Seele als ein von dem K<)rper ^ versteht sich dem Körper, wie 
er auf diesem Standpunkte bekannt ist und vorgestellt wird — 
nnterschiedenes, ein anderer der, welcher die Seele als ein mit dem 

,<lalirhiioderf% 2. Semester m*i, Nr. 2S, 8. 410 — 412. 

* 



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07 

Körper identisches Wesen betrachtet; aber gleichwohl ist die Seele, 
welche sich im Leben logisch vorn Leibe unterscheidet, um sich im 
Tode lörmlich, d. i. leiblich von ihm zu trennen und in himmlische 
^ Kcgionen emporzuschwingen, auch ein materialistisches, nur phan- 
^ tastisch materialistisches Wesen. Selbst der philosophische Geist 
der Modernen, wie der Geist des Cartesius, welcher sein Wesen 
nur iu's Denken setzt, ist ein solches phantastisch und versteckt 
materielles Wesen, da er, obzwar ein dem Gedanken nach vom 
Leibe unterschiedenes und unabhängiges, doch zugleich der Erfah- 
rung nach ein „mit dem Leibe innig verbundenes, ja gleichsam 
vermischtes" Wesen ist; denn wer kann mit dem Leibe verbinden, 
was nicht leiblichen oder doch „gleichsam" leiblichen Wesens ist; 
wer in Zusammenhang bringen, was niclit an und für sich seiner 
Natur nach zusammengehört; wer Ungereimtes zusammenreimen, 
wenn nicht anders die Verbindung von Leib und Seele, Körper 
und G^ist ein Ausdruck der reinsten Verrlicktlieit, Ja Tollheit sein 
soll? Der gegenwärtige Kampf zwischen Spiritualismus und Mate- 
rialismus ist daher nur der Kampf zwischen dem alten und neuen, 
d. h. dem himmlischen und dem irdischen, dem phantastischen und 
dem realistischen, dem gemtithlichen und dem gesetzlichen, dem 
willktirlichen und dem konsequenten, dem versteckten und dem 
offenen, dem unwissenden und dem bewussten, wissenschaftlichen 
Materialismus. Es ist hier nicht der Ort, diese paradoxe Behaup- 
tung allseitig durchzuführen; es werde daher nur ein flüchtiger 
Blick In das Gebiet geworfen, dem die vorstehende Schrift angehört. 

Der Verfasser derselben gründet das Recht, und zwar in allem 
Ernste und mit schonungsloser Strenge, auf „den naturwissen- 
schaftlichen Materialismus". 

Das Recht, das heilige, hochgeborne, allerdurchlauchtigste Recht 
auf de» pöbelhaften Materialismus gründen — welche Verrücktheit 
und zugleich welche Frivolität! 0 ihr Herren und Damen von 
Gottes Gnaden, ihr geistliche und weltliche Herren sammt und 
sonders, ja selbst auch ihr Handels-, Bürger- und Bauersleute — 
denn auch ihr habt ja einige, wenn auch nicht wohlgcborne, doch 
wohlerworbene Rechte — seht, wie hier eure Rechte in den Koth 
getreten werden; aber seht: das ist das saubere Resultat, das die 
reifste, aber gottlob auch letzte Frucht des modernen Materialismus, 
denn jetzt hat er den äussersten Grad des Frevels und Unsinns 
erreicht. Djss er uns Gott und unsere unsterbliche Seele nimmt, 
das kann man sich wohl noch gefallen lassen; ohne Gott 

UtAb, Feuerba<-h!* Briofwüchaul u. Narlilass. U. 7 



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und Seele kann man in diesem zeitlichen Leben anskonimen; wir 
bran«hen sie ja so nur als Bürgschaft ilUr ein zukünftiges Leben. 
Ueberdies sind beide nngewiss, wenigstens bestreitbar; aber wer 
nns nnser einzig Gewisses und Unbestreitbares, unser Jus certmn 

iiimint, unser allertlicuerHtes, herzallerliebstes Hecht an die profane 

Materie oiitiiiisscit , der ninnnt uns unsere Kxisten/ nelbst F(»ri 
also mit dem Frevler au den Galgou oder doch wcuighlcub an den 
l*ranj;'er! 

Mit H<dcliein Zctcr-Mordio-GcHchrci vcrkUndelc ein Artikel der 
löblichen Au;;sl)Urgcr All-crneinen Zeitung die Erscheinung dieser 
Schrift und zeigte zugleich als Corpus delicti zur Rechtfertigung 
dieses Geschreis ein Paar aus der Mitte herausgerissene, krass- 
klingende Stellen dem entsetzten Publikum vor. Die Hauptstelle 
war diese: „Die sitttieh zwingenden Affekte bilden das Gewissen, 
die Hittlicli zwingenden Handlungen Idlden den KeelilKzwauf^, der, 
j;attunirsiiiässif^ j^e;;liedert, als St;iaf Sf;-e\valt i'rsclieinl. Anstatt nls« 
das («ewissen als unsirlithares Kloiil^espenst, und den Staat unter 
irgend einem Ideale anzuseliauen wie üiü sich von dem Hieneu- 
korb Iiis zu dem (iottesreieh stulen f)der, anmasslich nichts* 
sagend, ihn mit der naturwissenschaftlich als Erkiärungsgrund längst 
abgelegten Redensart des Organismus abzutbun/ fassen wir beide 
Begriflfe an den wirkenden leiblichen Gebilden ihrer konkreten 
Träger und Produzenten an und suchen das Gewissen unter den 
Leistungen der unbewussten und den Staat unter denen der be 
wussten Muskelerregungeii auf. .la, da es uns erlaubt, sein muss, 
einen spii ilualistiHt'li jdianlasliseb so vielbeleekliii (ie^^enstand not 
den sehrotlsten Ausdrücken der sinnlichen Krkenntniss zu Uber- 
Stacheln, HO dUrlen wir sagen, dass die glatteu, blassen, weichen, 
ntis strukturlosen Fasern zusammengesetzten und die das Ilerz bil- 
denden Muskeln des vegetativen Systems, indem sie vorherrschend 
den Affekten dienen (S. 42), vorherrschend die Moral, — und dass 
die quergestreiilen, rothen, in PrimitivbUndel gefaserten Muskeln 
des animalen Systems, indem nur sie die Handlungen verniittclD 
und auch, im (JegenHatz der ersten, :ilkiii /u (Jericlitslolge, Land- 
sturm u. dgl. verknüpt bar sind, das llvchl V(dlzieben/' (S. l^JJ.) 
Welch' ein (juerköpliger rotlier Materialismus? Wer hat je so waü 
gehört oder gelesen V Was bedarl es mehr als diese eine btelle, 
um den Schult <dine VV^eitere» dein Henker zu (IhcrgehenV 

Gleichwohl hat schon im siebenzebnten Jahrhundert — habt 
Respekt! — ein Comes palat. eaes. und Professor primarius et 



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Ordinarius, Herr S. Strykins eine latetnisehe Schrift von dem 
Rechte der Sinne, de jure sensuum geschrieben, worin er Alles, 

was sich im Kriminal- und Zivilrecht über die Sinne zerstreut und 
gelegentlich vortindet, zusammenstellt und erläutert, zuerst die jtiri- 
stisehe Bedeutung der Sinne im All^-emeincn besprichtj hier die Noth- 
wendigkeit der sinnlichen Erkeuntniss, die necessitateni 
Seientiae Sensualis besonders für den Richter hervorhebt, dann 
die Rechte der einzelnen Sinne, des Auges, des Gehörs, des Getastes, 
des Grescbmaclcs, des Geruchs abbandelt. Was bedeutet aber das 
,,Recht der Sinne^', der „leiblichen Sinae'^, wie es in einer Kotariats- 
Verordnung des Kaisers Maximilian heisst, anders, als die Sinn- 
lichkeit und Leiblichkeit des Rechtes? Wenn z.B. der Gesclimack 
und Geruch vor Gericht die Aechthcit oder Unin htheit, die Iden- 
tität oder Verschiedenheit eines Weines, eines l»Jilsnms oder sonst 
eine« kostbaren StotVes bezeuj^-en und so den Streit zwischen Mein 
nnd Dein entscheiden, was sagen sie anders aus, als dass es nicht 
nur überhaupt dingliche, sondern selbst auch sclnncck- und riech- 
bare Rechte gibt? Ist aber nicht damit zugleich ausgesprochen 
und juristisch bewiesen, dass das Subjekt des Rechtis, das berech- 
tigte Wesen zwar allerdings ein wollendes nnd inrissendesy aber 
wesentlich zugleich auch fUhlendes, sehendes, schmeckendes, kurz 
sinnliches, leibliches, materielles Wesen ist? 

„Ich will, also habe ich'^, Volo er^o habeo (Gundling, von 
Krlang. des Eigenth. ohne Bcrlüirung und kruj). Bewahr.); aber ich 
habe nur, weil dieser mein Wille schon das antizipirte Ilaben ist, 
weil ich mit dem Willen, in Gedanken schon voraus in Händen 
habe, was ich nachher wirklich, leiblich in Händen habe oder haben 
kann. Wo kein körperliches haben Können, ist auch kein reebt- 
liehes haben Wollen, sonst könnte ich auch das Eigentliumsreeht 
von Sonne, Mond und Sternen beanspruchen. „Was an körper- 
liebem Besitz abgeht, ergilnzt der Wille, die Absicht, der Geist'', 
aber nur weil umgekehrt, was dem gewollten oder geistigen Besitz 
mangelt, der körperliche ergänzt. So ergänzt auch der Galgen in 
der Vorstellung, was demselben in der Wirklichkeit Ichlt — näm- 
lich das Dasein an Jedem Orte; aber dennocli vertritt dieser ideale 
Galgen nur die Stelle des materiellen; ausserdem wäre es wider- 
sinnig und widerreehtlicb, den Dieb anders als in der blossen Furcht 
und Idee des Galgens zu erhftngen. Kurz, das blosse Wollen nnd 
Denken reicht nicht hin zur Begründung des Rechts, auch nicht 
des Kigcnthnmsrechtes oder Besitzes. Animo et oorpore possessio 

7* 

98125 

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ac^ointar, heisst es nach dem Römischen Recht im Rechte der 
Sinne (de effecta tactns in eiiii.). Und im Natorrechle heiast ea 
schon seit Christ Thomasias, dem jflngern Zeitgenossen and Geistea- 
verwandten vom Verfasser des Sinnenrechts, wenn aneh nicht mit 
derselben Bestimmtheit ausgesprochen, wie bei Kant: ,,da8 Reeht 
ist mit der Belugniss zu zwingen verbunden". Dieser Satz sagt 
aber nichts anderes aus als: das Recht ist nicht nur mit dem Wollen 
und der Intelligenz, sondern auch mit dem Corjnis, mit dem Leibe 
in nothvvendiger und wesentlicher Verbindung zu denken; das Hecht 
ist das Beeht| nicht durch Worte und Grflnde, durch Beweise von 
Intelligenz nnd gutem Willen, sondern durch physische Gewalt sieh 
geltend zn machen, d. h. das Zwangsrecht ist der liandgreifliehe 
Beweis von der groben MaterialitSU nnd Körperiichkeit des Rechts; 
Zwangsrecht ist Fanstrecht — nur mit dem Unterschied von 
dem gewöhnlich so genannten geschichtlichen Faustreeht,*} dass 
hier die Faust das Hecht, dort aber das Recht die Faust macht 
Was ist aber die Faust, womit der Mensch seine Zwangsrechte 
geltend macht, selbst das Jus gladii, das Recht über Leben und 
Tod handhabt, olme Muskeln? Worin besteht also das Verbrechen 
UDsers Yert'assers ? Kur darin, dass er an die Stelle der populären 
Faust den anatomischen Muskel, d. h. an die Stelle des popnlftren 
nnd empirischen Materialismus des positiven Rechts den nnpopn- 
lären, naturwissenschaftlidien, an die Stelle des im Begriffe des 
Zwangsrechts versteckten, heimtückischen Materialismus des Katar- 
rechts den bewussten freimlithigen Materialismus geset/-t hat. Wenn 
man freilich die angeführte Stelle so für sich liest, wie sie der 
löbliche Rezensent pertider Weise hingestellt, losgerissen von 
den vorausgegangenen, höchst beaehtungswerthen physiologisch- 
psychologischen Erörterungen des V^erfassers, wo es z. B. von der 
Muskelthätigkeit heisst: „jede geistige Mittheilnng und Bethätignng 
ist, in der bewussten, wie unbewussten Form, an die Muskelfaser 
geknttpil, ohne deren Zusammenziehung es keinen Blick der Liebe, 
kein Bmdenvort der Freundschaft, kein Werk der Kunst und der 
Wissenschaft gibt'' (S. 63), so erscheint diese unmittelbare Verbin- 
dung des Gewissens und des Keehts mit dem Muskel als der Aus- 
druck eines krassen, ja fast verrückten Materialismus. So erschien 
sie auch mir, dem Schreiber dieses, und da der Mensch immer 
gleich vom Kinzeiucn auf das Allgemeine, vom Theil auf das Ganze 



*) S. ÄDsebn v. Peaerliadi ,,BeTisioa** etc. IL III. 



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-- 101 

schlicsst, 80 vcrurtheiltc ich kurzweg auf den Eindruck dieser Stelle 
hin die Schrift, ohne sie noch «n Gesichte bekommen zu haben. 
Als ioh aber zufälliger Weise gerade einige Tage nach jenem Zeter- 
Mordio-Gesehrei die Schrift \on meinem Buchhändler zhgeschickt 
erhalten hatte, und nun nicht nur die einzelne losgerissene Stelle/ 
sondern dss Ganze von Anfang an durchlas, wie bat ich noch 
während des Lesens den Verfasser um Verzeihung wegen des Un- 
rechts, das ich in meinem Geiste ihm aiifj^ethan hatte! Wie war 
ich erstaunt tiber die Besonnenheit, die Gründlichkeit, die Scliärfe, 
die Originalität, den leider nur in einer zu abstrakten und schwcr- 
Terständ lieben Sprache niedergelegten Gedanken- und Bilderrcich- 
thum des Verfassers; aber auch wie erstaunt Aber das Elend des 
deutschen Spiritualismus, welcher bedeutungsvolle Worte dadurch 
zu widerlegen glaubt, dass er sie entweder ignorirt oder bei dem 
allgemeinen Publikum verQchreit 



Dr. Frledrieh Wilhelm Heidenreieh, 

praktischer Arzt, gcboicu 179S, gestorben fi. Dezember 1857 zu Ansbach.*) 

Obwohl die . heilige Schritt mit klaren Worten sagt: „der 
Arbeiter ist seines Lohnes werth", so steht doch die Praxis unserer, 
der Theorie nach so exakt christlichen Staaten oft genug im 
sebreiendsten Widerspruch mit diesem Bibelspruch — freilich wohl 

nur aus dem orthodoxen Grunde, weil dieser Ausspruch, wie die 
inspirationsgläubigen Theologen selbst ausdrücklich bemerken, nicht 
dem heiligen Geiste, sondern nur dem gesunden d. h. gemeinen 
Menschenverstand seinen Ursprung verdankt, der christliche Staat 
aber dem kommnnen Rechtsbewusstsein widersprecben, das Credo 
qoia absurdum in ein VoIq quia absurdum verwandeln muss. Was 
aber der Staat dem Menschen versagt, das gewähre ihm die Wissen- 
scbaft, die freie selbständige Wissenschaft, und kann sie auch 
nicht mehr dem Lebenden den Lohn geben, dessen er werth, so 
gebe sie wenigstens dem Todten die ihm gebührende Ehre. Möge 
es daher „das Jahrhundert'' einem seiner Leser verstatten, in seinen 
Räumen den Manen eines solchen unbelohnten, obgleich rastlosen 
Arbeiters im Dienste der leidenden Menschheit und Wissenschaft 
ein kleines Denkmal zu setzen — ein Denkmal, das zwar der 
Ausdruck inniger Freundschaft ist, aber einer Freundschaft, die 



«) ^ahilNiiiderr* 1858, Nr. 27, S. 421—425. 



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102 

weiss, (lass sie den Freund nur ehrt, wenn sie ihn in seineiu 
Geiste und Sinne ehrt und daher von allem l)los Persrniliehen ah- 
sicbt, nur hervorhebt, was vom Freunde nicht dem Freunde allein, 
sundein der Menschheit Uberhau[)t angehört. Zwar bedarf derselbe 
keines Deukmals von fremder Hand, deon er hat sich selbst genüg 
Denkmale in seinen Schrii'ten gesetzt Aber da die Aufgabe seines 
Lebens, die Ueilkonst, auch die wesentliche Aufgabe seiner sehriA- 
stellerisehen Thätigkeit war, da er bei aller Vielseitigkeit seines 
Wesens und Wissens Alles, was er schrieb nnd trieb, anf die 
Medizin als seinen Endzweck bezog, so ist sein Name nur dem 
ärztlichen rublikiini ehrenvoll bekannt. L'nd doch verdient Heiden- 
reich jedem Ficunde der Naturwissenschart bekannt zu werden; 
denn so sehr er nur lür seinen ärztlichen Beruf lebte und dachte, 
SO seht er Arzt mit Leib und Öeele war, gebomer, nicht nur ge- 
machter Arzt, Arzt nicht nur von Kopf, sondern auch von Herzen, 
ans nnd mit inniger Theilnahme an der leidenden Menschheit; so 
war doch seine medizinische Richtung selbst eine universelle, und 
zwar nicht insofern, als sich sein Wissen, wenn auch nicht, was 
sich von selbst versteht, seine technische Fertigkeit Uber alle Zweige 
der Medizin erstreckte, sondern desswe-^cn, weil die Vereinigung 
der Physik und Medizin, die Ijcziehung und Anwendung; der all- 
gemeinen Nalurlehre auf die lleilkunst, mit einem AN'urte: die 
medizinische oder therape utische i*bysik — eine neue, noch 
im Werden begriifene Wissenscbat't — der wesentliche und charak- 
teristische Gegenstand seines Geistes war. 

„Längst, sagt Heidenreich (Elem. d. therap. Phys. S. 6.), kennt 
man den Druck der Luft, die Temperatur und FenchtigkeitssSttigung 
der Atmosphäre, man berechnet die Erzeugung and Konsumtion 
von Sauerstoffgas in einer gegc])enen Gegend, man kennt die 
gcognostische Formaiion, Elevation u. s. w., lauter Dinjrc, die ii herall 
und zu jeder Zeit uns umgehen und wie wenig sind solche \'erlialt- 
nisse, die Klemente unsers Lel>ei»s, unser pahulum vitae ( Lchensfutter) 
zur und l'lir die Therapie benutzt.' Wie viel Hesse sicii durch Hegu- 
lirung der Temperatur der uus zunächst umgebenden Atmosphäre, 
durch \'crmehrung, Verminderung des T.nftdrucks, durch Hersteilung 
oder Ableitung der Elektrizität, durch künstliches Klima für unsere 
Kranken leisten, und wie wenig ist geleistet und geschehen, so dass 
wir kaum budimentc, Versuche, Andeutungen kennen! Dennoch 
scheint die Zeit gekommen, dass die physikalischen Momente, 
welche die erste llulitc dos Jahrhunderts ^elunden und entwickelt 



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I 



- ~ 103 

bftly om (IcMHcii Mitte und in der zweiten Hälfte naeh und nach 
za tberapentbcher HedetttaDg and Wirksamkeit gelangen. Es wird 
die Zeit nicht mehr ferne liegen, in welcher eine sieh seihst be- 
wmte pli>8ikalisehe Therapie eine grosse Rolle in der Heilknnst 
flhemebmen wird. . . Dazu beizntraf^cn, dieses Hewnsstsein zn er- 
wecken, die Xoth wcndi^koit ein er pli ysikaliHclicn Therapie 
*Iar/ntfnin und ihre M «i ^ 1 i c h k i t aus den vo r h Ji iid e ii e n 
I» II d i III (• Ii t c II / II h(i w (■ i H (' II , ist die Anfgahc * .seines Lehens und 
OenkenH, die Aulgabü seiner interessantesten and bedeutungsvollsten 
•Sebril'ten gewesen. Diese sind seine K 1 c m e n t c e i n e r m e d i z i - 
nitchen Physik. Erste« Heft Das Leben der unorganischen 
Nator'', Leipzig; 0. Wigand, 1843; ferner: ,,die physiologisehe 
Indoktion, ein Beitrag zur medizinischen nnd Nerven-Physik'', Ans- 
bach, Gomtni, 1846; endlich die soeben an^^eftthrten Elemente 
der T he r;i]) e u t i HC h e II l'hysik'*, Leipzi^,^, 0. Wigand, — 
die Krone seiner Seliriiten, ebenso lebrreieh dem Inhalt, als geist- 
reieli der Form nach. 

Einheit des MeiiHehen mit der Natur, Einheit der Natur mit 
Hieb selbst bei aller Verschieden artigkeit ihrer Wirkungen und 
Erscheinungen ^ diese Idee, ,ydie Idee von der Einheit alles 
Lebens^' ist es, die Heidenreich beseelte, in seinen medizinischen 
ond natarwissensehafUlchen Anschauungen und Bestrebungen leitete 
ood bestimmte. Erfilllt von diesem Oedanken, konnte er die bis- 
beripifC oder vielmehr damalige, die Njitiir in eine Menge besonderer, 
iiocli dazu grosscntlieÜH erdirhfeter Stolle und iüiilte zersplitternde 
l'hvsik nicht ohm-. Weiteres zum lösten der Tlierapie verwenden; 
er niusste seihst erst in ein therapeutisches, ein kritiselies Vcrhidt- 
niss zn ihr treten. Dies gesebiebt in seinen Elementen der niedizi- 
nisehen Physik; sie enthalten eine „positive Kritik der bisherigen 
Natarwissensehaft^' — eine positive, weil er die Phy«ik nicht nur 
„von der sie noch belastenden Menge selbstgesehaiTener, hypoihe- 
taseber .StolTe nnd Kräfte zu befreien", sondern zugleich auch, voll- 
ständig mäehtig des reichen thatsäcbtichen Stoffes , eine wirkliche 
Anschauung „von der Natur der Dinge iu ihrer Einheit und Wahr- 
heit'' zu g(!hen sueht, Tud er lindct diese Einheit der versehiedencn 
Naturerscheinungen oder NaturkrUt'tc , nainentlieh der Elektrizität, 
des Magnetismus, der chemischen Verwandtschalt, der Krystallisation, 
der hwere selbst, in Licht und Wärme. ,.Fort mit der Attraktion 
and Repulsion als eigenen für sich bestehenden Kräften! Der 
Physiker nimmt nur besondere Kräfte an, wo er sich nicht anders 



zu hellen weiss.*' Wärme, als das Alles Ausdehnende, Auflösende, 
Schmelzende, VerHUchtijjeude, ist das „generalisirende Prinzip der 
Natur", ist Repulsion; sie hält die Atome, wie die Körper ans- 
eioander; Lieht ist die Ursache ihres Zusammentretens, Liebt ist 
Attraktion, Licht ist „kosmisches Individaalisirangsprinsip''. Aber 
Licht und Wärme, jenes die Ursache des Magp^tismos, diese die 
Ursache der Elektrizität, sind von einander nnabsonderlieh, weeii 
sie gleich nicht immer zng:leich erscheinen; sie verhalten sich za 
einander, rufen sich gegensciti«: hervor, wie Aktion und IJeaktion — 
Licht ist Keaktion ge^'cn die Wärme, Wärme «regen das Liehr* — 
aber beide rcduzirm sith aul' Sclnvinguugen des Aethers und l»e- 
stätigen so auf eine ebenso den Kopf erleuchtende, als das Herz 
erwärmende Weise die „Idee von der Einheit im Leben der Xatiir**. 

Mit demselben Lichte und derselben Wärme, womit der Ver- 
fasser der Elemente einer medizinischen Physik die Einheit der 
Qnoiig;anischen Natar hervorhebt, erfasst nnd beleuchtet er auch die 
erhabendste Idee nnd Ermngenschaft der neuesten Zeit, die Idee 
von der Einheit der organischen nnd unorganischen Natur. „Lange 
plagto man sich, sairt er z. H. in einem kurzen Vortrag über ,.die 
Bedeutung der medizinischen Physik-', Ansb. 1?^4G, und quält sich 
zum Theil noch immerfort, die Verhältnisse der Lebenskralt zu ver- 
schiedenen dynamischen, chemischen, mechanischen Prozessen des 
Organismus aufzusuchen nnd festzustellen, und »sonst verdienstliehe 
nnd geistreiche Werke scheitern im eitlen Kampf des Vitalisimia 
(d. h. der Lehre von einer besondem Lebenskraift) mit dem Che- 
mismus und Mechanismus. Wollte man sieh aber zu' der Ansicht 
erheben, dass alles Leben nur ein Einziges, nur Eines sei, nur auf 
den verschiedenen Stufen seines Erscheinens einmal ehemisch, ein 
andermal mechanisch und noch ein andermal dvnamisch sich otfen- 
bare, so \vUr(le es aiulois und hoffentlieh besser stehen um unsere 
Physiologie; mau würde erkennen, dass die Digestion ein Akt des 
organischen Chemismus, die Bewegung unserer Gelenke, unser 
Kauen und Beissen ein Mechanismus, die Perzeption durch die 
Sinnesoi^ane eine dynamische Erscheinung sei, man würde ein- 
sehen, dass hier eben gerade so und nicht anders das Leben sich 
offenbare und sich nicht ferner mit vitalischen Theorien nnd Ver- 
mittlungen plagen." Doch „bald wird die Zeit kommen, sagt er 
(Thorap. Plivs. 8. \'2), m welcher fast die ganze Physiologie in 
einer Physik und Chcniie des organischen Lehens aufgehen und 
für das bisher sog. bpezitische oder Vitale nur sehr wenig mehr 



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105 



ttbrig bleiben wird, und Pathologie und Therapie nachfolgen mUssen, 
80 dasB eine therapeutische Physik und Chemie so ziemlich den 
ganzen Heilapparat ausmachen wird." In Folge dieser Ansicht 
und Ueberzeiignng bestand denn auch die theoretische oder rein 
naturwissenschaftliche Thiltigkeit TIeidenreiehs hauptsächlich darin, 
zu beweisen, dass es kein besonderes Le))ens- oder Nervenprinzip 
gebe, dass das Wesen der Nerventhütigkeit wie das der sogenannten 
Imponderabilien auf Oszillationen, Schwingungen, Wellenbewegun- 
gen beruhe, dass Überhaupt in der organischen Natur dieselben 
Gesetze wie in der unorganischen gelten und wirken. ^^Das Schwin- 
gen einer Glocke erscheint dem Ohr als Ton, dem Auge als Be- 
wegung, (tem Gefühl als Erzittern, und gerade so kennen Oszil- 
lationen Überhaupt einmal als Licht, Wärme, Magnetismus, Elektri- 
zität erscheinen, ein anderes Mal das Wesen der Nervenaktion 
ausmachen/' (I)ic j)]iysiol. Indukt. S. 20.) Er bleibt al)cr nicht 
bei dieser Identität der Nerventhütigkeit nnt den Schwingungen der 
Imponderabilien im Allgemeinen stehen; er sucht zu beweisen, dass 
es eben so gut eine Nerveninterferenz gibt^ als eine Interferenz der 
Lichtstrahlen, der Schallwellen ; er findet wenigstens ftir die physio- * 
logische Thatsache, dass durch heftige mechanische Bewegung oder 
durch den blossen Willen ein Schmerz unterdrückt oder doch gemildert| 
umgekehrt durch Schmerz krankhaile Beweguni;, also Empfindung 
durch Bewegung, Bewegung durch Empfindung aufgehoben wird, 
eine gentlgende Erklärung nur in einer „wahren neurologischen 
Interferenz/* Ja, er glaubt selbst die von der Elektrizität und 
dem Magnetismus geltenden Gesetze der Vertheilung und Induktion 
— welches Wort jedoch H. in einem engeren Sinne nimmt, als es 
gewöhnlieh genommen wird — auf die Nervenphysik „Ubertragen" 
and folglich behaupten zu dttri'en: „es verhalte sich die Wirkung 
der Nerven auf Nerven, wie Vertheilung (d. h. wie Erregung der 
Blektrizitftt durch Elektrizität, des Magoefismus durch Magnetismus), 
die Wirkung der Nerven auf andere Gebilde (vorerst die Muskeln) 
und die Rückwirkung anderer Gebilde (namentlich des Bluts) auf 
die Nerven, wie Induktion" d. h. wie Erregung des Magnetismus 
durch Elektrizität oder der Elektrizität durch Magnetismus. Damit 
will er aber keineswegs behaupten, dass die physiologische Induktion 
genau auf dieselbe Art und Weise, wie die physikalische geschehe, 
denn „die Identität der Gesetze der organischen und unorganischen 
Natur ist noch keineswegs eine Identität der Erscheinungen 
8. S2, wohl aber, dass sie auf analoge Weise nach dem Gesetze 

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106 



der physikalischen Induktion ^escliclic: \]m\ 'von der luduktioQ 
in diesQiu, den Unterschied der KrBithcinnngs- oder Wirkuogsweise 
nicht ansschliessenden Sinn nimmt er mit Recht keinen Anstand 
zn behaupten, dass Bie selbst auch „dir die psychische Sphäre des 
Lebens gelte" S. ?8 — ein Sat«, der den Verfasser am Schlüsse 
seiner Selirit't über ilie plivsioloi^iselic Induktion aut" das peinlielie 
Kapitel von der nienschlieheu Freiheit brinj^l und zu dem el)cn so 
wiehti;j:en als riehtii^eu Aussprueh veranlasst, dass sich zwischen 
dem 8[)uiitaueu, Willkürlichen und Unwillkürlichen im Menschen 
ebensowenig eine Gränze angeben lasse, als zwischen dem Hirn 
(dem Organ der spontanen, willkürlichen) und dem Rückenmark 
(dem Organ der exzitirten, d. h. nnr auf Reiz erfolgenden Bewe- 
gnngen). „Die Rttckenmarksstränge verlaufen im Gehirn» das Ge- 
hirn setzt sieh in das Rückenmark fort, eine definitive Gränze 
• setzt hier nur die Guillotine oder das Henkerbeil." 

Ileidcnreich hat alier diese seine Ansichten und lieweise von 
der Einheit des organischen und unorg-auisehen Lebens nicht etwa 
nur aul" die licreits vorhandenen, von Anderen gemachten Ent- 
deckungen unil Erfahrungen, sondern auch auf eigene, selbständige 
Versuche und Beobachtungen gegrlimU t — so denn auch seine 
ebenerwähnten Ansichten von der physiologischen Induktion. Wir 
sehen jedoch hier von diesen und andern Versuchen ab, beschränken 
uns nnr auf ein, aber ihn besonders charakteristrendes, von ihm 
selbst oft nnd angelegentlichst besprochenes nnd wiederholtes Ex- 
periment. Es bestand dieses darin, dass er, zuerst um zu erfahren, 
ob, dann, um zu beweisen, dass, wie die thierisehe oder organische 
und nnorganiselie Elektrizität die nändiche, so auch der Magnetismus, 
d. h. der mineralische, nicht der sog. thierisehe Magnetismus, der- 
selbe im Organischen und Unorganischen sei, dass er also zu 
diesem Zwecke mit Drathspiralen , die mit Seide umsponnen nnd 
zu Leitern des elektrischen Stroms gemacht waren, seine Finger, 
Hände nnd Axm€ magnetisch machte, so dass sie die Pole eines 
freihängenden Magnetstabes je nach der eigenen erhaltenen PolaritSt 
anzogen oder abstiessen, ja durch Vervielßlltigung dieser Spiralen 
seine beiden Arme mit Händen und Fingern „in einen lebendigen, 
organischen Hufeisenmagnet verwandelte, so dass die eine 
Hand den Nord-, die andere den Südpol anzogt*. Man hat nun 
zwar die Uichtigkeit dieses Versuchs und des daraus gezogenen 
Schlusses bezweifelt, man hat die Einwirkung auf den Magnetstab 
oder die Magnetnadel nnr anf Rechnung der ludnktionsspirale setzen 



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107 

wollen; aber llcidcnrcicli war ein viel zu iiuislohtigcr mul viel- 
seitiger Beobachter und Experimentator, als dav er die Einwürfe 
seiner Gegner niebt selbst schon während seiner Versuche sich 
gemacht hätte. £r hat nicht nur den Einfluss der Spirale auf den 
Magnet in Anschlag gebracht, sondern aneh den genauesten Mes- 
8unji:cii iiuterworfen , aber gerade dadurch gelundcn, daBS dieser 
Einlliijss last um das doppelte geringer war, wenn die S[)irale 
allein lur sieh dem Magnete geniihert wurde, als wenn der Finger 
oder die Hand in ihr stak, diese Glieder also nothw^endig sell>st 
magnetiseh sein mussten. Man sehe hierüber seine Physiol. Indukt. 
8. 12 und Therap. Phys. 8. 120. So lange man daher keine 
neuen stichhaltigeren Einwendungen vorzubringen weiss, so lange 
wollen wir uns nicht durch gelehrten Dtlnkel und Neid abhalten 
lassen, Heidenreich die Ehre der Entdeckung des Induktions-Mag- 
netismus am mengchlichen Körper zuzuschreiben. Er hat um so 
mehr Ansprüche auf diese Entdeekung, Je mehr er von Natur und 
Charakter zu derselben l)oruten und bet'Uliigt war; denn wer sollte 
mehr berufen sein, den Magnetismus dem Menschen zu induziren, 
als wer selbst dureh eine besondere Inklination zum Magnetismus 
sieh hingezogen itiblt'? Wer befiüiigter sein, die physische Identität 
des unorganischen und organischen, also auch menschlichen Mag- 
netismus zu erkennen, als wer im Magnetismus selbst das Urbild 
seines moralischen Wesens erblickt? „Der Magnetismus'', sagt 
Heidenreich, „wird jedesmal kurz abgethan, nicht aus Mangel 
innerer, tiefer Bedeutung''; „da er aber in seiner Kuhe und Be- 
harrlichkeit, in seiner stillen Wirkung, z. B. der l'.rdniagnetisinus, 
nieht mit Blitz und Donner dreinschlägt , wie die Elektrizität, 
höchstens in stillen Häehten mit strahlendem Licht erglänzt, so 
mag es ihm leicht ergehen, wie manchem ausgezeiehneten Manne, 
der, seiner inneren Bedeutung sich bewusst, nieht viel Wesens von 
sieh machen mag — dass er Ubersehen wird.'' (Therap. Phys. S. 94.) 
In diesem Schicksal und Wesen des Magnetismus hat er sein 
eigenes Schicksal und Wesen gezeichnet. Er machte so wenig 
Wesens von sich, trug so wenig seinen inneren Werth und Gehalt 
zur Schau, war stets so sehr versunken in die Gegenstände seiner 
Beschältigung, dass es kein AV'under ist, wenn ein solcher Mann, 
der Überdies auch darin dem Magneten glich, dass er nicht den 
Mantel nach dem Winde hing, sondern stets in derseli)en Biehtung 
heharrtc, koerzitiv, stahlfest in seiner Oesinnung, freidcnkeud in 
Keligiou und Politik, rücksichtslos im Ausdruck seiner Ueberzeugung 



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war, wie sein Scbriitcben Uber das Piiozip der Medizinal -Reform 
1850 beweist, trotz seiner vielen Verdienste, trotz seiner interessanten 
Versnche nnd Erfindungen, so z. B. seines elektromagnetisehen 
Apparates mit gleichlanfenden InduktionsstrOmen zweiter Ordnung, 

trotz seiner medizinischen Leistungen im Leben und in der Lite- 
nitur, trotz seiner zuerst unti'nKjinnienen luid wolilgelungcncn clii- 
rurgiselicn Operationen, wie z. B. der 8u])kutanen Blepharotonnc, 
trotz selbst seiner persönlichen Opl'cr für das ötfentlicbc Wohl, 
— beim ersten und zweiten Ansbrucb der Cholera in Bayern — 
ebensowohl vom Staate, als von nnscrn Akademien nnd Universi- 
täten flbersehen worden ist Sehmerzlich war ihm dieses Sohieksal, 
aber nicht ans gekränktem Ehrgeiz, sondern nnr ans dem natnr- 
wissenschaftlichen Gmnde, weil es ihn in der Befriedigung seines 
rastlosen Erfindungstriebs hemmte, bei seinen Versuchen und Ex- 
perimenten lediglich auf seine eigenen Mittel und Kräfte beschränkte. 
Beklagte er doch auf seinem Stcr])cbcttc selbst seinen frühzeitigen 
Tod hauptsächlich nur desswegcn, weil er ihm nicht verstatte, seine 
Beschreibung eines neuen, von ibmausgedaehten elektromagnetischen 
Wasserzersetzungs- Apparates zu vollenden. So vollkommen eins 
war in der Person dieses Mannes der Mensch nnd der medizinische 
• Physiker, dass er noch mit seinem letzten Schmerze nnd. Hauche 
die Idee von der Einheit des unorganischen nnd organischen Lebens 
bestätigte! * 



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f 



V. Periode. 



Von 1860 — 1872. 



Die Leiden szeit. Sittliche Probleme, MoralphiloBopbie. ' 
„Gottheit, Freiheit, Unsterblichkeit". Das Fragment — 

Krankheit nnd Tod. 

Von der Periode des Leidens zu reden, ist nur noch Pflicht, 
traurige Pflicht Der Rechenberg mit all isetnen lokalen nnd Öko- 
nomischen Fatalitäten war fUr Feuerbach ein wahrer Kalvarienberg. 

An das Marterliolz geschlagen , vollendete er das Werk seines 
Lebens — mit etliehen Kartonzeiehnungen und Federrissen. 

„leh komme mir vor wie eine Blume ohne Hlumeutopt', wie 
ein Fiuss ohne Bett, wie ein Bild ohne Rahmen/'*) 

Als er Bruckberg verlassen hatte, kaufte die bayrische Re- 
gierang das Schloss nnd richtete dann eine Anstalt ilUr jugendliche 
Verbrecher nnd Taugenichtse ein. Inspektor dieser Anstalt wurde 
em pietistischer Geistlicher. 

,,^)Der Geist Gottes schwebt nicht Uber Bruckberg; aber den 
leugnet ja Feuerbach"", „Jawohl, der Geist des Geldgottes, der die 
jetzige Welt regiert, der schwebt nicht Uber Bruckberg. Oder ja, 
der Geist des Herrn schwebt Uber Bruckberg, der Geist Gottes, der 
die Pi'aifen mästet, die Kepler aber verhungern lässt, der die Pctcrs- 
pfenoige den Armen aus dem Beutel nimmt, und den Denker selbst 
bis in seine Einsamkeit verlblgt Dieser Geist Gottes hat die Räume, 
die einat die grOssten Menschengeister mit ihren Gedanken erftillten, 
Ml Aufenthalt von Ratten nnd Mäusen gemacht , derselbe Geist^ 
der einst anch die griechischen Tempel serstOrte."*) 

Sein Zimmer auf dem Boden, das ihm die meiste Ruhe ge- 
währte und bei mildem Wetter ganz freundlich war, wurde im 

*) Hadigalaasene Aphoriamoii. 




110 



strengen Winter furchtbar kalt. Morgens zeigte das Thermometer 
oft 5 — 6^ unter Null, das Trinkwasser war dick {rcfroren. Vc^ 

gcbens bestand Dr. liaicrlacher , der Arzt, auf einem IJmzn^e in 
die Stadt. Bis zum Mittagessen l)lieb F. in diesem liolien Ei.^keller; 
dann kam er gauz erstarrt hiuab und verliess das Wohnzimmer 
nicht wieder. 

Auch der Mangel meldete sich am Thore. Fixes kam ausser 
der kleinen bayrischen Pension vom Vater her nicht ein. Zu ge- 
legentlichen oder gar za Zeitungsarbeiten war der ganz in sich 
konzentrirte Denker nicht za bewegen — es bleibt noch die Frage, 
ob ihm solche Arbeiten je gcgi tickt wären. Besorgte Frennde 
ßpraehen von der Schillerstiftunp^, und mit Recht: Schiller war eben 
80 i;ut Pliilosoj)b als Diclitor. Fcuerl)ach wollte von keiner Unter- 
stiit/Jing bi>ren. Dennoch kam die Saclic zu Stande; unter dem 
12. Okt. l!Sii2 erhielt F. ein Schreiben vom Vorort Weimar, in 
welchem ihm ein Ehrengeschenk von DOO Thlr., verthcilt auf drei 
Jahre, dargeboten wurde.*) Unter dem 11. März kündigte ihm 
ein anonymer Verehrer auf die nächsten 6 Jahre ein Jahrgebait 
von 300 fl. an. Der gebührende Lohn soll diesem Manne zn Theil 
werden — er bleibe unbekannt 

Sobald P. das Nothdtlrftige bestreiten konnte, wies er alles 
Weitere zurttck, das freilich mitunter der aubtrindigen Attitüde er- 
mangelte. 

Im .Jahre iNiii erhielt er auf seinen <»0. Geburtstag liel)evolle 
Angebinde von Berlin: einen silbernen Tokal von russischen Ver- 
ehrern, eine silberne Schale von deutschen. Angeregt durch diese 
Beweise von Sympathie, begab sich F. auf kurze Zeit nach Berlüi, 
wo er freundlichst empfangen wurde. 

Die Beschäftigni^ mit der Natnrwissenschailt wurde anch auf 
dem Rechenberge fortgesetzt, ja der Drang zn ihr ftihrte 1865 zur 
Anschaffung eines Mikroskops, dessen Handhabung jedoch wohl 
nicht den ersten Kraiikheitsanlall überlebte. Damals las er, wie 
seine ül)crhaupt zahllosen Exzerpte bezeugen, K. Vogt 's „Physio- 
logische Briefe'' und „Geologie", studirte eifrii::8t Humboldts 
„Kosmos^', yydas Alter des Menschengeschlechts" von Cb. Lyell 

*) Dil- SchilliT- Pension wurde sjjiit.'r :uif wi itcr«' drei Jalir«; prolongirt, uml im 
llcil>-t nahm der Vorort Wii-n k<'hien Anstand, sie abitrnials zn errK iii ni. So 

iu«ld«t(; di;r (jcncralscko-tär T. Ivilrnlierg^cr in einem eharmanten Hricie vom 
Ui. Nov. IMiH. Auch im Spatjahr 1S71, zur Zeit der höchsten Nutl», erfüllte die 
Stiftung ihre Ehrcnpllicht weiter. • 



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- III 



nod DftrwiD's Eototebnng der Arten". £r ist daher nocb bis 
SIT neuesten Natoransebaunng mtt fortgcsefaritten. Von der poM- 
Illeben Tagc»1iteratar der Franzosen interessirte ibn besonders 

Proiidhon „Von der Gerechtigkeit". Daneben gingen Voltaire 
iiitd IIoiiHH(;;ni lifr. 

in dciiiHcIlK ii .J;ilir<' linicbtc ihn cIfj Hricf und WiiriHch Vnc.dr. 
Kapp'H XU Heiner „erster» I.iebc" zurliek. Kapp wHn.sehte nanilich 
im Interesse Heiner dcutMch arnerikanischen Stndicn Uber dan VVcHen 
der Herr nhnierei aufgeklärt %ii »ein, und Fcucrhach enbtpracb 
diesem Verlangen in einer kleinen Monographie , die vir znm 
emteo Male dem Dmek übergeben. Der klassisebe Forsebongsgeisi 
ood die drastiseh iisyelndo^iHcbe Art, wie wir sie an» dem Wesen 
des Glanbens im Hinnc Luthers" kennen, treten hier, 21 Jahre 
ÄpUter, wieder hervf*r. 

Nicijt nur in d<T Tlieorie, auch zur pcr-rmliclien Krqiiicknn^^ 
aod Stärkung, U'icM. er «ich HehnsnelitHvr»!! an Heine Freiin<iin, die 
Natur. Den »Steinhammer in der iiand, seinen I>rndcr Fritz, 
meist aber seine Tochter I^conore zur Seite, wanderte er zum 
„Morizberg'S auf das Gebirge jenseits Hersbmek, in die Höhlen 
der „fiHnkisehen Hebwds". Zn kleineren Aasfltlgen dienten ihm 
die ,,Alte Veste" bei Fürth oder ^yPlattnera-Seblössehen"; ofl aoeh 
be^oiUf^ er mch damit, »ein Abendmahl im FrOhlingggarten " 
'Hier im ,,<^)rauf n K;iUt'' vm Nlirnberf^ einzunebinen. 

(/leif-bzeifig ui'\\ dem KfHebeine.n (b;H lef/tf;n Werken: ,,C/f)ttbeit, 
Freiheit, l iiHterbliebkeit" (IHiU't) ari^rW)' fiedirnkliclieH ( 'nwoblnein den 
stets OcHunden: gänzliehü Appetitionigkeit, die im »Ubjahr lH(j7 
in 8cbwindei| üebelkeit and Ki l^rechen anHartete I)er Arzt befahl^ 
dis Bett streng %n httten. Allerdings erholte sieh der Patient, aber 
mir, nm eUiehe Woehen später einen gelinden Hehlaganfall zn er- 
leiden. Die Spraehorgane nnd die eine llitlfte des Gesichts erfahren 
dne kleine Lähmung. 

Die herrliehe Luft des obeWiMterreiehischen Oebir^^en, welehc 
der OencHcnde bei Hein<"m I''reun<le Deubicr zu OolHerri bei l.Hcbl 
finHog, Htclltc ilin wi'drr b(;r, l)eubler lieiMHt Hcifdcrn im entern 
Zirkel der ^^W underbaucr^^ Dennoch war VorHicbt lortan die Mutter 
der fernem Lebensdauer, im Hauchen und iiiertrinken mnsste ge- 
kaassert werden; aneh die Aosgiinge des steten Wanderers ver- 
karsten sieh notbgedmngen. 

1868 aof 69 verfasste F. «eine letzten Kapitel zur Moral- 
^bilosophiei die wir weiterhin mittheilen; 1870 erfolgte der »weite. 



112 



heftigere Scbhi^anfall - die Uhr der produktiven Th'ätigkeit stand 
fttr immer still. Das war eio bOser Winter für die Familie, der 
Kriegswinter in Frankreich! Dennoch liess F. sich im FrUlyahr 
1871 das Gehen nicht gftnzlieh nehmen. 

Das Urtbeil Fenerbachs Uber die politischen Ereignisse seiner 
letzten Lebensjahre ist niciit leicht zu lixiren. Zu dem prensßisch- 
östcrreicliisehcn Kriege von 1H<I<; verhielt er sich aU Süddeutscher 
und Demokrat, wie Keine Hriefc und Apliorisnien beweisen; er er- 
blickte darin einen ncueo siebenjährigen Krieg, d. i. einen ItUckfall. 
Was den letzten Krieg gegen Frankreich betrifft > so verhinderte 
seine Krankheit jede zosammenhftngende Aeussemng. Als der Her- 
ausgeber des „Libero pensiero'', Hr. Luigi Stefanoni, ihn um seine 
Ansicht Aber die Lage der Dinge brieflich ersachte, konnte nnr die 
Tochter „im Namen des Vaters" antworten. Diesen Brief tbeilen 
wir aus der genannten italienisclien Zeitsciirilt mit. Hier gewinnt 
es den Anschein, als ob F. Ins zum Tage von Sedan Tatriot 
gewesen wäre, alles Weitere aber vom humanitären (lcsichtsj)unkt 
aus beanstandet hätte. Wenn dem so. ist, so kann mau in seinem 
Verhalten nur die unerschütterliche Konsequenz seiner Welt- 
ansehaanng bis zum letzten Atbemznge anerkennen. 

Der letzte, in Absätzen geschriebene , aber doch fertig gewor- 
dene Brief Fenerbachs ist vom 26. März 1871, und an Konrad 
Denbler gerichtet. Die Handschrift ist vollkommen sehlagflüssig, 
die ^^tlge der Feder werden stellenweise gau/, unrein, wie vcrkleckst, 
die Zeilen krliinnien sich. Die Anstrengung muss sehr gross ge- 
wesen sein. - Kin Briel an lirn. Marcus zu Hamburg aus dem 
Sommer 1H71 kam nicht mehr tlber den Antaug hinaus. — Der 
letzte Schreibversuch wurde im Monat September gemacht. — Aas 
dem Anfang des Jahres 1872 besitzt der Ueransgeber die eigen- 
händige Unterschrift Fenerbachs anter seiner Photographie: 

,fL. Feaerbach grUssf. 

Unter solchen Umständen mochte es einem selbst unbemittelten 
Freunde verziehen werden, dass er daran dachte, an die Oeflfent- 
licbkeil zu appelliren , um dem Dulder die allerletzten Lebei)sta;:c 
erträglicl) zu niaclien, und Weib und Kind von .jeder andern S(n-;:e 
ausser der K raukeuptlege zu hei'reien. Leider fiel die Ausführung 
dieses Gedankens in angeschickte Hände, deren Elaborat zunächst 
Bestürzung Terbreitete. Bald aber sahen die Freunde in Nähe und 
Feme klar, und alle empfanden, was Karl Blind an Leonore 
Feaerbach schrieb: Es handelt sich hier nicht um Mildthätigkeity 



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113 

sondern um eine Ehrenschuld der Deutschen; was wir bieten, 
ist ein Ehrendank für den grossen Denker deutscher Nation. 

Der einzige, noch ins Auge zu fassende Zweck wurde erreicht; 
ruhig konnte Feiicrbacli sein Haupt hinlegen. Vom März bis zur Mitte 
Juli 1872 verliess er kaum das Lager. Dann erhob er sieli wieder bis 
znm 5. Sept. Eine unter andern Verhältnissen leichte Erkältung übte 
jetzt eine furchtbare Wirkung: eine Lungenlähmung warf ihn ttir 
immer nieder. Am 13. Sept 1672 entschlief Ludwig Feuerbaeh. 

Am 15. Sept trug mau die sterblichen Beste aui' den weltbe- 
rfihmten Johanniskirchhof zu Nürnberg, zur Ruhestätte Albrecht 
Dtirera und Hans Sachsens. Eine ungeheure Menge von Leidtra- 
genden von Nah und Fem drängte sich naeh^ man schätzte sie auf 
2U,0UU Personen. Das Grab war im Südosten des Friedhoies gegraben. 

Es sei uns gestattet aus der Grabrede des Hrn. Karl Scholl, 
der zu Feuerbachs letzten und treiicsten Hausfreunden gehörte, 
einige markante Stellen mitzutheilen , wäre es auch nur zum 
sprechenden Beweise daftir, dass doch endlich ein Todter begraben 
werden kann wie er gelebt hat, und dass das gesprochene Weib- 
wasser in extremis keine traurige Nothwendigkeit mehr ist 

. „Was vor dreiJahrhunderten ein Kopernicns, ein Kepler, 
em Galil'ei der Erde gethan, indem sie derselben in ihrem Ver- 
bähniss zur Sonne und zu allen tibrigen Gestirnen den ibr ge- 
bührenden Platz im Weltall angewiesen, dasselbe hat Ludwig 
Feuerbach gethan für den Menschen, für die Menschheit. 
Er ist es, dem wir's verdanken, und dem's die Nachwelt noch ganz 
Uders danken wird, vor Allen £r, der den Vorhang zerrissen hat, 
der uns getrennt und geschieden von unserem eigenen Selbst, 
der den Schleier und die Binden weggerissen, die seit Jahrtausenden, 
sumal dnrch PrieAterhand, um Augen und Herzen der Menschheit 
gelegt waren, und in Folge dessen unser Geschlecht sich eingebildet, 
WUT befänden uns auf unserer Erde als einem Ort des Fluchs, einem 
Jauimerthal, sich eingebildet, alles Hohe, Schöne, Edle, alles Ewige, 
Göttliche sei nur ausser und über uns, nicht in uns selbst zu finden, 
sich eingebildet, wir müssen erst sterben, um in den Besitz all 
dieser hohen und höchsten Güter zu gelangen, denn da droben 
hinter den Sternen, hinter dem Himmelsgewölbe, da wohne der 
grosse Gott, und dort nur sei wahres, ewiges Leben, dort im schönen 
Jenseits. Dieser Traum der Menschheit ist es^ den Ludwig 
Feuerbach, er wenigstens vor Allen, ein für allemal zerstört und 
xertrttmmert hat — 

OrtB, FcMrbMhs Bii«ftr«ck««l v. KaeUan. IL Ö 



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114 — 

„Aogesichte der ewigen, unmnstQssliehen Wahrheit, dass die 
Welt eine und eine einzige ist, nicht zerspalten in ein Drohen und 
Dmnten^ nicht zerrissen in ein Jenseits nnd Diesseits, nicht hier 

ein Ort der Verbannung für arme Sünder und droben erst ein 
ewiges, herrliches Leben, droben Gott, — Angesichts der nicht 
länger zu bestreitenden Tliatsache, dass die Welt ewig und unend- 
lich, dass die Welt, wie der fromme iSirach schon sagt, „Er 
selber", — dass wir ausser dieser unendlichen Welt, ausser oder 
über ihr, uns somit kein anderes Wesen, als Ferson, oder irgendwie 
mehr zu denken hereehtigt sind, — dass sie seihst uns erseheint 
als das Eine, ewige, ewig schaffende nnd ewig zerstörende Welt- 
wesen, >- dass die höchste Offenbarung desselben, der selhsthewnsste 
Geist, in uns, in unserem Gewissen, in unserer Vernunft, in der 
gesammten Menschheit und unserer Geschichte zur Erscheinung 
komme, — Angesichts dieser nicht mehr zu leugnenden Thatsache, 
hat Ludwig Feuerbach das grosse und kühne Entdeckerwort 
gesprochen, dass folglich es auch eine Täuschung war, wenn sich 
die Menschen bis zur Stande eingebildet, die Beligionen sieien 
flbemaktttrliche Offei^iarangen; er hat Tiehnehr nachgewiesen, dass 
sie alle ohne Unterschied nicht von Aussen, nicht yon'Oben her 
in den Menschen hineingekommen, dass sie Tiehnehr der Mensch- 
heit eigenstes Werk, ihr eigenstes Fühlen, Sehnen, Hoffen und 
Denken, aus ihr selbst heraus entstanden seien. 

„So seht denn hin, ihr Frommen, seht hiu auf den grossen, 
schrecklichen Atheisten oder Materialisten, wie ihr so gerne und 
so selbstzufrieden ihn nennt, — er ist gestorben so friedlich, so 
sanft, so ruhig, wie es den Frömmsten unter Euch nicht immer 
heschieden ist! Uns, die wir hier an seinem offenen Grahe stehen, 
uns ist es Bedflrfniss', die Frage uns zu beantworten: was ist es 
gewesen, das ihn zur ErfttUung dieser seiner Lebensaufgabe, die 
er f^r die Menschheit vollbracht hat, was ist es gewesen, das ihn 
zu dieser Kiesenarbeit und Riesenthat befähigt, welches ist der 
innerste Trieb oder Drang seines Weesens, der ihn dazu geführt 
hat? Es war seine grosse, seine unverfälschte, seine 
unbestechliche Liebe zur Wahrheit, und sie möge es daram 
sdn, an die wir vor Allem an seinem Grabe uns erinnern wollen.^' — 

Seines Lebens Noth, geht der Gedanke weiter, war ihm der 
Spiegel des allgemeinen Leidens, der unyersöhnten Gegensätze des 
Dasems. 

„Darum hat er von sieh seihst aus fühlen gelernt, was es 



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115 

heisBt, sorgen und kämpfen mflssen um's AUernothwendigste, von 
sich selbst ans gelernt, die Noth nnd den Jammer nnd das Elend 

der vielen, vielen Tausciule Anderer, die in noch drückenderen Ver- 
liiiltnissen leben, ganz zu crkcDnen und zu würdigen, und darum 
hat er sich vor Jahren schon auf Seite Derer gestellt, weiche es 
Mch zur Aulgabe gemacht, durch alle geistigen und materiellen 
Mittel es dahin zu bringen, dass der Noth, des Jammers, des Elends 
und der Verzweiflung weniger werde auf unserer sonst so schönen 
Erde, dass die klaffende Kluft sich sohliesse, welche die Besitzenden 
Uennt von den Besitzlosen." — 

Lorbeerkränze wurden auf den Sarg gelegt von Dr. Baier- 
lacher, Feuerbachs Arzt und Hansfreund, von Hm. Kaufmann 
Stiel', Namens des Nürnberger BUigervercins, von Dr. C. Hey er 
im Namen des „Freien deutschen Iloclistilts " zu Frankfurt, und 
vom Fürsten Khanikol'f, dem innigen Verehrer des Verblichenen, 
der das Wesen des Christenthums ins Eussische und ins Italienische 
übersetzt hat, im Auftrage italienischer Mitstrebender. 

Und der ihm bald nachfolgen sollte, sein Freund Hektor, 
Sekretär des Germanisehen Museums, dichtete zum 15. Sept 1872 : 



„Schreibend: immer wahr und klar, , 
Spreebend: stets befanj^en , — 
Still, wie all' Dein Leben war, 
Bist Du liingcgangen, — 

..(jlaabcns-, gottlos nennt man Dich, 
Zählt Dich zu den Schlecliten, 
l'nd CS nennen Christen sich 
Diese hOchst — Gerechten. 



0 Du ;;lauhtust uur ZU viel, 
Gar an Ideale, 
Ein erreichbar lif'>chstes Ziel 
Schon im Erdcuthalc." — 

„Zwar des Streitens mit dem Feind 
Warst Du längst schon müde; 
Sei denn Deinem Staube, Freund^ 
Friede, Friede, Friede.*' 



lieber dem Grabe hat Hr. y. 0 ramer -Kl et t zu Nürnberg 
ein würdiges Denkmal errichtet. Auf dein Unterbau erhebt sich 

ein mächtiger Sockel, von Dreiecken gekrönt, und auf diesen wieder 
eine Pyramide, Alles aus gelhlit'heni Sandstein. Der Sockel trügt 
eine Bronze-Platte mit der Aul'scbritt : ,,L. Feuerbacli, geb. d. 28. July 
im in Landshut, gest. d, 13. Sept. Ib7ii in Nürnberg Auf der 
KlUkseite ein Lorbeerkranz in Bronze nnd ßeliei". In der iMitte 
der Pyramide hebt sieh Fenerbachs Porträt ab, gleipbfalls in Bronze 
ond in Relief. 

Da rnbt er im GrUnen, das den Unterbau umwächst. 



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Briefe. 



Friedrich Münch an L. Feocibach. 

MarUiasvUle, Missouri, den 30. März 18C0. 

Mein werthester FreuDd! . . . Nach meiner Rflckkehr war 
das Stadium der ^^Theogonie^ mit das Erste, das ich ▼omabm. 
Ich verscblang das Buch, weil ich es wieder und wieder zu lesen 
gedenke. Ge^^en solche Rcicseiiheit und solche Logik kann aller- 
dings kein Gegner aufkonnnen; ich betrachte die »Sache als auf 
dem Felde der Wissenschaft ahgethan — für Alle, die uicht etwa 
Ibr Buch ignoriren wollen, oder nicht kennen, oder nicht verstehen. 

Ich habe meine Auffassung Ihrer Ideen — indem ich Ihre 
mündlichen Aeussernngen, die ich mir alle tief einprägte, zu Hülfe 
nahm — in einer Mittheilnng fUr die y^Familienblätter'' (heraus- 
gegeben von Dr. Dilthey in Newyork) Teröffentlicht. Dilthey schrieb 
mir, dass der Aufsatz mehr als gewöhnliches Interesse erregt habe. 
Vor Jahren beschäftigte ich mich viel mit den Ossian'schen Liedern, 
die allein von allen poetischen Ergüssen aus der früheren Zeit die 
Gottes-ldee gar nicht kennen. Ich liiitte es sehr gerne gesehen, 
wenu in der „Theogonie^' von Ihnen und in Ihrer Weise die 
poetische Lebensansicht des kaledoniscben Sängers neben die grie- 
chische und liehräisch- christliche gestellt worden wäre. ... Ich 
wollte, Sie wären ein reicher Hann, oder es würden Ihnen wenig- 
stens 2000 fl. jährlicher Einnahme garantirt, und Sie wohnten mir 
nahe in der friedlichen Stille unseres Urwaldes, beschäftigt gerade 
nach Lust und Neigung, und aus dem Schatten des Urwaldes flögen 
noch lange Ihre Geistesblitze in die weite Welt, Ihr äusseres Leben 
aber wäre frei, einfach und ohne Sorge. 

Den verehrten Ihrigen empfehle ich mich bestens und grüsae 
Sie achtungsvoll und freundschaftlich. Friedrich Münch. 



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K. Dcdckiiid an L. Fauerbach. 



Portei Station, Indiana, den 14. Aog. 1860. 



Mein alter Freund! £b ist nicht recht, dasB Du Dich, 
krfiftig nnd gesund an K($rper nnd Geist , mnthwillig in einen 
Stoieismns hineinstndirst^ der an Härte grilnzt nnd, Deine ^^Stnss'^- 

DeHnitioD, die zwar sehr erbaulich und amüsant ist, beweist nur 
ebenfalls, dass Dn Dich der Welt allzusehr entfremdet hast. Das 
Ganze aber, worüber Du so sehr stöhnst, ist, dass es Dir schwer 
fallt, Dich aus Dciuer Bruckberg -Sauce herauszuwickeln. Noch 
bist Du kräftig und gesund, und dass die amerikanische gelehrte 
Welt noch grosse Dinge mit Dir vor hat, will ich Dir erzählen, 
wenn Dir die Märe nicht sehen bekannt sein sollte?! Hier wollen 
sie nämlich ein Seminar, vnlgo Schallehrer- Institut, grflnden, in 
welcher Stadt ist noch nicht bestimmt Die pädagogisch -ideali- 
stischen Leute in der deutseben Presse in Newyork haben sich 
als Schöpfer dieser Anstalt aufgeworfen. Dieses Seminar soll 
aber die Brücke zu einer grossartigen Weltuniversität bilden — wo 
sie die Mittel dazu herbekommen wollen , wissen wohl die Herren 
vorläutig selbst noch nicht — ja, wenn eine Soldatenspielerei, 
Tanzgelegenheit, Fahnen-Weihen und Bierfreuden damit verknüpft 
wären, setzte ich keine Zweifel ins Gedeihen — aber sie?! Doch 
dem sei, wie ihm wolle: Rüge in England, der den Plan zu dieser 
Weltuniversität entwarf, gedenkt insbesondere Deiner dabei, indem 
Dn als Historiograph der Philosophie ganz unbezahlbar (ipsissimis 
verbis) dabei seiest. Wo in der Welt, sage mir, kannst Du einen 
^olideren „Stuss'' wieder finden, als hier im glücklichen Amerika?! 
Nur schade, dass der Kapital-Stuss, woran! das ganze Unternehmen 
l'undirt werden soll, so eigentlich noch nicht aufgefunden ist. — 
K. H. in Boston, den Du ja auch kennst, nennt Dich in seiner 
kleinen Schrift „die Deutschen und Amerikaner'^, Vicarius. (?) 
Wahrscheinlich hast Du nach seiner Ansicht den letzten geistigen 
Fond noch nicht ganz mit der Materie vertauscht? Der Kerl 
ist konsequent — dabei ein Weiber -EmanzipaHons- Narr und ein 
im hohen Grade arroganter Flegel; ob Letzterer zur Gelehrsamkeit 
L'chört, weiss ich nicht. Als Geissei für unsere lieben Landsleute 
hier ist er aber ganz unentbehrlich. — Wie gesagt, beregter Tlau 
ist sehr schön, und sein Gedeihen wäre erfreulich, aber . . . Ich 
war nie für eine rein republikanische Verfassung für unsere Michels; 
nur die Perfidie der damaligen Beaktion drängte uns mit Gewalt 




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auf die äussListe Linke, und nachdem uns die Feigheit unserer 
guten Landnlcute hiehcr iuH Exil g»'jagt, liabe ich mich wie viel« 
Andere thatsächlieh Uberzeugt, duHs der Hildungsgang des ameii 
kauiseheu Volkes so wenig eine lepublikanische Vertasisung für 
ewige Zeiten vertragen wird, als das deutacbe hinsichtlich seiner 
8ittc und Gewohnheit alleni'alls nur fttr eine freisinnige, kon^ 
tutionelle Veri'assongi einen Volks-Kaiser oder IfAmg an der Spitze, 
sieh eignet . • • ' E. Dedekind. 



Karl Togt an L. Fenerbach. 

Genf, den 19. Sept 1S60. 

Vcrehrte.ste r llerrl Sie haben vielleicht in Ihrem zurück- 
gezogenen Wcltwinkel kaum davon Notiz genommen, dass wir, d. h. 
eine GesellHchal't politischer Freunde und Gesinnungsgenossen, milBr 
dem Titel „Demokratisebe Stadien" einen Band heraosgegeta 
haben, welcher sich die Ehre der Verfolgung von Seite der beiden 
Hessen, sowie (Tielleicbt dessbalb) allgemeuie Verbreitong errangen 
bat, so dass die Auflage gänzlich vergriffen ist and der frflher 
kleinmUthige Huchhändler mit einer gewissen kriegerischen Energie 
sofort einen zweiten Hand verlangt. 

Sie müssen uns schon verzeihen, dass wir beim ersten Bande 
uns nicht au Sie um Ihre Mitarbeiterschalt wandten. Im Drange 
der Umstände woide eben zusammengerafft, was sich gerade bot. 
Jetzt aber kommen wir dieser Unterlassungssünde remnttthig nach. 
Wir müssen Etwas Ton Ihnen haben, was es auch sei — politisch- 
pbilosopbisoben Inhaltes, für die grosse Hasse der Gebildeten — 
swei bis drei Druckbogen. Die Wahl des Stoffes steht Ihnen ganz 
frei — nur möchte es, dem Charakter des Buches angemessen, 
zweckmässig sein, wenn irgend eine nähere Beziehung zu dem 
jetzigen Laufe der Welt sich darin fände — also vielleicht über 
Koukordate oder Etwas der Art Termin der Yollendong: Ende 
Oktober. 

Da jeder demokratischen Unternehmung gewöhnlich der Fluch 
desFroletarismns sieb anKubängen pflegt, der m unserem materielieB 
Zeitalter Körper and Geist zusammen l&hmt, trotz Bndolph Wagoers 
doppelter Bucbfilhrung, wir aber diesen Verdacht von vorne herno 
von uns ablenken möchten, so beehre leb mich, Ihnen einstweilen 
aut liechnung des für den Aufsatz zu Gute kommenden Monorarcs 
beiliegeudcD Wechsel zu übersenden. Das Bewusstsein, lUr die 



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119 



» 



Menschheit iin Allgemeinen und die Aufklärung des deutschen 
Volkes im Besonderen gearbeitet zu haben, ist zwar ein ungemein 
belohnendes — scheint uns aber doch nicht umfassend genug, um 
anderseitigen, materiellen Lohn auszuschliessen. Da ich nun, der 
Allg. Zeitung zufolge, der lasterhaften Gewohnheit der Bestechung 
einmal für allemal anheimgefallen bin, so stehe ich nicht an, auch 
auf diesem mich Ihnen nach langer Zwisohenzeit wieder zu 
nähern. Mit bestem Grosse Ihr G. Vogt 



W. Bolin AH Feaerbach. 

Hebingfois, den 4. Oktober 1860. 

Mein theuerer, väterlicher Freund! . . . Durch Kaut 
ist in der Thilosophie das Aelmliche geschehen, wie durch Luther 
in der Religion. Seit diesem ist jede Kirche, seit jenem jedes 
theologisirende System ein Widerspruch; daher die vielen Sekten 
kleineren nnd grosseren Umfangs im Christenthnm; daher die vielen 
am AlleingtUtigkeit sich bewerbenden Systeme in der Philosophie. 
Die Menschheit wird einst, mein thenerer Heister, Uber die Wichtig- 
keit Ihres Berufes staunen, die Philosophie durch die Religion, die 
Religion durch die Philosophie ret'ormirt zu haben. Lassen wir 
indessen die \'crgangenheit8menschen immerhin unisono lamentircn, 
fc>ie hätten Religion und Philosophie zerstört — das ist ja in ge- 
wissem Sinne unleugbar, denn diese Leute kennen Beides nur in 
der ihnen rnond- und sinngerechten Form, und hier haben Sie 
grflndlich anfgerftomt. In steter Liebe Wilhelm Bolin. 



Feaerbach an W. Bolin. 

Bechenberir bei Nürnberg, den 20. Okt. 1860. 

Mein lieber Herr Bolin! Eine grosse Veränderung ist in 
meinem Leben vor sich gegangen. Ich wohne, lebe und schreibe 
— bis jetzt freilich nur Briefe — nicht mehr in Bruckberg, sondern 
in einem Landhans eines nur eine gute Viertelstunde von NUrnbei^ 
entfernten Weilers, an einem Berge oder vielmehr Uttgel, an dessen 
Fnss dasselbe nebst noch einigen, auf der entgegengesetzten Seite 
befindlichen Banemhänsem liegt, der Rechenberg genannt. Die 
Nähe der Stadt war Sache meiner eigenen Wahl als Familienvater, 
denn ich für meine Person hätte einer Einöde den Vorzug gegeben; 
die Entfernung von Bruckberg war aber Sache der Kothwendigkeit, 



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120 



' Folge höchst nnglOeklicher Verhältnisse nnd Ereignisse , welehe 

meine Frau cxpropriirt und natürlich mich als Gatten in dieses 
traurige Schicksal verwickelt haben. 

Die grosse »Störung, welche diese Ortsveränderung in meinem 
Leben und Gemllthe hervorgebracht, und nur die hüUieiehe Theil- 
nahme geistiger und persönlicher Freunde nicht zu einer völligen 
Zerstörung hat kommen lassen, ist Schuld, dass ieb Ihnen so lange 
nicht gesehrieben habe. 

Wie verschieden ist doeh schon mein äusserliches Schicksal 
von dem der nickst vorangegangenen Philosophen, wenn anders 
ich mich als den letzten, untersten, an die äusserste Gränze des 
Philosophcnthunis hinausgeschobenen Philosophen diesen ötVentlicli 
und allgemein anerkannten Geistesheroen anreihen darf. Wie wenig 
genirte sie das andere Ich? Ich lUr mich selbst allein — kein 
Einwand, keine Opposition, keine Ahnung eines Andern störte 
diese selige Identität Dass es ein anderes Ich noch gebe, das 
machten sie erst hinterdrein zuiUllig oder durch Klflgelei ausfindig. 
Das andere Ich, der Menscji, das Weib, der Leib war vom Staate 
anerkannt und versorgt, das Ich des Denkers brauchte daher nicht 
an dieses andere Ich zu denken, es spielte als Professor auf dem 
vom Hot- oder Universitätssehreinermeister glatt gehobelten, von 
jeder anst<)ssigen , an das Dasein eines Andern schmerzlich er- 
innernden Unebenheit gereinigten Katheder die KoUe des absoluten 
Geistes. In Hegel erreichte diese Kolle ihren Kulminationspunkt, 
er ist das realisirte Ideal, das Muster eines deutschen Professon 
der Philosophie, eines philosophischen Scholarchen. Der absolute 
Geist ist nichts anderes als der absolute Professor, der die Philo- 
sophie als Amt betreibende, in der Professur seine hOehste Seligkeit 
und Bestimmung findende, den Kathederstandpunkt zum kosmö- 
logischen und welthistorischen, Alles bestimmenden Standpunkt 
mnchcnde Professor. Wie ganz anders ist mein Schicksal, das 
mich nicht auf den Schultern der Staatsmacht, nicht auf Kosten 
Anderer über die Nothwcndigkeit, an das Dasein eines andern Ich 
ausser dem Ich des Denkers zu denken, erhoben und auf das 
Katheder der absoluten Philosophie gestellt hat, das mich im Gegen- 
theil in tiefster Niedrigkeit, Verlassenheit und Obskurität, aber eben 
desswegen auch glücklicher Einsamkeit und Selbständigkeit 24 
Jahre auf ein Dorf, das nicht einmal — o wie entsetzlich, wie 
unheilschwanger — eine Kirche hat, verbannte! Zwei Jahre in 
Berlin als Student, und 24 Jahre auf einem Dorfe als Privatdozent! 



— m — 

Und anch jetzt nicht darch einen ehrenvollen, dem Ich schmei- 
ebelnden Rnf an eine Universität oder „freie Akademie'', sondern 
nur dnreh das schmachvolle Gerassel der eisernen Kette, die den 
Denker mit dem Menschen, das Ich mit dem Du zusammenhält, 

ans dem Dunkel aufgescheucht, aus meinem ebenso frei- als un- 
freiwilligen Exil exilirt! Die durch den Ortswechsel veranlasste 
Erwähnung dieses meines ausser und in mir selbst liegenden Schick- 
sals ist die unwülkürlich entsprechende Autwort auf das Thema 
ihres erst gestern erhaltenen Briefs vom 4. Oktober, der mich 
übrigens, nebenbei gesagt, keineswegs zum Schreiben an Sie ver- 
tolasst hat, denn längst war von mir selbst aus der nächste freie 
Augenblick Ihnen bestimmt. Ich sage Ihnen nur noch ansdrtteklieb, 
nicht ans ekelhafter, mir gänzlich fremder Eitelkeit, sondern aus 
mnerster grflndlicher Selbsterkenntniss heraus, dass Sie meine Auf- 
gabe und Leistung ganz richtig gefasst und bezeichnet haben, wenn 
Sie sagen, dass ich die Philosophie durch die Religion und um- 
gekehrt reformirt habe. Wenn Sie aber näher noch auf mich ein- 
gehen wollen, so lassen Sie ja nicht meine „Theogonie" ausser Acht. 
.Sie ist ungeachtet des fUr den oberflächlichen Blick abschreckenden 
gelehrten antiquarischen Wustes nach meinem Urtheii meine ein< 
fschste, vollendetste, reifste Schrift, in der ich mein ganzes geistiges 
Leben vom Anfang bis zu £nde reproduzirt, aber das, was ich in 
den früheren Schriften in der Form ermtidender philosophischer 
Beweise, hier in der Form unmittelbarer in sich seliger Gewissheit 
ausspreche, und eben desswegon an den poetischen N'atcr der grie- 
chischen Götter, an Homer nnniittcll)ar mich anschliesse, mich nicht 
mehr, als wenn auch nur scheinbaren Hegelianer oder Fichtianer^ 
sondern als direkten Uonicriden beurkunde und legitimire. Es ist 
anffallend, wie im Ignoriren dieser Schrift, in der immense Studien 
Qnd selbst — im Verhältniss natürlich zu meinen geringen finan- 
ziellen Mitteln — immense Summen Geldes stecken, -meine Freunde, 
mit Ausnahme eines einzigen in ßerlin, der ihr Erscheinen sehr 
liebevoll ankündigte, und Feinde übereinstimmen. Wohl hat A. Rüge 
sie zur Sprache gebracht, aber mit mehr L t bcl als Wohlwollen, 
ja als ein Mensch, der noch bis über die Ohren in dem Lethestrom 
üer Hegeischeu Logik drinnen steckt, mit nothwendiger Vorein- 
genommenheit gegen ein solches sensualistiscb denkendes Wesen 
wie ich bin. Wie unzählig Andren seiner Geistesverwandten ist ihm 
mnma sununarum meines Geistes im „Wesen des Christen thums*' 
eotbatten und erschtfpft, diese Schrift die Gränze meiner Anerken- 



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122 

nung, meiner Geltiinj^ in f^ciiicn Augen; weil sie in ihr noch ein 
Gcuieiuschciltlicbes mit ihrem licgeliauischen Wesen erblicken, kou- 
sequenter Weise erblickt er daher' anc Ii in meiner letzten Schrii't, 
ob Siek gleich za dieser das Wesen des Christenthoms. gerade so 
verhält , wie der Kämpfer znm Sieger, der JUnger zum Meister, 
nur Variationen eines schon dort durchgeführten Themas. Aller- 
dings ist der Wnnsch hier wie dort der Gnmdgedanke; aber 
etwas ganz anderes als da.s Lielit des Blitzes, das aus dankein 
Wolken ph'itzlich und gewaltsam hervorsschiesst, um sich wieder 
im Dunkel zu verlieren, ist das Licht der Sonne, vor deren Er- 
scheinung bereits alle Wolken and Nebel versehwunden sind. Wenn 
ich Sie hiermit aufmerksam anf meine Theogonie im Yerhältniss 
za memen andern Sehrülben 'mache, so geschieht es anch nicht 
ans sebriflstellerisoher Eitelkeit', die von Jedermann gekannt und 
gelesen sein will; nein! ich bin so glttcklich, von diesem moraliscbeo 
Uebel nichts zn wissen, ich liebe das Incognito nicht nnr als Menwb, 
sondern auch als Scliriltstellcr, wie dies vor Allem meine Theogonie 
beweist. Ich mache Sie nur desswegen auf sie auf'nierksani, weil 
8ie sich für mich interessiren und ich Ihnen einen Thcil, einen 
sehr wichtigen Theü meines Wesens und geistigen Jjelbsts vor- 
enthalten würde ; w^enn ich das Incognito dieser Schrift nicht vor 
ihnen ablegte, nicht Sie in Kenntniss von ihrer Bedeutung setzte. 
Ich habe leider kein Exemplar znm Ueberschieken. Uebrigens 
würde ja auch das Porto wohl dem Bachhändlerpreis gleichkommen. 
Ich gratnlire Ihnen dazu, dass Sie mit der Erhingung des Doctor- 
titels endlich der fatalen Nothwendigkeit überhoben sind, eine 
fremdartige Rolle zu spielen. Selbst ist der Mann und nur Selbst. 
Möge die Doktorwürde Sie fernerhin vor jeder fremdartigen liürde 
bewahren. Mit diesem Wunsche ihr freundschal tlich ergebener 

L. Feuerbach. 



Charles Dollfuä a L. i^oueibach. 

Paris, le 14. Octobre 1860. 

Je viens, mon eher Monsieur, vous remercier k mon tonr 

d'avoir bien voulu songer ä nous remercier. C'est un vrai plaisir 
pour moi de vous adresscr la Revue, car vous savez Testime que 
je profcsse pour vos profonds (Berits et ytour votre persoune. Ne 
m'est-il pas permis aussi de reconnaitre par ce i^er serviee 
Vhospitalit^ si obligeante que j'ai re^ne chez voas? 



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123 

Votre lettre malheureosement me laisse entrevoir an ^v6nement 
qai a dfl yoqb affliger vivement J'esp^re an moins que votre 
familie n'a pas 6t^ atteinte et que Madame Feuerbaeh et Made- 
moiselle votre fille sont en bonne santö. VedUez, je vons prie, 
me rappeler k lenr Souvenir. 

Vous m'annoncez ud prochain ouvrage de votis. — Sitot qu'il 
aura paru, ii'omcttez pas de nous le faire adresscr au bureau de 
la Revue, afin (^ue dous puiBsions payer a aon auteur le tiibut de 
publicite qui lui est dfi. 

Agr^z, Monsieur et ober confröre, mes bicn aflectueufies 
salatations ' Gh. DoUfus. 



Fenerbacb. an Dr. J. Daboc. 

Becbonbeig« den 27. Nor. ISCO. 

Verehrter Herr! So eben bat mir die Bruckherger Hötiii 
Uircn Brief vom 7. Nov. iihcrbracht. Es sind also 20 Tage ohne 
meiue Schuld vcrllossen, che ich zur Beantwortung Ihres Briefes 
komme* iSie haben mich noch in Bruckberg gesucbt^ aber ein 
infames, von meiner Seite gänzlich unverschuldetes Schicksal hat 
mieb von meinem 24jäbrigen Musensitze vertrieben und dadurch 
eme Störung in meinen gewohnten Lebens- und Gedankenlauf ge- 
bracht , die ich vielleicht nie mehr persönlich Überwinden werde. 
Doch was Hegt daran? Ich habe lange genug gelebt und ge- 
schrieben, wenn auch noch lange iiiciit ^enug in Ihrem und anderer 
Freunde Sinne. Allein wer kann Andern genug tliun, namentlich 
auf dem end- und ziellosen Felde des Denkens, wo die Menschen 
von jeher auch das Klarste und Gewisseste in Zweifel gestellt, auch 
das Einiachste in Verwirrung und Verwicklung gebracht haben, 
um ib der Lösung der selbstgemachten Knoten ihren Scharfsinn zu 
erproben? Und nun gar ich, der ich fttr alles gemachte oder er- 
künstelte Wesen oder Unwesen vielmehr eme unüberwindliche 
Antipathie habe, und mich in meiner OfTentlichen Thätigkeit nur 
auf den ebenso theoretisch als praktisch wichtigen und entschei- 
denden Bcgritf der Gottheit oder Religion eingeschränkt, Anderes, 
ja Alles nur in Beziehung auf diesen Zentralpunkt betrachtet und 
beleuchtet habe, der ich überdies die antischolastische und anti- 
pedantische Caprice habe, das Allgemeine nur in concreto, im 
Besondern, das Gegenwärtige im Vergangenen , den Philosophen 
nicht im Professorenhabit, sondern im Bettlergewande des Odysseus 



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oder gar in der MOnchskntte eines Luther darznstellen und ans- 
snspreohen! Gleichwobl betrachte ich Ihre nnd anderer jüngerer 
Prennde Wunsche nicht nur alspia, sondern auch als justa desi- 
deria. Und ich babc aucb in den letzten Jahren, zugleich aus 
eigenem Antriebe, an der Ik^friedigunj^ derselben *rear])eitet — 
namentlich auch in lietretV der Streitfrage des Idealismus und 
Materialismus, die Ihr früherer Brief ans Berlin mir an's Gemüth 
gelegt hat — aber ich bin stets nicht nur auf Stunden und Tage, 
sondern auf Monate, ja Vierteljahre, gerade in den -wichtigsten 
Momenten der Arbeit gewaltsam nnterbrochen worden, so dass ich 
jetzt, wo ich mich endlich wieder sammle, anch eine angenehme, 
ländliche, jedoch mit meinem früheren, stillen, abgeschiedenen 
Studirzimmer nicht vergleichbare AVohnung inne habe, nur mit 
Mühe, ja Widerwillen, die vom Sturme des Schicksals zerstreuten 
Gedanken zusammenklauben muss. Diese Gedanken enthielten 
übrigens nichts Anderes als eine Ausführung, Begründung und Be* 
stfitignng meines „Wider den Dualismus von Geist und Leib" nnd 
meiner „Grundsätze der Philosophie der Zukunft". Ihre Frage in 
Bezug auf diese letztere Schrift beantworte ich mit Ja. Ich stehe 
noch heute auf demselben Standpunkte, nur dass mit dem Zusätze 
der Jahre er auch an Kenntnissen und Studien reicher und reifer, 
von allen Schulerinnerungen und Schulbezieliuiigen freier geworden 
ist, als er es damals der Zeit und Sache mich war und sein konnte. 
Von der Richtigkeit und Wahrheit namentlich meiner Ableitung. 
Entwickelung und Beurtbeilung der Uegerschen Philosophie habe 
ich erst neuerdings wieder vollkommen mich überzeugt, wo ich 
eben damit umging, diese meine so kurz gefasste Kritik auf eine 
auch der deutschen Schulpedanterie einleuchtende Weise auszu- 
führen. Ich kam n&mlich .bei meiner Behandlung der Streitfrage 
des Materialismus und Idealismns, in welcher, nebenbei bemerkt, 
bei mir die Medizin, lli])pokrates und Galen, neben Plato und 
Aristoteles eine grosse Holle spielt, auf die Kritik der Hegerschen 
Psychologie, von dieser wieder auf eine Kritik der Hegel'schcn 
Philosophie überhaupt zurück. Es ist aber nun fast ein Jahr, dass 
diese Arbeit iu's Stocken gerathen ist in Folge widerwärtiger 
äosserer Ereignisse. Und leider ist auch mein Publikationstrieb in 
Anbetracht der jämmerlichen Urtheils-, Muth- und Charakterlosigkeit 
der deutschen Literatur und Politik so fast auf KuU herabgesunken, 
dass ich nicht weiss, wann und wie, ja ob nur überhaupt ich diese 
verschiedenen, jedoch auf Eins hinauslaufenden Gedankenarbeiten 



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125 

tn Stande und zu Liebte bringen werde. Was Ibre Frage naeb 
letzter oder approximati?er Gewissbeit betrifft, welobe Sie an eine 
AeuBsernng des Pbysiologen Mflller anknüpfen, so antworte icb, 
dass leb, iHr meine Person wenigstens, dem Sein eine objektive 

iind insofern letzte, allerdings immerhin nur menscbliche und dess_ 
wegen vom V^crstande vom Ding-an-sii h uiitersclieidbare Gewissheit 
vindizire. Was Ihr Raisonneiiient dagegen betrifft, so stimme ich 
demselben bei. „Was wir, die wir ein Theii der Natur, aussagen 
von ibr, sagt im Grunde die Natur von sich selbst ans, ist also 
ais Ausspnieb von ibr selbst wabr, objektiv, wenngleieb immer 
Kogleicb' mensebtioh wabr, menscblicb objektiv, weil es ja die 
menscbliebe Natur ist, als welebe und dureb welcbe sieb die Natur 
aosspriebt. Aber eine Wabrbeit oder Objektivifftt ebne die Farbe 
und ohne den Ton, ohne Geruch und Geschmack, ohne Lust und 
Schmerz der iSubjcktivität wollen, heisst auf das Buddhistische Nichts 
oder das unsinnige Ding-an-sich als letzte Wahrheit rekurriren. 
Ich gebe übrigens bei der Frage von der Kealität und Objektivität 
der Sinne nicbt vom Ich, gegentlber dem pbysikaliseben und na- 
türlichen Ding aus, sondern von dem leb, welebes ausser sieb und 
sich gegentlber ein Du hat, und selbst gegentlber einem anderen 
Ich ein Du, ein selbst gegenständliches sinnliches Wesen ist. Und 
dieses, obwohl sinnliche empirische Ich ist mir der Wahrheit des 
Lebens nach. Wonach sich allein die Wahrheit des Denkens richtet, 
das wahre Ich, das Ich, von dem ich in allen Fragen ausgehen 
inoss, wenn ich nicht in ausgemachte 8o])histik fallen will. Jie- 
zweille ich die Wahrheit des Sinnes, so muss ich auch die Wahr- 
heit meiner Existenz, meines Selbst bezweifeln. Kein Sinn, kein 
Ich, denn es gibt kein Ich, das nicht Du, aber Du ist nur für 
den Sinn. Ich ist die Wahrheit des Denkens, aber Du ist die 
Wahrheit der Sinnlichkeit Was aber vom Menschen dem MenscheUi 
das gilt auch von ihm der Natur gegenttber. Er ist nicht nur das 
leb, sondern auch das Dn der Natur. Das Beben ist ein Begattungs- 
prozess des Auges mit dem Lichte, und Jlobbes sagt irgendwo und 
ungefilhr: Erkenntniss ist ein Hegattuugsproze.ss mit dem Universum. 

Indem ich Sie wegen Ihres V'ermögensverlustes bedauere, aber 
wegen Ihrer grossen Reisen, die zuletzt doch allein die wahre 
„Wdtanscbauung" gewäbren, beneide, bin ich Ihr ergebenster 

L. Feuerbach. 



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126 - 

/ 

Mein lieber Lttnfng! ... Es ist eine Notbwendigkett fSr 
mich, danfl ich an die Portgetxnng; dor dnreb die traarige Brwk- 

hav^cv ( M'srliichti' HO ;j:;f\\ allsam unlcj brocliciifii Arlieiten denkt*. 
Djinuitcr Ix^liiidct hich addi ciiui Altliuiidliin;.'^ IIImt den Stn'it (1<*h 
IdüaliHiiiUH und Malcri.ilisimiH, (\v,n'u Ynllciidunj^ mich zur KUrkkclir 
'Ml iiieincn alteu „iScharlckeu" iiüüiigt, da ich diesen »Streit haupt- 
Bächlicli nur vom |)syeh()h)^iHehcn und bistoriselien Standpunkt au8 
bebandle, ibn auf den alteu Gegensat« von Medizin und Pbiioiopbiey 
Galen und Aristoteles, Patbologie nnd Psyebologie redazire. 

leb bin llbHgens bis auf ein paar sebwierige kopfzerbrecbende 
Punkte materiell schon fertig; e» fehlt nur noeb der Bonnenblielc, 
die (Junnt der Stininnm^, die dem Stotf die jifehJirige Form und 
(Icstah «^ilit. Während I)u und zwar niclit mit I nrecht, Uber iÜi m ii 
Uüeklail in mein altes chronisclies Lehel khi^'en wirst, wenk'ü 
meine jUngereu phUusuphiHcIten Freuudc, die lortwähreud in mich 
dringen, diesen oder jenen Gedanken von mir weiter auszufUbren, 
darüber sieb freuen» Erst gestern erhielt ieb wieder von BerÜD 
aus einen BHel*, der darüber lamentirte, dass meine y^GrundsStss 
der Philosophie der Zukunft'^ weil ich sie niebt In einem grUsserei 
Werke ausgefflbrt habe, ^^llnzUeh unbekannt seien, während dagegen 
der S( hopenhauer'sehe Quietismus und NihiliHmutf natncutlicb bei 
der Ju}:;end zahlreiche Anhilnji^er hahe. 

Ailerdinf^s ist es nothu endi«::, dass ich mein laicht nielit iiiitir 
den Scbell'el «teile, nicht hinter Homer oder Lutlicr verljeri,'c, 
sondern auf eine, auch dem deutticbcn SchulpedantiMmuii einleaeb- 
tende Weise leuchten lasse. Gleichwohl ftlhle ich nicht die ge- 
ringste Lust in mir, den enormen Wust, Bobwubit nnd Wirrwsrr, 
der in den Kopien der deutsoben Phibsopben herrscht, bis ins 
Besondere und Einzelne hinein aufzuwickeln und aufzuklären . . . 

Wie gerne gilhft icli Dir zum Krsatz lltr diese Hricl Neige einen 
Kvu^ Meyer'schen 1 )(»pj)elhi<irs aus Kleiniiassiaeh, das mich gcfj^en- 
wiirti;^' er<| nickt. So etwas hast iMi nocli niclit ^cko.slet. Es int 
dan reahsirte Jiiendeal, das in liier aulgelöHte, verwandelte und ver* 
körperte Mtre «upreme .... 

Briiekberg wird nächstens zum Verkauf ausgeschrieben werden. 
Der 4. Febr. ist der erste Termin. 

Mit herzlichen Grttssen L. F. 



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127 



Dr. Duboc an L. Feuerbacb. 



Berlin, dea 25. December 1860. 



Geehrter HerrJ -Hätte ich nicht mit grossem Bedanero aus 
Ihrem Briefe ersehen müssen, dass Sie nicht mehr in Ihrem frennd- 
Hchen, in dem Briefe an Riedel mit solcher Liehe von Ihnen be- 
schriebenen Bruckberg sich aufhalten, und mtlsste ich nicht glauben, 
(lass Ihnen die Trennung und Verpflanzung von dort wahrhalten 
Schmerz verursaclit hat, so würde mich Ihr Schreiben mit noch 
ungetheilterer Freude erfüllt haben. Auch ich denke noch mit 
Liebe und lehhafter Erinnerungskraft an das alte Scbloss zurtick, 
an das alte Kcllergewölbe , in dem wir Abends von Ihrem Biere 
genossen, an die obstbeladenen Bänme, die es so dicht umgaben, 
an einen waldverschlnngenen Weg zu einem kleinen Wasserfall, 
den Sie mich führten, selbst an einen Protegd Ton Ihnen, em Reh, 
das Sie fütterten. Die wechselndsten Szenerien unter allen Himmels- 
Htricheii, die ich seitdem gesehen, haben diese lUldcr nicht aus 
meinem Gedächtnisse zu löschen vermocht, wie viel mehr muss es 
Ihnen so gehen, der »Sie dort die Heimat eines halben Lebens ge- 
fanden hatten. ' Möchte das Bewusstsein der innigen Antheiinahme, 
die ni^ht ich allein, sondern alle Ihre Schüler und Freunde Ihnen 
zollen werden, Sie einigermassen geistig illr das Herbe eines Vei^ 
loBtes entschädigen, der nns Alle mittri£Et 

Mit anfrichtigcr, tiefer Verehmng Ihr Da hoc. 



Verehrter Herr! Ich habe das mir gefdliigst übersandte 
„Tagebach eines Materialisten'' richtig erhalten and Etwas, nament- 
lich das mich Betreffende, bereits gelesen. Es ist doch höchst 
sonderbar von dem Verfasser, dass er meinen Gattangsbegriif, das 
Objekt seiner Kritik, nur vom Wesen des Christenthums abstrahirt, 
als wäre diese Sclu-iit der rcalisirte Gattungsbegriff meiner schrift- 
stellerischen Thiltigkeit, als hätte icli nicht in den darauf gefolgten 
»Schrillen gerade diesen Begriff, wie er dort ausgesj)rochcn ist, aufs 
Sorgfältigste and Ausführlichste kritisiit, moditizirt und individua- 
lisirt, and zwar in der Art, dass mur die spekulativen Schulphilo- 
sophen grade den entgegengesetzten Vorwarf gemacht haben, 
nftmlich den, dass ich den Gattnnphegriff yollständig aafgehoben. 



Feuerbach an Dr. J. Dnboc. 



Rechcnberg, den G. April 18C1. 




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128 - - 

nichts als das Individuum liliritr gelassen hätte. Was Sfdl man 
gegeo eine Kritik »agen, die l«s«iu nur wiederholt, was schon 
der Einzige gegen den 41er Feuerbach vorgebracht, ohne zi 
berfleksiehtigeD, was derselbe fiber denselben Oegenstand in späten 
JaHren gesagt? Gleich wob! bin ich Ihnen sehr dankbar Älr die 
Ifittheilnng, denn es ist doch immer interessant, „Stimmen der Zeit* 
aneh Uber sich selbst zu yemehmen. Aach ist die Schrift philo- 
sophisch insofern interessant, als der Verfasser die Konsequenzen, 
die die Gegner des Materialismus aus (iiesem folgeni, selbst, obwohl 
(angeblicher) Freund dcs>c]ben, als ri( litig anerkennt, ja zu seinen 
eigensten Herzensgedanken macht. So schien es mir wenigsten« 
nach den Üüchtigen Hlicken, die ich hii^eingeworfen. Ich will die 
Schrift aber d ( h noch einmal etwas genauer ansehen and »e 
Ihnen dann wieder snrttcksehicken. 

Von der Herbart 'sehen Philosophie oder Tielmehr von Herlwit 
selbst interessirt mich nichts als seine Psychologie, deren nShcre 
Bekanntschaft ich noch machen mnss. Der Denker und der 
Schreiber sind hei mir leider zwei verschiedene Personen: jener 
ist Philanthr«»}». dieser Misanthrop, jener Stoiker, dieser Epiknräer, 
Materialist, aldiaogig von der Ganst des Augenblicks und bomien- 
blicks u. s. w. 

Mit freundlichem Grosse Ihr e^benster L. Fenerbach. 



Jos. Scbibich »o L. Fenerbach. 

Wlachowiz, bei Dnguiflch-Bfod, dea Ii'. JoU 1661. 

Lieber, th eurer Freund! ... . Wissen Sie auch, Freund! 
dass der geologische llaninier an die (ilocken unserer Dome schlä^. 
nnd dass dies Stnrni^elaute ihren jfingsten Tag, das letzte Geriebt 
bedeutet? Die Fiiilosophie und die Naturwissenschaften sind zwei 
Gesichtslinien; die erstere war — sei es, dass sie grössere Kaptr 
zitftten hatte, oder dass ihre Arbeit eine leichtere war — nm eise 
geraume Zeit der zweiten yoransgeeilt, nnd steht nnn ein Dezen- 
ninm »title, nm auf die Schwester zu warten. ' Ist diese einmsl 
am ])arallaktischen Winkel angelandet, dann, Freund, ist Alles That, 
Realität f:;ewordeii ; dann «^ibt es keine l^hilosnphie mehr im heutij5'en I 
Sinne, dann bleilit nur noch die Wissenschalt katexochen. bie 
stehen an der Tarallaxc, Sie sind auch der letzte Philosoph. 

Mit herzlichem Kusse ihr Freund Dr. SchibiclL 



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129 



Kourad Haag an L. FeucrbHch. 

HOthreUeii (Kanton Thargau), den 12. Juli 1S61. 

Verehrungswürdigster, edler, grosser Mann! Es 

kann als Vermessenheit oder mindestens als Unbescheidenlieit ha- 
zoichnct werden, wenn ein Dilettant es wagt, oder sich die Freiheit 
iiinuiit und sich brieflich an den anerkannt grössten Denker nnd 
Aufklärer unseres Jahrhunderts oder aller Jahrhunderte wendet. 
Aber ich kann dem Drange meines Gerzens nicht mehr länger 
widerstehen; ich thue endlich das, was ich schon lange beabsich- 
tigte ; ich ergreife die Feder und schreibe an den ,,Einzigen'' unter 
den Reformatoren und Aufklärern aller Zeiten, der das Räthsel der 
Religion Idste wie kein Anderer mit oder vor ihm. — 

Ludwig Fenerbach ist mir, seitdem ich ihn aus seinen 
Werken kenne, der gefeiertste Name, weil er mit nnvergleich ge- 
waltigem Geiste und grossem Genie und Talente gerade in einem 
Gebiete wirkt, das auch für mich das allerwielitigste ist. Ich ver- 
dauke keinem Menschen oder Öehriftsteller so vieles wie ihm; er 
ist mein grösster Freund und Wohltliäter. Wer hat mich vollständig 
frei gemacht von allem Wahn und Aberglauben , und aus meinem 
Kopfe allen theologischen, supranaturalistischen und spekulativen 
Uurath herausgetbgt und alle religiösen Vorurtheile zmUirt, als 
L. Fenerbach? Welcher Denker und Philosoph hat Werke ge. 
schrieben, die Dich — muss ich zu mir selbst sagen — in so hohem 
Grade befriedigten, in denen Du Deine eigenen Gedanken und 
l eberzeugungen so geistvoll ausgesprochen fandest, wie in den 
uiisterbliclien Werken FcuerbaclisV 

Wer hat Schriften verfasst im Fache der iicligious-Phiiosophie, 
die dem „Wesen des Christenthums dem „Wesen der Religion", 
der „ Unsterbiichkeitsfrage vom Standpunkte der Anthropologie", ' 
„den Grundsätzen der Philosophie d. Z.", „den Vorlesungen Uber 
das Wesen der Religion", der „Theogonie" etc. etc. in Bezug auf 
Orttndlichkeit , Tiefe, Genialität und Klarheit der Darstellung an 
tlie Seite zu setzen bindV Keiner! Wer hat mit herkulischem Helden- 
niuthe die Theologie in Antliropologie, die Philosophie in l'h\sio- 
logie aufgelöst, und die ewig wahren Worte ausgesj)roclien : ,,I)ie 
]leli;rion ist der Traum des menschlichen Geistes I Die Nacht ist 
die Mutter der Keligion!'* Der Geistesriese L. Fenerbach! — Wenn 
A. v. Humboldt in seinem berühmten „Kosmos" uns die Erc^cheinungen 
oder Phänomene der physischen Welt ttbersichtlich zusammenstellt 

Of ttn, Feaorbaeh* KriefVroehscl n. Nscblasa. II. ^ 



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' m — 

und erklärt aus dem Uberreichen Schatze seines Wissens; so '^'M 
uns L. Fenerbach in seineu philosophischen Werken mit kolossalem 
Genie einen geistigen Kosmos, indem er uns die religir»sen und 
psycbiBchen P|iiUiooiene in der MenBebenwelt, ttber die bia jetzt, 
wenigstens noeb theilweise, ein undnrebdringlicbes Donkel ausge- 
breitet war, — mit der Fackel der Vernunft so sonnenklar belenchtet, 
dass der denkende Leser bis tnr Evidenz einsieht, die Menschheit 
habe in ihren religiösen Schwindeleien und gottesdienstÜchen Ge- 
brauchen und Funktionen nur mit sich selber gespielt; oder auch 
wieder in ihrem Wahne ein Schreckbild phantastisch aufgestellt, 
das im Sonnenlichte der Wahrheit betrachtet, nur ihr eigenes Wesen 
war. Wenn man einmal Feuerbachs klassische Werke durchstudirt 
hat, wie unbefriedigt legt man später die IScbriften selbst ?on Kant, 
Fichte, Hegel, das „System der Natur'', ja in gewisser Hinsieht 
auch die Strauss'sche „Glanbenslehre'' etc. — aus den Händen! Bei 
allen diesen Denkern findet man nur die halbe oder Dreiyiertels- 
Wahrheit; die ganze Wahrheit nnd Geistesfreiheit empfängt man 
nur durch die Feder Feuerbach s. Nur wer sich so ganz in die 
Ideen Feuerbach's hinein^^elcbt und seine Lebens - und Weltau- 
schauung sich zu eigen gemacht hat, wie Schreiber dieses, weiss 
auch, welche Zulhedeubeit und Seligkeit es gewährt, diesen Stand- 
punkt erstiegen zu haben, auf welchem man so ganz in Harmonie 
steht mit der Natur und dem ganzen Universum. Aber eine wie 
verhältnissmttssig kleine Zahl von den tausend Millionen Bewohnern 
des Erdballs erhebt sich auf diesen Standpunkt; wie Wenigen liegt 
es so recht am Herzen, auf dem Gebiete der Religion völlig ins 
Klare zu kommen! Wie wahr ist es leider! was Hie, verehrtester 
Feuerbach! in einer Aniiierkunfr in der Biographie Ihres Vaters 
saj^en , dass die meisten Menschen in dem (Tcbiete, auf dem sie 
operiren, nur ein gewisses iJäninierlicht vertragen! Es ist eine 
traurige niederschlagende Erscheinung, dass eine Unzahl von 
Menschen eigentlich erschrickt und zurttckbebt vor dem Lichte 
der vollen, ganzen Wahrheit, und dass weitaus die Meisten den 
Fledermäusen oder den Eulen gleichen, denen es nur im Halbdunkel 
behagt; ja dass selbst ein Lessing sagen konnte: Wenn Gott in 
einer Hand die Wahrheit hätte nnd sie ihm bieten wollte, er getraute 
sieh nicht dieselbe anzunehmen, und dass auch der Dichterheros 
Goethe, der doch als Verehrer und Anhänger von Spinoza bekannt 
ist. nieht den Muth hatte, das „System der Natur'' von llolitarh 
gau2 durchzulesen, weil es atheistisch war. Wie viele sonst nicht 



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— ' m — 

einmal gans dunkle Köpfe erschreoken heute noch vor dem blossen 
Namen Fenerbach oder Stranssl — Leute, welche Zschokke's 
„Stunden der Andacht^' lesen, fttrchten sich, Uber dieselben hinaus 
und en Feuerbach in die Schule zu gehen. FreOich ist noch ein 
gewaltiger Schritt zwischen Zechokke und Feuerbach. — In diese 
Klasse gehören aiah noch viele Theologen. Ein gewisser Pastor, 
der mich vor einigen Jahren besuchte und dem ich bei diesem 
Anlasse Ihre Werke ott'erirte zum liCseu, sagte sogleich, dass er 
keine Schriften dieser Art lese. Die Herren fUrchten ganz gewiss 
das Gewicht der GrUnde, welche sie wenigstens zu „relativen 
Atheisten machen könnten. Da haben wir Freidenker es denn doch 
ein wenig besser, wir fUrohten uns nicht vor den pietistischen 
Traktätchen, vor den Mirakeln der Bibel und Orthodoxie und vor 
den leeren Phrasen und Kniifen und Pfiffen" der Theologen. 
Wenn wir etwa noch zur AbwceliHlung derartiges Zeug lesen, so 
nöthigt es uns hr>chstcn8 ein mitleidiges Läclicln ab. Dieses ist 
dann auch noch ein Ersatz fUr die VcrdiU-htigungcn , die sich der 
otTene Naturalist odev Atheist noch heute von den modernen 
frommen Gläubigen uud charakterlosen llalbgläubigen gefallen 
lassen muss. Die Gläubigen aller Farben sind noch immer der 
Meinung, der sogenannte Ungläubige könne durchaus kern wahrhafi 
rechtschaffbner Mensch seni, was mir letzthin ein gewisser Sohloss- 
herr, und vor mehreren Jahren auch Herr A. Folien, mit dem 
leb ins Gesprilch gekommen, — unter das Gesicht sagte; obgleich 
er dann wieder urkiuit^'; L. Feuerbach sei ein sehr ehrenhafter 
Charakter, er kenne ihn persönlich. — Ich selbst i)in gegenwärtig 
fast der Meinung, dass man beim alten (Hauben kein edler, tugend- 
hafter Manu mehr sein könne. Heim jetzigen Zustande der Wissen* 
Schäften kann nur der TOlpei noch im Ernste altgläubig sein, sehr 
Viele von den sogenannten Gläubigen sind nur Schurken und 
Heuchler. Im Lichte der modernen Astronomie ist der Himmel 
und die Hölle der antiken Welt in Nebel autgelöst, der Wohnsitz 
der Götter und Engel und Teufel schon längst zerstört, und alle 
Mirakel und Wunder von einer gesunden Physik ins Land der 
'JVäunie, Märchen und Fabeln verwiesen worden. Wer daher nur 
einige Bildung besitzt und Iblgeriehtig denkt, niuss den alten 
(ilaubeusbodcn unteili(»hlt finden und sich in neue Gebiete tiliehten, 
oder ein total Gleichgültiger sein gegen die Wahrheit. Aber der 
(f leichgültige gegen die Wahrheit ist auch gleichgültig gegen die 
Tagend. Ich kann mir keinen edlen Charakter denken ohne Wabr^. 

9* 



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... 

heitsliebe nnd Aobtong vor der Vemnnft und Wusenscliait Wie 
Tiele Cbarakterlose and Gleichgültige gibt es aber in dieser SphSre 
in unserer Zeit! Fast Alle baldigen in religiösen Dingen demPriotipe 

der Stabilität; ist einmal Etwas in die Welt einj^esclnuuf^f^elt , so 
bringt man es mit allen (Ii iinden der Vernunft und des \ erstaiides 
fast nicht mehr aus den Kö})fen heraus. Die l'laffenbrut i>i im 
wohlverstandenen eigenen Interesse immer thätig, die alte Nacht 
beizubehalten und sorgt dalUr, da»» es nicht ganz helle wird iu 
den Köpfen, und dasK das V(dk nie zur Mündigkeit gelangt. Von 
frühester Jugend an wird den Kindern das supematurale Gü't ein- 
gepflanzt und dieselben dadurch moralisch verdorben nnd rer- 
krtippelt, und der Unglaube oder das Denken und die Kritik ihnen i 
als eine Pflanze oder ein Produkt des Teufels dargestellt. Den 
unwissenden Erwachsenen wird dann vorgepredigt, es sei die Partei, 
die durch Feucrbad), Straiiss, Bauer, l{uge, Vogt, Molesehott n. A. 
reprUsentirt werde tlurch die GlaubensmUnuer vollötäüdig beöiegl 
und aus dem Felde geschlagen worden u. s. w — 

Es ist daher, mein lieber Feuerbach! bei diesem Stande der 
Dinge nicht anzunehmen, das» Ihre Lehre sobald in der Masse des 
Volkes Wurzel fasse oder Gemeingut werde, wie Sie übrigens selliBt 
auch annehmen hiut einer Stelle des Vorwortes zu Ihren herrliches 
Vorlesungen Ja, ich zweifle oft sehr daran, dass die Henschbeit 
jemals auf einen Standpunkt der Kultur und Zivilisation gelangen ■ 
werde, auf dem Ihre Lehren als volksthiimlich betrachtet werden 
könnten ; sie werden vielleicht flir innucr nur das Ki«j:entiiuni der 
denkenden Kopie bleiben; - für den grossen Haufen sind sie nicht. 

Aus eigener Erfahrung weiss auch ich, wie schwer es ist Vor- 
urtheile abzulegen, die einem so zu sagen mit der Muttermilch 
emgepfropft wurden, ich hatte nttmlich auch schon als Knabe 
einige Zweifel an gewissen Kirchenlehren, wie etwa die Lehre voo 
der Dreieinigkeit und Auferstehung etc. Allein, wenn ich meüen 
Eltern, die auch sehr religiös waren, etwas der Art merken Wmj 
so wurde ich dadurch eingeschüchtert, dass sie sagten, es sei eine 
grosse Sünde an diesen Dogmen zu zweifeln, man dürfe darlibei 
nicht grübeln u. s. w. So wurde mein Hischen Vernunft erwürg;!. 
Ich war dann bis ins reifere Jünglingsalter ziendich orthodox, hielt , 
mich in strengerem Sinne an die Hibel, nnd zwar nicht nur theo- | 
retiseh, sondern auch praktisch. Mitunter stiegen dann freilieb 
auch wieder Zweifel auf, mein Wissensdurst nnd Wahrbeitsdrang 
konnte nicht mehr unterdrttckt werden. Ich wurde vom Schicksile 



133 



in Zustände and Verhältnisse versetzt , in denen es mir möglieh 
war, mieh vielfaeh mit Bflehem abzngebqp, die theilweise geeignet 
waren, meinen Dnrst nach Wahrheit momentan zu stillen^ oder 

mich auch nach und nach zum ZwciUcr an allen Glaubens- und 
Kirchcnlehren machten. — Ich nenne unter diesen liikhern haupt- 
sächlich die „Stunden der Andacht", Georg v. Keller's Schriften, 
verschiedene Werke von Bretschneider, von Amnion, Paulus etc. etc., 
dann wieder die Werke unserer grossen Dichter, Naturforscher und 
Kritiker wie: Goethe, Schiller, Lessing, Herder, Humboldt, Littrow, 
Molesehott, Vogt, Stranss, Bauer, finge etc. etc. Bei solcher nnd 
vieler anderen Lektüre konnte von Kirchenglanhen nnd Orthodoxie 
bei mir wohl keine Rede mehr sein; aber ich wurde Jahre lang 
ohne Selbsülndigkeit wie ein Ball hin und her geschleudert ohne 
festen Anhaltspunkt. Zuerst wurde ich Rationalist, dann Deist, 
Pantheist und endlich, besonders durch Ihre Werke und eigenes 
Denken, entschiedener Naturalist oder Atheist. — Doch ich werde 
last zum breiten Schwätzer, ich habe vergessen, dass ich nicht zu 
^feinesgleiclien rede, dass in Bezug auf Kenntnisse und Talente 
du Zwerg sich mit einem Riesen unterhält. Was wird sich auch 
ein Heros wie Feuerbach um die Entwicklungsgeschichte eines 
unbedeutenden Menschen bekümmern, was fttr ein Interesse an 
diesem langen Geschreibsel haben! — 

Doch das muss ich noch bemerken : Ich habe mich auf meinem 
jetzigen Standpunkte der Ueberzeugung, zu dem ich mich seit etwa 
20 Jahren orten bekenne und den ich nie verläugnen werde — 
heucheln kann ich nicht, es ist gegen meine Natur — über nichts 
zu beklagen, als dass ich vereinzelt dastehe mit meinen Ansichten 
in einem Schweizerisch-Thurgauischen Dorfe. Ich kann meine Ge- 
danken beinahe mit Niemandem austauschen; wer bekümmert sich 
auch nm die Philosophie, um die interessenlose Wissenschaft? Alles 
strebt nur nach Simaengenuss und materiellem Besitz. Auch haben 
die meisten Mensehen, wie ich schon oft erfahren habe, fast keinen 
Sinn flir ])hiloso|)hi8cbe Ideen; sie sind für das Glanben geschaffen, 
nicht fUr das Wissen. — Schon oft habe ich daher, ähnlich dem 
Goethe'schen Faust seinem Gretchon gegenüber: „Ach könnt' ich 
um* ein Stlindchen Dir am Busen hängen^' gewünscht; ach könnte 
ich mich auch ein paar Stunden mit Feuerbach unterhalten! Doch 
ans diesem Wunsche wird nichts werden, ich muss mich mit dem 
Feuerbach, den ich in 9 Bänden in meinem Zimmer habe, begnttgen, 
and das ist ja die Quintessenz vom wirklichen, persönlichen Feuerbach. 



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134 

Wann wird uns Feaerbacb mit einem neuen, dem sehnteD 
Bande seiner sSmmtlieben Werke erfrenen nnd ttberraschen , und 

was wird er tür ein Tlieina zur Bearbeitung; auswählen? — so 
sagte ich schon olt zu mir. Das Thema seiner früheren Schritten 
wird i»einalie von ilnn erschr»|)l't sein; doch ein Genius wie er weiss 
der fc>aehe immer wieder neue Seiten abzugewinnen. Oder sehreibt 
vielleicht Feuerbaeh kein Ruch mehr, ist er des Kampfes müde, 
will er etwa ausruhen , oder altert er schon V Gegen dieses Alles 
sprechen einfache Gründe. Eine so kräftige, regsame Natnr, eine 
von Yemtlnftigen so allgemein anerkannte Autorität, eine * welt- 
historische Persönlichkeit nnd Erscheinang wie Feoerbach, kann 
sieb mit drei- oder viemndftlnfzlg Jahren noeh nicht znr Rnbe be- 
geben, sondern muss noch von seinen glänzenden Talenten Ge- 
brauch machen und darf dieselben nicht v(»r der Zeit ver^^nil)cn. 

Obschon Feuerbach bereits vier Jahre nichts mehr von sich 
hören Hess, so steht dennoch oder gerade dcsshalb zu erwarten, er 
werde seine Verehrer und Geistesgenossen recht bald mit einer 
neuen literarischen Gabe aus seiner geistreichen Feder erfreuen. 
Zudem kann ein so vielseitiger Geist wie Feuerbaeh, dem kein 
Gebiet des menschlichen Wissens fi^md ist, sollte er auch auf dem 
Felde, auf dem er bis jetzt so epochemachend wirkte, nicht ferner 
arbeiten wollen, — nicht verlegen sein. Immerhin dürfte es kein 
beschränktes sein, sondern ein universelles, und dies wäre das 
Gebiet der Natur, die Ja auch Feuerbnch's GJittin ist. Ja es wäre 
wirklich sehr zu wünschen , es nKtchte einmal ein so freier Geist 
wie Feuerbach ein Buch über das „Ganze der Natur" schreiben, 
ohne alle theologischen und philosophischen Vorurtheile, Grillen 
und Voraussetzungen. Bis jetzt haben wir noch kein solches Werk. 
Em solehes zu schaffen wäre vielleicht auch nur Ludwig Feuerbaeh 
möglich in unserer Zeit, wie es gewiss auch nur ihm mOglteb war, 
von seinem freien Standpunkte aus eine so umfassende Theogonie 
zu schreiben, wie sie uns im neunten Bande seiner Werke vorliegt. 
Dieses Werk ist einzig in seiner Art, es ist der Gipfel seiner 
Leistungen, und Feuerbaeh wird schwerlich durch eineu Später- 
kommenden verdunkelt werden, so wenig als Kolumbus, der Ent- 
decker einer neuen Welt. Mit diesem Buche ist das Räthsel der 
Religion vollständig gelöst und der Verfasser hätte sich die Un- 
sterblichkeit erworben, wenn er auch sonst Nichts geschrieben hätte. 
In vollster Manneskraft, mit der Kraft eines Giganten, steht Feuer- 



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- 135 



bach in der Theogonie vor uns und versetzt dem ObsknrantismQS 
Streiche, wie nocb keine gegen ihn geführt worden sind. — 

L. Fenerbaeh ist der Mann, den Lessing mit prophetischem 
Seherbtieke erwartete und verkündete^ als er sngte: „Er soll noch 

kommen der Mann, der die Keligion so bestreitet (und ihr Wesen 
so beleuchtet und erklärt), wie es die Wichtigkeit und Wlirde des 
(Gegenstandes erfordert, mit allen den Kenntnissen, aller der Wahr- 
heitsliebe, allem dem Ernste.^' — Erst die spätere Nachwelt wird 
L. Feuerbach auf die Stufe erheben, die ihm von rechtswegen ge- 
bührt, und ihn in die erste Beihe setzen unter die grossen Männer 
aller Zeiten und Völker. 

Doch, doch! nun einmal zum Schlüsse! — Empfangen Sie 
daher schliesslich, heldenmfitbiger Wabrheitszenge, edler Kämpfer 
für Wahrheit, Freiheit, Licht und Aufklärung, Ghanlkter ohne 
Gleichen, den wärmsten, innigsten, herzlichsten Dank für Ihre 
Lehren und Aufklärungen von Ihrem unwandelbaren, treucsteu 
Anhänger und Verehrer Konrad Haag, Gemeiuds-Präsident. 



Feuerbacli au W. Boliu. 

Beche&beig, den 16. Juli Iböl. 

Mein lieber Herr Bolin! Ich war nicht wenig fiberrascbt^ 
ja erstaunt, als ich, nachdem erst ein einziger ganzer Tag seit 
Ihrer Abreise verflossen war, schon die versprochene Schrift von 

Schopenhauer erhielt. Das Paket öffnen und lesen, von An- 
fang bis zu Ende lesen, war Ein Akt. Meine Neu- oder Wiss- 
begierde fiel aber zunächst nicht auf die Freiheit, sondern auf das 
Fundament der Moral, und fand sich reichlich befriedigt. Ich stimme 
ihm vollkomnien bei, wenn er gegen die bodenlose idealistische 
Moral das Mitleid als ein — m seinem Sinne einziges — reales, 
positives Prinzip der Moral geltend macht, wenn er die Moral als 
etwas wesentiieh sich nur auf Andere Beziehendes fasst und daher 
die Pflichten gegen sich selbst ausstreicht, wenn er den Unterschied 
zwischen Gut und Böse nur auf den Unterschied von Wohl und 
Wehe gründet, wenn er endlich die Unveränderlichkeit des Cha- 
rakters der ^fenschen behauptet. Aber er ist darin einseitig, be- 
schränkt, befangen einerseits noch im Kantianismus, andererseits 
im ßrahmanenthum, dass er das Mitleid, statt auf das Prinzip der 
Sinnlichkeit, auf ein metaphysisches Prinzip zurücktXlhrt, dass er 
den EudämonismuB aus der Moral verbannt, die Moral Überhaupt 



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136 



nur im Wi(lers]>rncb mit dem menschlichen Ep^oismiis ert'asst. 
lTr»ehst komisch finde ieli es, dass er den Nothbehelf Kant's mit 
seiner Unterscheidung^ eines intelligibelu und erscheinenden Cha- 
rakters Pur ein welthistorisches Meisterstück ausgibt, weil er sich 
selbst damit ans seiner GedankeDnoth heransbilft und in's Pteich 
der metaphysischen Träame fltichtet Aber trotzdem ist mir die 
endliche nähere Bekanntschaft mit Schopenhauer eben wegen dieser 
grossen Uebereinstimmnng auch Entgegensetzung seiner nnd 
meiner, theils ausgesprochenen, theils noch im Kopf znrQckhehaltenen 
Gedanken von hohem Werthe und Interesse, und ich Itihle mich daher 
innigst Ihnen verl)unden tiir die Mittheihmg dieser seiner 8chriften, 
von denen ich bis jetzt die über Freiheit nur desswegen nicht ge- 
lesen habe, weil mich das Spiel der Ideenassoziation von dem 
Schopenhauer'schen Fundament der ^loral auf das Schiller-Kant'sche 
Fundament der Poesie, namentlich der Tragödie geflihrt hat. Auch 
ttlr Ihre gewissenhaften Exzerpte ans Sprengers Geschichte der 
Medizin sage ich Ihnen meinen verbindlichsten Dank. Ich ersehe 
hieraus, dass diese nur die Schattenseite des Jak. Miliehins hervOT- 
gehoben, die universelle, die ethische Bedeutung aber, die der Freund 
Melauehthon's der Anatomie gab und die gerade ich an s Lieht 
ziehe, übersehen hat. Sehr wichtig ist für mich ein Zitat von Ihrer 
lieben Freundeshand, weil icli hieraus erfahre, dass von deu De- 
klamationen Melanehtlion's mehr Bände existiren, als ich besitze, 
und daher hof^, dass auch dort meine Augen Manches sehen werden, 
was Andere nicht gesehen haben. 

Wenn Sie, wie ich hofie, Ihre Rilckreise ttber Nttmberg nehmen, 
so bitte ich Sie, mir ungefähr die Zeit Ihrer Ankunft zn bestimmen, 
damit Sie mich nicht verfehlen. Wenn Sie dann bei mir statt im 
Gasihause wohnen wollen, so finden Sie raein und der Meinigen 
Herz und Haus zu Ihrer Aufnahme bereit. Mit herzlichem Danke 
und Wunsche, dass Jupiter und Neptun Ihnen günstii? seien, liu* 

L. Feuerbach. 



W. Holin au Keucrbach. 

Ste. Adresse bei Uane, den Itt. Aagust 1861. 

Lieber Frennd! Ein zweiwöchentlicher Aufenthalt in Paris 
liegt bereits hinter mir, und auch schon in der vierten Woche bin 
ich hier, in den Finten des Ozeans mich an den herrlichen Bädern 
erquickend. FUr mich ist der Anblick der 8ee ein heimischer; deu- 



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- - 137 

noch ist sie hier recht grossartig und hietet dnrch ihi*e Schönheit, 
wie auch in nttchtlicher Aufgeregtheit der Winde, recht anschauliche 

Belege fHr die „Theogonie". Man leht solche Mr)glichkeiten der 

Gotterzeugung wirklich durch; eine Sturmesnacht bleibt mir unver- 
gesslich. 

Wie freut es mich, dass Ihnen die Srhrift von Scli. gefallen. 
Mich hat dieser Mann schon lange angesj)r()chcn. Sie erinnern sich 
vielleicht noch, dass ich ihn bereits 1859 als einen nothwendigen 
Dnrchgangspankt zu Ihnen bezeichnete. Die Richtiglieit dieser 
Aussage haben Sie mu* durch Ihr, ihm so vielfach beistimmendes 
Interesse an demselben nur bestätiget. Ist es Ihnen aber nicht 
aufgefallen, wie ein so frischer nnd wahrhafter Geist die Ver- 
schrobenheit des Kantianismns behalten konnte? Wie er sich alle 
mögliche MUhe gibt, diese Fesseln noch fester zu schmieden und 
sie als das herrlichste (Tesclimeide zn preisen, das er je hsitte er- 
langen können? Es mag pathologisch und historisch erklärlich 
sein — nnd ist es auch; aber wenn ich seine eminente Originalität 
gegen seinen reproduzii-ten Kantianismns halte, habe ich etwas von 
dem borazischen Fischschwanz. Mich wundert dann gar nicht, 
dass der Kantianismns so unverschämt von allen Dächern, resp. 
Kathedern, gepredigt wird. Aber ist denn der Kantianismns in 
seinem originellsten Theile, eben in seiner kuriosen Lehre von Raum 
nnd Zeit, gründlich widerlegt? Denn nur in dieser geschickten 
Wendung hat Kant, scheint es mir, mit dem alten Sauerteige des 
Idealismus solch Aufsehen erregt, und eine noch immer nicht iiber- 
wondene Verwirrung angerichtet. Man mag noch so sehr mit Ihnen 
Raum nnd Zeit als Grundbedingung alles Seins, alles Wahren 
und Wirklichen annehmen, so befindet man sich meist in einer 
gewissen Bathlosigkeit, wenn man Kaufs transzendentale Aesthetik 
widerlegen soll. Bis jetzt habe ich das einzige hierauf Bezügliche 
nur bei Ihnen, aber leider nur zerstreut und beiläufig gefunden. 
Das, was meines unmassgeblichcn Erachtens noth thut, ist einfach 
eine kritische Auseinandersetzung jenes ersten Abschnittes der 
„Kritik der reinen Vernunft". Es handelt sieh wahrhaftig nicht 
nm einen Feldzug gegen alle die verstockten Epigonen des Kau- 
tianismus, die sanmit und sonders auf seinem originellen Ausgangs- 
punkte geblieben und des alten Königsbergers Argumente, mit einigen 
anschaulich sein sollenden Exempeln ausstaffirt, mechanisch wieder- 
käoen; — sondern um den Kantianismns selbst, namentlich weil 
Schopenhauer, der jetzt endlich die verdiente Anerkennung findet, 



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138 — 

diesen Standpunkt obne Weiteres aDDimmt nnd dadurch die Be- ! 
seitignn^^ dieser Illasfon yerzfVgert and erscliwert. leb mdehte daher, 
dass Sic mit Schüi)enhaucr's Ausgangspunkte, wie er ihn in geiner 
Abliandiung „reber die vicrfaclie Wurzel des Satzes vom zureichen- ' 
den Grunde" auseinanderlegt, genau bekannt würden, überzeujrt, 
das8 Ihnen dann nicin altes hier wiederholtes Anliegen besser ein- 
leuchten werde, als ans meinen mangelhaften nnd ungeschickten 
Andeutungen, die aus der Tielleicht irrigen Annahme entspringen, 
dass mit dem Kantianismus noch nicht ganz gründlich aafgCr&nmt 
ward. Mit herzlichen Grtlssen an die Ihrigen, in steter Frenndschaft 
nnd Liebe Wilhelm BoUn. ^ 

Fenerbach an K. Haag. 

Hechenberg: bei Nürnbor«!:. (\en 3. Scpt ISrtl. 

Verehrter Herr! Für einen Menschen, dem das unglück- 
selige Loos beschieden war, zum Thema seines Lebens nnd Den- 
kens einen Gegenstand zu machen, welcher in den Augen der £ineo 
Uber aller Kritik nnd Vernunft^ in denen der Andern unter aller 
Kritik nnd Vernunft steht, welcher daher seinen Kritiker und Er- 
forscher bei den Einen zu einem FreTler, bei den Andern zu einem 
Thoren stempelt, der sein Licht unter den Hchetiel stellt,* seine 
Zelcbrität in der Obskurität sucht; für einen Menschen, dem über- 
dem eine solche bescheidene Lebensstellung zu Theil geworden, 
dass dem materiellen Ertrag nach ihm jeder Stietelwichser oder 
Hausknecht berechtigt erscheint, mit Geringschätzung auf den 
tiefsten Denker herabzublicken, und zudem noch die Natur so wenig 
Dttnkel und Selbstzufriedenheit eingeflOsst hat, dass es ihm sehr 
hftnfig vorkommt, als sei er Nichts und habe Nichts geleistet, flir 
einen solchen Menschen — und ein solcher bin ich — ist ein so 
anerkennender, so begeisterter Zunif aus unbekannter Ferne, wie 
der Ihrige, ein höchst wohltbätiges und erfreuliches Meniento viverc 
et scribere. wenn er sich aucb gleich nicht verhehlen kann, dass 
nicht der Kubus des von der T^egeistcrung ges])endeten Lobes, sou- ; 
dem nur der Wurzelextrakt daraus der wahren Grösse des Gegen. 
Standes entspricht. Nur in dem Urtbeil, das Sic über meine 
Theogonie fällen, stimme ich Ihnen bei, obne das Mittel der £z- 
und Subtraktion anzuwenden, wiewohl Tielleicht nur aus dem hOebst 
mensebliehen Grunde, weil das jüngste Kind auch das geliebteste 
ist, namentlich dann, wann es zugleich das letzte Fiüdnkt der 



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' — - 189 



ZcugiingHkraft ist. Ein Deatsobamerikaner bat bereits aiiob wirklich 
meine Theogonie bald naeb ihrer Erscbelming meinen Sc hwanen - 
^esang g^enannt. Das Schicksal , das mich unterdessen meines 

alten geliebten Miiseiisit/AS in Bruckberg beraubt niul wider Willen 
auf tlie Landstrasse, in die Nabe einer geriinsebvollen Fabrikstadt 
gesetzt, scheint dieses absprechende Wort boshafter Weise zur 
Wahrheit machen zu wollen. Es lehlt mir zwar bis jetzt weder an 
Willen noch an Kopf und Stoft'; aber es fehlt mir die passende 
Lokalität, das Nest znm AnsbrQten meiner Gedankeneier, und leider 
gehöre ich zn den Vögeln, die das Fortpflanzungsgeschäft nur in 
einer ganz absonderlichen Lokalität besorgen können. Ich weiss 
daher selber nicht, ob die vorlauten, absprechenden Yankees oder 
die an ihrer, so auch meiner Znkunlt nicht verzweifelnden Deutschen 
Recht haben werden. Nur so viel weiss ich gewiss, dass es besser 
ist als Schwan zu enden, denn als geschwätzige Gans sein Dasein 
fortzusetzen, dass also entweder keine Fortsetzung von mir mehr 
in Ihrer Bibliothek erscheinen wird, oder eine solche, die den Yankee 
EU einem Pseudopropheten macht. Was aber auch erscheinen wird, 
es wird niehts sein als weitere AusfKhmng und Bestätigung des 
in der Theogonie oder in den „Grundsätzen der Philosophie^' 
Ausgesprochenen. An einen absolut neuen Gegenstand zu gehen, 
widerspricht den physiologisch-psychologischen Gesetzen, denen das 
Alter, in dem ich bereits stehe, unterworfen ist. Ohnedem kann 
und soll der Mensch nur Eines, nicht Vieles, geschweige Alles 
leisten und thun. Doch wer weiss, ob nicht einst auch noch der 
wirkliche Feuerbach statt des papiemen Ihnen Gesellschal't leisten 
wirdi Es hat nicht viel gefehlt, so wäre ich noch diesen Herbst 
nach Zürich gekommen, wo ich werthe Freunde habe, und dort 
alleui natürlich nicht sifesen geblieben. Also in Hoffiiung einer nicht 
nur schreibenden, sondern auch lebendigen und anschauenden Zu- 
kunft Ihr ergebenster L. Feuerbacb. 

Feuerbach aa W. BoHn. 

• Kechenberg, «icn 2«). Soitt. 

So eben erhielt ich Ihren Brief, lieber Herr Boll n. Nach Paris 
habe ich nicht geschrieben, weil ich nichts zn schreiben hatte, ich 
hätte denn meine Einladung an Sie, auf Ihrer Rttokreise bei mir 
mit Sack und Pack einzukehren, wiederholen sollen. Wozu aber 
ehie solche Wiederholung zwischen Männern, die sich bestreben, 



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140 



der Menschheit, folglieh aach sich selbsti keine Komplimente, son- 
dern die Wahrheit zn sagen? Die »Probleme der Ethik'' und die 
vierfache Wurzel des Satzes vom zareichenden Gmnde'' gehören 
aber in keinen Brief, sondern in eine Schrift, und zu einer solchen, 
worin diese Gejj^enstiindo, wenn aucli nur kurz, behundelt werden 
sollen, werde ich noch hoflcntlich Zeit und vor Allem Kaum finden: 
un«l hei Gcle^;enheit dann meinen that.säehlichen — oder wenn Sic 
wollen, schriltlichen, aber nicht brieflichen Dank für die mitgetheiltcn 
Schriften abstatten. In freudiger Erwartung Ihrer baldigen Ankunft 

Ihr Fb. 



Konrad Haag an Feuerbach. 

HQttweilen, den 5. Oktober 1S6I. 

•Mein theucror, vereh rt es ter Herr Feuerbach! Ihr 
werthcH Sclireibcn, das ich Anfang des vorigen Monats erhielt, hat 
eigene und verschiedenartige Gefühle in mir hervorgerufen: Eines- 
theils das Gefühl der Freude, dass mein Brief einer Antwort werth 
gefunden wurde, und dass ich nun auch Etwas von Ihnen besitze^ 
was kein Anderer hat; — dann das Gefühl der Unwürdigkeit, m 
brieflichem Verkehre mit einem Manne zn stehen, der zu den Un- 
sterblichen gehört, und in der KnIturgeFchichte aller kommenden 
Jahrhunderte mit Ilcuhachtung genannt werden wird, wenn die 
Menschheit nicht von einem bi»scn Dämon — zu ewiger Blindheit 
und Diinnnheit vcrdamfnt ist, währenddem meine Wcniij^keit nach 
Vertluss von einigen Jahren der Vergessenheit anheimfallen wird. 
Mit Wehmuth und Trauer erfüllte mich die kurze Schilderung Ihres 
Schicksales; ich sehe, dass Ihr Lebensloos kein so glückliches und 
glänzendes ist, wie Sie es durch Ihre Leistungen yerdient hätten 
und wie mir meine Phantasie dasselbe ausmalte. Als ich nämlich 
in Ruge's Werken gelesen hatte, dass Sie das „Wesen des Christen* 
tliiiins'' im Schlosse zu Bruckberg geschrieben hätten, und im Vor- 
worte zu Ihres Vaters Leljen, dass Sie sich in einer glücklichen, 
weil unabhängigen Lage betanden, glaubte ich, Sie lebten in hc- 
neidenswerthen Zuständen und Verhältnissen. Aber leider! haben 
Sie, wie es seheint, das Schicksal der grossen Männer früherer 
Zeiten, eines Kepler, Galilei, Spinoza etc. „Wer darf das Kind 
beim rechten Namen nennen?'' „Das Beste, was man weiss, kaon 
man den Buben doch nicht sagen! „Die Mensehen sind durcb'B 
ganze Leben blind'% ihre grOssten Wohlthäter lassen sie oft halb 



Ul 

• 

imAttafSm, die Verkttnder der Wahrheit werden verhöhnt und in 
to Staub getreten, und fttr „ihre Leistungen werden sie dann anf 
[ ätn Ifist der Geschichte geworfen/' Sie sagten als junger Mann: 
„Nar ftlr den Erbärmlichen ist die Welt erbärmlich." Vielleiclit 

sind Sie nach vielen Lchenseiiahiungen jetzt aucb nicht mehr ganz 
entschieden dieser Ansicht. Wenigstens ich niuss gestehen, dass 
in gewissen Lehensmomenten es mir scheint, 8c ho [)en hau er habe 
nicht 80 ganz Unrecht, wenn er diese Welt als die miserabelste, 
die sicli denken lässt, schildert. Ich werde oft, wenn ich das Leben 
nnd Treiben der Menschen beobachte, für Augenblicke zum Ver- 
ächter dieser zweibeinigen Thiere. — „Klopfte man an die Grilber 
nod fragte die Todten, ob sie wieder auferstehen wollen, sie würden 
mit den KOpfen schütteln.'' Der Vers: „Die Welt ist vollkommen 
liberall, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual*', ist eben 
aiicli nicht ganz wahr. Die Welt, die Natur ist im Ganzen ebenso 
vollkommen und unvollkommen, ebenso gut und ebenso böse, als 
der Mensch, der ja auch zur Natur gehört, eine Hilduug, ein Theil 
derselben, wie wir annehmen die Quintessenz wenigstens der Erden- 
natnr ist. Es ist nichts im Organischen, das nicht anch im Un- 
oiganischen ist; das Ganze hat keine Eigenschaften, es ist eben 
Alles zogleich, was sich nur denken lässt Dass es Ihnen oft vor- 
kommt, als seien Sie Nichts etc., kann ich mir erklären, wenn ich 
mich an die Stellen in einer Ihrer Abhandlungen erinnere, wo es 
heisst: „Je mehr ein Mensch ist, desto weniger bihlet er sich ein 
und umgekehrt." „Wer sich nie als Nii lits getühlt, der ist auch 
nicht Etwas.'' Einen üblen Eindruck hat es auch nicht auf mich 
gemacht, dass 8ie mein Lob übertrieben finden. Bescheidenheit 
steht auch grossen Menschen gut an, wie auch ein gewisser Grad 
von Selbstgettlbl jedem Unverdorbenen eigen ist und sein soll. 
Gleichwohl lass' ich mir meinen Fenerbacb nicht nehmen, ich halte 
es hier wie der Gläubige mit seinem Christus, wenn er singt: 
llemen Jesum lass' ich nicht! — Am Wenigsten gefällt mir die 
Stelle Ihres Briefes, wo Sie mich im Zweifel lassen nnd selbst be- 
zweifeln, ob noch jemals ein literarisches J'rodukt aus Ihrer Feder 
im Drucke erselieinen werde, währenddem Sie doch nebenbei l>e- 
nierkeu, dass es Ihnen weder an ^^'illcn noch an Kopf und Stoff 
fehle, und sich nur über die unpassende Lokalität beschweren. 
Allein ich glaube denn doch, der Wille und die Begeisterung fehlen 
ein wenig; sind diese im höheren Grade vorhanden, so sieht nnd 
hOrt man nicht, was in der Kähe rorgeht, man lebt nur in seinen 



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Ideen. Ich wUrde Htolz darauf Kein, weun ich mit Audereu — icb 
erinnere micb hier an die Rezension ihrer ,|Tbeogonie'' im ^abr- 
hundert" von M. Hess ^ Sie dazu bestimmen kttnnte, im Dienste 
der Wahrheit, des Uchtes und Fortschrittes noch einen 10. Baad 
zu sc^reihen, worin Hie im Interesse der Menschheit der Hyder 
dcK Aberglauben», <ler FiiiHterniHs und Damaiheit nocli einen kräl- 
ü'^vn FiiHMtritt bcibriiclitcii, wcini nir»<;li('li noch ctvvaH der 'rheog<»iiic 
KI)enl)Urti^(*s liclcrtcii, dciiii <li(,',scs Werk zu nbertren'cn, wird selbst 
ihnen nicht möglich sein, ich uiiihh dicscH annehmen^ wenn ich 
mich unter vielem Andern daselbbt nur an die Ida^HiMclie Abhand- 
lung erinnere mit der Aufschrift: ^^Die Theodicee'* und die unver- 
gleicbliche Steile daselbst Uber die Naturgesetze. Welch tiefer Blick 
in das Wesen der Natur 1 Wie vrahr! Wie unwiderleglich! Konnte 
ich etwas Aebnliches schaffen, ich würde noch mehr als einen 
Hand Hchreiben und auf daK Geheul der Finsterlinge und Dumm- 
köpfe nicht achten. I>;iss Sic der 'J'he()h)gie keine KonzcHsioncu 
machen wllnlen, wi(^ seiner Zeit Newton, V oltaire, Fichte, (Joethe, 
ileine etc., hciiliesse ich au8 dem Satze, wo es heinst: „Was aber 
auch noch erncheineu wird, es wird nicht» sein als weitere Aus- 
tUhrung und BeMtUtigung den in der „Theogonic'^ oder in deo 
„Grundsätzen der Philosophie" Ausgesprochenen.'^ Wäre ich ein 
reicher Mann, ich würde Ihnen selbst noch ein Honorar von eu 
paar Tausend Thalem aussetzen fUr einen neuen Band. Aber ieb 
lebe wahrscheinlich noch in weit einfacheren und bescheideneren 
VerhUltiiiH.seii als Sie, in ntiller Einsamkeit und Zm iickgezogenheit, 
ohne Familie, ohne \V(!ib und Kind, ohne Hund und Kat//, in einem 
alten Hause, ein ei^Mner Kautz! J)aH Lic^bste, was ich iiabe, sind 
meine iiUcher uikI rortrüts berühmter Mäuuer und Schriftsteiler, 
unter denen auch ihr iiilduiss von L. iVieu prangt. Und zwar 
habe ich ihre ZOge so studirt, dass Sie schwerlich incognito bei 
mir erseheinen könnten, wenn nämlich das Bild naturgetreu ist. — 
Ich bin Einer von denen, die sich um des Himmelreichs'' willen 
verschnitten haben, zwar nicht pli}MiHch, aber moralisch. Als ieh 
niiiiilicli, hau]>tsächlicii durch llire und die Strauss'schen Werke, 
vom Kirchen- und Hibelghiuben vollständig abgeführt worden war, 
k<»nntc ich es nicht mehr über nii< h bringen, kirchliche Gebräuche 
und Zeremonien mitzumachen. Und doch wäre idi dazu gezwungen 
gewcHcn, wenn ich biittc heiratben wollen. Mich durch einen Piaffeo 
mit einem Weibe in den „drei höchsten Namen'' susammeokappefai 
und dann etwa später Kinder taufen und konfirmiren lassen 



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— 143 

ueinl Das ging bei mir nicht mehr. Ich blieb daher Icdi*; und 
beuge micb vor keinen Phautasicgcbildcn, und das sind alle Götter 
ohne Ansnahme. Selbst wenn Feuerbach im Alter noch iu's Heer- 
lager der Gläubigen hinüber gehen würde, er hätte keinen Nach- 
folger an mir; ich würde nur annehmen, der PhoBphor wäre ihm 
ans dem Gehirne verdunstet So lebe ich zurückgezogen und un- 
abhängig im Besitze eines Gütchens, das ich grOsstentheils selbst 
bearbeite, bin keinem Menschen etwas schuldig, habe aber auch 
niclit viel Guthaben bei Anderen. - Doch wieder zu viel von meiner 
Wenigkeit, vom lieben Ich! Eines jedoch muss ich noch kurz er- 
wähnen. Ein schönes Buch wurde mir vor einigen Tagen von einer 
Itenachbarten Bttchhaudiung zugeschickt, das Sie wahrscheinlich 
auch schon kennen, „Naturforschung und Kulturleben" von Bohner. 
Der Verfasser ist einer der dickgläubigsten, die ich kenne, ein ge- 
lehrter Narr oder ein Schurke. Der unverschämte, gewissenslose 
Zelot und Zionswächter zählt Sie und Rüge zum materialistischen 
Pöbel, sagt, Feuerbacli (|uacksalbere in die Religionswissenschalt 
liiueiu n. s. w. Die Gewissenlosigkeit trä*;t er zur Schau durch 
seine entstellten, verlalschten Zitate; unter Anderen ist auch der 
bekannte Passus aus Goethc's Faust: „Wer dart ihn nennen" n. s. w. 
ganz zu Gunsten der Orthodoxie verändert und verfälscht. Alles, 
was er zur Kechtfertigung oder zum Beweise lUr die Wahrheit des 
Kirchen- und Bibelglaubens aus der Naturwissenschaft aufführt, 
spricht gerade gegen denselben. Wie kann man z. B. auch eine 
Millionen Jahre lange Entwicklung des Sonnensystems oder jedes 
einzelnen Weltkörpers, oder auch nur die langweilige Bildung: der 
organischen Wesen auf unserer Erde, namentlich auch des Menschen, 
mit dem Glauben an ein Wesen zusammenreimen, das diese Him- 
melskörper etc. durch einen Machtsprueh in einem Augenblicke 
hätte hervorbringen können? — Wie zum Verzweifeln langweilig 
mUsste die Existenz eines Wesens sein, das von Ewigkeit her schon 
Alles genau wüsste, was bis in die fernste Ewigkeit hin geschehen 
wird, vor dem die ganze Welt oder Weltallsgeschichte schon fertig 
abgerollt daläge, — und das dann ohne alles Interesse — gleich- 
sam den mOssigen Zuschauer spielen müsste durch alle Ewigkeit 

hindurch VI Wo/u auch das lästige Ungeziefer zur Plage und 

Qual der Menschen und Thiere und so vieles andere liöse. — wenn 
ein Gott voll Liebe die Welt gemacht hat? — Jeder Flobstich tiber- 
zeugt mich davon, dass ein solches Wesen nur in der Einbildung 
existirt, nur ein Hirngespinnst ist. 



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U4 



£mpian<;-en Sie schliessliclii werthester Herr! die Versicherung 
wahrer Hoeliachtung von Ihrem ergebensten Konrad Haag, am 
Seebach in Httttweilen. 

P. S. Also zn den beiden grossen Atheisten Holbach nnd | 
Fenerbach ein dritter, ebenso entschiedener , aber in Bezug anf 
Wissenschaft kleiner Atheist am Seebaeh. Eine schOne Dreieinig- 
keit! würde ein Gläubiger sagcu. ^ j 

Fenerbach an BQchhftncIler Trabner iu London. 

I 

Ucclioiiherg bei NurubLTia;, «kii Nkt l^r. 1. 

Herr VcrlagsbuchhUndler Trlihner in London! Herr Jakob 
von Khanikoffy gegenwärtig in Heidelberg, ist von mir aufgefordert 
worden, meine bei H. Otto Wigand in Leipzig erschienenen Werke, 
mit Ansnabme derjenigen Scbriften, die sich nur auf speziell deutsche 
Zustände nnd Erscheinungen beziehen, unter seiner Leitung und 
Aufsicht in die russische 8j)rache llhersetzen zu lassen, und bat 
diese Auft'orderuii;:; mit der grossten Bereitwilligkeit, ja Begeisterung 
auf- und angenouunen. Da nun bereits in llireni in Russlanil 
rühmlichst bekannten Verlage eine Uebersetzung meines Wesens 
des Christenthums" erscheint, eine Uebersetzung, deren Gelungen- 
heit die Billigung und Empfehlung des berühmten Schriftsteilen 
Alezander Herzen verbürgt, nnd welche daher recht gut gleich als 
der erste Band auf dem Titel bezeichnet werden könnte, so^wilnscbe 
ich in Uebereinstimmnng mit Herrn Khanikoff, dass auch die tibrigeu 
Werke von mir bei Ihnen erscheinen, vorausgesetzt, dass Sie meine 
liechte als Autor anerkennen und zu annehmbaren Bcdinirun^cn 
sich verstehen. Ich bemerke zu^lcicli, dass ich die Honorirung der 
Tebersetzer libcrnehnie, und stelle daher, wie sich von selbst ver- 
steht, nur iu der NOraussetzung, dass 8ic es nur mit mir zu thun 
haben werden, die Frage an Sie, wie viel Honorar — am zweck- 

"*) Dor JJniVf ist iiulif iik Ih-. Auf iiirin. AiilVai^-c m HiUtwi-ili'n atitwortd mir 
•It.T jetzige (ii'iiK'imlcvdi'äft'Iier, Ilr. ('. \\ü;;<t: ..ila>> K. Haan im Jahre l^iVl ge- 
ätiirbcn« und dasb er seine gaiue Bibliutiiek der hiesigen (leiih iiuK' totiitr. Bei der 
amtlichen In?ontur liabcji die Erbburcclitigtcii das diingeiidc (ie^uch gestellt, es jiiöcli- 
tt^n ihnen die Werlte von L. Beuerbach, Stnutss etc. belassen worden. leb habe 
ilöDi AnsDchen entsprochen. Bei der Inrentnr des Nachlasses habe ich dann ein Cos- 
vi'ft bemerkt mit der Aufschrift: «Zweitos Schreiben an den ;rrB>^ten Phliosophcn der 
Jetztzeit, Lndwif^ Feuerbach", das ich dann zn meinen llanden nahm; darin hf 
•*in «Eigenhändiges Schreiben d. d 3. Sept 1801 von Ludwi(r Fenerbach* (siehe oben) 
nob;»t zwei Zuschriften von dem Verstorbenen an L. F.'' D. H. 



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/ 

Uö 

iiiUssi^sten nach Bogen — sei es im deutschen oder russi.sclieu 
Funuaie berecbnet — Sie mir für mich und meine Uebersetzer zu- 
sammen zu geben gesonnen sind. Indem ich Sie um eine baldige 
Autwort ersuchei zeiclme ich hochachtungsvoll 

Dr. L. Feuerbach. 



Trilbner an Feuerbacli. 

London, den 4. Oeoomber 1861. 

Hochgeehrter Ii e r r I Ihre schätzbare Zuschritt vom 31. Ok- 
tober ist mir richtig zugegangen, und muss ich viehnals um Ent- 
schuldiguniz; l)itten, dass ich nicht früher geantwortet habe. Als ich 
nämlich Ihren Briet' erhielt, hatte ich noch kein Exemplar der Leber- 
setznng Ihres Werkes über das „Wesen des Christenthums'' in 
Uänden und hatte auch noch keine Idee, wie sich dieses Unter- 
nehmen bnchhändlerisch gestalten wttrde. Ich wollte desshalb erst 
einige Wochen verstreichen lassen, ehe ich Ihnen antwortete, nm 
ZQ sehen, was für Bestellungen von Seiten des Buchhandels ein- 
laufen würden. Leider ist bis jetzt die Nachfrage sehr gering ge- 
wesen, was allerdings nicht beweist, dass der Band nicht eventuell 
(loch noch Erfolg haben kann, namentlich da im Winter aus Ihnen 
wohl bekannten Gründen das Geschäft mit meinem russischen Ver- 
lage stets stockt. Trotzdem nöthigt mich aber die gemachte Beob- 
achtung znr Vorsicht, um so mehr, als das Geschäft, welches Sie 
mii' vorschlagen, ein sehr bedeutendes ist — und ich möchte dess- 
halb pausiren, bis ein mässiger Erfolg mir gezeigt hat, dass das 
russische Publikum nicht allein den Wunsch hat, sondern auch den 
lebhaften Willen, k tont prix Ihre Werke zu erlangen, wie es mit 
deu Herzen'schen der Fall ist. Ich glaube schon im März oder 
April im Stande sein zu können, einen bestimmten Entschluss in 
Bezug auf die Ilerau.sgal)e Ihrer Werke zu fassen, wurde aber 
wünschen, dann mit einem Werke zu beginnen, welches noch nicht 
v^öiTentlicht ist und desswegen ans Ihrem Mannskripte übersetzt 
' werden könnte. Mit grOsster Hochachtung Nikolaus Trttbner. 



Fenerbach an Dr. J. Duboo. 

Bechenborg bei Nombeig, den 26. Januar 1862. 

Verehrter Herr! Ks war mir sehr interessant, eine mir mir 
dem Namen nach bekannte, gleichwohl so tief und weit eingreifende 

ürÜD, Feaerbaclw Ilriefwechücl n. NncliloM. II. 10 



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Ut> 

Krankheitserscbcinnng unserer ;Zeit aus Ihrer Feder keunen vn 
lernen*). Sehr praktisch finde ich Ihren Vorschlag zu einem diesem 
Uebel entgegengesetzten Vereine, aber eben, weil er praktisch ist, 
wird er bei uns nur auf dem Papiere stehen bleiben; denn das ist 
der grosse Uebelstand bei uns, dass wir nur den Feinden der 
Freiheit und Menschheit das Recht und Geschick zur Organisation 
und Korporation überlassen, wir selbst a})er unter uns, trotz unseres 
tbeoretischen Materialismus, im Leben ohne allen materiellen Zu- 
sammenhang und Bestand, uns in's Nichts der blossen Gedanken- 
freiheit verlieren. — Sie haben gar nichts versäumt, wenn 6it das 
„System der Katar'' (? !) des Herrn * * noch nicht gelesen haben. 
Nach dem, was ich gehört, hat derselbe die grosse Indisluetioa 
gehabt, mein auf sem Ersuchen gefälltes, in einem Briefe nieder- 
gelegtes Urtheil ttber seine Schrift ohne meine Erlaubniss zn ver- 
öffentlichen, und zwar mit Weglassnng des Ton mir ausgesprochencD 
Tadels — denn ich habe nur einige Sätze gelobt. Wahrlich, uusere 
Literatur ist eben so miserabel wie uusere Politik. Was gäbe ich 
darum, wenn ich die Feder mit der Ilaeke vertauschen kr>iuitel 
Indem ich Ihnen zum neuen Jahre Glück wünsche und lUr die 
Mittheilung Ihrer Schrift Dank sage, bin ich Ihr ergebenster 

L. FeaerbacL 



Derselbe an denselben. 

Bechenbeif bei KOnbeif, den 10. Joli ISGl 

Verehrter Herr! Es bedarf keiner Vergebung meinerseits, 
es bedarf vielmehr nur der naebträgliehcn N'ersieherung meiner 
vollkommenen Zustimmung zu dem Gebrauche, den Sie von brieflich 
Ihnen mitgetheilten Aeusserungen von mir gemacht haben. Es ge- 
schah ja diese Veröffentlichung nur im Interesse meiner eigenen 
Sache und selbst Person. Welche bttbisehen Urtheile ttber mich 
existiren nicht unangefochten und nnwiderlegt in der deutsehen 
Bttcherweltl Zu welcher erb&rmlichen Rolle in der Unterwelt der 
deutschen Literatur hat mich nicht auch der furchtbare literansche 
Jupiter Stygius in Leipzig verurtbeiltl Ich liedauere nur, dass Sie 
die Lticken meiner Schriften nur aus Jiiieleu ergänzen konnton 
und mussten, und dass das Werk, das ich jetzt unter der Feder 

*) Du Johuneestift und die Propaguida des Banlien Huises. Eine Wttmnnf. 
Leipzig. Job. Ambr. Barth. 



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147 



habe, noch lange auf seine Vollendang, noch länger anf seine 
VerSffentUchnng wird warten lassen. Unter den Gfregenst&nden 
dieses Werkes- spielt auch das Thema, worüber Sie schon in Ihren 

ersten Briefen an mich Fragen gestellt hatten: die Willenslreiheit, 
eine Rolle. Ein Hauptpunkt ist hier in dieser Arbeit die Lösung 
des Knotens j nus dem sich Kant und nachher Scliopenhauer mit 
einem »Salto mortale in die intellektuale oder vielmehr Traumweit 
losgemacht haben. Gegenwärtig stehe ich aber an ganz anderen 
Punkteuy im Mittelpunkte des Streites zwischen Idealismns und 
Materialismus. Erst vor einigen Tagen habe ich die Kritik der 
idealistischen und somnambulistischen Psychologie HegePs yollendet. 
Ich komme übrigens auch hier, aber auf Veranlassung des Gegen- 
standes ebensowohl, wie auf Grund meines hauptsächlichen Berufes 
und Theraa's, wieder auf die Gottheit, die Tlicologic und Keligion. 
Aber ich behaupte es immer und immer w^icder: nur die Religion 
oder, was Eins ist, die Gottbeit und das damit Zusamnienhilngende 
ist Sache der Menschheit, der Geschichte, des Volkes, alles Andere 
♦Sache der Schule. „Nur die Gottheit", sage ich an einer Stelle 
meines neuen Werkes, „entscheidet das Schicksal der Psyche, der 
Seele.'' Hinter der Seele steckt nur die Gottheit, hinter dem 
Idealismus der Theologismus. 

Es soll mich sehr freuen, wenn Sie mich besuchen, aber zeigen 
Sie mir gefälligst lange vorher ungefähr die Zeit Ihrer Ankunft 
uu, damit ich zur rechten Zeit hier bin. Ergebenst 

L. Feuerbach. 



Dersolbu an licnscibüii. 

Uechenbeig, dcu V6. Docembcr lb02. 

Verehrter Herr! Erst in der vorigen Woche habe ich mir 
von Erlangen, nachdem ich schon lange vor Ihrem letzten Briefe 

in Nürnberg mich vergeblich nach den „Deutschen Jahrbüchern" 
lungesehcn hatte, Ihren Autsatz „wider die Grundanschauuiigen 
des philosophischen Idealismus*' versclialft und mit derselben Gründ- 
Hchkeit gelesen, mit welcher er geschrieben ist. Ich stimme Ihnen 
vollkommen bei sowohl in dem, was Sie aus mir Uber mich, als 
in dem, was Sie aus sich selbst über Kaum, Kausalität und Iden- 
titätsgesets sagen. Ich habe Sie frtther nur für einen philosophischen 
Dilettanten gehalten, aber Sie haben dies Vomrtheil gründlich 
widerlegt. Darum hat mich auch Ihr Urtheil über mich, als ein 

10* 

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148 



aiii* Sachkenntiuss gegrttndetes, ümerliehst erfreut und ermonteit. 
leh bedauere nnr, dass ieh nieht gleieh naeh der Lesung Ihres 
Anfsatees meine G^anken und Eindrucke zu Papier gebracht 

habe. Ich habe iiämlieh gleichzeitig^ mit dem Julihei'te einige läiig:st 
gesuchte ahe Schril'tsteller erhalten und sogleich nach Ihnen vor- 
geuoninien, darunter den alten Porp hyrius de abstinentia ab usn 
animalium. Wozu? werden »Sie tragen. Ich habe die letzten Mo- 
nate her zu meiner Erholung und Satisfaktion den vielberUchtigten 
8atz von mir: „Der Mensch ist, was er isst'^ zum Gegenstande 
meiner Feder gemacht , aber so, dass ich zugleich die Bedeutung 
des Opfers you Speise und Trank zu memem Thema machte y in 
dem Sinne dieses Satzes den Sinn des Opters finde und nachweise. 
Ich bin schon fertig, aber nachträglich musste ich zu meiner Ver- 
gewisserung lesen, was ich noch nicht gelesen hatte. 80 sind 
meine Gedanken von Ihnen al){;ek(>mmcn. Ich habe übrigens selbst 
Uber die Kant'sche Apriorität des Kaumcs und der Kausalität iii 
den letzten Jahieu Mancherlei gedacht, und wie es mir eben in 
den Kopf kam, zu Papier gebracht Was sie tiber die immer- oder 
fortwährende — ich zitire ans dem Gredächtniss — Wahrnehmung 
als Erklämngsgrund der Tcrmemtlichen Aprioritftt oder Idealitft 
bei Gelegenheit des Identitätsgesetzes sagen, stimmt fast yerbotenns 
mit mir ttberein. Nur mache ich yor Allem den praktischen Stand- 
punkt, den Standpunkt des Lebens vor dem Standpunkte dos 
hölzernen Katheders auch in dieser Frage ji^eltend. Wenn ich dazu 
kommen werde, auch diese Gedanken für den Druck herzurichten, 
so werde ich gewiss auch Ihre Gedanken nicht imbenutzt lassen. 
Ich wünsche nur, das Jhre Kedaktionsgeschäfte Ihnen erlauben 
mögen, öfters Proben you der modernen — nicht absolutistischen, 
nicht monaiehischen — sondern sozialistischen, gemeinschaftlich 
denkenden Philosophie zu geben. Mit diesem Wunsehe Ihr e^ 
gebenster L. Feuer b ach. 



Feuerbach an W. Bolin. 

Rechenbei^, den 15. Febr. 1S62. 

Lieber 11 e r r Ii 0 Ii n ! Die Stimmung zur Öchriltstellerei stellt 
sich bei mir so selten ein, dass ich, um diesen seltenen und heikein 
Gast bei guter Laune zu erhalten, alles Andre bei Seite setzen 
muss. Wie Sie wissen, beschäftigte ich mich gerade w&hrend Ihrer 
Anwesenheit mit der Bedeutung der TodtenbeschwOrung als Nach- 



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149 - 

trag zn meiner Unsterblichkeit vom Standpunkte der Anthropologie". 
Die Hedeutuiig führte micli auf die Bedeutiuig des Unsterblichkeite- 
glauhciis überhaupt, namentlich hei den antiken und rohen Völkern, 
die zwar schon in der eben erwähnten Abliandlung von mir richtig 
angegeben, aber doch dort nicht genügend begründet oder gar 
erschöpft worden ist. Diese Bedeutung und die damit züBammen« 
hängenden Fragen beschäftigten Kopf und Feder bis nngefUhr die 
Ifitte Dezember, obgleich das sehriilstellerisehe Resultat der Quantität 
oach nicht mehr als einen Dmckbogen betragen mag; denn ich 
bin nun einmal, wenn auch vielleicht znr Tiefe, doch zn den beiden 
andern Dimensionen der Breite und Länge schlechterdings nicht, 
weder geistig noch leiblich, prädestinirt und disponirt. Von der 
1 usterblichkeit machte ich ohne Autenthalt einen Sprung zu ihrer 
Mutter oder, wenn Hie lieber wollen, Tochter, — der Freiheit. Und 
ich wollte nun abermals nicht eher an Sie mit der Feder denken^ 
als bis ich auch dieses Kapitel , das auch nur ein kleines Ganzes 
werden soll, abgefertigt hätte. Allein theils äussere Unterbrechongen, 
theils saehliche Gledankenanstände nnd Verstimmnngen, veranlasst 
dmvh die Unbehaglichkeit nnd Unvertriigliehkeit mehier hiesigen 
Wohnnng, ja Existenz Überhaupt, mit meinen geistigen nnd selbst 
leiblichen Bedtirftiissen und Gewohnheiten, haben mich, ich hoffe 
nur auf kurze Zeit, von der Vollendung dieser Aufgabe abgezogen, 
l'nd ich benutze Jetzt diese Pause, um endlich die Empfindungen 
und Gedanken auszusprechen, die Ihr letzter Brief in mir erweckt 
hat. Ich war, oft'en gestanden, eben so betrübt als unwillig darüber*), 
dasB Sie bei Ihren schönen Kenntnissen und Anlagen noch immer 
nicht darüber mit sich im Reinen sind, ob Sie znr Philosophie oder 
zor Poesie bestimmt sind oder sich bestimmen sollen, was ziemlich 
eins ist. Ich sage Ihnen aber, dass Sie als ein Sohn dieser Zeit 
weder znr Poesie noch znr Philosophie, sondern nnr dazn bestimmt 
sind, der Sache der Menschheit zu dienen, die jetzt* ihre drin- 



*) Entschnldigang! Wio die Menacben gewöhnlich BUcher lesen und rezenüireu, 
so habe ich auch diesmal Ihren Brief nicht na<-]i dorn Original, sondern nach drr 
Vcljersetzuii^ nnd Gestaltung in meinem Köpfe beantwortet Jetzt, nachdem ich das 

Original wieder gelosen, erkenne ich meine Expektoration nur als ein Produkt der 
V''rniis< hiiiif;f des Sul))<'ktiv< n mit dt:m ( )^i<'kfiveii. (ilciehwolil s. hif kc ich «leii Hii' f 
fort. w«;il er nun i'innial ^e>rliiiel)eu ^^t und dorh, wit; ich glaube, eine aligeuieuie, 
/. it^-^i iii.is>r Wahrheit aus^l»ricllt. Auf alle l'iillc eMts< h-idigt Sie fUr den Rricf die 
rhiit..-.M:ij'liic [es war seine ci^^en»; Karte, ganze Figur, sitzcndj, ilie ich beinahe ver- 
gessen Ii alte. ^^Nachträgliche Einschaltung F. 's) 



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IJM) 



gendste Angelegenheit ist Diese Sache ist aber weder Poesie noch 
Philosophie, oder Beides, aber nnr im Sinne nnd Dienste dieser 

Sache. Ob Poet, ob Philosoph, ist ganz gleichgültig: es handeh 
mir (larinii, daRS Sie das einmal als wahr und nothwendig 
Erkannte in dem Ilinoii zu (Jebote stehenden Wirkungskreise ans- 
Sl)rechen, geltend machen, Andern auch zu ConiUth nnd Verstand 
bringen, sei es nun vermittelst der reinen (»der unreinen Vernnntt. 
,,Realismu8^^ ist das Wesen nnd Wollen der Zeit; also realisireu 
Sie, was Sie wissen und denken, machen Sie Ihre geheime Liebe'^ 
~ nieht zu meiner Person, aber zn der Sache, der meine Person 
angehört — zn einer Öffentlichen, ehrlichen, fmehtbaren, Kinder 
zeugenden. Damm sollen Sie nieht die Poesie an den Nagel 
hHngen ; aber Ihr Zweck kann nnd soll sie nieht sein. Sie bleibe 
den iungebnngen des Augenblicks, dem Drang der Umstände nnd 
Gefühle, aber stets im Dienste der Jetzigen Ilerzensangelegenlioit 
der Menschheit, überlassen. Ks Ichlt Ihnen weder an Talent zniu 
Denken noch zum Dichten; aber es ist nothwendig, dass 8ie sieh 
einen praktischen Zweck setzen, dass Sie sich konzentriren , dass 
Sie sich verheiratben , wenn anch nicht mit einer Person, doch 
mit euier Sache. Haben Sie den Pnnkt der Konzentration, der 
Verdichtung gefunden, so haben Sie auch den Yereinigungspunkt 
von Poesie nnd Philosophie, yon Licht und Wärme gefunden. Ist 
CS denn gerade nothwendig, t^irmlieher Denker oder f^irmlicher 
Dichter zu scin V NiHnnerniehr. „Willst du immer weiter sehweiieni' 
Sieh, das Oute lie^i so nah u. s. w." Ja es liegt Ihnen so nahe, 
also nur zugogriflTen, nur in die Hand zusammengetasst , in juri- 
stischen Hesitz genommen, was bereits Ihr geistiges t]igcntbnm istl 
Die Schrift Schopenhauers über die Freiheit, die ich Ihrer 
Gttte verdanke, bsbe ich mit Woblgel'aUen gelesen, eine Vergleiehung 
des Willens mit dem allvennffgenden Wasser mit Entzücken. Aber 
sie Ittsit eine Menge Fragen, freilich schon durch die gestellte 
Aufgabe beschränkt, unbertfcksichtigt , enthält ausser Dem, was 
über die Freiheit als Thatsache des liewnsst.seins gesagt ist, nichts 
Neues, nichts, was nicht .^^chon Andere vom Kantischen Standpunkt 
ans, schon vor mehr als ftO .lahrcn — so mein N'ater in seiner 
Revision der (Irundsätze des peinlichen Hechts - eben S(» iriit. 
wo nicht besser, gesagt. Ich weiss daher noch gar nieht, ob Ich 
sie in meiner Abhandlung berücksichtigen werde. Dies gilt aber 
nicht von der anderen beigedruckten Schrift. 

Die Meinigen, die sich, wie ich, abgesehen von gewöhnUeheB 



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151 - - 



Winterilbein, wohl befinden, grüssen Sie freandlich. Mögen auch 
Sie wohl and glttoklich sein. Trotz Sebopenbaner ist Glückseligkeit 
der letzte Zweck and Sinn alles menscblicben Tbtins tind Denkens. 

L. Feuerbach. 

Derselbe an denselben. 

KocUenberg, den 5. Nov. I*^«'i2. 

Lieber Herr Boiinl Endlich komme ich zu Ihnen. £ndlicb, 
denn ich wollte schon zu Ihnen, wie Sie noch in Berlin waren, 
allein Ihr Brief ans Norderney kam gerade hier an, wahrend ich 
mich in Müggendorf anf einige Tage anfhielt, und als leb zarflck- 
kam, fand Ich, dass ein Brief Sie nicht mehr in B. ^^etroffen hfttte. 
So verlor ich Sie aus dem Auge, das ja nur in der Nähe sieht, 
wenn auch nicht aus dem Sinne. Aber nur die leibliche Nähe 
elektrisirt und icucrt zur That an, der innere Sinn Uberlässt uns 
unbeschränkt unscrn eigenen Gedanken. Und so habe ich denn 
seitdem, statt an Sie zu denken, d. h. zu schreiben, nur an mich 
selbst gedacht, aber nicht als den Autor iSngst geschriebener und 
längst vergessener Werke, sondern nur als den Urheber des zwar 
auch längst geschriebenen, doch allein noch in frischem Andenken 
der deutschen Literatur, aber nicht zu meiner Ehre lebenden, 
famosen Satzes oder vielmehr Wortspiels: „Der Mensch ist, was 
er isst'^ Das Echo, das so oit wiederholte, erst neuerdings hei 
der Fichtet'eier wieder mit llohngelächter erschollene Echo dieses 
batzes hat mich in einen solchen Humor versetzt, dass ich mich 
nieht enthalten konnte, aus diesem Satz eine selbständige, wiewohl 
knrze Abhandlung, aus diesem Wortspiel tiefen Ernst zu machen. 
Wie ich aber den Satz, Gott ist was der Mensch wttnscht zu sein, 
anf dem Grund und Boden des alterthflmliehen, aber noch jetzt 
uns beherrsehenden Menschen in meiner Theogonie durchgeführt, 
so habe ich auch diesen Satz, theils zu meiner Erholung, theils 
zur Anknüpfung an meine IrlÜieren, zeither unterbrochenen Studien, 
nur auf den Tempeln und Altären des Alterthums, zum Hohn der 
modernen LalVen und Pfatfen auigebaut und ausgefllhrt. Ich be- 
ginne, wie in der Theogonie, mit Homer, aber hier nicht, wie dort, 
mit dem den verderblichen Zorn des Achilleus vollstreckenden Zeus, 
sondern mit dem menschenfreundlichen, bei den Aetbiopen schmau- 
senden Zeus, oder vielmehr als Einleitung hiezu, mit den gut- 
mllthigen Lotophagen und den immerfressenden Kyklopen. Der 



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152 



Titel soll sein: „claB Gelieimiiiss dos Opfers oder: der Mensch ist 
was er isst''. Die Arbeit hat mir viele Mühe gekostet iSo wie 
man speziell auf einen Gegenstand eingeht, so sieht man, >vie 
oberflächlich and einseitig nnsre Gelehrten, weil ihnen leitende 
Prinzipien fehlen. Ich hoffe, dass sich meine „Methode'^, mein 
Prinzip anch an diesem Gegenstande, so kurz ich ihn behandelt, 
bewährt hat. 80 lange ich mich nun aber mit einem Gegenstände 
beschäftige, so müssen meine Freunde warten, bis ich fertig bin. 
Wenigstens die entfernten, die sinnlich-tridteu , deren Existenz für 
uns von uns sell)st aljhäiigt und denen wir sel])st nur durch den 
Geist Kunde von nnsrem Dasein geben; denn die sinnlich-lebendigen 
Freunde nnd Bekannte sind so unverschämt und unvorbedacbt wie 
nenentdeckte Planeten und Kometen, sie kommen, ohne uns vorher 
zu fragen, ob sie uns im Systeme nnd Laufe nnsrer Gedanken 
stOren. Und was einmal als ein fait accompli mit der Thtlr ins 
Hans gefallen ist, das lassen sich ja selbst anch nnsre legiti- 
mistischen und absolutistischen Nacht- und Tagwäcbter gutwillig 
gefallen. Namentlich wurde ich dieses Jnhr, besonders diesen 
Herbst^ von solchen meteorologischen Besuchen heimgesucht. Erst 
gestern verabschiedete ich mich an der Eisenbahn, nach zwei- 
tägigem fast ununterbrochenem Zusammensein, von einem er- 
schrecken Sie nicht — russischen Staatsrath, einem — was unendlich 
mehr Respekt einflösst — eben so grossen Mathematiker als Kenner 
der orientalischen Sprachen, Länder nnd Völker, zugleich hSchst 
freisinnig und allgemein gebildetem Manne, dem Vetter eines jungen 
Russen , der mich schon voriges Jabr besucht hatte , um sich mit 
mir wegen einer zu bewerkstelligenden, bereits begonnenen, aber 
in Folge der neuesten Ereignisse wieder ins Stocken geratheDen 
Uebersctzung meiner Schriften ins Bussische zu besprechen, und 
der sich j^eitdeui selbst in Erlangen niedergelassen hat, wo oder 
von wo aus wir fast wöchentlich einmal zusammenkommen. Er 
hat auch eine junge Frau bei sich, die, des Deutschen mächtig 
als geborene Liefländerin, sich an meine Frau und Tochter innigst 
angeschlossen. Die barbarische Verfolgungssucht in R. hat de 
hierher getrieben. Um so mehr erfordert es die Humaaitilt ab- 
gesehn von der Persönlichkeit und Bildung beider — von dem 
Oesetz der Sparsamkeit an Zeit und Kraft bei ihnen eine Ausnahme 
zu machen. Was aber, um wieder zurüc k zu konmien, die sinnlich 
Lebendigen für sich in Anspruch nehmen, das wird natürlich den 
sinnlich Todten entzogen. Doch genug der langen Rede vom langen 



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153 



Schweigen. Mit der gastrotheistiscben Arbeit bin ich fertig. Was 
ich nan anfangen oder fortsetzen werde, weiss ich jetzt noch nicht. 
Es hängt dies grossentheils davon ab, ob und wie ich mich in 
meiner wieder bezogenen, den Mnsen so nngttnstigen, so Frost nnd 
Hchall zugänglichen Winterstndirstnbe finden werde. Leben Sie 
Wühl! Ihr L. Feuerbach. 



Derselbe an denselben. 

Kccheiil>rrir, den l!K Mai lb03. 

Mein lieber Herr Bolin! £s hat mich sehr gefreut, ja gerührt 
— nirgends ist ja der Mensch empfindlicher, als wo er an wichtige 
Ereignisse seiner Vergangenheit erinnert wird — aber auch in Ver- 
wunderung gesetzt, bis meine Frau mir das Rätbsel auficlärte, dass 

Sie, noch dazu aus so weiter Ferne der Zeit und des Kaums, des 
Tags meiner viertclhundertjUhrigen Verehelichung gedacht haben, 
ich wollte Ihnen sogleich nuch meine dadurch erregten Gedanken 
nnd Empfindungen telegraphiren , aber dieser praktische Wille 
scheiterte an der Theorie des Willens, die mich gerade damals 
und noch lange nachher beschäftigte. So sehr ist der Wille ein 
zeitlicher Akt, dass wir, wozu wir keine Zeit, auch keinen Willen 
liaben, wenigstens keinen Thatwillen. Aber was ist ein Wille, 
der nnr im Gedanken steckenbleibt? So viel als ein Sehwerdt, 
das in der Scheide steckt. Darum mnss ich auch jetzt die 
Feder ergreifen, wenn nicht wieder Monate verstreichen sollen, 
ohne dass Sie von mir ein Denk- oder Lebenszeichen erhalten, 
jetzt, wo ich Zeit für Sie habe (die aber gleicbwohl schon bei 
dem nächsten Satze durch Besuche Ihnen zum Schaden mir ent- 
rissen wurde — ), ich an einem Abschnitt meines Denkens und 
Lebens stehe, indem ich nächster Tage mein Sommerstudir- 
stQbchen beziehe, um hier endlich an meine zum Ekel oft er- 
wähnte Arbeit Aber Materialismus und Spiritualismus die letzte 
Hand zu • legen. Meine Abhandlung über den Willen , woran 
diese sich eng anscliliesst, ist bereits vollendet, obwolil in einigen 
Punkten nicht zu meiner Zufriedenheit, die daher doch vielleicht 
noch statt des nieclianischen Drucks der Presse die Feuerprobe 
der Kritik wird erleiden müssen. Ich wollte, ich könnte Ihnen 
oder sonst einem kompetenten Freunde mein Manuskript zur Ein- 
sicht mittheilen. Man ist oft so ungerecht gegen sieh, so skrupulös, 
so sieh selbst missliebig, dass man oft eines blossen Wortes halber, 



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154 



das einem znfällig widerwärtig ist — die Ideenassociation der aUen 
Psychologie spielt auch hier ihre Rolle — einen ganz richtigen 
Gedanken verwirfly dass man oft ans einem Splitter einen Balken 
macht, leider aber anch einen Balken fDr einen nichtssagenden 
Splitter ansieht Der Grundgedanke meiner Arbeit über den Willen 
ist die Einheit des Willens und Oliickseligkeitstriebes: „ich will 
heisst: ich will nicht l'n;;lilck leiden, kurz ich will irliicklich sein", 
— die Hauptaut'gabe, die auf Grund des GlUckseligkeitHtriebes ver- 
suchte psychologische Vennitünng von Nothwendigkeit und Ver- 
antwortlichkeit; im Gegensatze zu der phantastisch-metaphysischen 
Vermittlung Kants und Schopenbaners. Doch wozn schwatze ich 
Ihnen brieflich vor, was Sie gedruckt zu lesen bekommen? — „Aber 
wann?" — Das kann ich freilich selber jetzt noch nicht bestimmen. 
Meine Sorge ist einst^veilen nur, meine Mappe mit druckbaren 
korrcct-^eschricbeiien Mannskripten anzufüllen. So habe ich unter- 
dessen auch eine noch in Bruckberg verlasstc kurze, „zur Theo- 
gonie'^ gehörige Göttergeschichte oder „der Menschen Wunsch, der 
Götter Wesen*' nach lateinischen Schrittstellern, eben so meine 
sowohl auf die ältesten als die neuesten Urkunden des menschlichen 
Geistes, also anf Religion und chemische Physiologie gegründete 
Expektoration über den berüchtigten Satz „der Mensch ist was er 
isst", in druckbare Form gebracht. Je mehr aber der Schriftsteller 
gewinnt, desto mehr verliert der Briefsteller; was man der AU- 
genteinheit gibt, entzieht man der rersrtnlichkeit, der Freundsclialt. 
Glücklicher Weise machen Jedoch Sie eine Ausnahme von dieser 
Regel, da Sie sich mehr für meine Schritten als meine Bride 
interessiren , ich also doch tUr Sie sehreibe, wenn ich auch nicht 
an Sie sehreibe. Nnr bitte ich Sie, in Ihrer Erwartuni^, wie in 
meiner Anktlndignng meiner künftigen Schriften kein Parturinnt 
montes zn erblicken. Ich will nicht mehr in den Augen Andrer 
sein, als ich in meinen eignen, nicht von Selbstübersch&tznng ver 
blendeten Augen bin. Wenn derSatz^ „nnrLnmpe sind bescheiden^ 
allgemein gtiltig, so muss ich mich zu den Lumpen rechnen. Auch 
in meinen Schritten habe ich nie mehr geben wollen als Lumpen, 
abgerissene, wenn auch desswcgen ni<ht al)getragene Stücke von 
den Lappen meines Hirns, aber auch meiner Leber und Lungen. 
Erwarten Sie daher auch in Zukunit nicht mehr von mir. Sie 
wissen ohnedem von mir, dass ich lieber lerne als lehre, lieber 
lese als sehreibe, lieber mit Anderen als mit mir selbst mich be- 
schäftige. Womit anders als mit sich nnd seinen eignen Gedanken 




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155 



beschäftigt sieb aber der SohriftstellerV Wir schreiben aus lieber- 
Sättigung, ans meist eingebildeter Ueberfülle des Wissens; aber 

wir lesen aus Armuth, ans Mangel des Wissens, knrz aus Lumperei. 
Wie Sie, hat es unterdessen auch niicli zu Rousseau hingezogen. 
Ich habe mir desswegen schon im vorigen Sommer eine neue Aus- 
gabe desselben angeschafft, bin aber noch nicht zu ihm gekommen. 
Ich darf ihn auch jetzt noch nicht lesen, weil ich sonst über ihm 
mich vergesse. So wie ich aber Zeit und Willen für ibn habe, 
werde ich Ihre Hinweisnngen yor Allem berttcksichtigen, dann anch 
Ihre Kriminalgeschichten lesen. Der Pitayal ist hier za haben. 
Meine Frau nnd Tochter grttssen Bie frenndlichst. Von Herzen 
Ihr Freund L. Feuer bach. 



Derselbe an denselben. 

IJochcnberg, den 4. t'ebr. Ib04. 

Mein lieber Herr Bolin! £s ist sehr schwer, zu einem 
aphoristischen Akt zu kommen. Ein solcher ist ali^er fttr mich ein 
Brief. Es ist nm so schwerer, wenn man sich bewusst ist, dass 
der Briefempfänger sich mehr fllr den Schriftsteller als Briefsteller 

interessirt, dass man also, wenn man auch nicht an ihn schreibt, 
doch für ihn schreibt, wenn man nur überhaupt sc]ircil)t. Und das 
habe icli denn unterdessen gcthan, wenn gleich mit grossen Unter- 
brechungen; denn es ist mir nun einmal schlechterdings Bedlirfniss, 
anch an Dingen theilzunebmen und über Dinge mich zu belehren, 
über die ich nichts, wenigstens in ansdrücklicher Förmlichkeit und 
Handgreiflichkeit, geschrieben habe, noch yielleicht auch je schreiben 
werde. Es ist mir femer nicht mOglich zn schreiben, ausser bei 
yollkommen wolkenlosem Geisteshimmel, ausser in olympischer 
GOtterstimmung. Aber solche Stimmung ist nur im Himmel der 
Phantasie eine ununterbrochene, alltä^liclic , nicht in der irdischen, 
unendlicli bedingten Menschen weit. Und zwar ich habe endlich 
das Kapitel oder das Thema zu Papier gebracht, wozu Sie haupt- 
sächlich mich veranlasst haben noch in Bruckberg sehgen An- 
denkens. Nämlich: ist der Raum, ist die Welt selbst nur etwas 
Ideelles, Subjektives, wie Kant, Fichte und Schopenhauer behaupten ? 
— Meine Beantwortung dieser Frage steht ttbrigens dem Umfang 
naeh in grossem Missyerhältniss zn dem Aufwand an Zeit und 
Stadium, das sie mir gekostet hat Sie ist sehr kurz ausgefallen, 
beträgt im Druck wohl nicht mehr als einen Bogen. Warum V 



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156 

weil bei dem Standpunkt, von dem ich ansgehe, dem der Unser- 
trennlichkeit von Ich nnd Alter Ego^ das nnr durch die Sinne 
gegeben ist, also die Wabrbeit, die absolnte, weni^tens für den 

MenKchen absolute Wesenheit der Sinnliclikeit, nelbst der Sexnalitüt 
voransgesetzt, mir diese Fra^e als eine Frapre des Unsinns, ja 
Wahnsinns erschien und erscheint. Icli sprach eben vom Druck: 
ich weuw aber noch nicht, wann, wo und wie ich wieder einmal 
Etwas von mir drucken lassen werde nnd soll v — Soll ich das 
Geschriebene zu einem neuen, dem zehnten Bande aoscbweUen 
lassen, oder in eine Zeitschrilt einrücken? Aber in welche? Oder ^ 
lieber selbständig in einzelnen, nach einander erscheinenden, dem \ 
allgemeinen Publikum schon der Form nnd des Preises wegen I 
zu^'änglicheren Heften herausgehen? Oder Alles fllr ein Opus , 
postunuim autsjiaren? Dies docehit. 

Zu Rousseau hin ich noch immer nicht gekommen. Stets ist 
er tbeils durch die moderne Physiologie — die Frage des Idealis- 
mus, namentlich in der Schopenhaner'schcn Fassung nnd Empfindung, 
läuft ja zuletzt nnr auf eine physiologische hinaus — , theils durch 
die alte Theologie, zu deren noch immer nicht unterlassenem Studium 
die hiesige Stadtbibliothek mir sehr werthyolle Beiträge geliefert 
hat, theils durch die Politik der fle^nwart, die ich trotz ihrer 
Erbärmlichkeit, Ja (rrauenhaftigkeit, mit der gnisstcn Aufmerksam- 
keit, wenn gleich nicht mit der Feder, vert'oljre, theils durch ziifälli*: 
aus nächster Nähe sich mir autdrängendc I.cctlire zurUck^,'edrän^^t 
worden. Hoü'cntlich nicht ad Calendas graecas. — Auch den Pitaval 
habe ich erst vor Kurzem mir verschafft und darin die „finnische 
Walpurgisnacht^' mit Wohlgefallen gelesen. Uebrigens hat dieser 
Pitayai — ich habe 3 Bände gelesen — auf mich den trfibseligsteo 
Eindruck gemacht, eben so von Seiten seiner Verbrecher, als von 
Seiten seiner Juristen und Geistlichen. Ich wundre mich daher 
nicht, dass Sie in dieser Gesellschaft sich den „frommen Schalpelz*' 
aiiiiiingen müssen, aber l)e(lauere doch diese Verhüllung. Um so 
freudiger sehe ich der Abhandlung entgegen, worin Sie allein lltr 
sich selbst, ohne geistlichen Bei- und Umstand aultreten können. 
Hüten Sic sich nur in Ihrer Deduktion Kants aus Leibnitz, die auch 
ich einst im Kopfe hatte, vor dem modernen Fehler , Aber der 
Identität des Nachfolgers mit seinem Vorgänger nicht die entschei- 
dende, kritische Differenz zu Übersehen. Ob Kant die Nouv. Essais 
gekannt? Sie erschienen, wie Ihnen bekannt, 1764, Kants Schrift 
„de mnndi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis^', die 



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157 



Grundlage seiner Kritik, 1770, aLso sechs Jahre später, wo K. 
wenigstens Zeit genug gehabt hätte, sie zu lesen. Lassen Sie bald 
wieder ?on sich hören, aber nicht von Ihrem Denken, sondern 
auch Leben und Befinden, das hoffentlich ein gntes ist. Mit 

lierzliclicu WUuschen Ihr L. Feuerbach. 



Derselbe an denselben. 

ficcheiibürg. den 21 Mai 18G1. 

Mein lieber Herr Bolin 1 Es war zwar ein Gedanke Ton 
nur, und zwar ein mir eben so von geistigem als leiblichem Bedttrfbiss 
aofgedrnngeuer, diesen Sommer irgendwo auf dem Lande zuza- 
bringen, da ich aber in den mir zunächst gelegenen und bekannten 

Gegenden, der sog. fränkischen und Nürnberger Schweiz, keiueu 
Ort kenne, wo ich zugleich Ruhe und passende Nahrung lande, 
und ich mich nicht in die unbekannte Ferne begeben wollte, auf 
den Zufall hin, dort zu linden, was ich hier und in der Nähe ver- 
misse; so habe ich diesen Gedanken mit dem Projekt einer Herbst- 
reise vertauscht. Ich und mein Haus sind daher zu der Zeit, wo 
Sie nach Deutschland zu reisen gedenken, zu Ihrem Empfange 
bereit Dieses Ihnen anzuzeigen und zwar jetzt schon, ist der 
einzige Zweck dieser Zeilen. Denn was ich ausserdem auf Ihren 
Brief zu antworten habe, verspare ich auf die mündliche, hatttrliche, 
wie Schriltgclchrte 8ai;on würden, naturwüchsige Redekunst. Nur 
melde ich Ihnen einstweilen dankbar den Knipfang Benecke's*) und 
drücke mein Bedauern darüber aus, dass Sie eine so niederschmet- 
ternde Bestäti^j^ung meiner Todesgedankeu erfahren haben. Mit 
aufrichtiger Freude dem Wechsel des Schrift- und Briefstellers mit 
dem Menschen entgegensehend ihr L. F euer b ach. 



Derselbe an denselben. 

Kocbeuberg, den 25. Sept. läU4. 

Mein lieber ßolini Ihr Brief ist gerade an dem Tage ge- 
schrieben, an welchem ich von dem schönen Berlin und der liebens- 
würdigen Khanikoff, dem einzigen mir bis zum letzten Augenblick 

meines Dortseins treu gebliebenen befreundeten Wesen, schmerzlichen 
Abschied nahm. Und noch bis jetzt habe ich diesen schmerzlichen 

*) Es war doesen ^ Metaphysik und Bvligionspkilosophic**. 



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— m 

Abschied nicht ttberwonden, weil das wunderschi^ne Wetter, dti 
sich DDinittelbar nach meiner Abreise yan B. eingestellt hat, mir 
ad ocnlos demonstrirt, dass meine Reise, so schön sie war, m 

gelungen von Anfang big zn Ende, flo reich an wohlthftttgen An- 

schaiuiii^cn aller Art, doch der Zeit iiacli eine verfehlte war, das« 
ich sie, wie es ja anlanj^s mein Wille war, auf die llerhstta*re, 
die ja gewiliinlicli bei uns die sehr»n.sten Tage des Jalires ;?iutl, 
hatte aufsparen sollen. Nun bin ich leiblieh hier und doch geistig 
noch immer abwesend. Das schöne Wetter lässt mir keine Robe. 
Ich möchte immer statt lesen, schauen, statt denken, sprechen, 
statt in der Stndirstnbe sitzen, im Thiergarten oder onter den 
Linden oder in den Knnstsälen Berlins hemmwandehi. Dabei mtisi 
ich mich immer fragen, was thnst dn denn hier, wozn bist dn 
denn hier? Ist es die Natnr, ist es die Kunst, sind es die Menschen, 
ist es der Bücherreiehthum, der dich an den hiesigen Aufenthaltsort 
fesselt? Und ein niederscliuietterndes Nein ist die Antwort auf 
diese Fragen. Zwar hal)e ich mir immer schon vorher diese Fragen 
aufgeworfen und mit Nein beantwortet, al>er Berlin hat mir doch 
erst recht lebhaft, nach dem bekannten Gesetz „contraria jnxta se 
posita magis elocescnnt'*, die Oede, die Sinn* und Zwecklosigkeit 
meines Aufenthaltes dahier zur Anschauung gebracht Statt Aber 
abstrakte Dinge, sinne ich daher darttber nach, ob ich nicht, wenn 
auch nicht 11!r immer, wenn auch nicht mit meiner Familie, doch 
allein und aiil laiigirc Zeit nach B. gehen kann und soll. Bei 
diesen gemUthbewegenden Fragen können Sie sich denken . dass 
ich jetzt auch noch keinen Sinn für den Leibnitz'scheu und Kant Jsclicn 
Idealismus habe, und Sie daher allein ihren Gedanken Uberlassen 
mtiss. Alle meine Gedanken weilen noch in der Vergangenheit 
Selbst was ich seit meiner Rttckkehr gelesen, bezog sieh grOssten* 
theils auf gesehene Kunst- oder Naturgegenstände; denn auch dies^ 
letztem habe ich namentlich in dem eben so sehOnen als durch 
seine Brannkohlenformation interessanten Falkenberg ^ wo ich 8 
Tage mit meiner Tochter mich aul hielt und w<» diese noch gegen- 
wärtig weilt, meine Aulmcrksamkeit während meiner Keisc gewidmet, 
so weit es das leider meist schlechte Wetter und der Mangel an . 
allen Hulfsmittcln erlaubten. Indem ich in der Erinnerung von 
der Natur zu den gesehenen Kunstgegenständen liberschweife, mnss 
ich Ihnen noch insbesondere und ausdrflcklich dafUr Dank sagen, 
dass Sie mich oder, es ist ems, uns — denn wir dreie: Papa, 
Tochter und Frau Khanikoff waren bis auf die Falkenbeiger 



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Bewe nnzertreimlichy so auch Ein Herz und Ein Auge in der An- 
scbanang und Bewunderung der Pietit in Potsdam — auf dieses 
unvergleichliche, tiefergreifende Kunstwerk aufmerksam gemacht 
haben ; denn ohne Sie wäre es uns sicherlich entgangen , eben so • 
wie unserm Begleiter, einem lictlandischen Russen, der schon öfter 
iu Potsdam gewesen war, ohne — noch dazu ein Aestlictiker — 
das Sehenswürdigste daselbst gesehen zu haben. Sie sehen, wie 
sich auch an mir bestätigt: wenn Jemand eine Heise thut, so kann 
er was erzählen ; denn ich habe Ihnen noch nie einen so ge- 
schwätzigen Brief geschrieben, wie diesen, und wie Vieles könnte 
ich noch plaudern I Sie sehen hieraus zugleich, dass die Heise 
doch mir gute Früchte getragen hat, wenn auch einstweilen noch 
nicht In Bezug auf meine Schrift-, doch Briefstellerei , dass sie 
eigentlich nur einen Fehler gehabt hat, den, dass sie zu kurz 
war. Und warum war sie es, warum ging icli lort von Berlin? 
Weil ich a priori, in Wort und ricdankcn, meiner Reise eine so 
kurze Zeit gesetzt hatte und nun diesem Worte treu bleiben w^ollte, 
um so mehr treu bleiben wollte, weil ich zugleich auch den Verdacht 
— nicht etwa Anderer, sondern meines eigenen Verstandes — es 
konnten am Ende und im Geheimen nur die Reize weiblicher 
Liebenswürdigkeit sein, die mich an Berlin fesseln, derb ins Gesicht 
schlagen wollte. Und so habe ich denn bei meinem freiwilligen 
Abschied von Berlin vielleicht männlich, aber gewiss hiicbst un- 
phiiosophisch gehandelt; denn der Unterschied zwisrheu dem Aj)riori 
und dem Aposteriori hat sich auch hier schlagend lierausgestcllt. 
Wie viele Zeit zu würdiger und adäquater Anschauung erfordert 
nicht allein die Biidcrgallerie ! Wie viele bedeutende Bilder habe 
ich Uber andere bedeutende übersehen, wie ich zu meinem grossen 
Leidwesen noch an dem letzten Tage meines Aufenthalts ans dem 
Museumskatalog ersehen! Doch nun Adieu Berlin! — Mein Schweigen 
Yon der Insel Rügen sagt Ihnen, dass ich, infolge des schlechten 
Wetters, nicht hingekommen bin. Eben so wenig habe ich mich 
länger iu Leipzig, wie ich vorhatte bei der Hinreise, aufgehalten. 
Verstinunt über U. Wigands des Vaters Abschied, verstimmt auch 
über das schlechte Wetter, ttberdem nicht geneigt, die letzten Ueber- 
blcibsel meines Reisefonds auszugeben, am wenigsten an Antiquare, 
benutzte ich nach einigen Stunden unfreiwilligen Aufenthalts schon 
den nächsten Zug, einen nächtliehen Schnellzug, zur Heimreise. 

Meine Frau grflsst Sie herzlich und wird später einmal Ihnen 
wieder schreiben. Wenn Sie einen freien Augenblick haben und 




aich erloBtigen wollen an einem Urtheii franzl^Bischer Ignonutt 
nnd Arroganz ttber das Wesen des Christenthiims , so lesen Sie 

den „Constitutionnel" vom 18. September. Uel)rigen8 halte ich es iür 

ungeschickt von Seite der Uel)ersetzer, mit dieser Schritt, diesem 
ccTT«:^ ?.eyouer<n\ diesem Kaiserschnitt der christlichen Keligiou >u 
Sans l'acon zu heginnen. Es ist mir noch immer kein B^xemphir 
der Uebersetzung zugekommen, indem ich ihnen GiUcl^ und Segen 
za Ihrer Arbeit wttnscbei bin ich Ihr henüich ergebener 

L. Feaerbaeh. 



Ltt Priaco de Khauikoff k L. Feuerbach. 

Montfbit-L'Anuuury (Seine et üüw)« 3. Juillet 1863. 

Monsieur! il y n hien hingtemps (|ue je nie i)iüp<>sais de 
Vous remercier de h\ niauicrc bienveiilante dont Vous avez bicii 
voulu agreer rhonimage de iiion memoire „sur la partie nieri- 
dionale del'Asic centraie^S 6t de Vous dire, en meme temps, 
eombien jai ^t^ sensibie a l'attention amicale qne Vous avez ene 
de m'envoyer Votre profond onvrage snr ia Thöogonie. Je i'ai 
In et ötndiö avee le plos grand intör^t, et je me fais nn agröable 
devoir de Vous dire qne j'admire ^alement Tötendne de Votie 
connaissanee dn monde aneien, et la riguenr de Tanalyse qne Vous 
appliquez a echurcir ies tenebres d'une (jueslion ardue et coniidi(|uoc. 
Mais je cruirais mal reconnaitrc Vos bonnes dispositions puur nioi, 
en nie bornant a Vous communiquer simplenient reusenible de 
rimprcssion tavorable (juc m' a laissee l'etude de Votre emiueut 
travail, et Vous me permettrez de vous exposer quelques obse^ 
vatlons qni se sont pr^sent^es a mon esprit pendant qne je vom 
snivaiSy pas k pas, dans la Solution d'nne qnestion immense, qni 
a toojonrs intöress^ et qni intöressera eneore pendant longtemps 
le genre hnmain. 



Je crois qu'en disant, page ob. „L>er Wunsch ist die Urer- 
scheinung der Götter", et plus loin, page 48. „Die Gottheit ist 
weseutlicli ein Gegenstand des \'erlangens, des Wunsches; sie ist 
ein Vorgestelltes, Gedachtes, Geglaubtes, nur weil sie ein Verlangtes, 
Ersehntes, Erwünschtes ist'^, vous avez mis le doigt snr l'endroit 
sensible de la qnestion, vons avez exprimö nne grande vörit^. Oer« 
taines idöes n'ont besoin qne d'Stre tbrronltes pour ^tre admises, 
et 11 me semble qne Votre Observation snr l'origine de Tid^ de 



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— 161 

la divinitö est da noinbre de ces idöes. — Je ne donte pas qae 
le d^r soit ponr beanconp dansla relfgiosltö'de I'eHpcce bnmaine, 
mais est-il la seule et nniqne raisou de cc sentimentV V'oila oü 
coTiinience pour moi le doiite. Vous dites, Vous mCMne: „Die Oottheit 
ist urspriinjrHch und wesentlich kein Verninil't-Gejjciistand , kein 

I Gegenstand der Philosophie, denn die Götter waren, als es noch 
keine Philosophen gab", et ceci cxplicpie tres bien, comment noas 
retroayons des traces de religion et meme de calte parmi les nations 

I les moins eiyilisäeB, mais tont de m^me j^ose poser la question: 

I est-ce tont? L'homme n'est pas le senl Itre animö qai dösire. 
Dans les premiöres phases de son döveloppement, ses dösirs diflförent 

j pen de eenic des antres anfmaux. Comme eux, il aspire presqne 
exclusivement au bien-etre materiel; eomnie eux, il a peiir de tout 
ce qui peut Ten priver, a moins (pi'il ne sache combattrc les ennemis 
de son bonheur, ainsi, avant tout, lui, conune tous les aniniaux, il 
a la mort eu horreur. Gr, en prcseuce de ces faits, commuus k 
Um les 8tres dou^s de vie, n'est-on pas en droit de poser la 
qaestioiiy ponr qnoi Jamals on n'a constat^ rien qni ressemble i la 
religiosit^, . ehez anenn animal/ en dehors de Tesp^e hnmaine? 
Anssi nn ethnographe et natnraliste Eminent, Mr. Qnatrefages, 
s-t*il propos^ de reeonnattre le sentiment religieux eomme indice 
anique et infaillible de l'espöce homme, le seal propre k la dis- 
tinguer des autres especes animales. Donc, Monsieur, avant que 
ce doute ne soit eelairei ponr moi, je ne puis m'empecher de eou- 
8id(irer le sentiment religieux comme une l'onetion complexe, de- 
pendante de quelques variables et de quelques constantes, dont 
l'ane est sans eontredit celle qne Vons avez eu le talent de d^ 
eonvrlry notamment le d^sir; reste k chereher les antres. Tron- 
▼m-t-on Jamals le moyen de döterminer eomplötement eette fonetion 
indöterminde? J'en donte, et voHk ponrqnoi. II nons manqne, mal- 
benrensement, nn organe special, apte k nons faire reeonnattre 
avec certitude, si une chose, dont nous avons la consciencc, est en 
nous seulenient, ou si eile est en nieme temps en dehors de nous. 
Jene parle pas deji\ des quatre idees primordiales telles (pic l'espace, 
le temps, la force et la raatiere, qui resteront tonjours des eni'^mes 
pour nous, je ne mentionnerai qu'un ph^nomeme bien moins general, 
le phönomöne de la Inmiöre. Qni pent me dire qne la clartä, les 
coidenray les gradations Inminenses ete., n'ezistent exelnsivement 
qne dans Toeil hnmain, qn'en dehors de oe petit organe, tont est 
tin^bre od oseOle r^ther, et dont les oseiUations ne deviennent 

OrBa, FtoMibMlw Bfltfradwel «. NMblam. U. IX 



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Inmite qn'aa moment oü Us irritent ma rötine. Mais Bi je diaes- 
pöie de Yoir jamak proover i'indindiialitö de la limii^re oa wn 
manqae d'indiTidiuüitöy oomment youlea-Vons qae je puisse admettie 
qoe cela puisse se faire poor Tid^ de la diYjml6, idde infimmeiit 

plus compliqnöe et plus Taste qne les autres; car rhomme, ne sa- 
chant trop qii eu laire, eii a t'ait une espöcc d'armoire, oü il fait 
cutrer tout. Anssi, Monsieur, il nie semble qu'on aura beau analyser 
cette fonction que je nomine fonction reli»^ieuse, on aura beau la 
r^uize a aes döments ies pios simples et Ics plus saisissabieSi od 
ne paniendra jamais k proaver, ni Tabsarditö de Vexistence d'n 
Dien individnel, ni i'absarditö de^sa noiireauateiioe 



AdieOy Monrienr, si par basard Voiis series enrienx de lire 
Fonyrage de Mr. Bönan, mon exemplaire est k Votre disposition. 

Votre trcs-humble serviteur N. de Khauikou. 



Geehrter Herr! Auf den direkten Wnnseh einer gemeiB- 
schafUiehen Freundin, Mme Emma Herwegh, ttberMnde ieh Dmea 
beifolgend die voHständige Serie meiner politischen Flngschriften, 
die ich ohne diese ansdrttckliche Anflforderuug Ihnen zu ttbersendeu 
fast prätentiös finden würde .... 

Es ist viel verlangt, sich durch diese ganze Literatur durch- 
zulesen. Ich verlange es auch nicht. Nur das Eine \'erlange ieh, 
geehrter üerri dass Sie keine dieser Broschüren ausserhalb der 
hier angegeboien Reihenfolge lesen und erst nrtheilen, wann Sie 
Alles gelesen haben. Die grosse Sorgfalt mit weleher ieh, ieh 
mOehte fast sagen seit meiner Kindhdt» Ihre Sehriften verfolg^ and 
die lieberoUe WUrmOi die ieh seit dieser Zeit immer ftir Sie fort- 
bewahrt habe, gibt mir vielleicht ein Recht zu dieser Bitte ! Schon im 
Vorans werden Sie, wenn Ihnen meine philosophischen Werke nicht 
vielleicht entgangen sind („Philosophie Heiakleitos des Dunklen*', 
2 Bde.; „System der erworbenen Rechte", 2 Bde.) nicht zweifeln, 
dass meine Erhebung auf streng philosophischer Grundlage bei 
mir erwachsen ist. Die Fortscbrittler sind politische Rationa- 
listen der seichtesten Sorte, und es ist derselbe Kampf, den Sie 
in tiieologiseher, and den ieh jetzt in politischer und Okonomiaeher 
Bichtang führe. 



F. Lassalle am Fenerbach. 



Berlin, den 21. Oktober lb63. 




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Eben deswegen würde es mir ansnehmend leid thun , von 
Jemand, den ich so yerebre, wie Sie, diese tiefe innere Identität 
verkannt zu seben, die übrigens — verzeihen Sie mir diese Ver- 
sicherung — selbst trotz einer Verkennuug eine historische und 
philosophische Thatsache bleiben wird. 

In politischen Kampfschriften kann das philosophische Element 
nur eben den Hintergrund bilden und darf nicht als solches her- 
vortreten. Aber in streog philosophischer Weise ist der Grund- 
gedanke dieses ganzen Kampfes entwickelt in meinem schon 1861 
erachienenen „System der erworbenen Recbte'S welches ich mir, da 
es ihnen yielleicbt entgangen, beifolgend mit warmer VerehruBg 
ond als ein schwaches Zeichen , des Dankes für alte Erkenntuiss- ' 
schulden, die ich Ihnen abzustatten habe, Uberreiche. 

Der §. 7 des 1. Bandes enthält — in einer freilich erst nach 
Darchlesung des ganzen Werkes wirklich verständlichen Weise — 
die Grundlagen meiner politischen und ökonomischen InsujTcktion. 
Orientiren wird Sie übrigens schon das Vorwort. 

Und nnn erlauben Sie mir, Ihnen herzlichst die Hand zu 
sehfltteln nnd Ihnen zn -sageui wie angenehm es mir ist, bei diesem 
Anlasse eine persönliche Bekanntschaft mit Ihnen vermittelt zu 
haben. Mit Hochachtung nnd Verehrung Lassalle. 

NB. Falls Sie meinen Ucraklit nicht kennen, bitte ich Sie, mich davon baldigst 
koiz zu benachrichtigen. Ich erlaube mir dann Ihueu denselben za.ttberschickeu, da 
Sie dort mythologische und reUgiomgescIiichflidie Foiachungcn finden (sowohl 4iibtT 
oiieitalisehe Beligioiien, als besondeis Mck aber die innere Genesis der chiistliclien 
Religion in gelegenüioher AvsfiUirong), die mit dem spezifischen Gegenstände Ihrer 
Stadien nnd Arbeiten Im engsten Zosammenhange stehen. 

leb ttbeilege mir, daes es kttizer ist, den Heraidit glelcb beiznntgen. 



Mr. Yaillant k Fenerbaeb. 

Vendredi 6 Mai 1864 ~<- Stuttgart. 

Monsieur! 

Je me croyais sur de votre adrcsse; dans divers uuvra^es <|ui 
prohablement s'etaient copiös k ce sujet, j'avais lu (lue vous de- 
meuriez ä Bruekberg. Ainsi, il y a 15 jonrs, le lendeniain de 
mon arriyöe 4 Munioh, je pars pour Bruckberg; une fois arriv^, je 
qnestionne tout le monde, mais personne dans ce petit TiUage de 
paysans ne vous connait Enfin, a la gare, on me conseille d'attendre 
U fin des ofißces (c'ötait nn Dimanche) et d'aller trouver le per- 

11* 



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* 



1(84 

gonna^ important du Village: le cmL PenBant qne, pent-ltre, vom 
habitez leB enTirons, et qa'il ponrra me donner des renseignemeBts 

k ce snjct, je me d^cide, non Bans quehiuc bösitation, k le qnes- 
tionner relativement k vous, connaissant par experience I'esprit des 
cur6s de cainpagne. Mais j'avais trop corapt^ sur sa sottise, et 
pas assez sur son ignorance, il ne connaissait pas nicme votre iioin. 
Ainsi je revins Ic soir a Municli. Ne sacliant corament trouver 
Yotre adresse, je m'adressai k uu libraire ((ui nie promit de.s'in- 
fonner. £t en effet, ([uelqne jonrs aprös, ii me dit que vons de- 
meuriez ^Aosbach; d'un antre cötö on me eonseilla de m'adreBser 
k Hr. Otto Wigand, dont la röponse me troQva k Stuttgart et m'in- 
diqnait Harenberg eomme votre r^sidence. Devant ces renseig* 
nements contradietoires, mais dont le demier est plns probable, j'ai 
pense devoir vous 6crire. 

• ••••• 

. . . . II me serait penible de (juitter rAUemagne, sans y saluer 
celui dont les idees ont eu tant d'iufluence sur les mieuneSi et 
• Passurer de mon admiration et de ma recounaissaace 



Pardon y monsienr, et ponr cette lettre trop longae, et ponr 
rembarras que je vons donne. VeniUez reeeyoir Tassnraaee d'i^ee- 
tion reeonnaissante de votre 6Uve döyon^ Ed. Vaillant 



Mr. Joseph Boy 4 Fenerbaeli. 

Paris, ce 13 Aoüt 1864. 

Monsieur! Mon ami, Mr. Eduard Vaillant, qui a eu rhonneur 
et le plaisir de vous voir, U y a ä-peu-prös deux mois, a dd ms 
parier d'une traduetion que j'ai falte de tos prineipaax onynges^ 
Je regrette iofiniment que les circonstances ne m'alent pas permiB 
d'aToir le m§me honnenr et la mSme joie que InL Dans nn t8te- 
Ä-t^te, j'anrais pu vons dire aveo plus de dötails ce que je me 
propose de fkire; j'anrafs ^cont^ avec respeet vos conseils, et 
j'aurais agi suivant vos dcsirs 



II y a plus de trois ans dcjä que ma traduetion est laite; je 
l'ai present^e k plusieurs reprises k divers ^diteurs, et tonjours j'ai 
ötö öconduit, sons ce pretexte que la police n'en permettrait pas 
la pnblication. Je commen^ais k dösespörer .de ponroir la £iii8 
paritttrCi lorsqne tont d'nn conp nn öditenr beige, Bfr. Laerou; 



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165 



m'a proposc de rimprimer imm^diatemeut. J en ai ete aussi fächö 
qne content, parcc que, tout enyoyant avec joie que mon travail 
o'avait pas ötö entrepris en pure perte, j'aaraiB desirö nöanmoinB 
a?oir le temps de Im donner tine antre forme que celle qn'il a en 
oe moment Mal^ tont, je erois qae vons en serez satiafaii Si 
ma traduetion ne rend pas toute Torigiiialitö de votre style, eile a 
du moina cela pour eile, d'#tre öcrite en frani-äis, et de pouvoir ^tre 
lue t'acilement. Pour le moiiicnt eile se compose de deux volumes ; 
le premier compreiid T E s s e n c e de la Religion, une partic des 
Pensees sur la mort et T immortalitö, et les trois premicrs 
ehapitres de votre livre sur Bayle, avec les notes qoi leur corre- 
spondent Le second est TEssence da Christianisme tonte 
entiöre, k part quelques emissions impereeptibles dans les notes. 
J'aime & eroire que les deux volumes seront enlevds dans un espaee 
de temps assez restreini S'll en est ainsi, je referai la seconde 
^tion tont autrement. L'esseuee du Christianisme restera 
dans son integrite; mais j'y ajouterai en guise de conelusion une 
lentaine de pages, oü je rc^sumerai vos idees, en repondant aux 
critiijiies qui en auront ete faites. Bien eutendu que je vous en 
donnerai connaissance avant de la faire imprimer, afin qu'il ne s'y 
troave rien qui ne seit approuvc par vous. Le premier volurae 
comprendra en outre les parties les plus importantes de la Th^o- 
gonie et de TOS Diseours sur la religion. Vous voyez que j'a§is 
svec vous en ami, comme on dit, c'est k dire saus gine. Si youb 
svez quelques obsenrations k me faire, je les suivrai de point en 
point. Dans le cas oü la premi^re Edition ne se vendndt que lente- 
ment, je ferai un troisieme volume^ en attendaut Tepulsemeut complct 
de l'ouvrage. 

Dans une quinzaine de jours, au plus tard, vous recevrez les 
deax volumes susdits. Je vous serai tres-reconnaissaut, .si vous 
Tonlez bien avoir la bontö de m'en aoeuser r^ption, et de m'en 
diie quelques mots «. 

En attendanty je suis, Monsieur, votre tout dövouö ' 

Joseph Roy. 

P. 8. L editeur s'est permis d'imprimer sur la pre- 
micre page: „traduetion avec l'autori sation de l'au- 
leur" il ne m'en avait rien dit; — vous a-^il 6crit pour cela, 
et voos a-t il envoye les ^preuves ? 



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166 



L'e mime an mftme. 



Co b Jauvier lb65. 



MoDsiear! Je n'ai pas besoin de vons asrarer qae j'ai appris 
avec le plas grand plaiflur, qne ma tradnetion vom avait satisfait 
Qoant anx obsemtiona qne vous avez faites ä propos de eertaines I 
parties, anx lacanes et omiBsions qae vons arez signal^s, je les 

avais pKvues d'avance; dies ne ra'ont donc pas gurpris, et je puis 
vous affirmer que si Ich dcux voliimes avaient paru tcls quc je 
lc8 voulais, vous aiiriez viv Otoniu* de Tacconl (|iril y avait cntre ' 
noiis en tout et pour tout, bicn que nous n'euasioua eu aucun rapport 
ensemble 

D'abord j'avais eommencf^ k vom traduire ä tort et k travers, 
Selon qne les pages qne je Usais me faisaient plns on moins de 
plaisir; pnis j'avais interrompn ma tradnetion, en apprenant qii'ü 
y en avait nne antre, pnis je Tavais reprise, en voyant ({ue oette 
derni<!;re laissait beaneonp k d^irer — pnis je ne tronvais pas 
d'i'ditcur (\\ü parut disposc^ k sc charger de l'affaire. — Enfin est 
venu Mr. I^acroix aprt'.s avoir refust' d'at)ord, cnHuitc s'est 

raviHÖ, cl s'est inis a nie ericr: „vitc, vite*', si bien que j'ai pri» 
toutcK les pages traduitcs, Icb ai rajustces taut bicn que mal, y ai 
9joiM nne ombre de pröfaee, et les ai livröes an pnblie. — 

Chose mal eommeneöe est rarement menöe k bonne fio, nais 
iei le mal pent Hre r6par6| et je vais me mettre k Toenvre daos 
cette Intention. Qne croyez-vons qne je vais faire? rien antre ebose 
qn'nn troisiöme volnme, et oomme ii me tarde d'en avoir fini, avant 
trois mois tout sera tcrminö. Cette fois-ci je vais vous mettre 
litt(^ralement en pieces, a pari deux ou trois opuscules tircs des 
Erläuterungen und Ergänzungen z. W. d. Ch., et que je 
traduirai prcsque cntierement. Je prendrai le reste pagc par page 
dans la Th^ogonici et dans les Discoars sur la Beligion, 
et J'^jouterai au tout unc preface ou ane eonelnsion, ponr cn rendre 
rintelligence plns faeile. Je ferai en sorte qne rien d'importaot 
ne soit omis, et afin qne le leetenr ne se fignre pas rencontrer 
par ci par \k quelque contradietion, je täeherai de le mettre k votre I 
point de vne, sMl en est capable on sMl ne s'y refnse pas . . • 

J'avais d'abord l'intention, au Heu de continucr k vous traduire, 
de faire uu travaii nur vous, et ä propos de vous, sur bien d autre« 




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— le? — 

cboses. J'y ai renoneö poar le moment, n'ayant pas le loisir 
eessaire^ et oe me sentant pas la force d*accomplir cette tftche selon 

les conditions qne je m'imposerais. Et puis j'ai pensö, qu'il serait 
bien possible que vous eussiez lait vous meme Ics trois quarts de 
ce travail. Depuis dix ann, n'avez vous rien 6crit, a part la Theo- 
^onie? Vous m'avez dit que vous aviez soixante ans — je vous 
eu croyais davantage — Votre testament n'est donc pas fait^ et si 
vous me constituez votre l^ataire-interpr^te, je ne me sens pas le 
besoin d'avoir la bonche pour bögayer d'ayanee ce que vous y 
dires d'one Toix retentissante. Me serait-fl pennis de toqs demaoder . 
quelques eonfidenees li-dessns? ^ • .* . . . 



Je vous salue cn ami J. Hey. 



Fenerbacli an Friedricli Kapp. 

Kechenberg bei Nürnberg, den 9. Jan. 1865. 

Lieber Kapp!... Dein Brief kam grade in dem Momente, 
wo ieh ein Thema vollendet hätte, das mich am Schlnsse anf den 
bdligen Benif nnd gdttlicben Ursprung des Oarnifex und Tortor 
im ehristiich-germanischen Erinrinalreehl^ im Gegensatz zu der ver- 
lebflichen Bedeutung desselben bei den Heiden , besonders den 
Römern, geführt bat, und ich mich eben besann, welches Thema 
ich nun aus den vielen im Kopfe und Plane vorhandenen zur Aus- 
arbeitung auswählen soll. Noch bin ich unentschieden, aber nur so 
viel ist gewiss, dass noch einige Monate vergehen werden, ehe ich 
die Probe machen kann, ob der gastronomische Satz auch in der 
Historie, in der Literatur tü[>erhanpt, sich bestätigt, woran ieh nicht 
iweifle, da trotz meiner Antipathie gegen den Pietismus, zn dem 
jt aneh der Hermhntismns*), nicht nur seinem Ursprünge, sondern 
auch tiieilweise seinem Wesen nach gehört, der Gegenstand an sich 
selbst in das Gebiet meiner Lebensaulgabe fällt. Diese ist ja be- 
kanntlich keine andre, als das Wesen der Religion nach allen ihren 
Seiten und Gestalten, bis zu ihren letzten, sich im Hirn des Menschen 
verUerenden Wurzeln hin, zum Heil und Wohl der Menschheit zu 
verfolgen und ergründen. Wie überhaupt bei meinen schriitstel- 
leriflchen Arbmten, hängt auch bei dieser sehr viel, wo nicht Alles, 



*) Ein Wunsch Friedrich Kaipps gab die Yer&nlaäsimg m der Arbeit über die 
Heirnhnter und Zi&xendorf, welclift vir im Ifaddaase mittheileo. 



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168 



von dem Uinstaude ab, dass mir zur rcchtcu Zeit die rechten Quellen 
in die Hände fallen. Wie ganz anders wäre es, wenn ich in einer 
mittelreichen Stadt leben könnte , wie etwa Berlin, wo ieh diesen 
Herbst mich 3 Wophen mit meiner dorthin elngeladnen Tochter 
aufhielt, und es mür sehr wohl goüel, so dass in mir der lebhafte 
Wunsch und fast Eutschlnss entstand, wenn aneh nicht dort mit 
Weib und Kind mich niederzulassen, doch allein auf längere Zeit 
aufzuhalten, um die Bibliothek zu benutzen. 

Für den Brief meines Vaters, der mir schandbarer Weise nicht 
zu Gresicht noch Ohr gekommen, gchönsten Dank von Deinem 

Feaerbacb. 



Mr. Yaiil»nt ä Fenerbach. 

Paris, 17 Fifrier 1885. 



.... J Iii etc heureux de voir combien vous participiez a la i 
triste perte et si inattendue deCharras, et surtout de Proudbon, 
dont la mort a cause un deuil geueral parrai tous les amis de la 
libre peusde et de la Bövolation. J'ai regu ce matin uue lettre de i 
mon ami Boy, me fusant part de votre lettre, et h qui vons avez 
anssi commnniqnö vos regrets. Comme Tons le savez pent ^tre, 
le 2* Tolnme de la tradaction de mon ami, ,,r£88enoe da Ghri* 
stianisme'% a pam quelques jours avant le l^'volnme, „laRe- 
ligion''. Mon ami, n'ötant plos k Paris, m'avait pri^ de le porter 
a Proudbon; il ctait deja souffrant, et allait partir pour la Franche- , 
Comte. 11 le re(;ut avec plaisir, et me dit „je le lirai pendant mon 
Yoyage". A son retour, il y a environ 3 niois, je revins le trouver, ; 
pour lui donuer le 1" volume. Je le trouvai enehantc de la lec- | 
tnrc de l'Essence du Christianisme. „Voila un livre qu'un 
riiilosopbe doit dtre henrenx d'avoir ecrit, me disait il, ; 
il y a longtemps qne je n'ai fait nne lectnre anssi for- 
tifiante. Avant, je ne le connaissais qne par E...., 
c'est k dire, je n'e le connaissais pas, je voyais en lui 
nn grand pensenr; maintenant je vois en lui un grand i 
philosophe, et de plus un öerivain, car il sait rirc et 
plaisanter excellentement, ce (] ue je ne trou vais que rarc- 
ment chez les Alle man ds. 8 i vous avez oecasion de lui 
^crire, dites lui, combien je l'estime, avec quei plaisir i 
j'ai la son onvrage (et comme je lui avait dit qne vous avia 



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' 169 

m 

presquc l iutention de venir a Pam^^ et eombieuje serais heu- 
reax de le voir.'' 

Adieu, Monsieur, veuillcz rcccvoir Tassurance bien sincöre du 
respect et de la considöratiou de votre tont d^voa6 

Ed. Vaillant 



£. Blind an Feaeibach. 

London, den 22. Hän 1865. 

Verehrter Freun^! Mein herzlichster Dank für die Be- 
reitwilligkeit, mit der Sie Ihren hochgeschätzten Namen zu denen 
der anderen Freunde des ,,deutschen Eidgenossen'^ setzten; kommt 
spät. Entschuldigen Sie es mit dem bei mir nie endenden Drange 
der Arbeiten! . . Ihr Karl Blind. 



Fouerbach an W. Bolin. 

Becbenba^, den 21. Jan. 1865. 

Mein lieber Bolin! Ihren Brief vom 30. Dezember habe 
ich erst am 13. Januar erhalten, wurde ihn aber sogleich beant- 
wortet haben, wenn nicht fast gleichzeitig mit demselben sicli ein 
elender Katarrh bei mir eingestellt und 8 Tage lang mich zu einem 
elenden Mann gemacht hätte. Warum aber sogleich? Erstens weil 
ich mich gerade in einem Interregnum befand, das alte Thema, 
das Thema, welches durch die Reise nach Berlin unterbrochen 
worden war, vollendet hatte, ohne noch ein neues gewählt zu haben, 
also noch frei war; zweitens, weil es mich drängte, Ihnen meine 
Freude darüber zu bezeugen, dass Sie Ihre für Sie so wichtige,' 
so entscheidende Abhandlung zur rechten Zeit fertig gebracht und 
somit den Zweck derselben erreicht haben. Ich hatte nämlich be- • 
ftlrchtet, Sie möchten namentlich wegen der Steine des Anstosses, 
die ich Ihnen in den Weg geworfen, nicht zur bestimmten Zeit an 
Ihr Ziel kommen; und doch konnte ich Sie nur mit nutzlosen 
Wflnschen begleiten und unterstfltzen, nicht mit sächlichen Ge- 
danken, weil mein Geist sich unterdessen unendlich weit von dem 
Gegenstande Ihrer Abhandlung entfernt hatte. Nicht lange nach 
Ihrem ersten Briefe erhielt ich nämlich aus Paris die französische 
L'ebersetzung von mir mit dem Wunsche des Uebersetzers, mein 
Urtheil zu vernehmen. Dieses konnte ich aber nicht abgeben, we- 



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' 170* 

• 

nigstenB mit gatem GewisBcn, ohae sorgfältig die Ucbersetzunp: mit 
dem Original zu vergleichen. Diese sprachliche Vergleichnng ftihrte 
mieh aber sofort zu einer höheren Vergleichongi zur Vergleichnng 
meiner Gedanken mit ihren Objekten , meiner Darstellnngen mit 
ihren Thematen, endlich meiner Schriften itberhäupt mit den nenesten 
fhinz^igchen Schriften, wie Larroque, die theilweise dieselben The- 
mata behandelii, und die ich eben erst bei Gelegenheit der fran- 
zösischen Uebersetzunj]; von mir habe kennen lernen, zu meiner 
grossen Befriedigung und Ermunterung. Auch von den Ihnen wahr- 
scheinlich bekannten Werken Laurents, der übrigens nur ein frei- 
sinniger ßationalist ist, habe ich mir bei dieser Gelegenheit einst- 
weilen zwei Bände y „le Ghristianisme^' und „les Barbares et le 
Oatholicisme'', kommen lassen' nnd bereits grbsstentheils gelesen. 
Knrz ich bin wieder ganz vom Ganl der Philosophie anf den Esel 
der Theologie herantergekommen. Meine letzten Federzüge galten 
— erschrecken Sie nicht über diesen Anachronismus — den ewigen 
Höllenstrafen. Nur am Schlüsse meiner historisch-genetischen Er- 
klärung derselben, die mich mitten in die grUuelvollen Abgründe 
des christlich germanischen Kriminalrechts hinabzusteigen nöthigte, 
komme ich natürlich auch auf die Hauptügor desselben, auf den 
Camifex und damit in Berührung mit Ihrem neuen Thema; denn 
zuletzt stfltzt sich ja nur auf das Dasein des Garnifex die Folge- 
rung von der Nothwendigkeit der Willensfreiheit. Da bei uns 
ttberall, so auch auf unsren Universitäten, noch hinter unsrer viel- 
gc[)rie8enen Willensfreiheit der Camifex steht oder steckt, so ist es 
das Beste für Sie, dass Sie historisch den Gegenstand anpacken, 
etwa gleich bei Leibnitz, bei welchem Sie sich ja eben befinden, 
als dem Gegner des Hobbes'schen Nothwendigkeitsprinzips , dann 
weiter herab bis auf die neuere Zeit beide Gegensätze fortführen 
und einander in klaren bestimmten Sätzen gegenüberstellen, endlich 
am Schlüsse die kritische — desswegen nicht charakterlose und ann- 
selige — Vermittelung treffen. Doch folgen Sie Ihren eignen Ein- 
gebungen! Am Ende folgt doch Jeder semem eignen Kopf. Alles 
Glttck und Mufh zum neuen Jahr und neuen Thema. Mit diesem 
Wunsche Ihr L. Fb. 



Derselbe au densel))L>n. 

Krehenberg, den ^. Juli lS«i5. 

Lieber Herr Bolin! Wie Sie wissen, bin ich kein Freund 
von nnnöthigen Worten, unnöthigen Schriften nnd Briefen. Un- 



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171 



nOtiug aber war und ist -es noch, mieh brieflich Uber den philo- 
sophischen Inhalt Ihres letzten Schreibens anszusprecben, da ich 
mich darüber längst Öffentlich ausgesprochen habe. Sie können 
Bich ja aus diesen Ihnen nnr zu gut bekannten Aussprüchen selbst 
sagen, was ich von einer Kcgeneiation der Philosophie denke, die 
nicht zugleich von einer Regeneration der Menschheit, der Keligion, 
des sozialen Lebens ausgeht, was ich überhaupt halte von einer 
partikularistischen Fachphilosophie, welche die brennenden Fragen 
der Gegenwart umgeht ifnd sich nur mit Dingen beschäftigt, die 
fSr Niemand als för einen Professor der Philosophie Interesse haben. 
Ich hin unendlich fem davon — ich habe auch gar keinen Grunfl 
dasn — die Verdienste nnd Talente Anderer verkennen oder gar 
verkleinem zn wollen. Herr Professor. K. Fischer ist gewiss ein 
vorzüglicher philosophischer Historiker und Aesthetiker; aber so 
viel weiss ich gewiss, dass die Philosophie vom hölzernen Katheder 
aus in unserer Zeit und unsern Verhältnissen, die ganz andere sind 
als die der Kante und Fichte, nimmermehr auf einen grUnen Zweig 
kommen wird. Und was ich weiss, das wissen Sie auch, das haben 
Sie selbst zun Theil in Ihrem Briefe ausgesprochen. Wozu also 
ttber ausgemachte Dinge noch Worte verlieren? — Ueherdem war 
ieh die letzten Wochen her durch Briefe, durch fremde Besuche, 
durch Lesen und Exzerpiren von Schriften, die ieh von der Hllnohner 
Bibliothek bezogen und nun zurückschicken musste, so sehr in An- 
spruch genommen und mir selbst entrissen, dass ich mich darnach 
sehne, wieder mir selbst, meinen eignen Gedanken und Entwürfen 
anzugehören. — 

Gewitzigt durch die Erfahrungen des vorigen Jahres, gedenke 
ieh eine Heise bis in den Herbst zu verschieben, und Sie sind zu 
der von Ihnen angegebenen Zeit willkommen Ihrem alten Freunde 

L. Fb. 



Feuerbach an Hugo Wigand. 

Rechenbelg, den 7. November 1865. 

Verehrter Herr! Ehe ich mein Manuskript, lediglich zum 
Bebuie des Setzers und folglich zum letzten Male mit der Feder 
ond dem Kadirmesser in der Hand durchsehe, muss ich doch noch 
eme Frage an Sie stellen, weil von Ihrer Entscheidung es abhängt, 
ob ieh dieses oder jenes Zitat stehen lasse oder streiche, und der- 



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• 172 



gleichen Veränderangen mache oder unterlasse — die Frage nftm- ^ 
lich| ob 6B niebt zweckmässiger wäre, die Idee einer Voiksaas- 
gäbe sogleich mit dem Drucke des Neuen zn reatisiien, etwa unter 
dem Titel „Volksausgabe von L. Fenerbacb's gedruckten und im- 
gedruckten Werken im Auszug", oder wenigstens, wie ich Ihrem 
lIciTii Vater in meinem ersten Briefe angedeutet, die einzelnen Ab- 
handlungen aueh einzeln, nur unter einem gemeinsamen Titel zu- 
sammengelasst , erscheinen zu lassen. Alle neuen Abhandlungen 
bezieben sieb zwar, wie ieb scboo gesebrieben, auf meine früheren 
Schriften, sind nur Beweise, Begründungen, Ansfiihrnngen ausge- 
sprochener Gedanken, aber in einer Weise, die Alles in einem neuen 
Lichte darstellt, jede trotz der Kürze ein selbsUbidiges, für sich 
« selbst gemessbares Ganzes, so dass es Sehade wäre, wenn diese 
innerliche Selbständigkeit nicht auch äusserlieb geltend gemacht 
würde. Diese Geschöpfe meiner Muse in einen Band zusamnien- 
paeken, und diesen Band an die alten Bände der Gesammtausgabc 
anreihen, heisst sie lebendiij: begraben, heisst den neuen Most in 
alte Schläuche fassen. Wer liest sie da, wer kauft gleich einen 
ganzen Band? Kur ein spezieller Freund und Kenner meiner 
Schriften, der zugleich Geld zum BUcherkaufen hat, während 
Kleines und Wohlfeiles in die Masse kommt 

Auf den Fall, dass Sie sich fttr die Einreihung in die Gesammt- 
ausgäbe entscheiden, bemerke ich, dass nach meiner Schätzung, 
die freifieh nicht zuverlässig ist, selbst mit Inbegriff der Abhsnd- 
liiii^eu von der Unsterblichkeit, es nur einen sehr kleinen Band 
geben wird. Ich habe zwar eine Masse Stoffes liegen lassen, die 
leicht zu Druckbarem herp:erichtet werden könnte; aber es ist mir 
ein schrecklicher, ein unerträglicher Gedanke, nur zu schreiben, um 
emen Band auszufallen. HocbacbtungsToll L. Fenerbach. 



Derselbe an denselben. 

Rechenbeig, den 21. NoTember 1865. 

Verehrter Herr! Sie haben allerdings Kecht, wenn Sie, wie 
auc h Ihr Herr Vater, behaupten, dass meine Abhandlungen, hoch- [ 
stcns Nr. 4 ausgenommen, sich sowohl ihres Urafanges, als iiires 
Inhaltes wegen nicht zu einer Separatausgabe eignen, und ich > 
willige also ein, dass sie in einem Bande zusammengebunden als 
10. Band, aber zugleich unter einem selbständigen, entweder 



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IIS 

unter dem von Ihrem Herrn Vater vollgeschlagenen Titel: „Fünf 
Ablianclliingcn von L. Fcucrhach", oder einem anderen erst noch 
zu f)('stinmiciidon erscheinen. Nur hedingc ich mir aus, dasH Sie 
(Il'h I'reis des neuen Bandes, der llhrigens selbst, wenn ich auch 
noch Zusätze mache, kein grosses Volumen einnehmen wird, so 
niedrig als möglich ansetzen; denn nnter dem Ausdrucke „Volkg- 
ansgabe'' yentehe ich nichts anderes, als eine wohlfeile Aasgabe. 
Sie haben Recht, wenn Sie bei dem geringen Absätze, den meine 
„Theogonie'' gefiuden, die Unpopnlarität des ^tels mit in Rech- 
nung bringen; aber gewiss ist an dem Hchicksale dieser wie anch 
meiner anderen Schriften auch der hohe Preis derselben Schuld. 
Ich wenigstens habe darüber oi't bitter klaffen gehört. Rei dem 
neuen ßande ist mir aber ein zahlreicher Absatz und folglich ein 
diesem Erfolge entsprechender Preis um so wtlnschenswerther, als 
ich auf ein Honorar verzichte, und es doch gar zu traurig für mich 
wftre, wenn meine Ausgaben an Geist, Kraft, Stoff ohne alle Ein- 
nahme blieben* Gleichwohl mache ich mir auch bei dem möglichst 
billigen Preise keine ülnsion in Betreff des Absatzes, denn es ist 
noch nicht die Zeit da, dass eine meiner Sehrillten Hauptsache, 
Volkssache wird; es ist noeh die Macht des Scheines eine viel zu 
^Tosse, als dass dem wahren, ungescliniinkten Wenen Platz gemacht 
werden könnte. Was ich mir nocli jiusbcdin'^en muss, das sind 
20 25 Freiexemplare für meine Freunde und Verwandten, floch- 
achtongsvoil L. Feuerbach. 

22. Nor. 

Ich habe diesen Brief schon gestern frtth geschrieben, aber 
lucht fortgeschickt, weil mir der Gedanke in den Sinn kam, ob es 
nicht das Beste wäre, da wir nnn einmal wieder in das alte Geleise 

^'ekommen sind, Alles auch in Betreff des Honorars beim Alten zu 
lassen, nur dass wir den alten Fehler vermeiden, und also nicht 
wieder durch einen unverständlichen 'i'itcl das Pul)likuin abstosscn. 
Doch um endlich die Geburtswehen, die mir meine neue .Sclirill 
schon gekostet, zu beenden , bleibe es bei dem gestern Nieder- 
geschriebenen, bleibe es bei dem a conto met&, selbst wenn auch 
der neue Band durch mögliche Zusätze von meiner Hand einen 
grosseren Umfang, und folglich auch höheren Preis im Bnchhandel 
erhalten sollte. 



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174 

» 

FeaerbAch an Bolin. 

• Bechenbeig, An&ng lUn 1866. 

Lieber Freund. Endlich komme ich dazu, meine Schuld 
an Sic abzutragen, und doch ist selbst Jetzt der Zeitpunkt noch 
nicht erschienen) den ich lUr Sie im Geiste vorausbestimmt hatte, 
der Zeitpunkt nämlich, wo ich gar nicht mehr iuit ipeiner Schrift 
SQ thun hätte, wo ich so recht con amore mit Ihnen plaadern 
könnte. Zwar ist schon seit einigen Wochen mdn Werk onter der 
Presse, aber es fehlt dem Gänsen noch ein passender Schlnss, nnd 
znr Ansarbeitong dnes solchen fehlte mir bisher immer die rechte 
Stimmung, wahrscheinlich in Folge der abnormen Witterung. Wir 
haben im Januar, dem getürchtetcn Wintermonat, wahre Frühlin^^s- 
tagc, aber dumpfe und selbst schwindlige Köple. Wie aber das 
rechte Wetter, so lUsst sich auch nicht die reclite Stimmung er- 
trotzen, sondern nur erwarten und benutzen; aber dafür will ich 
Sie wenigstens nicht länger warten lassen. Ist doch Ihr an mich 
gerichteter Brief bis gestern noch anf dem Schreibtisch in meiner 
Sommerwohnnng gelegen, weil er hier empfangen nnd gelesea 
wurde! Wahrlich eine geraume Zeit! aber ftir mich anch eine Zeit 
der angestrengtesten Cl«istesthätigkeit nnd Gemtlthsbewegungen, 
eben so wohl in Folge der Versprechung meiner leiblichen Tochter, 
deren Scheidung von mir ich, in Gedanken wenigstens, der Schei- \ 
dung der Seele vom Leil)e gleichsetze, als der Versprechung meiner ' 
geistigen Tochter, meiner Schrift, an den Ijuchhändler, die ich auch 
mit sehr schwerem Herzen aus meinen Händen Hess, ja gern wieder 
zurückgenommen hätte, wenn ich nicht durch mein einmal gege- 
benes Wort gebunden gewesen wäre. Am wenigsten daehte ich ■ 
daran, dass sie schon so bald erscheinen würde; viele Llleken, die 
aUmählig und gelegentlieh ansgefllllt werden sollten, sind daher steheD 
geblieben, viele Partien nicht ausgefUhrt oder geradezu w eggelassen 
worden. Doch alea jacta est. Nach last lOjährigera Scheintode 
bin ich wieder zum „Sein für Andre" erwacht; ist nur einmal der 
Anfang gemacht, so ergibt sich die Fortsetzung von selbst. Es 
taugt übrigens schlechterdings nichts, Manuskripte Jahre lang liegen 
zu lassen. Gedacht, geschrieben und gedruckt! Das sei des Schrifl* 
stellers Motto. £s ist doch Alles, was wir thun, denken und schreiben, 
ephemer wie wir selbst; der Unterschied ist nur, dass die Gedanken i 
des Genies nicht alltägliche nnd desswegen der Aufbewahmng 
würdig sind. ' 



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176 

Die YorBtebenden sehlecht geschriebenen Zeilen schicke ich 
Dioen nur als einen Beweis, dass ich Ihnen schon längst schreiben 
wollte, aber zuj^leicli auch als einen Beweis von der Richtigkeit 
der in meiner Schrit t ausgesprochenen Behauptung, dass der Wille, 
der von der Zeit abstrahirt oder gar wider den Strom der Zeit 
Behwimmen will, nur ein Phantom ist. Erst jetzt ist mein Wollen 
Kf^nnen — Wollen ohne Können ist aber nnr eingebildetes^ chimär 
lisches Wollen — erst jetzt, wo und weil ich mit meiner Schrift 
fertig bin, also Zeit habe, an Sie xa sehreiben. Was sollte ich 
Urnen aber auch, was soll ich jetzt selbst schreiben? Alles Wissens^ 
wfirdige von mir enthält ja meine Schrift, nnd Sie werden sich 
nicht dadurch beeinträchtigt fühlen, dass ich, was ich Ihnen mit- 
theile, zugleich auch Andern, ja der gesammten Welt mittheile, 
licsteht ja doch der Werth der Schrift zuletzt nur darin, dass sie 
eine Sache so gemein macht wie Luft, Licht und Wasser. Ich 
sehreibe Ihnen daher eigentlich auch nur, um Sic zu fragen, auf 
welchem Wege ich meine Schrift Ihnen zuschicken kann und soll, 
ob durch die Post oder den Buchhandel oder wie sonst? Uebrigens 
ist meine Sduriit nnr von meiner Seite, nicht von Seiten des Setzers 
und Buchhändlers fertig. Der letzte Bogen, den ich korrigirte, war 
der 14., und das Ganze wird sich auf 17 — 18 Druckbogen belaufen. 
Es wird also noch 14 Tage oder gar 3 Wochen dauern, bis sie 
vom Stapel läuft, also noch Zeit genug, um von Ihnen Antwort zu 
erhalten und danach meine Massregeln treffen zu können, ehe durch 
fremde Hände ihnen meine ächrift zu Gesichte kommt. Leider 
habe ich bis jetzt noch keinen andern Titel gefunden als den drei- 
fältigen, „Freiheit, Gottheit und Unsterblichkeit, vom Standpunkt 
der Antfaropobgie''. In der That Iftsst sich der Inhalt meiner 
Schrift, meiner Schriften Überhaupt, auf diese 3 Endfragen der 
alten, selbst noch Eanf sehen Philosophie reduziren. Aber die ab* 
ttrakten Dreiheiten lassen sich kaum in einem Zuge über die 
Zunge bringen, stehen also nicht im Einklang mit dem Individua- 
lismus und Sensualismus, dem die Schrift huldigt. 

Die Schrift von K. Fischer (Logik, 2. Aull.) habe ich noch 
im verflossenen Jahr erhalten, aber bis jetzt auch nicht einen Blick 
in sie geworfen, theils aus Mangel an Zeit, aber auch an Lust. Was 
sage ich, Mangel an Lust? — £s graust mir, wie dem Leben vor 
dem Tode, vor der Hegd'scben Philosophie, der Hegerschen Logik, 
auch m ihrer erneuten, sei's verbesserten, sei's yerschlechterten Form. 



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Die Erklärnng dieses Grausens werden Sie, wenn nicht schon in 

meinen früheren .Schritten, namentlich in meiner letzten finden. 
Es ist das (iraiisen des Sehmetterlinjjs vor seiner Puppen- und 
Kaupengestalt. Doch auch abgesehen liievon, ich hatte bis jetzt 
positiv keine Zeit, habe sie auch jetzt noch nicht, da ich unmittelbar 
nach meiner Schrift an die Erfüllung eines schon im Sommer to- 
rigen Jahres einem Freunde in Amerika gegebenen Versprechens 
gegangen bin, ihm zur Geschichte der dentschen EinWanderang in 
Amerika ans der hiesigen Bibliothek einen Beitrag zn liefern. — 
Sehr wird es mich freuen, gnte Nachrichten von Ihren Vorlesungen 
und Ihrem Befinden zn erhalten. Wir haben den fortwährend bei 
uns milden Winter gesund Uberstanden. Frau und Tochter griissen 
Sie herzlich und lassen Ihnen sagen, dass Sie nur den liruder des 
mit dieser Verlobten, nicht diesen selbst kennen lernten. Leben 
Sie wobl! Freundschaftlich Ihr L. Feuerbach. 



Lieber Herr Bolin! Sie emplaugen hier auf dem von Ihnen 
angegebenen Wege meine Schrilt. Möge die Lcktllre derselben in 
Ihnen das liedttrfniss und den Wunsch einer Fortsetzung derselben 
so lebhaft erzeugen, als sie der Verfasser empfindet, so ist mein 
Zweck erreicht. Denn mehr kann der Verfasser nicht wünschen, 
als dass sich im Lesen das Vappötit vient en mangeant bestätigt. 
— Ich bin noch immer beschäftigt \uit der mir von einem Freunde 
oktroyirten Arbeit, und habe daher keine Zeit und Lust zum Brief* 
schreiben. Nur Dieses. Ich habe endlich den Fischer in einem 
freien Augenblick zur Hand genonimen und den Anfang der eigent- 
lichen Logik — Sein, Nichtsein, Werden — gelesen, aber schon 
während des Lesens unwillkürlich ausrufen müssen : erbärmlich, 
erbärmlich! Die elendste Scholastik und Sophistik! Wie ehr- 
würdig, wie klassisch ist gegen diesen Pfuscher Hegel! Wie be- 
dauere ich die Jugend, der solcher Unrath zur Verdauung angeboten 
wird. Doch später vielleicht einmal Beweise yon der Wahrheit 
dieses wegwerfenden Urtheils, wenn es anders derselben bedarf. ' 

Mit den herzlichsten Grttssen von mir und den Meinigen Ihr 



Derselbe »n denselben. 



Reehenbfliif, den 30. April 1866. 



L. Feuerbacb. 




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177 



W. Bolin an Feverbacli. 

Udsinj^on, Freitag dea 18. Mai 1SÜ6. 

Vor etwas mehr als einer Woahe, mein th euerer Freund, 
erhielt ich Ihr neuestes Werk nebst einliegenden Zeilen. Icli eile, 
Ihnen mit umgehendem Damplcr meinen aufrichtigsten und herz- 
lichsten Dank zu bezeugen. 

Was ich Ihnen heute darüber stigen kann, entciuillt aus dem 
ersten Eindmek, der unbedingt ein günstiger ist, und zumal mit 
Ihrem eigenen Wansche, nämlich euiem Bedürfnisse nach Fort- 
setznng darchans zusammentrifft. 

Besagtes Verlangen nach „Mehr*' gilt meist Ihrer tfberaus 
fesselnden und in vieler Hinsicht gewaltsam hinreissenden Abhand- 
lung Aber Spiritualismus und Materialismus, die unbedingt 
eine Ergänzung erheischt. Was Sic im Gebiete der allgemeinen 
Religion, als der unbevvussten und unwillkürlichen Philosophie, ge- 
leistet und was in den kleineren Abhandlungen des neuesten Bandes 
so wesentliche als überzeugende ErgUnzun«;en erhalten, ist in der 
grösseren, obwohl fragmentarischen Abhandlung unverkennbar auf 
das (xebiet der partiliularen , uneigentlichen, verkappten Beligion, 
auf die Philosophie ausgedehnt, muss aber noch in erweitertem 
Hasse geschehen, um den Sieg über die Religion, die dort ihren 
letsEten Schlupfwinkel hat, voUstilndig zu machen. Die Gewalt 
Ihrer Thfttigkeit liegt offenbar darin, zu zeigen, wie alt, wie 
zwingend, wie umfassend die Anschauungsweise ist, der Sie An- 
erkennung zu erwerben trachten. Ohne Zweifel wäre es überaus 
erwünscht gewesen, wenn Ihnen die Verhältnisse gestattet hätten, 
die fragliehe Abhandlung vollständig ans Lieht zu brin^i^en. Doch 
will ich holten, dass sich hierbei wiederholen wird, was dem Goetbe 
widerfuhr , als er seinen langgehegten Faust zunächst nur als 
„Fragment^' an die Oeffentlichkeit brachte, aber, durch diesen Um- 
stand angefeuert, sich zur Vollendung des Gedichtes entschloss 
und uns den köstlichen „ersten Theil^' lieferte. Ihre Methode, die 
ieh eine bistorisch-genetisebe Interpretation nennen mochte, hat 
sich an dem neuen Versuche trefflich bewährt. Obgleich derselbe 
eines gewissen, inneren Abschlusses und Zusmnnicnhanges nicht 
ermangelt, kann man doch nicht umhin, stellenweise eine Erwei- 
terung zu wünschen. Dieselbe dürfte, soweit ich nach cininaligem 
Lesen urtheilen darf, zunächst in der eigenthttmlichen Willcustrage 

Orfta, r«a*tbMto llri«fir«e1iMl «. NmUuii. IL 12 



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178 



j 



zu lietern sein, namentlich was XCrantwortUDg und Moral überhaupt 
betrifft Ihr treuergebener W. ßolin. 



Mr. V&illant ä Feucrbin h. 

Heidelberg, 27 Octobre im 



. . Moii aiui l{<»y avoit le lU'-sir de ])ublier unc tradiiction plus 
compUHe qiie sa ju-ciniiTc, et natiuolli'iiient de la ('(HitiiM- ä im autre 
öditeur que le premier, — qui, du roste, voiis a editie sur sa deli- 
catesse par la fagon sans gene dont ii a dispose de votre autorisa- 
tion noQ demandöe — , ^ditenr qui n'a rien fait pour la vente de 
cette traduction qa*il aurait pu, en l'exposant, vendre en tr^8-peu 
de temps, et que n^anmoins je erois k peu pr^s Tendae, mais, 
on pent le dire, malgie lui 

Ed. Vaillaut. 



Mr. H. G. Brokmeycr to Fenerbach. 

St. Louis ^Missouri ü. S. A. 30tb October IbÜG. 

Ludwig Feuerbaeh Esq. Sir, At the regulär meeting 
of the St Loius Philosophical Society in Oeto|>er| Yoa were eleeted 
an „AnxUiary" („Constitution Art lU ? 4: 

For the pin pose of promoting an interehange of thonghts with 
thinkers at a distnnce, the Society niay confer *the distinetton of 
Auxiliary iqxm all such an will correspond at times upon questious 
respccting whidi a coinparison of views is desired''). 

All a('kno\vled<i:ment of the re('e}>ti()n of tbis notifieation is 
respectfuliy requested Ueury C. Brokmeyer, 

President 
Wm. J. Harris, Secretary. 



Ludwig Pfan an FeuerbaclL 

Göppingen, den 10. NoTember 1865. 

Mein lieber Feuerbaehl Es bat etwas lange i^edauert, bis 
ich nicinein Versprechen nachkomme ; aber wie Sie aus der Ueber- 
schrift ergeben , betindc ich mich dcrmaleu iu G(>ppiugeny und so 

I 

I 

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179 



masste ich vorher einen Abstecher nach Stuttgart machen, um Ihnen 

die Bücher schicken zu können. 

Ihr Buch habe ich mit grosser Freude gelesen. Das ist Alles 
echt und gesund, und steht auf festem Boden. Auch die ironiscLen 
und humoristischen Spitzen, die da und dort zu Tage treten, thun 
wohl. Es ist eine Schande für Deutschland, dass solche Arbeiten, 
welche die wichtigsten Fragen von einer neuen und faktischen 
Seite anpacken und auf die lülein fruchtbringende Weise behandeln, 
dne so geringe Anerkennung finden. Es wäre kein Wunder, man 
bekäme alle geistige Arbeit satt Glücklicher Weise trägt man 
doch die Zuversicht in sich, dass eine solche Thätigkeit nicht ver- 
loren ist, wenn sie auch im Augenblicke ihre Wirkung nicht thut; 
und dann hat die gute Natur dafür gesorgt, dass der Aplelbaura 
nicht anders kann und doch wieder Aepfel trägt, wenn ihm auch 
der Lenzfrost die besten Blumen versengte. 

Sie sollten auch auf andere Weise zu wirken suchen als in 
BUchern; Journale und Zeitschriften sind einmal an der Tages- 
ordnung und dringen hin, wo Bttcher nicht hinkommen. Wie wär's, 
wenn Sie hie und da Etwas ffir die Beilage der Allgemeinen Zeitung 
schrieben? Ich weiss wohl, was sich gegen dieselbe sagen lässt; 
aber es ist doch noch das einzige Organ, das ernstere Arbeiten zur 
Kenntniss eines grösseren Publikums bringt. Ich wtirde mit Ver- 
gnügen den Vermittler machen, da ich sowohl mit der Redaktion 
als mit den Eigenthümern l>ekanut bin. Seit dem Tode des alten 
Cotta und des verbissenen Kolb ist auch ^lancbes anders geworden. . 

Ich hätte grosse Lust, Etwas Uber ihr neuestes Buch in die 
Allgemeine zu schreiben; nur mttsste man Ihre ganze philosophische 
Persönlichkeit dabei ins rechte Licht stellen und auf Ihre älteren 
Schriften dabei zurttckgreifen. Dazu mttsste ich denn freilich Ihr 
ganzes Werk wieder durchstudiren, und dazu fehlt mirs im Augen- 
blteke an Zeit. Sie selber könnten freilich Ihren Standpunkt im 
Gegensatze zu unserer ganzen phautasireuden Philosophie am Besten 
hervorheben; und wenn Sie eine falsche Bescheidenheit unterdrücken, 
und mir eine Anzahl Notizen an die Iland geben wollten, welche 
mir meine Arbeit erleichtern könnten, so würde ich dieselbe wohl 
unternehmen. Von Nutzen nicht nur für Ihre Person, woran Ihnen 
weniger liegt, aber für die Sache, wäre eine Besprechung gerade 
in der Allgemeinen Zeitung jedenfalls. Es ist Schade, dass man 
nicht von seinen Renten leben und nur das mit Müsse und Fleiss 
ausarbeiten kann, was Einem am Herzen liegt. 

12* 



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180 



Wenn Sie z. B. eine tttchtige Kritik des Kuno Ftseber'seben 
Unsinnes schreiben wollten, so wäre dies eine gute Thal Es 
wäre überbaiipt heilsam, wenn man in den Sumpf unserer Philo- 

8oj)hie einige tüchtige Schläge führte, um die quakenden Frösche 
aufzuscheuchen. Das wHre ein Geschäft, das Ihnen gar wohl an- 
stünde. Es ist freilich kein ganz angenehmes , sich mit längst 
Ueberwun jenem wieder heromzubeisseu; aber es wird docb durch 
die Aussiebt auf eine sichere und unmittelbare Wirkung versttsst. 

Ich Bohicke Ihnen meine BUcber, weil es mir Vergnttgen macht, 
sie in Ihren Händen za wissen, entbinde Sie jedoeh derVerpflichtong, 
sie zn lesen, da Sie yielleieht Besseres zn Üinn haben. Wenn Sie 
mir gelegentlich schreiben wollen, so adressiren Sie Ihren Brief am 
Besten an meinen lUichhUncller Emil Ebner. Mit der Bitte, mich 
Ihren wertheu Damen zu empfehleo, grUsse ich 8ie hochacbtuDgä- 
YoU. Ihr L. Pfau. 



Feuer bar Ii an Dr. J. Duboc. 
{a&ch dorn Bruuiüou.)*) 

1866. 

Die Pointe Ihres Kinwnirfes ist der ►Sclilussatz: ,,F. hat Keclit, 
dass die Moral nicht von der Glückseligkeit abstrabircn kann; 
aber man muss hiuzusetzen, dass sie auch nicht von dem Rechts- 
bewnsstsein abstrahiren kann.'^ Aber was ist denn dieses Hechts 
bewnsstsein anders als das Bewnsstsein von dem Kecht des Glttck- 
. Seligkeitstriebes des Andern; denn nnter der Glückseligkeit in Ihrem 
Satze können Sie nichts Anderes verstehen als die eigene Qlttcic- 
Seligkeit) denn nnr dieser steht die Pflicht oder das Bewnsstsein 
von dem Recht des Glückseligkeitstriebes auch des Andern gcgoii- 
lil)er. Oder kennen Sie ein vom GlUckseligkeitstrieb unterschiedenes 
Hecht, ein Recht an sich, gleich dem Kantischen Ding an sich, ein 
Recht, das nicht die Het'ricdi<;nn<; jenes Triebes zum (Jrund und 
Gegenstände hätte V Ich verweise iihi igcnshier Uber auf meine Theo- 
gonic: „Das Gewissen und das Rccht'*/^*) 

Doch abstrahiren wir vom Glückseligkeitstriebe, so heisst Iltr 
Satz nichts anderes als: ,,Die Moral kann nicht vom lieben Ich 
abstrahiren, aber sie kann auch nicht von dem anlieben Anderen 
abstrahiren." Nun ist aber grade mein charakteristischer Ansgaugs- 

Betreffend das letzte Werk: „(ioUlicit, Freiheit, Unsterblichkeit 
IX. 1C5 f. 



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181 



paukt der Satz: dass die Moral nicht, wie bei Kant, Schopen- 
hooer o. 8. aus dem Ich allein, sondern nur ans dem leh nnd 
Dn abgeleitet werden kann, nnd zwar nicht nur ans dem in (be- 
danken existirenden Da, dass Jeder im Kopfe hat and haben mass, 
weil sonst aach der Gedanke an eine Moral nnd Pflicht wegfiele, 
sondern aus dem sinnlichen, leiblichen, ausser meinem Kopfe exi- 
stirenden, mir persönlich gegenüberstehenden Du, welches eben 
ilcHSwegen, wenn keine gütlichen Ermahnungen und Vorstellungen 
helfen, selbst durch körperliche Demonstrationen die Anerkennung 
seines Rechts auf Leben, Eigenthum, Ehre, kurz seines GlUckselig- 
kcitstriebes mir aufdringt. Sie fragen: wie kommt der Mensch zum 
Pfliohtbewasstsein ? was bewegt ihn, sieh Pflichten anfzulegen? 
Ich antworte: So wenig der Mensch aas apriorischer, den aposte- 
rioren Grobheiten der Katar zavorkommender Höflichkeit nnd Frei- 
willigkeit, die anmittelbaren physiologischen and pathologischen 
ICinschränkungen seiner an sich unbeschränkten gränzenlosen Selbst- 
liebe auferlegt, so wenig legt er sich selbst die Pflichten, die mo- 
ralischen EinschrUiikinigen derselben auf; sie werden ihm von der 
Macht, der Autorität der Andern auferlegt, selbst wenn auch diese 
Pflichten in die Klasse der von der alten, auch noch Kantischen 
Moral, anerkannten Pflichten gegen sich selbst gehören, die 
offenbar nar die eigene Wohlfahrt za ihrem Grand and €tegenstand 
haben, wie z. B. die Pflichten der Reinlichkeit, Sparsamkeit, Massig- 
keit Denn wer macht dem Unreinlichen die Reinlichkeit, dem 
Unmässigen die Mässigkeit zaerst oder arsprünglich zam Gesetz, 
zum Mässigseinsollen? Der Massige. Was ich bin, das sollst Du 
sein, wenn ich auch, was ich bin, von Natur bin, aus Neigung, oder 
in Folge von in frühester Kindheit, ohne Wissen und Wollen, 
empfangener Eindrücke. Sunt semina virtutis nobis innata (Es 
gibt Samenkörner der Tugend, die uns eingeboren sind). Aber es 
gilt aach hier die nnendliche Verschiedenheit der menschlichen Indi- 
vidaen and Tagenden. Was fttr den Einen Tagend ist, die sich für 
ihn von selbst versteht, die ihn gar keine Anstrengnng nnd Opfer 
kostet, die Eins mit seiner Individaalität, mit seiner Organisation 
ist, ist fttr den Andern eine Pflicht, die er nicht erfüllt, oder 
nur mit der grössten Anstrengung und Peinlichkeit, folglich nar 
mit knapper Noth erfüllt. 

Es gibt keine Pflicht und keine Tugend — welche nichts 
anderes als eine habituelle oder auch angcbornc Pflichtcrtiilluiij? 
ist — die nicht aas einem Triebe der menschlichen Natur, und 



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182 



folglich ) da jeder Trieb ein Glttckseligkeitstrieb, weil nur in der 

Befriedig; au <^ desselben der Mensch glücklich ist, aus diesem her- 
vorgegangen Nväre. Das Gebot, l'Ur sein Vaterland zu leben und 
zu sterben, ist nur von denen gegeben und gehalten worden, bei 
welchen die Erfüllung desselben kein Produkt eines theoretischen 
Vernunftzwanges, der auch nur theoretische Anerkennung, aber 
keine Handlung hervorbringt, sondern Produkt der Vaterlandsliebe, 
Produkt herzlicher, -sinnlicher Kothwendigkeit, kraft welcher sie 
so bandeln mnssteni wie sie bandelten, Produkt des Glttokseligkeits- 
triebes war, aber des Glttckseligkeitstriebes, der das Glflek des 
Vaterlandes als eigenes Glück, das Unglück desselben als eigenes 
Unglück emptindet und erkennt. Kurz, die Pllicliten gegen Andere, 
die nut Opfern verbunden sind, erfüllen, trotz aller Vernunft- und 
Religionsgebotc, nur die Menschen, die sieh unglücklieh fühlen, 
wenn sie sie nicht erfüllen, bei denen also diese Opi'er nicht im 
Widerspruch stehen mit ihrem Glückseligkeitstriebe. 

Uebrigens stehen Opfer, Verneinungen, Einschränkungen, welche 
die Pflicht dem Glttckseligkeitstrieb auferlegt, nicht im Widerspruch 
mit diesem Triebe, selbst im gewöhulicben Sinne. Welche Ver- 
sagungen, welche Verneinungen legen sieb z. B. die Menschen auf, 
die keinen andern Zweck haben, als sich durch Sparsamkeit und 
Arbeitsamkeit ein Verniö<;en zu erwerben! Selbst zur Erhaltung 
unserer Gesundheit, sa<;e ich in den Anmerkungen zur „Unsterb- 
lichkeit vom Standpunkt der Anthropologie^', gehört ein gewisser 
Heroismus. 

Sie haben den Glückseligkeitstrieb nur erfasst und festgehalten, 
wie ihn Kant feststellt, nicht beachtet, was ich dagegen sage. Die 
Pflicht ist bei Kant das apriorisch Allgemeine und Notbwendige 
seines theoretischen Idealismus, die Glückseligkeit das Sinnliche 
der Empirie. Der Glttckseligkeitstrieb geht aber aucb auf das All- 
gemeine lind Notbwendige. Jeder bat seine eigene Glückseligkeit, 
d. b. Jeder hat seine eigenen Leckerbissen; aber gleichwobl will 
Keiner hungern, Jeder essen, und ist glücklich, wenn er nur deu 
Hunger — der Hunger ist auch ein Glückseligkeitstrieb — wenn 
auch nicht gerade mit besondern Leckerbissen — stillen kann. 

Sie haben ferner nicht beachtet, dass nicht der Eigensinn, wenn 
auch philosophischer Eigensinn, sondern der volksthttroliche, wenn 
aucb aus unserm Volke verschwindende, oder vielmehr menscbheit- 
liche Gemeinsinn die Basis meines Denkens ist, dass ich mich 
flberall auf Thatsacben, Aeusserungen, Ofifcnharungen der Menscb- 



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183 



heit, nicht dieses oder jenes Pliilosoplien stütze, dass Ibl^iich aiieh 
luciu Moralprinzip mir die Analyse der uralten, nicht nur alt- und 
neiUestamentliclien, sondern menschhcitliclieu Ausspruche ist. Liebe 
Deinen Nächsten wie Dich selbst, und Was Ihr nicht wollt etc., 
d. h. was Ihr nicbt vom Andern erleiden wollt, das thut ihnen auch 
nicht — mit andern Worten : der Wille, der kein Uebel thnt, weil 
er etc., ist der positive sittliche Wille. 

Ich bedauere daher, dass trotz Ihrer sonstigen wohlwollenden 
Anerkennung, trotz Ihres übrigen richtigen Verständnisses von mir, 
ich doch Ihre Kritik meiner Moral in die Klasse der verfehlten 
Kritiken, die bisher über meine neueste Schrift erschienen, versetzen 
inuss, in die Klasse der Kritiken, die nicht das was ich sage, wenn 
auch mit deutlichsten Worten, sondern was sie sich selbst von mir 
in den Kopf setzen, was sie von mir denken, zum Gegenstand 
ihrer Ausstellungen machen. L. F. 



Fenerbacli an Fr. Kapp. 

Reclieiibofg, den 2. Dezember 1866. 

Lieber Kapp! ... Deinem Urtheil über unsere deutschen 
Händel und Vorgänge, insbesondere preuss. lieldenthaten und 
Erfolge, kann ich .keineswegs unbedingt beipflichten . . . Unsere 
Politik befindet sich jetzt im Stadium der Hegel'schen Dialektik, 
die im Widersprach mit der alten Logik jedes Ding sich selbst 
entgegensetzt, und damit Alles, selbst Kopf und Herz in Verwirrang 
bringt. 

Man muss allerdings fltr Preussen sein, weil man nicht dagegen 
sein kann, ohne für Oesterreich zu sein. Man kann aber nicht ilir 
Preussen sein, d. h. das Preussen J'^rieilrichs IL, der Stein und 
JScliarnhorst, ohne zugleich gegen das gegenwärtige, ja seit fast 
50 Jahren reaktionäre gouveruementale Preussen zu sein. Man 
muss sich freuen, dass die Kleinstaaten zum Theil wenigstens 
aoigehoben sind, aber sich ärgern ttber diese Freude, wenn man 
bedenkt, dass die prenssische Grossthat dasselbe Prinzip wie diese, 
nur Im Grossen verfolgt . . Aber es ist doch ein Schritt zor Einheit; 
ja, aber aneh zur Unterwerfung unter Einen, der sich nicht von 
den andern Unterworfenen wesentlich unterscheidet . . . 

Dein treu ergebener L. Feuerbach. 



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184 — 



Derselbe au düuselben. 

Bechenlieiig, den 12/15. FeVnur tWI. 

Lieber Kapp!. ..So wie ich den guten, lammfrommen 
Zinzendorl', der mir eben desHwcgcn so viel Zeit kostete, weil Geist 
und Herz ganz wo andershin gerichtet waren, vom Halse hatte, 
warf ich mich auf die politische Geschichte der neuern und neuesten 
Zeit, die ich mit dem 7 jährigen Kriege begann, und beschäitigte 
mich, nur ein paar unpolitische, ästhetische Schriften ausgenommen, 
aoBScbliesBiich mit ihr, und zwar bis vor wenigen Wochen, wo ieb 
mit dem Krieg von 1866 von Bttstow sehloss. Ans dieser meiner 
Anknüpfung der neuesten Ereignisse an Friedrich II. wirst Dn er- 
sehen, dass ich znr Würdigung derselben den einzig richtigen Aus- 
gangs- und »Standpunkt gewählt habe. 

Mein letztes Urtheil war weniger ein Urtheil, als blos Ausdruck 
einer Stininiung oder vielmehr Missstininiung, wenn auch nicht 
zufälliger und unberechtigter, nämlich der Missstimmung Uber den 
Widerspruch der inneren und äusseren Politik PreussenSi den Wider 
sprach, physische Erobeningen zn machen, ohne Sie du'cb 
moralisehe Erobeningen zn beseelen nnd za rechtfertigen — 
sonst hätte man nicht vor Wien nnd an der Mainlinie Halt so 
machen nOtbig gehabt . • . 

Herzliche GrUsse von den Meinigen an Dich nnd die Deinen. 

Dein L. Feuerbach. 



Fenerbach an W. BoUn. 

Reclieiibcrg, dcu 5. MÄiz 1867. 
Mein lieber P>olin! Seit ich Ihnen meine Schrift gesendet 
und zum letzten Mal bei dieser Gelegenheit geschrieljcn habe, haben 
wir in Deutschland so viel erlebt nnd ich so viel gelesen und studirt, 
aber so wenig oder vielmehr, ansser nnerlässlichen Briefen, gar 
nichts geschrieben, dass ieh nnr mit Widerstreben zu dem entwöhn- 
ten Handwerkzeng der Feder greife. Schon seit gewiss U Tagen bin 
ich wieder ganz hergestellt*), aber ich konnte mich nicht von der 
Lektüre losreissen, deren letzter Gegenstand Ronssean's Oon- 
fessions waren, eine Schrift, die schon im Sommer gelesen werden 
sollte, aber von andern Scliriftcn, })oIitischen und weltgeschichtlichen 
Inhalts, verdrängt worden war, und weiche ich seit meiner Jugend, 

*) Bezieht sich auf F.'s ersten SchlagaoM. 



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185 



wo ich einen fluchtigen Blick in sie warf, sie aber mit Verachtung 
Yon mir Btiess, nicht mehr angesehen hatte. So pflanzen sich die 
ESindrUcke der nnyerständigen Jugend als Vonirtheüe selbst bis in 
das reife Alter fort Und doch, wie viele Aehnlichkeiten zwischen 

seinen Gedanken, Neigungen und Empfindungen und den meinigen 
habe ich in ihm gefunden! Wie vieles aus der Seele gesprochen, 
wie vieles selbst mit denselben Worten von mir, wenn auch nicht 
Gesagte doch Gedachte! So unter Andrem der Gedanke von einer 
sinnlichen oder materiellen Morar', den er aber nicht ausführte, 
so wenig als ich meinen von der Moralität der Sinulicbkeit oder 
nmgekehrt der Sinnliehkeit der Moral ansfilhren werde; so auch 
seine Liebe zun Landleben, znm Obskurantismus^), seine Abneigung 
gegen das „ nnglttckselige Metier" der Schriftstellerei, der er fBr 
immer entsagt hätte, wenn er nicht wider seine Neigung dnrch 
äussere Veranlassungen stets wieder zu ihr zurückgeführt worden 
wäre, gerade wie auch ich. Diese Confessions waren also bei mir 
nichts weniger als geeignet, den Grifl' zur Feder zu ermuthigeii 
und zu beschleunigen. Gleichwohl stehe ich gegenwärtig aus dem 
psychologischen Bedürfniss der Abwechslung, der Thätigkeitsver- 
ändemng auf dem Punkte, indem ich die Feder des Briefstellers 
ergreife, auch die des Schriftetellers wieder zur Hand zu nehmen, 
die durch die Eriegsereignisse und Staatsyeränderungen — die, 
um ihnen nahe zu bleiben und zugleich gewachsen zu sdn, mir 
die BeschSftigung mit der politischen Geschichte der neuen Zeit zu 
einer dringenden Angelegenheit machten — unterbrochene Fort- 
setzung, d. h. Entwicklung und Begründung meiner letzten Schrift 
da, wo sie deren bedarf, vorzunehmen, jedoch nur in dem Falle, 
dass gute Laune, guter souveräner Humor mich anwandelt; denn 
einer forcirten Willens- und Geistesanstieugung, wie mir meine 
anter den widrigsten Verhältnissen begonnene und mehrmals ge- 
waltsam unterbrochene Arbeit über Spiritualismus und Materialismus 
gekostet hat, ttberhebt mich mein hohes Alter, bereits selbst als 
Schriftsteller, und das Bewusstsein yon der Nutz- und Erfolglosig- 
keit meiner Schriftstellerei. Denn trotz meines literarischen Vete- 
ranenthums bin ich noch immer nicht nur eine Persona ingrata, 
sondern auch incognita, wie die Uber meine letzte Schrift mir zu 
Gesichte gekommenen, wenngleich theilweise günstigen Urtbeile 
beweisen. — E& freut mich, dass Sie sich in Ihrer akademischen 



«) Wörtlich, offenbai statt HObakniitit^ 



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186 



Tbätigkeit beimisch nnd behaglich fülilen. Auch stimme ich ganz 
dem bei, was Sie mir yon dem CMankeogang Ihrer Vorlesongen 
mitgetheüt; anch damit bin ich einverstaodeii, im Widerspruch mit 
meiner nvAndlicb einmal ausgesprochenen Meinung, dass Sie Ihre 
akademische Thätigkeit noch länger fortsetzen oder sogar bleibend 
in Ilelsinglbrs festsetzen, weil sich bei Ihnen damit ein patriotischer 
Zweck verbindet, was bei meiner akademischen Laufbahn nicht der 
Fall war; denn in welchem Zusammenhang stand von jeher und 
Steht noch jetzt meine liichtung und Tliiitigkeit mit der bayrischen 
Regierung und „ Nation'-"? Nicht nur „Was", sondern auch 
ist des Deutschen Vaterland? Sie haben obendrein an einer oder 
Ihrer Universitätsstadt gefunden, was ich nur auf dem Lande — 
eine Braut, wozu ich Ihnen von Herzen gratulire. Es ist daher 
natflrlich und vemtlnftig, dass, wie ich mich auf dem Lande, so 
Sie sich in der Universitätsstadt fixiren und habilitiren. Wäre mir 
dasselbe pnssirt, wie ganz anders wäre mein Lebenslaut' und viel- 
leicht mein Gcdankenlauf ausgefallen ! Ich bereue übrigens auch 
jetzt noch nicht den Schritt, der meinen Lebenslauf entschied, so 
wenig er auch ein Schritt zu einer glänzenden Carriere war. Möge 
dasselbe auch bei Ihrem Scbpitte der Fall sein! Mit diesem Wunsche 
Dir alter Freund L. Fb. 



Hochgeschätzter Herr! Ich verschati'te mir durch die 
hiesige (ilTcntlicbe Staatsbildiothek Ihr Werk, das ^, Wesen des 
Christenthums". Dieses Buch machte einen ungeheueren Eindruck 
auf mich, wie auch Ihre weiteren Werke, mit deren Studium ich 
seit Anfang dieses Jahres beschäftigt bin. Ich kann in der That 
nicht nmhin, Ihnen meinen tiefsten Dank fttr die mir durch 
Ihre Schriften zutheil gewordene ErlLenntniss auszusprechen. Sie 
haben mur die Binde von den Augen genommen und mich erkennen 
lassen, dass nicht der Mensch nach Gottes Bilde, sondern Oott nach 
des Menschen Bilde gemacht ist, und dass das Wesen der Gottheit 
und des Wunsches ein und dasselbe ist. Wie sehr jedoch Ihr 
Name und Ihre Werke hier verpönt sind, mag Ihnen der Umstand 
beweisen, dass der Bibliothekar der Staatsbil)liuthek meinem Vater, 
welcher mir die Btlcher holt, da ich selbst dazu keine Zeit habe^ 
schon mehrmals sagte, er warne mich aufs Dringendste vor Ihren 



Gustav Bäuerle an Feueibach. 



Stattgut, den 15. April 1S67. 




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187 



Werken, da dieselben zu den schlimmsten gehören, die irgend 

existiren 

Mit TorzQglioher Hoobachtong Ihr Gnstav Bänerle. 



Feuerbach an 6. Bftuerle. 

Rechenber^ bei NOrnberg, den 31. Hai 1867. 

Mein Herr! Ohne Vernunft gibt es kein Gewissen, wie 

sich übrigens von selbst versteht j aber ti*ot2;dem kann bei, nament- 
lich ,,in gewisser Beziehung sehr ausgebildeter Vernunft" voll- 
kommene Gewissenlosigkeit, Nichtanerkennung der wohlbegrttndeten 
Rechte Anderer stattfinden und findet wirklich statt Dieser Wider- 
sprach reduzirt sich aber auf den allgememen Widerspruch zwischen 
Erkennen und Handeln, zwischen Theorie und Praxis, zwischen 
Gescheidtsein und Gntsein, zwischen Politik und Moral. Diesen 
Widcrsprucli zu lösen, diis ist eben die Anti,^;ibc der Erzieliung, 
im Einzelnen wie im Ganzen, der Individuen und der N'ülker, die 
Autgabe der Gescbiclite. liisher haben ihn nur einzelne, seltene, 
glückliche, vollendete Menschen gelöst So wenig aber das Paradies 
je auf Erden stattfinden, wenn es auch holTentlich besser auf ihr 
werden wird, so wenig wird auch die Aufhebung dieses Wider- 
sprachs je allgemein und vollständig wirklich werden, weil er in 
der Natur der Sache und des Menschen begründet ist. 

Was ich zu der Ansicht Vogfs sage? Unstreitig gehören sehr 
viele Verbrecher, die von unsern beschränkten Juristen ins Zuchthaus 
verurtlieilt werden, ins Irrenhaus; aber gleichwohl kann man so 
unbedingt, so allgemeinhin den Unterschied zwischen Verbrecher 
und Irren nicht aulheben, ohne dass man desswcgen mit dem 
Bestehenlassen dieses Unterschiedes die alten Stratreehts- und 
Freiheitstheorien anerkennt Ein Verbrechen kann mit Koth wendig- 
keit begangen worden sein, ohne dass es desswegen aus Narrheit, 
aus Manie, kurz irgend einer psychologischen oder physiologischen 
Ursache, welche jetzt den Thäter statt ins Zuchthaus ins Narren- 
baus bringt, hervorgegangen ist Aber so lange die Menschen in 
Gesellschaft leben, also unter Gesetzen und Kegeln ihres Verhaltens 
zu einander, werden sie lesthalieu an dem Unterschied zwischen 
unzurechnungsfähigen und zurechnungsfähigen Thätern , obgleich 
auch die Thaten dieser, wenn auch nicht aus pathologischer, doch 
psychologischer Nothwendigkeit hervorgehen; aber diese Noth- 
wendigkeit geht über die Schranken des gesellschaftlichen Lebens, 



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188 



gehört nur vor das Fornm des Natorforschera , des PhilosopheD, 
nicht des Biebters. 

Was fttr ein Unterschied zwischen dem „Atheismus'', den ich 
lehre, und dem ,,BIaterialismaB'' Vogt's, Moleschotts nnd Büchners 

ist? Es ist lediglich der Unterschied zwischen Zeit nnd Raum, oder 

zwisclicu Meuschheitsgeschichtc und Naturgeschiclite. Die Anatomie, 
die Physiologie, die Medizin, die Chemie weiss nichts von der 
Seele, nichts von Gott ii. s. w. ; wir wissen davon nur aus der 
Geschichte. Der Mensch ist mir wie ihnen ein Naturwesen, ent- 
sprungen aus der Natur; aber mein Hauptgegenstand sind die aus 
dem Menschen entsprungenen Gedanken- nnd Fhantasiewesen , die 
in der Meinung und Ueberlieferung der Menschen fttr wirkliche 
Wesen gelten. 

21. Oktober 1867. 

Es gibt nur Eine Wahrheit, es ist das unendlich reiche und 
TieliUltige Lehen der Natur und Menschheit Alle philosophischen 
Systeme sammt und sonders sind geistige ZellengeAlngnisse. Schon 
der Gedanke an sie, wenn man auch nicht in sie eingesperrt ist, 

beklemmt und verstimmt aufs Tiefste, namentlich wenn man, wie 
es dieses Jahr bei mir der Fall war, in der grossen herrlichen 
Alpennatur gelebt hat. Mit aller Achtung vor Ihrem Geist und 
Streben Ihr ergebener . L. Feuer b ach. 



L. Pfau an Fenerbacb. 

FaiiB, den 11. Juni 1S67. 

Mein lieber Feuerbach! Wie Sie aus der Uebersclirift 
ersehen, befinde ich mich zur Zeit in Paris, um die grosse Aus- 
stellunfj^ zu sclien, und auch einigermassen in der AUg. Zeitung 
zu beschreiben. Dieser Umstand dient mir vielleicht zu einiger 
Entschuldigung, dass ich Ihnen so lange nicht schrieb, was um so 
schändlicher von mir ist, als Ihr Brief mir eine grosse Frendo 
machte. Die Art und Weise, wie Sie meine Bestrebungen auf dem 
Felde der Aesthetik benrtheilen, hat mehr Werth für mich, als alle 
Anerkennungen des grossen Haufens, und wenn Sie mich als einen 
Ihrer nicht unwürdigen Jünger betrachten, so ist das Alles, v^as 
ich verlangen kann und mehr als ich zu hoffen wagte. Es ist ja 
doch der einzige Lohn, den man am Ende von seinem Streben 
davonträgt, dass man da und dort die Uand eines Milstrebeuden 
drückt, oder eines Voranstrebenden, den man ehrt, und dessen 
Aufmunterung Einem Muth macht fortzufahren. 



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189 



Denbler sagte mir/ dass Sie ihn cUesen Sommer mit Ihrem 
Besuche erfreuen werden, und er lad mich zu gleicher Zeit zu 
sich ein. Mein pariser Anfentbalt wird aber wohl ein solches Zii- 
sammeiitieffen untliunlich machen, so sehr es mich gel'rent hätte, 
gerade in Ihrer Gesellschaft dort zu sein. Vielleicht gehen 8ie 
wieder einmal hin, und wir können es dann auf eine Zeit richten. 
Empfehlen Sie mich Ihrer werthen Familie und lassen Sie sich 
herzlich grttssen Ton Ihrem h, Pf an. 



Feaerbach an W. Bolin. 

Bechenbeif, den 1. Juli 1S67. 

Mein lieber Frennd! Alle Ihre Briefe sind richtig ange- 
kommen. Schliesscn Sie nicht aus einer Nichterwähnung eines 
Briefes auf Nichterhalten- haben. Ich bin gewohnt, mehr zu ver- 
schlucken, als von mir zu geben. Ja schon in früheren Jahren 
habe ich selbst Jahre lang nur gelernt und studirt, simpler ge- 
sprochen gelesen, ohne auch nur eine Zeile schriftlich ans mir 
herYorzubringen, wie viel mehr jetzt, wo das Leben immer näher 
seinem endlichen Abschloss rttckt, die noch l^nrze Zeit immer kost- 
barer wird. Ans diesem Gmnde hedanere ich, nm sogleich mit der 
Thür ins Hans zn fallen, dass Sie sich wegen der Anschaffung und 
üebersendung der philosophischen Schrift*) in Kosten versetzt haben. 
Ks ist dies eine Schrift, die, für mich wenigstens, ihrem ganzen 
►Standpunkt nach in ein längst abgetlianes Gebiet gehört, in das 
Gebiet der deutschen über ,,den Schatten des Esels, aber ohne den 
Esel" spckulirendcn Philosophie, eine Schrift, welche — so viel 
hahe ich gleich beim P^mpfaog derselben daraus gelesen nnd er- 
sehen — die Unsterblichkeit zn einer metaphysischen Frage macht| 
ohne beztiglieh derselben „vom Standpunkt der Anthropologie'', 
vom psychologischen oder anthropologischen Ursprung und Wesen 
derselben, Etwas zu wissen oder vielleicht absichtlich aus hyper- 
physischem nnd hyperhnmanem Dünkel Etwas wissen zn wollen, 
eine Schrift, welche zu den unzähligen Verkehrtheiten und Albern- 
heiten, welche die deutschen Philosophen von Kant incls. an bis 
auf den heutigen Tag ausgeheckt haben, eine neue spekulative oder 
meinetwegen philosophische, doch jedenfalls afterpbilosophische 
Sclimlie geseilt, nämlich die, dass wir unsterblich sind, aber ohne 



*) TerarathUcli H. Bitter's „ünsCerUiclikdit** (1806). 



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190 



etwas davon zu wissen, eine Sebrift endlich, welche den Inhalt des 
Wissenswttrdigsten, was die moderne Welt hervorgebracht, die 
moderne Naturwissenschaft, k la Hegel'sehe Scholastik, obgleich 

in specie der Verfasser g:egcn Hegel ist, auf* den Widerspruch der 
Worte Kiaft und Stört' reduzirt, und mit dieser Logoniacbie Etwas 
gesai^t zu haben ghiubt. Dagegen sage ich Ihnen in meiner Tochter 
Namen, auch in dem meinigen, obgleich ich noch nicht Zeit hatte, 
die Schrift zu lesen, Dank für die „finnischen Dichtungen".*) Dieses 
interessirt mich mehr, als das Werk deutschen spekulativen Schatten- 
spiels, wenn es anders etwas Originales ist. Der Poet steht mir 
liberhaapt näher der Wahrheit, wenn die Wahrheit zuletzt doch 
nur, für den Menschen wenigstens, der lebendige Mensch selbst ist, 
als der Philosoph. Darum habe ich auch in meiner Theogonie aufs 
engste und innigste mich an den Homer angescidossen , ob ich 
gleich fern davon bin, im Griechen den vollen wahren ganzen 
Menschen zu finden. 

Bei diesen Worten bin ich am Donnerstag der ver- 
gangenen Woche infolge der damaligen grossen Hitze stehen ge- 
blieben nnd seitdem nicht mehr zu Ihnen gekommen, weil sich stets 
zwischen Sie und mich unwillkürlich das mich tief verstimmende 
Bild der Misere der deutschen Philosophie in Gedanken hinstellte. 
Unmittelbar von dem erhebenden Gedanken an die homerische 
Poesie führt mich ja die Fortsetzung meines unterbrochenen Briefes 
zu einem deutschen philosophischen oder jetzt nationaUJkonomischen 
Dozenten und ScluilutclUr, einem Kczensenten meiner letzten 
Schrift. Diese von meinem Bucbbjindler nebst zwei andern mir 
zugeschickte Kczension ist nur ein neuer Beweis, dass die deutsche 
IMiilosophie vor Altersschwäche kindisch geworden ist. Kleinliches 
Wortgeklaube, vermischt mit Sophismen erbärmlichster Art! Es 
thut mir leid, dieses Urtheii Uber Hm. Dfihring aussprechen zu 
mttssen, da vielleicht nur sein körperliches Ungltlck seine eines, 
noch dazu abgelebten, Hegelianers würdige Rezension zu verant- 
worten hat. Uebrigens sind auch die andern nur zu Gesicht ge- 
kommenen Rezensionen, trotz ibrer theilweisen Elogen, die ich 
übrigens gar niclit verlange, nicht besserer Art, durchaus verfehlt. 
Vielleicht komme ich, wenn ich gesund und bei Humor bleibe und 
das Lernen mit dem Lehren vertanschen kann, denn raein Spruch 
ist mit Solon: lernend altere ich, » diesen Winter dazu, endlieh 



') Eine Auswahl in dentscker Debeitngiing. 



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191 



einmal ttber mich seihst, mein Leben und Schreiben, zu schreiben, 
um den Lenten die Augen zu Offnen; denn das Gebiet , das ich. 
eigentlich schon seit 30 Jahren bearbeite , ist ihnen noch immer 
eine terra incognita. Sie sehen noch immer nicht ein, dass ich 
keine andere Philosophie habe als die nnTermeidliche, die Philo- 
sophie, die man nicht aufgehen kann, ohne aufzuhören Mensch zu 
sein, dass aber mit dieser Philosojiliic die bisherige, Kant mit ein- 
geschlossen, gar nichts geniein hat, dass die Basis derselhcii die 
Naturwissenschaft, dass diese aliein Vergangenheit, Gegenwart und 
Zukunft für sich hat, während die rhilosoplde, wenigstens die allein ; 
diesen Namen sich anmassende, nur die Vergangenheit für sich j 
hat nnd zu den praktischen labores oder vielmehr errores der i 
Menschheit gehört 

Noch immer hin ich nicht Ton hier weggekommen. Ich habe Sie 
schon Anfang Juni hier erwartet. Es ist anders gekommen, als ich 
dachte. Gegen Ende des Somnierseroesters erfahren Sie, wo ich 
zu treffen bin. Bis dahin in schriftlicher Freundschaft Ihr L.. Fb. 



Derselbe an denselben. 

Bechenbei'g, Anfang Okt 1867. 

Mein lieber jugendlicher Freund! Schon der 14. Tag 
wird es heute Abend, dass ich wieder hier in Nttmberg bin, aber 
so schön, so sehr vom Himmel begünstigt meine Reise Ton Anfang 

bis zu Ende war, so bässlich, so widerlich war das Wetter seit 
meiner Ankunft bis heute. WocluMiiaiig in der schönsten, meinen 
innigsten Wllnsehcn und Vorstellungen von Natur und Landleben 
verkörpernden Gegend, bei dem sein nisten Wetter, und nun in der 
schlechtesten, verwahrlostesten Natur, bei dem erdenklich schlech- 
testen Wetter, bei erstickenden Staubwolken statt Berggipfel be- 
iurftnzenden Lnftgebiiden, empfindlicher Kälte statt wohlthuender 
Wärme, heftigem Ost- oder gar Nordostwind statt fast ununter- 
brochener Windstille in dem auch in dieser Beziehung so ruhigen 
und geschtttzten Geisern. Sie kennen sich denken, wie meine Ge- 
inöthsstimmung bei diesem Kontraste zeither beschaffen war; Sie 
werden es begreiflich linden, wenn ich Ihnen sage, dass es mir 
unmöglich war, Briefe zu schreiben, wenigstens solche, die man 
nicht aus „IMlicht'*, sondern gerne, aus Lust und Neigung schreibt. 
Am 1). September habe ich nut schwerem Herzen Goisern verlassen, 
80 frühe nur desswegen, weil ich hoffte, in meinem schönen Saale 



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192 

Tiocb einige Wochen verweilen zu können und mir dadurch den 
Uebergang von dem dortigen Leben in das hiesige zu erleichtem. 
Aber ich habe die Rechnung ohne den Wirth gemacht: ieh bm 
schon längst ans dem Saal in mein Winterstndirstnhchen vertrieboi, 
das vor meinem Saale nnr diesen Vorzug voraus hat, dass es gr 
heizt werden kann. Ijieht und Wärme, dnrch die ich bei der 
Wiederkunft meinen Aufenthalt hier erträglich niaeben wollte, sind 
so von aussen nacli innen gesehwunden; nur die Hoffnung, dass 
der kommende Winter der letzte ist, den ich hier verlebe, ist es, 
die mich erleuchtet und erwärmt. 

.... Gestern, Montag den 30. Septemher wurde ich im Brief- 
schreibcn an Sie unterhrochen. Ich fahre daher erst heute fort 
Von Geisern sind wir ttber Ischl, St Gilgen, Hof nach Salzburg m 
einem Einspänner — demselben, der Sie nach Ischl brachte — 
gefahren und haben diesen Weg, namentlich am St. Wolfgang- 
See, — freilich beim allerschOnsten Wetter, — post nubila Phoe- 
hus — ehen so reizend, ja noch interessanter gefunden, als den 
Weg von Salzburg nach Miinelien. In Salzburg habe ich mich 
nur einen Tag autgelialten, ol) ieh gleich die Lage der Stadt und 
die Umgegend wundervoll schön fand. Aber es waren doch nur 
meine Augen, die entzückt waren; mein Sinn, mein Herz war 
zurtickgeblieben in Hallstadt mit seinem See und am Rudolphstharm 
(beim Salzbergwerk), m Goisem namentlich mit seinen lieben 
guten Menschen. Ich wollte eigentlich nichts mehr schon finden, 
ausser dem ebengenannten Orte und seiner Umgegend; ich hetrachtete 
jedes Uebermass von Wohlgefallen als eine Untreue gegen meine 
Geliebte. In München hielten wir uns zwei und einen halben Tag 
auf. Ich hatte mit diesem Aufenthalt für meine Person nur den 
Zweck, die Hilder meines Neveu's zu sehen, und zugleich meiner 
Tochter die (Hyjjtotliek und neue Pinakothek, d. h. nur einige vor- 
zügliche Bilder derselben, wie die Eottmann'scben — denn ich 
hasse das oberflächliche Vielerlei — zu zeigen. Ich habe die 
Bilder meines Neffen, besonders seine letzten, schön gefunden, auch 
die anderer neuerer Eflnstler, sowohl in der neuen Pinakothek als 
in der Gemäldeausstellung. Aber offen gestanden, ieh hatte, abge- 
sehen von der grossen Hitze, nicht die rechte Stimmung für Bilder 
in eingeschlossenen Räumen; mein Kopf war übervoll von den er- 
lebten Naturschönheiten. Schreitmüller, der mir eben bei München 
einfällt, war für uns so viel wie ein Nichtdaseiendcr. Er hatte 
das Unglück seineu Fuss zu verstauchen, so dass er unfähig zum 



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. • 193 

Arbeiten nnd Ausgehen war. Hoffentlich wird der Unfall keine 
bedenklichen Folgen haben. Wir haben seitdem noch keine Nneh- 
richt von ihm. — Geistiges kann ich, fflr jetzt weni^tens, nicht 

versprechen, so wenig als icii von lieuto auf iiiorgen Licht ur.d 
Wcärmc versprechen kann. Mit Frau und Tochter iSie und Ihre 
Braut grüssend^ Ihr , L. F. 

Subprior 1'. Udephuuä Malier, O.S.B., an Fcucrbai Ii. 

Mariastdn, dea 11. Oktober Ibüi. 

Verehrtester Herr!.. Theils in periodischen ZeitschritlTen, 
theOfl in anderen Werken las ich manche Zitate ans Ihren Schriften, 
nnd ich muss offen gestehen ^ dass dieselben, anch abgesehen von 

der anziehenden Form, nüch immer sehr angesprochen, obschon 
Ihre Ansichten meinen religiösen Ueherzeiigungcn diametral ent- 
gegen standen, was Sie leicht hcgreit'cn werden, wenn icli llmcn 
sage, dass ich von ganzem Herzen kalholischcr I*ricster bin. 
Warum al)cr, werden 8ie weiter fragen, hatte ich an Ihren Zitaten 
'lesonderes Wohlgel'allen? Weil ich darin einen Mann von Charakter, 
der seine persönliche Ueberzcngung frei und frank auszusprechen 
pflegt, kennen gelernt. Vor solchen Charakteren hatte ich von 
jeher alle Achtung, während diejenigen, die ihre wahren Ge- 
sinnungen so oder anders, je nachdem es das Interesse des Augen- 
blicks erheischt, zu bemänteln pllegen, immer im höchsten Grade 
mich anekeln. Dieser otVcne, gerade Sinn scheint ein Frbtheil 
Ihrer Familie zu sein; denn ich bemerkte ihn seit mehr als 21 Jahren 
an Ihrer Schwester v. Dobeneek, uud auch an den Schwestern 

• 

Elise und Lconore, obschon ich mit Letzteren bis dahin nur selten 
in schrittlicheni Verkehre gestanden. Sie werden es, verehrtester 
Herr! begreiflich und auch verzeihlich finden, wenn eben dieser 
gerade Sinn, verbunden mit so vielen anderen Vorzügen des Geistes 
und Herzens, schon oft den Wunsch in mir rege gemacht: Utinam, 
cum sis talis, noster esses! (Da Du so bist, möchten wir Dich 
haben.) Dieser Wunsch erwnehte aufs Neue in mir und wiederholt 
sich täglich in gesteigertem Masse, seitdem ich ihr iiliotographii tes 
Hiid besitze, das ich schon öfter mit Wärme an mein Herz gedrückt, 
ich habe übrigens die lesteste Ueberzeuguug, dass, hätten Sie in 
ihrer Jugend dem Studium der kathoiischcu Theologie sich 
L'owidmet, nnsere Kirche Sie zu Ihren grössten Apologeten der 
Neuzeit zählen wdrde. Dass der Protestantismus — das sog. pro- 

OrtB, PcMtbaelu Bii«firecli««I u. NacbUM. IL 13 



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194 



testantische Cliristcnthum — Ihnen niclit zusagen, Ihren Darst nach 
Wahrheit nicht stillen konnte, begreife ich wohl, und man mUsste 
es als ein Wunder ansehen, wenn Sie in demselben Befriedigung 
gefanden hätten. Wie Sie aber im Pantheismus, Materialismus oder 
in irgend einem anderen rein philosophischen Systeme yolle Be- 
tVicilignng finden können, ist und ])Icibt fttr mieh auch ein Räthscl. 
Hat doch das menschliche Herz uiiliiugbare Bcdürlnisse, für welche 
diese Erde stets ein Brachfeld bleihcn wird. Diese l>ciliirtiiisse 
können nur durch das (liristcnthuin , wie es in der katholischen 
Kirche fortlebt und Leben spendend iortwirkt, allseitig gestillt 
werden. Unter AnwUnschung alles Wohler;;ehons Verharre ich mit 
aller Achtung nebst herzlichem Gruss £w. Wohlgeboren ergebenster 
Diener P. Ildephons Müller. 0. S. B. 

p. t Sabprior. 



W. Bolin an Fenerbach* 

Helsin^ors. den 18. Olrtober 1867. 

' Sie können sich's denken, mein theucrer Freund, wieviel Freude 
Sie n)ir mit Ihren vor zehn Tagen hier cin^a^trofrenen Zeilen bereitet. 
Obschon dieselben reichlichen Missmath Itber das böse Wetter und 
das Unbehagen in Kttrnberg zu erkennen gaben, yerriethen sie 
doch zugleich Etwas, das ich lange, lange an Ihnen yermisst, aber 
eben desshalb Ihnen von Herzen gewttnscht Ich meine Zufriedenheit 
und Sehnsucht nach einem thatsftchlich vorhandenen und mit vdlliger 
Gedankenbestimnitheit fixirbaren Zustand. Bei meinem Besuche in 
Geisern (liiiumertc mir, unter der Masse buntester und mannig- 
faltigster Kiiulrücke, der Gedanke auf, dass Sie dort bleiben uml 
Ihre Frau sich naclikommen lasson sollten. Je weiter ich mich, 
nach unserem Abschiede, von Ihnen entfernt, desto iestere Gestalt 
nahm dieser Gedanke an, bis endlich Ihr Brief mir Zengniss es 
geben scheint, als ktfnne mein Gedanke, ohne dass er sogar brauchte 
geäussert zu werden, sich zur Wirklichkeit emporheben. Wenig^itens 
kann ich nur im angegebenen Sinne Ihre Andeutung lesen, Sie 
ertrügen Ihre gegenwärtige Behausung und Umgebung nur im 
Gedanken daran, bloss den bevorstehenden Winter darin noch zu- 
bringen zu müssen. Denn wo sollten Sie sich hiiil)ej;el)en, als zum 
DeublerV In die Städte passen Sie nun einmal niclit; und w" 
finden Sie eine Ihnen angemessene Natur und limi;ol»un^V Ich 
nehme daher mit völliger Bestimmtheit an, dass Freund Deuhiei 



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0 

s 195 



Winter und Frühling einsichtsvoll und sorgsam benutzt, um das 
allcrlicb^e Berghäaschen gansi und gar für Sie und die Ihrigen 
wolinlicli herrichten zu lassen^ so dass mein nächster Besuch aber- 
mals in dem herrlichen 8alzkammergut stattfindet, ich komme 
dann voraQssichilich in Gesellschaft meiner Ehehälfte, der ich ein- 
mal' die liehen Leute zeigen möchte, die mir Deutschland za einer 
zweiten Heimath gemacht. Die. freudige Aussicht, einem so schonen, 
ruhigen und Ihtem ganzen Wesen so durchaus cntspreclicndcn Leijcn 
entgegenzugehen, wird ^Sie guten und getrosten Muthes erhalten, 

und dadurch Ihrer Gesundheit Forderung angedeihen lassen 

Ihr stets ergebener W. Boliu. 



Hr. TaiUant i Fenerbach. 

Tabingen, 22. Decembre 1S67. 

Älonsieur, * . . . . 

11 n'y a que deux-mois, j'ötais encore k Paris, et le mecontciitement 
da penple ötait tei contre le gouvemement, qni parlait deja d'iutcr- 
venir ä Rome, qa'un instant j'ai failli renoncer & retourner en 
Allemagne, croyant que votre parole allait s'accomplir et que „les 
chätiments allaient devenir politiqnes et matöriels'' 



Kd. Vaiihin t. 



Fenerbach an Fr. Kapp. 

Rechenberg, den 11. April iS6S. 

Lieber Kappl . . ♦ Meine (iesundheit ist wieder die alte, 
d. h. mir fehlt gar nichts. Die äussere Ursache hiervon ist wohl 
hauptsächlich die grossartige, geist- und körpcrcrhebeude Alpen- 
natnr, welche ich voriges Jahr genossen habe. Ich war nämlich 
vier Wochen mit meiner Tochter im Salzkammergnt: „wo des 
Sarsteins Höh' die Wolken kfisst, wo OberOsterreich den Steyrer 
grttsst*' — wo aber nicht nur die Natur, sondern auch der Mensch, 
was 80 selten znsammentriift, interessant ist, wo sich durch alle 
V^erfolgungen naher und ferner Zeiten hindurch ein protestantischer 
Kern erhalten hat, wo der Mensch nicht nur auf zoologischer, sondern 
auch anthropologischer Höhe, nicht nur auf der Höhe des Raumes, 
sondern auch der Zeit sich bcliudet, wo es schlichte lauern, Berg- 

13* 



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Icutc und ilautlweikcr gibt, die hich mit Naturwisseiisclialt, selbst 
AHtronoinie und riiilosophie bescliiUtigcn, wie mein dortif^cr Freimd 
Ueabler, Wirib und ßäciiermeister im Dorfe Goisern bei lucb), deBsen 
dringende Einladung und Gastfreundschaft mich aUein zu dieeer 
Beise bestimmt hatte. 

Einen traurigen Gegensatz zo diesem Kern und besonders den 
einzelnen ; darin hervorragenden Menschen bildet fVeilich die bis^ 
iierigc (iBtcrrcichlHche IMafVciilicrrHcliall und Finauznoth, die auf 
dem Volk im (iaiizeii lastet, so dass nelbttt die NationalvergnUguiigen, 
(j^Haiig, 'l'aiiz, ScheibenKcbicKsen verHchwumlen sind. AIIcb i^t 
})e8teuert* helbüt das Krdl)eer»ammehi in den Wäldern hat man 
besteuern wollen, wie mir der Ortsvorstclier , ein gleichfalls sehr 
intelligenter und freisinniger Mann, erzählt hat. 

Und doch ist das Volk auch im Ganzen von guten Anlagen^ 
lechzt niM^h Freiheit, nach Bildung, nach 'Besserung in jeder Be- 
ziehung. Welch' ein Gegensatz zwischen Volk und Begierung! 
Leider nicht nur an der Donau, sondern auch an der Isar, auch 
Uli der »Spree! 

Ihr Amerikaner seht freilich unsere deutschen VerhUltniKse, 
schon vermöge euren sinnlichen, rUumlielicii Standpunkts, der vou 
grösserm Einflnss als man gewöbniich denkt, mit andern Augen 
an als wir Inländer. Ihr habt vor euren Augen nur den Hock; 
der Rock namentlich, wenn er eine Uniform, imponirt nach aussen. 
Aber uns liegt das Hemd näher als der Rock, und wir stecken 
leider! noch immer in dem alten, schmutzigen, zerrissenen, die 
Haut schindenden Kasemenbemde. 

Dein alter Freund L. Feuerbach. 

Holeschott ao Peuerbaeh. 

Tiiiiii, (J<'/i n. S(;j>t<;j/iber ISOS. 

Lieber, hochverehrter Freundl Hätte ich nicht im 
Herzensgrunde ein so gutes Gewissen gegen 8ie, und wären hie 
nicht Fcuerbacb, der nnm()glich Regelmässigkeit mit Treue, oder 
herkömmliche Höflichkeit mit Freundschaft verwechselt, dann wdrde 
ich kaum den Muth haben, Ihnen zu schreiben. Aber mir hat in 
F(dge des Verlustes eines innig geliebten Töchterchens, das hereit», 
olnvolil CS nur wenig Uber iünl' Jahre alt war, die sUsKcstcn lloli- 
nungcn ertHlite und di(; strahlendsten erweckte, der Muth zum 
hcbrcibeu Überhaupt geleblt, uad so mus^te ich es bitter entgelten, 



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107 

dass ich schwieg, indem icli ron den Terebrtesten Freunden «licbts 

hörte. Möge es Ihnen, wenn Sie dieses Blatt erhalten, Uliiilicli 
gehen, wie mir, als ich Ihren liochwillkoninicncn IJricf und das 
vortreffliolie Buch erhielt. Solche Gaben kommen freilich nie zu 
iVüh, dachte icl), aber sie kommen aiu h nie zu spät. Und so möge 
der herzliche Dank, den ich Ihnen heute darbringe, wenigstens 
beweisen, dass er nicht einer Stimmung entsprosB, die rasch, wie 
ein pfliebtscbnldigst abgethaner Brief verranscbt, ohne eine bessere 
Spur zarftokznlassen. Mieb sehnt es gewaltig damaeb, wieder * 
etwas Erfreuliches von Ihrem Beiinden, von Ihrem Wirken nnd 
Ihrer Erbolnng zu hören. Als Sie mir im vorigen Jahre schrieben, 
hofften Sie, dass eine z« nnternehmendc Reise Ihnen volle Er- 
frischung bringen würde. Ist das seitdem gesclielicnV Und sinnen 
Sie jetzt vielleicht auf eine zweite? Und ist keine Aussicht vor- 
handen, da'ss Sic Ihre Schritte einmal nach Italien lenken? Freilich 
träfen Sie das Land eben nicht in blühender Stimmung. Was man 
ihm so lange nachrühmen konnte, was unter Cavour eine Wahrheit 
war, dass. die Regierung nichts Höheres anstrebe, als der Ausdruck 
des Voikswillens zu sein und diesem gerecht zu werden, ihn zur 
Geltung zu bringen, ist leider in diesem Augenblicke zur Lüge 
geworden. Die Regierung hat sieb durch Frankreich die Hände 
binden lassen, das Volk aber ist über die zahllosen Demtfthigungen 
von dem Quacksalber aul Frankreichs Throne so empört, dass ihm 
ein französisches Bündniss als der Orätiel aller Oniucl erscheint. 
Der König, der eigentlich mit dem Volke gehen miklitc, der wohl 
weiss, dass er ein König von Volkes Gnaden ist, vielleicht auch 
eine Ahnung davon hat, dass die Könige um der Völker willen da 
sind, dass die königliche Würde im Staatsdienste wurzelt, ist von 
ehrgeizigen Ministem umgarnt, und daher könnte ein jetzt aus- 
breebender Krieg fttr Ttalien die verhängnissvollsten Konflikte herauf- 
beschwören. Vnß doch, welch' anderes Mittel soll der schamlosen 
Diktatur ein Ende machen, als der Krieg? Wird der Krieg ganz 
Deutschland einigen ? Oder ist Möglichkeit vorhanden, dass Oester- 
reich einen grossen Theil von Süddeutschland an sich fesselt nnd 
noch einmal das Kasernenhaus den deutschen Dualismus als Amboss 
für deutsche Freiheit benutzt? Es wäre mir unendlich interessant, 
wenn ich Sie über diese Dinge hören könnte. Ich gestehe, dass 
ich der nächsten Zukunft nicht ohne Zagen entgegensehe. Das 
Bischen Macht, was Italien haben könnte, wurd von seinen hadernden 
Generälen und von dem Zwist zwischen Regiemngssucbt und Volks- 



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198 

instiskt verscherzt Läge ein einiges Dentsohland uns gegenüber« 
so zweiile ich nicht, dass der Volksinstinkt Uber die Bänke des 
Ehrgeizes siegen würde. Gclin^^t es aber Napoleon, anch nnr einen 

kleinen Stivilen Sliddcntseblands als Keil zwischen den Nord 
deutschen I)iind und Italien vorzuseliieben , dann weiss ich niclü. 
was aus uns werden sdll. Denn die Nation kann nicht hcgeist-n 
mit FraJikreieh <;ehen, und ein Krieic <>hne ljeu:eisteruni^ wäre ja 
ein ÜDgiUck, selbst wenn er sie;::reieh wäre. iSo ist denn die l'olitik 
' eben kein crquirklich Feld, und die »Stimmung bier im Ganzen 
eine gedrückte. Mir ist's wobltbätig, dass ich so viel zn arbeites 
habe, dass es mir beinahe zngnt kommt, wenn der Vülkerpnls em 
wenig rnhig geht. Ich brauche Ihnen nicht za sagen, wie sehr 
ich dies selbst als einen leidigen und leidenden Trost ansehe. Aber 
])raktische Philosophie ist es eben doch, gute Miene zum bösen 
Spiel zu niaehen, und daher henutze ich alle Zeit, die ineine Thäli^- 
keit als Arzt und I. einer mir Ubri^ liisst, um rüstig an meiner 
Anthropologie zu ar])eiten, an der ich in diesen Fericu nach langer 
Zeit wieder einmal einen ordentlichen Kuck mache. 

^feiner Familie geht es gut. Ich habe schon eine Tochter, 
die in Ihren Schritten liest, und deren gerader, entschiedener Sion 
zn den besten Hofifnongen berechtigt 

Wenn Sie wieder einmal schreiben, wttrde ich anch gar gerne 
etwas von der Wittwe Ihres Bruders Anselm erfahren. Ich war 
kürzlich in Heidelberg, aber nnr auf 2 Stunden (ich reiste zn meiner 
kranken Schwester und ahen Mutter nach Godesberg und Cleve); 
es war mir unmöglich sie zu besuchen. 

Mit den herzlichäten Wünöchcu und der wärmsten \'crehrUDg 

ihr Jak. MoleschotL 



Feuerbach an W. Boiiü. 

Rochenberg, den 30. Kai 1S6S. 

Mein lieber Herr Bolin! Pfingsten ist vor der Thüre, damit 
die Zeit erschienen, die ich liir Sic bestimmt habe, aber nur um 
Ihnen zu schreiben, dass und warum ich Ihnen nicht schreibe. 
Ks ist nämlich nach einem gesund und glücklich, nur in leichter 
und schwerer Lektüre verschiedenster Art verlebtem Winter, in 
diesem bei uns in Deutschland unvergleichlich, unnnterbrocbeD 
schienen, aber auch ungewöhnlich heissen und troeknem Mai eine 



I 



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Revolution iu mir vorgegaugen : ich bin wieder Scluirtsteller ge- 
worden, und zwar ÖchriltstcUer wie in meinen besten Jahren, Schiift- 
steller, der mit Lust und Liebe arbeitet, der aber eben desswegen 
auch nur Zeit and Sinn fttr das Tiiema seiner Schrift hat Ich 
kann und mag es jetzt noch nicht mit- glatten Worten sagen, weil 
ich noch nicht weiss, wie es sich noch weiter gestaltet. Ich sage 
nur, was sich von selbst versteht: es ist nur das Thema meiner 
Schriften oder eigentlich das Thema dieses Themas, aber das nicht 
mehr Incognito für Freund und Feind, nicht mehr, wenn auch nur 
scheinbar, für die traurigen Herrn Philosophen, sondern für die 
leid- und freudenemplangliche Menschheit, nicht mehr in rigorosen 
Selbstbeschränknngen, sondern frank und frei ausgesprochene Thema 
meiner alten bekannten; aber unerkannten Schriften. So wenig 
nnd doch so viel! — Ist ja fttr jetzt bei mir keine Bede selbst 
Ton dem mur nnvergesslich lieben Goisem. Leben Sie wohl selb- 
ander! Die Memigen sind wohl nnd grfissen Sie. Ihr 

L. Feuerbach. 



Derselbe an denselben. 

Rcchciibcrs, Anfaufj Fobr. ISOli. 

So gehts, so kommt man nicht zum ßriefsehreiben! — Eben 
wollte ich mich hinsetzen, nm Ihnen endlich auch wieder einmal 
ein Paar Zeilen zu schreiben, als' ich erhielt: von meiner katholisch 
gewordenen Schwester in Rom einen grossen Pack katholischer 

Schriften aus alter und neuerer Zeit, und gleichzeitig einen Pack 
seit mehr als einem Monat ausgebliebener französischer Zeitungs- 
nunimern von sehr entgegengesetzter Art an Geist nnd Tendenz, 
„La Dt^mocratie*^ 80 gehts, so gings zeither immer. Entweder 
kam mir eine Schrift, oder ein anderer nothwendig zu schreibender 
Brief, oder die Kürze und Trübe der Tage, denn ich schreibe nicht 
mehr bei Lampenlicht, oder Unwohlsein oder sonst was dazwischen. 
Was soll ich Ihnen aber auch schreiben, was anf Ihren Brief vom 
15./17. Septb. 68 antworten. Was Sie mur «her die Willensfreiheit 
schreiben, das hat ja, me Sie selbst wissen, meine volle Beistimmnng. 
Ich unterscheide mich nur dadurch von den Deterministen, dass 
ich keinen aiistraktcn, metaphysischen Determinismus kenne, sondern 
nur einen durch den Glnckscligkeitstrieb bestimmten; dass ich nur 
in diesem Triebe — den freilich auch die Deterministen, aber in 



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200 



ihrer Weise zu Grande legen — die naturhistoriscb oder wissen- 

scliattlich bcj,nllndetc und begrllndbare Basis des Willens fiude. 
Und diese iiatuibistoimbe Grundlage ist die Hauptsache. 

22. Fe1)ruar. 

So viel schrieb ich tiotz der L'atcrbrechung durch die Post 
noch vor Tisch schon vor ^> oder ^ar, ich weiss es diesen Augen- 
blick nicht, 14 Tagen. Nach Tisch wollte ich weiter an Sie 
schreiben. Aber wer kam da ganz nnenrartet? Herr Scbreitmttller 
ans Mflneben mit seiner jungen Frau, einer angenehmen' Persön- 
lichkeit Natürlich war's nun ans mit dem Schreiben an Sie. Was 
aber beute zweimal unterbrochen worden, sollte den folgenden Tag 
fort^^csctzt und volleiulct werden. Ich setze mich schon hin an 
(Umi Sclircihtisch, aber siehe, da kommen schon wieder Postsenduufreu ' 
verschiedener Art, darunter ein IJrief aus Amerika mit der Anfrage, 
ob ich nicht Lust hätte, in Amerika, vor Deutschen natürlich, Vor- : 
lesuDgen zu halten. Welche Anflrage an einen Mann in den Jahren, 
wo ich stehe und nach einem solchen Leben als ich geführt habe! | 
Doch immerbin eine erfreuliehe und genug aufregende, um die Lust 
zur Fortsetzung eines unterbrocbnen Briefes zu verlieren. Seitdem ! 
habe ich ihn aber gänzlieb liegen lassen. Jetzt nehme ich ihn 
endliob wieder anf, aber es ist beute ein so trauriger, dQsterer 
Tag, dass ieli auf meiner Studirstubc kaum Licht genug zum 
Schreiben habe. Dennoch will ich mich heute nicht unterbrechen ' 
lassen. Ich fahre also fort mit dem, was ich damals sageu wollte, . 
aber noch im Kopfe habe. 

Dieser Trieb war auch das hauptsächlfchste Thema meiner , 
scbriftätellerischen Thätigkeit, als ich Ihnen das letzte Mal sohrieb. 
Leider dauerte diese Thätigkeit nur bis Mitte Juli, wo sie, infolge 
offenbar der damals so grossen und beharrlichen Hitze, einem Zu- 
stande grässlieber geistiger und körperlicher Abspannung, ja 
Apathie und Lethargie Platz machte. Und wenn aucb die Ursachen 
schwinden, wie lange dauern die Wirkungen fort, namentlich die 
psychologischen, der Degout, der Giam und Aerger Über solche 
fatale rnterbrechungen glücklicher geistiger Thätigkeit I Was Sie 
mir schrieben über Ihre akademische Thätigkeit, so wissen Sie 
gleichfalls, dass ich Ihnen auf dieser Laufbahn alles Gute von 
Herzen wünsche und gönne; Sie wissen aber auch, was ich balte 
von der Philosophie als einer besondem Fakultätswissensebaft, von 
der Philosophie, die und wie sie auf unsem Universiföten exerzirt 



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201 



und tolerirt wird. Sie wissen endlich, dass Herr Dr. D. in Berlin 
und dergleichen Professoren und Doktoren so wenig fUr mich exi- 
stiren, als ich, ausser höchstens in den lächerlichsten Zerrbildern, . 
fttr sie existire. Wozn also schreiben? — Schon wieder eine 
Unterbrechung durch einen Brief von gänzlich unerwarteter Seite, 
der an .sich erlVciilich ist, doch mich in die grösötc Uurulie und 
Verlegenheit versetzt. 

Leben bie wohl! Ihr L. Feuer b ach. 



Derselbe an denselben. 

Rechenbelg, Au&ng Juni 1870. 

Lieber Herr BoHn! Vor Lesen komme ich nicht zum Schreiben. 
Den ganzen Winter über — und er dauerte heuer, weuifrstens von 
seiner empfindlichsten Seite, von Seiten der Külte, sehr lan^o, selbst 
bis in die ersten Tage des Miii — habe ich, mit Ausnahme von 
ein Paar unabweisllchen Brietchen, keinen Federzug getlian. Heute 
am Himmelfahrtfitage lauste ich endlich den Eutsehluss, Ihnen zu 
schreiben, aber ich brachte es aus äusserlichcn Abhaltungsgründen 
nicht weiter als bis zu diesem Anfange. Morgen denke ich fort- 
zufahren. Die Hauptsache ist, dass oder wenn nur einmal der 
Anfang gemacht ist. 

,,Morgen'^ Welch ein Zeitraum liegt zwischen Heute und 
Morgen im schwerfälligen und verdriesslichen , sehreibunwilligen 
Alterl Heute ist der 3. Juni. Aber Sie sehen daraus, dass ich 
nicht mehr zum Briefsclireiben tauglich l)in. In der That, worin 
man nichts mehr für sich selbst ist, darin kann man auch nichts 
mehr für Andere äcin. Wer die Feder nicht mehr in seinem eignen 
Interesse führt, wie soll der sie für Andere noch brauchen? — Und 
so ist es bei mir der Fall. Was ich wollte, die Aufgabe, die und 
wie ich sie mir gestellt, die und wie ich sie bei meinen geistigen 
und, fUge ich hinzu, materiellen Mitteln und Verhältnissen ausfuhren 
konnte, habe ich rollendet. Wie jedes Gewächs, jedes Thier, hat 
auch der geistige Mensch seine Zeit, seine GrUnze, die er nicht 
überschreiten kann leb kann- und will daher keine neue Aufgabe, 
keine der Aufgaben, die jetzt die Mcnselihcit bewegen, zum Objekt 
niitschaffcnder Thiltigkcit machen ; ich kann nielits weiter thun, 
als meinen Sinn otfen und frei für sie erhalten, als durch theil- 
nehmende Lektüre und Anerkennung sie mir aneignen, um so mich 



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- - 202 • - 

geistig jong and frisch zu erhalteo. Eine solche Aufgabe ist, ausser 
der grossen Arbeiter- und Kapitalistenfrage, die Frauenemanzipation 
oder Oleicbberechtigung der Weiber mit den Männern, die mir eine 
in New-Yorl& in Amerika erscheinende nnd auch Ihnen zu em- 

plchlcndc Zeitung, „die neue Zeit", nahe gcle^^t, mir diesen Winter 
Uber und Jt'l/t noch zu cinci' (Icist und Oeniiith hcw elenden An- 
gelegenheit gemacht iiat. Oh icii gleich stets die (ieschlcrlits- 
dilVerenz l'ür eine we«ejitliche, aber nieht nur leibliche, sondern 
auch geistige gehalten und anerkannt habe, so habe icli doch nie 
auf eine Inferioritilt des weiblichen Geistes geschlossen. Mann 
und Weib sind nicht nur leiblich, sondern auch geistig unterschieden ; 
aber folgt aus diesem Unterschied Unterordnung, Ausschliessung 
des Weibes von geistigen und allgemeinen, nicht nur hftuslichea 
Beschäftigungen? — Lassen wir die Frauen nur auch politisiren! 
Sie werden gewiss eben so gut wie wir Männer i'olitikcr sein, nur 
l'ulitiker anderer Art, vielleicht selbst besserer Art wie wir. Mad. 
de Stael, die von mir wegen iiircr „Considc rations sur la lievoliiti')n 
fran(;ai8e" hochgeschätzte, übrigens von mir auch nur aus diesem 
Werke gekannte Frau, sagt: „Genie kennt kein Gcschleebt". — 
Warum nicht? Aber auch das weibliche Genie ist Genie, eben 
so gut als die weibliche Heldenthat Heldenthat ist. Bei jeder 
glänzenden, sei es im Guten sei es im Bosen berrorragenden 
Eigenschaft abstrahiren wir von dem Unterschied des Gesehlecbts. 
Die Weiber werden eben so gut als die Männer geköpft; warum 
sollen sie nicht auch IJUrgerkronen verdienen können, warum sollen 
ihnen nicht die Mittel gegeben, die Halmen geöflfnet werden, solche 
zu verdienen V Kurz, die Kmanzij)ation des Weibes ist eine Sacdie 
und Frage der allgemeinen Gerechtigkeit und Gleichheit, die 
jetzt die Menschheit anstrebt, eibe Bestrebung, deren sie. sich rUhmt, 
aber vergeblich, wenn sie davon das Weib ausschliesst. 

Doch wohin bin ich gerathen? £in Beweis, was die Weiber 
vermögen nnd vollends vermögen werden, wenn sie Gelegenheit 
haben, ihr Vermögen zu üben und zu äussern. — Ich bin in Folge 
meines langen abstrakten Lebens ganz kontrakt. Vielleicht macht 
mich eine Heise wieder lebendiger. Aber wohin werde ich reisen, 
um mich wieder zu erholen und zu stärken? Ich wei.^s es noch 
nicht. Vor Kurzem hat mich Deubler auf seiner Durchreise nach 
Dresden besuclit. Ich ba})e ihm halb und halb mein Kommen zu 
ihm zugesagt. Aber es ist leider nur etwas zu weit zu ihm. Auch 
Ist das Wetter zum weiten Reisen nieht einladend, bald sehr beiss, 



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203 

• * 

bald ^Yiedcr sehr kalt. Was Sie mir Ton der nnerwaiteteu gUnstigen 
WeoduDg Ihres Schicksals gesagt, hat mich sehr gefreut, and was 
Sie meiner Tochter geschickt» hat sie sehr flherrascht und erfreut 
Sie dankt Ihnen dafür ergehenst, und ich anch in ihrem Namen. 
Auch ich werde gelegentlich es fesen. Von „Piatons Gastmahl" 
habe ich jetzt eine grosse rhotographie. Jetzt erst bin ich voll- 
koniineu mit ihm zufrieden; es iiuicht sich besser in der riiotographie 
al» im Orjfrinal, dem allerdin<;s die rechte Farbe, die Farbe des 
Lebens abgeht. Die Meiuigcn grüssen Sie und Ihre liebe Frau 
von Herzen, wie auch ich. 

Ihr yerelirnngsvoU ergebenster L. Feuerbach. 



Feuerbacli an 0. Wigand. 

17. Vor. 1868 („der Erinnerung zufolge'*)- 

Es ist traurig, im Alter — glückliclie Fälle ausgenommen — 
nicht nur sich selbst, sondern auch Anderen zur Last zu fallen. 
Diese traurige Wahrheit war das Erste, was gestern in den Sinn 
und über die Lippen mir kam, als ich zu meiner grössten Ueber- 
rn sehung von dem ehrenwerthen Freunde Herrn Hektor*) erfuhr, 
dass Sie, wie schon vor mehreren Jahren, anch dieses Jahr wieder 
lästige Schritte, Gänge und selbst eine Eisenbahnfahrt nach Wien 
gemacht haben. 

„Wollen Sie denn ewig leben?" haben Sie mir schon einmal, 
und zwar auch schon vor mehreren Jahren zugerufen. AVie ist 
dieser Ruf erst jetzt an der Zeit! Wie oft werden »Sic während 
dieser lästigen Gänge diese Frage in Gedanken an mich gestellt 
haben, wie oft mich aus der Ewiglteit des Lebens in die Ewigkeit 
des Todes gewünscht haben! Aber was kann ich dafür? Und 
ich kann in dieser Angelegenheit schlechterdings nichts für mich 
thnn, durch keine eigenen Schritte irgendwelcher Art meine Freunde 
ihrer ohnedem mir nnbewussten Schritte überheben. Dankbar habe 
ich das mir zuerkannte Honorar der Schillerstiftnng angenommen 
und genossen, dankbar, ohne Murren es dieses Jahr aufh($ren zu 
sehen. Ich kann nichts weiter thun, als was sich ohnedem von 
gelbst versteht, von Zeit zu Zeit ein Zeichen von meinem nicht nur 
physischen, sondern auch geistigem Leben von mir zu geben, — 



*) Sekiet&r des Qemanischen Mvsoom za KQrnberg, kOizUch veistorben. 



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204 



Bclircihen. Aber zum Sclircilicn gehört nicht nur WisHcn und Willen, 
sondern auch, wcnigHtcns bei mir, was nicht in der Macht des 
Willens Btcht — heiterer Himmel, heiterer Kopf, gute Laone, 
olympuiebe Stimmiing — ich habe liein anderes Wort, Loet and 
Liebe. Aber in dem alten Enropa, in dem alten jammervollen 
Dentsebland, olympische Stimmung! Wie passt das zusammen V 
Allerdings war der Mai und FrUhsommer dieses Jahres auch bei 
uns göttlich scliiJn. Ich habe auch diese herrliche Zeit nicht un- 
benutzt verstreichen lassen , sondern last bis Ende Juli ununter- 
brochen ;rlli('klicii , tliiiti;: an einem neuen, sich Uber das Wesen 
meiner ganzen schriltstellerischcn Lauf bahn erstreckenden, zunächst 
aber an meine Abhandlung Uber <len Willen und GlUckseligkeits- 
trieh sich ansebliessenden Schrift gearbeitet. Aber auf diese glück- 
liche Zeit folgte in Folge der fortwährenden nnerträgliehen Hitze 
eine eben so nnglflckliche Zeit, einö Zeit 4®r Tbatlosigkeit, der 
tiefsten Verstimmung, der Melancholie, der Verstossun^ aus der 
Klasse der warmblütigen Thiere in die der Reptilien. Und noch 
bin i< Ii nicht an die Wiederaufnahme dieser so schmählich unter- 
brocbenen Arbeit gekommen. Leben »Sie wohl und grUsscn Sie 
mir Ihre Sühne, ihr dankbarer, alter L. Feuerbach. 



Le Priuce de Kbanikoff ä Feucrbacli. 

6 Ao6t 18C9. Paris. 11 nie de Cood^. 

eher Monsieur et illustre professeur! En examlnant 

la liste des personncs k qui j ai offcrt mon travail sur TFlthnogra- 
pliic de la Perse, j'ai rcniarque avec regret quc, par une lacbeuse 
inadvertance , j'ai manqur de Vous l'envoyer jus(|u';i pr<'*sent. 
L'accueii bicnveillant dont Vous avez honore, Monsieur, mon 
Premier travail „sur la partie m^ridionale de l'Asie centrale me 
fait espdrer que Vous voudrez accepfer ee nouvcl hommage de ma 
party et je n'ai pas besoin de Vous dire, eombien je serais heareuz, 
s'il par?enait k m^riter Votre approbation. 

Je ne crois pas que la (picstion g^n^rale de rorlgine des raees 
humaines solt soluble. L'humanit^ a traversö une innomhrable sörie 
de sii^cIcH, ;iv;uit d ;icfiu<'Tir la facull6 de conscrvcr Ics traces de son 
j»as<t''. Ia'H r«'voliitioim ])liysi(|ueB et niorales qu elle a subies jjcndant 
les ti'iK'brcs d(; eette longue epo<jue, nous resteront, je le cr.'iins, 
k jamaitt inconnneS| et comme c'est pr^cis^ment daus cette 6poque 



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^ 205 



pr^paratoire de riiomme historiquc, (|uc sc sout iorm^s ies preiuiera 
germes des differences qui distiDgaent jusqn' ä nos joors Ies races 
hnmaines, je doute qii'on paisse un jonr tirer cette qnestion com- 
pliquöe aa clalr. Mais tonte dösolante qne soit cette convietion, 
eile De doit pas nous empScber de faire toat ce qn'il est possible, 
ponr degager Ies premii^res notions qne nons poss^ons snr le 
berceau des difförentes nationalites, d'une partie, au moins, du 
broiiillard dont elles ont (^tc cntour^es par une lendence si mal- 
heureusemeiit naturelle k riionime, de laire intervcuir le merveillcux, 
Iii oü cesse pour lui la scieiicc certaine. J a tache de le faire pour 
la nationalitä irauieune, qui avait son cpoque de grande impor- 
tance, et qni, m6me dans son ötat de döcomposition actnelie, a 
gardö beaneonp de traces qnl permettent de reconstrnire son passö 
ethnographiqne. .' 

N. de Khanikoff. 



Mr. TsilUnt k Feverbach. 

Tubiiigcn, 2ö. Dcccmbrc 18ü9. 

Monsienr! 

Je reviens de France, et 

j'ai pn me convaincre qne tontes mes espörances ötaient snr le 
point de se röaliser, qne la B^volntion ötait proebe et qne, si eile 
n'telatait pas plns-t6t, c'est qne son objet, pIns consid^rable qne 
jamais, demandait nne preparatioD, nne cntente et nn enserable plus 
grand ({ue jamais. Interesses a tromper, ne racontant f[ue les 
lii-stoires des mondes otiiciel et bnnrji;eois, les journaux alleniands, 
liberaux ou reactionnaires , ne tiennent malheureusement pas le 
public allemand au courant de l'etat rcel des choses en France. 
Ce qa'il y a de eertaini o'est qu'il s'agit de tout aiitrc cbose que 
dn renyersement de l'emperenr et de la dynastie. S'il ne s'agissait 
qne de cela, nn qnart d'benre d'altiance des partis rdpnblicain et 
orlteniste, k defant de Taction d'nn senl de*ces partis, snffirait ä 
la besogne. Mais ees alliances mime sont devennes impossibles, 
car les partis ne sont plus ce qu'ils ötaient antrcfois; ils portent 
des ctiquettcs diverses encore, mais il n'y a plu.s ([uc donx partis: 
revolution et rractioii. AujouKrinü la classc oiivriere s:c trouvc, 
vis-u-vis de la bourgeoisie, dans la situatiou oix celle-ci etait vis- 



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206 



a-vis de la noblesse et du clcrge, en 89. En con((ucraut Tegalite, 
releineut social iiil'erieiir , le Proletariat actiiel, londera a Jamals | 
la republique. Yoas lui avez donn6 Tcxcinple, vous aycz jete a 
terre les bons dicux des Chretieiis et dos Thcistcs; il vous suit et 
brise la derni^re incarnation du mal, le Dien-Gapital, £nfin je ^'es- 
pörCy.cette röyolation, anssi radiealement soeiale qae politiqae, ne 
tronyera pas d'hostilitä ohez les penples voisins, mala aa contraire 
l'^mnlation rövolutionnaire qui jus(iu'ioi a fait d^faat, et en isolant 
le mouvcment francais, ne lui a pas permis de rc^ussir. D^yX du 
jour Oll la revoliition aura eclatc cn France, la Repul>li(jue est 
assuree eu Italic, K.spaj;ne, Belgique. Je suis plein d'espcrances 
en un mouvenient cn Allcmagne, il nie scmble (^ue de])nis (pic vous 
parlez, votrc esprit ^ du peu^trer les masses et leur apprendre, 
qu'il ctait temps de se d^gager des sjmboles et d'arriTer am 

r^alit^s » * 

: Ed. Vaillant 



Feaerbacb an Frau Mathilde F. Wendt (Newyoik). 

Hechenberg bei NQrnbergr, den 3. Oktbr. 1869. 

Verehrte Fran. Sie liaben mir die ehrenvolle Einladung 
geschickt zur schriitöteilcrijjchcn Theilnahme au einer unter Ihrer 
geehrten Mitwirkung gegründeten Zeitnng: ^^ie neue Zeit'^ Schon 
im Jahre 1830 schrieb ich meine gegen den alten geheiligten Un- 
Bterblichkeitsglanben gerichteten „Gedanken Aber Tod und Un- 
sterblicbkeit'^ im Vorgefühle der neuen Zeit. Jetzt steht diese neue 
Zeit; wenn auch nichtju reifen Frttchten, doch eine reiche fruchtbare 
Zukunft verheissenden Saaten verschiedenster Art vor unseru Augen. 
Aber leider I ich bin unterdessen ein alter, noch dazu unter wider- 
lichen , den i\lciischen auf sich zurückdrängenden Verhältnissen 
gealfortcr Mann geworden, und kann daher der „Neuen Zeit'' nur 
mehr noch als Leser, aber nicht als iSchriltstelier meine innige 
Theilnahme schenken. 

Sie gedenken, verehite Frau, in Ihrem interessanten EinladiingS' 
schreiben auch gtttigst meiner Frau. Meine Frau ist allerdugs 
Yorurtheilsfrei und fflr alles Bessere, wenn auch noch Zukünftige 
offen, empiUnglich, aber sie ist zu keiner Schriftstellerin gebildet 
Sie verwechseln mit ihr meine Schwägerin in Heidelberg, HotVäthin 
Henriette Feucrbacli, Wittwe meines ältesten, leider auch hchou 



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207 ~ 



vor vielen Jahren verstorbenen ßriulers Anselm, des Verlassers. 
des Apollo von Belvedere. kh werde aber dieser Tage Ihr ge- 
ehrtes Einladungsschreiben mittheilen. Indem ich Ihrem neuen 
Unternehmen den besten Erfolg und zn Ihren Mitarbeitern jüngere 
Klüfte als die meinigen wttnsche, habe ich die Ehre zu zeichnen 
Ihr verehrangsvoUst ergebener Ludwig Feuerbaeh. 



Derselbe an dieselbe. 

Bccbeaborg bei Namberg, den 12. Jan. 1870. 

« 

Hochyerehrte Fran. Es hat bei mir nicht erst der in der 
letzten Nummer (No. 14) der ,,Neuen Zeit" enthaltenen Aufforderung 
,,an unsere Leser'' bedurft ^ um für die Verbreitung dieser neuen 

Zeitschrift thätig zu sein; es ist der Inhalt derselben, die Haclic, 
namentlich die Sache der Frauenbewegung, die mir erst durch 
dieselbe in ihr wahres Licht gesetzt wurde, welche mich bewogen 
hat, ,,die Zahl ihrer Abonnenten vermehren zu helfen.'^ Leider 
habe ich aber bis jetzt nur zwei Abonnenten gcTvonnen, der eine * 
ist der Besitzer und Herausgeber des demokratischeo y^ttrnberger 
Anzeigers", der andere bin ich selbst, und ich' ergreife eben dess- 
wegen die Feder, um Ihnen, verehrte Frau, fOr die bisherige frei- 
willige Uebersendnng der „Neuen Zeit" herzlich und yerbindlichst 
zu danken, zugleich aber Sie zu ersuchen, von nun an dieselbe 
mir nicht mehr zusenden zu lassen. Wenn ich auch nicht mit- 
scli reibe, wenigstens zu regelmässigen schriftstellerischen Beiträgen 
mich nicht verpfliclitct hal)e und nicht verpÜichten konnte, so will 
ich doch wenigstens mittbun, mitzählen. . . Indem ich Ihnen nach 
alter europäischer Sitte ein glückliches neues Jahr wttnsche, habe 
ich die Ehre zu sein Ihr yerehrungsvoU ergebener 

L. Feuerbach« 



An Sp(oidel). 

8. JwA 1S70. 

Jawohl! wenn ich noch ein Juvenis wäre, wenn auch nur in 
dem in dieser Heziehung so freigebigen Sinne des Kömers, so würde 
ich die mir gestern durch Ihre Vcrmittlimg zugekonifiicne Einladung 
der Redaktion der Presse" mit Vergnügen aniichnien. Aber ich 
bin schon ein Sechsundsechzig jähriger, im Winter vor Kälte, im 



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208 



Sommer vor Hitze, wie diesen Aiigeubiick, arbeit-suii fähiger Greis, 
der sieb nur vorgesetzt hat, seinen eigenen Nekrolog zu schreiben, 
aber bis jetzt nicht einmal diesen Vorsatz, diese Aufgabe erfüllt 
bat; lldvxiav y.6{wg kcvi. Indem ich Ibiien zu Ihrer kindlichen 
Dreieinigkeit gratulire, hochachtungSYoll Ihr L. Fenerbach. 



Luigi Stefanoni a Fenerbach. 

1870. ' 

Ghiarisfiimo Signorel II Signore Ebanikoff mi offre Top- 
portanitä dl potere inviarvi qnesta mia lettera, e non ö senza il 
piA yiyo compiacimento che io mi approiitto di questa occasione 
per esprimere i sentimenti dclla mia ammirazione verso uno dci 
piii illustri filosofi della Germania. 

Gia da pareechi anni il niio desiderio era vivissimo di potervi 
scrivere, ma llgnoranza del vostro domicilio me Tha oguora 
impedito. 

Permettete ora che io vi parli alcnn poco di qneeta mia Italia 
e dei bisogni nostri,^ in favor della quäle non invano si isxk «dire 
la vostrayoce. Gia da sei anni io pubblico 11 Libero Pensiero, 
del quäle io spero che il Signore Ehanikoff rorrä farvi conoscere 
1 principii e le intenzioni. Voi farete a tne e a tntti i liberi pen- 
satori italiani eosa gratissima , sc vorrctc nella vostia risposta 
farci conoscere le vostre idee intorno agli Ultimi avveuinienti sulla 
guerra che attuahncnte si combatte ira la Germania e la Fraucia, 
t'ra ritalia e il Papato. 

Sara opera buona per noi tutti ehe vi ammiriamo quäle uno 
dei piü eoraggiosi atleti della libertä del Pensiero. 

La YOBtra adesione al laroro che noi abbiamo incominciato 
contra la superstizione, sarä ancora per noi mezzo di incoraggia- 
mento, e voi certo non ci toglierete lo stimulo della voflira parohi 
al bcn fare. 

Aecettatc, ilhistre Signore, i sentimenti della mia vcncj'azione, 
i quali il Signor KbanikoÜ" vorrä piü diflfusameute espriniervi. Vostro 
dcYoto servo Stefaiioui. 



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209 



Lconoro Feuerbach an Luigi Stefanoui.*) 

Geehrte ster Herr Stefanoni. Von Herrn y. Khanikoff 
erbielt ich den liehenswttrdigen Brief, mit welchem Sie so freundlich 
waren^ meinen Vater zn beehren, nnd derselbe Herr wird die OOte 
haben, Ihnen den meiuigen zu übcniuiclicn und die nötliigcn Er- 
klärungen mliudlich liinzuzulUgen. Das Ucbel, von dem mein alter 
Vater seit einigen Monaten betrotlen ist, erlaubt ilini niebt, wie er 
wünschte, auf Ihre Zuschrift zu antworten, so dass ich selbst diese 
Aufgabe mit Gegenwärtigem übernehme, welches ich Sie auf jeden 
Fall ersuche, nicht als vom Sekretär Feuerbachs, sondern einzig 
und allein als von seiner Tochter in seinem Geiste geschrieben zu 
betrachten. 

Desshalb fühle ich auch das Bedttrfniss, indem ich es wage, 
einige Worte anstatt meines Vaters an Sie zu richten, Ihnen unsere 

Achtung und Jiewunderung für Ihre Prinzipien und Arbeiten aus- 
zudrücken, und bedaure nur lebhaft, dass meine Worte nicht die 
uöthiirc Autorität haben, um über den angeregten Gegenstand mich 
mit Ihueu zu unterhalten. 

Mein Vater begrüsstc mit Begeisterung die italienische Bewe- 
gung für die Freiheit des Gedankens und des Gewissens, eine Bewe- 
gung, die, nachdem die grauenhafte Macht der geistlichen Tyrannei 
zu Falle gebracht worden, ihr Ziel, die vollständige Verwirklichung 
ihres radikalen Programmes, gleichfalls erreichen wird. In der 
Politik wie in der Religion helfen Halbheiten nnd Zweideutigkeiten 
wenige wer sie anwendet und vorschlägt, arbeitet, ohne es zu 
wollen, für die Keaktion. Gewiss wäre es nicht nur im Interesse ' 
Italiens, sondern auch der ganzen Menschheit zu wünschen, dass 
die Ideen Garibaldi's zur Wahrheit würden. Und es freut mich, 
geebrtester Herr, Ihnen bei dieser Gelegenheit bezeugen zu können, 
dass die Verehrung, die mein Vater und ich diesem Helden widmen, 
eine nnbegränzte ist. Mit lauterer Begeisterung sind wir ihm nach 
Marsala gefolgt wie nach Mentana, und zur Stunde müssen wir 
anerkennen, dass er in dem französisch- preussischen Kriege seinen 
Arm der Sache der Gerechtigkeit und der Freiheit geliehen hat. 
Nur ein elender Egoismus könnte sich daran ärgern, dass ein Mann 
wie Garibaldi, treu seinen Prinzipien, seinen tapferu Degen der 



*) II libero PeoBioro, Giornalc dei Kazionalbti, 10 Gennaio 1871. Der Brief 
auuate rQdiabeTset2t verdcu, da das Original ablianden gekommen. 
Orttn, Fwerbaelu Briefwechsel u. Macblaii. II. 14 



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210 



Ke|)ii])lik 7MT Verfügung gestellt. Garibaldi ist nach meiner An- 
sieht nieht nnr der Held Italiens, er wurde mit noeb weit grösse- 
rem Beehte als der Held beider Welten begHlsst: er will die poli- 
tisehe and die Oedankenfreiheit, das oberste Ziel aller Volker, 
welehes, wie ich glaube, dnrch die Gememsehaft und Solidarität 
zwischen der germanischen nnd lateinischen Rasse realisirt werden 
kann. Und desshalb hcklagen wir den Krieg als ein grosses I n- 
glück und ein Verbrechen wider die Zivilisation, als einen Akt 
brutalster Zerstüruiii?, physischer und moralischer Verstliminciuiifr. 

Von dem Augenblick an, wo der Krieg nicht mehr den Oha 
rakter der nationalen Vertbeidigung hat, haben wir als Deutsche 
das Gefttbl des Patriotismus verloren, ein Geiltthl, welches mein 
Vater immer dem Prinzip der Humanität unterordnete. Wer ut- 
glttcklicberweise Zuschauer bei der grilulichen Tragödie dieses 
Krieges bleiben muss, kann nnd darf nieht das Mass des Patrio> 
tismns oder des heiligen Grundsatzes der Nationalität an jene gross- 
artigen Thatsaehen legen, wclclic allein an dem Gesetze des lliniia 
nitäts- Interesses gemessen werden dlinen. Und die Siege, welche 
die Deutschen über die Heere der l\('i)ublik davongetragen haben, 
sind die Siege des Cäsarismusj unsere Demokratie kann sich ihrer 
nieht erlVeuen, wie sie sieh mit Kecht gelVeat hat, als der fran- 
zösische Cäsar fiel. Unter welcher Form immer sieb der Cäsaris- 
mus verberge, er ist und wurd immer sein der grösste Feind des 
politischen und sozialen Fortschritts. 0, es komme der Friede^ nnd 
jener Moloch, jener Gott der Zerstörung, dem wir so viele Opfer 
bringen, wird endlich stttrzen, die Wohlfahrt nnd das Gedeihen 
der Völker werden verbürgt durch ihre Solidarität, und die Furien 
des Krieges verscheucht sein. 

Und somit schliesse ich meineu Brief, nicht ohne Sie abermals 
unserer Hochachtung zu versichern. Leouore Feuerbach 

für ihren Vater Ludwig Fenerbacb. 



Mr. Haclicl an Fo&cibacli. 

Newyoik, September 12. 1S70. 

Hochverehrter Herr! Der „Bund der Freidenker" von 

Newyork fasste in seiner Sitzung vom 9. September 1870 den Ik- 
scbluss, Ihnen, — der Sie während Ihres nnorinildlichen Kampfes 
gegen Irrthum und Ltige vieUarhe materielle und physische Schä- 
digung erfahren — in Anerkennung ihrer unsterblichen Verdienste 



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211 

um die Sache des freien Mciischcntbums , eine P^liren^al)C von 
lOO Dollars zu Uberscbicken. Der Bund der Freidenker liält es 
für seine I'fiicht, Alle, die ihre Existenz und Gesundheit ihren 
freisinnigen Ueberzeugungen opfern, wie Sie es getban, mit seinem 
sehwaehen Beistande zu nntersttttzen. Er hoffit, dass Ihre Zakunft 
sich trostreicher gestalten wird, und bittet Sie, bei Annahme dieser 
seiner Gabe nicht zu vergessen, dass bei seinen beschränkten 
Mitteln die Höhe der Snmme hinter dem guten Willen zurdckbleiben 
iiiusste. 

Im Nameu des Hundes der Freidenker von Ne\v\ork 

lUr den Vorstand Georg W. Kachel, 

korr. SekretKr. 



Ottilie Absiiig au Fnierbach. 

Mowyork, den lö. Mai 1811. 

Geehrter Herr! Sie werden erstaunen, aus so weiter Ferne 

eine Ansprache von einer Ihnen Unbekannten zu erhalten. Icli 
würde wahrseheinlieh aueh nieht den .Muth gehabt haben, llinen 
meine zwar nur brietiiehe Bekannlsehaft aufzudringen, wenn ich 
nicht dächte, da.ss jeder Erfolg in ihren Be8trc])ungen für die geistige 
Befreiung der Menschen Ihnen etwas von der Befriedigung ge- 
währen muss, welche der christliche Bekehrer empfindet, wenn er, 
nach seiner Meinung, Seelen gerettet hat. Ich hatte immer gehofft, 
nach langer Abwesenheit einmal einen Besuch in Deutschland zu 
machen und Sie dann persönlich kennen zu lernen, und wenn ich 
diese Hofibung anch keineswegs aufgebe, so stellt sich der Erfüllung 
für den Augenblick doch noch so manches Hinderniss entgegen, 
dass ieh Ihnen lieber biiellich mittheile, was ich Ihnen selbst zu 
erzählen gedaehtc. 

Vor einer Reihe von Jahren wurde ieh mit Frede riek Dou- 
glass bekannt, einem Manne, dessen Name möglicher Weise zu 
Ihnen gedrungen ist. Er ist ein Mulatte, wurde im Süden als 
Sklave geboren, und gewann seine Freiheit durch Flucht nach dem 
freien Norden. Durch ungewöhnliche Begabung, schriftstellerische 
Fähigkeit und vorzüglich ein glänzendes Rednertalent arbeitete er 
sich in wenigen Jahren aus dem Dunkel empor, und wurde einer 
der berühmten Männer Ameiika's. Er war einer der hervorragend- 
sten unter den Agitatoren gegen die Sklaverei, und seit deren Ab- 
bcüatfung zeichnet er sich nicht weniger in der Bcs])reehung poli- 

14* 



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212 



tischer und sozialer Fragen aus. Per8r>nlicbe Sympathie und 
Uebereiustinimuug; in vieleu liaupt])unkten tUbrteu uns zusammen; 
doch stand ein Hinderniss einer herzlichen, dauernden Freundschat't 
im Wege, nämlich: der persönliche christliche Gott FrUhe Eindrucke, 
Umgebangen, und die in der ganzen Nation noch herrschende 
Richtung hatten ihre Macht Uber Douglass gettbt. Der Lichtstrahl 
deutscher Freigeistigkeit war noch nie zu ihm gedrongen, während 
ich durch natürliche Anlage, Erziehung und den ganzen Einfluss 
deutscher Bildung und Literatur begünstigt, schon iViih den Gottes- 
glauben Uberwunden hatte. Ich empfand diesen Z\vicsi)alt als eine 
unertrUglicbe Dissonanz, und da ich in Douglass nicht nur die 
Fähigkeit sah, die geistigen Fesseln als solche zu erkennen, sondern 
ihm auch den Math und die Ehrlichkeit zutraute, dann dem alten 
Irrthume sofort zu entsagen, und in dieser einen Richtung mit 
seiner ganzen Vergangenheit, mit lebenslänglichen Anschauungen 
zu brechen, nahm ich meine Zuflucht zu Ihnen. In der englischen 
Uebersetznng y<m Marian Evans lasen wir zusammen das „Wesen 
des Christentbums'', das auch ich damals erst kennen lernte. Dies 
AVcrk — für mich eine der grössten Manifestationen des mensch- 
lichen (ieistes — bewirkte einen volistiuidigen L'mschwung seiner 
Ansichten. Douglass ist Ihr begeisterter Verehrer geworden, und 
das Resultat ist ein merkwürdiger Fortschritt, eine Erweiterung 
seines Horizonts, aller seiner Anschauungen, welche sich besonderB 
in seinen Vorträgen und Aufsätzen kund gibt, die weit gedanken- 
reicher, tiefer und logischer sind als früher. Während die meisten 
semer ehemaligen Genossen in dem Kampfe gegen die Sklayerei 
seit deren Abschaffung vom öffentlichen Schauplatze verschwunden 
sind und sich zum Thcil sel])St überlebt haben, weil es ihnen an neuen 
befruchtenden Ideen fehlte, hat Douglass erst jetzt den llühepunkt 
seiner Entwicklung erreicht. FUr die Befriedigung aber, einen 
ausgczeicbneteu Mann der Geistesfreiheit gewonnen zu sehen, und 
dadurch fUr mich einen treuen, werthen Freund erlangt zu haben, 
lllhle ich mich Ihnen verpflichtet, und kann mir die Genugthuung 
nicht versagen, Ihnen daitir meinen Dank sowie meine herzliche 
Verehrung auszudrücken. 

Schliesslich erlaube ich mir noch mit echt amerikanischer 
Dreistigkeit, Sie mit einem Anliegen zu belästigen. Möchten Sie 
die Güte haben, mich durch Ihre Photographie zu erfreuen? Ich 
würde .Sie dann um zwei Exempkire bitten, eins fUr mich und eins 
für Fredeiick Douglass. Wir Ungläubigen, die wir uns keinen Gutt 



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213 



nach unserem Bilde ans uns selbst schaffen und ihn anbeten, httngen 
daftlr mit nm so tieferer und innigerer Verehmng an den Menschen, 
in denen wir die Repräsentanten und Dolmetscher der höchsten 
Ideen unseres Zeitalters erkennen. Ihre ergebene 

Ottilie Assing. 

Sommer 1871. 

An Herrn Markus in Ilambiirg. 
(Zitternd geschrieben, nicht abgesandt, vorletzter Schrcihvorsuch.) 

Verehrter Herr! Wie leid thnt es mir, Ihnen eine abschlägige 
Antwort geben zu mttssen! Gestern erst habe ich Zeit gehabt, Ihres 
tflchtigen Sohnes Anfsatz darchzulesen; aber was gewinnt man bei 
so flfiehtiger Durchsicht? Seit Juli Torigen Jahres bin ich ein Ye^ 

gessener 



Ottilie Assing an Feuerbnch. 

Bocbester, Newyoik, den 6. September 1871. 

Geehrter Herr! Tfcrzlichcn Dank für die letzten vier Photo- 
graphien , welche mich glücklich erreichten, obgleich das Couvert 
unterwegs gänzlich aufgesprungen war und in Hambarg auf der 
Post wieder versiegelt wurde. Frederick Douglass lässt Ihnen sagen, 
dass Sie schwerlich je wärmere Freunde und Verehrer durch Ihr 
Bild erfreut haben als Sie in uns finden. Leben Sie woU! 

Ihre ergebene Ottilie Assing. 



Knrl Griln an L. Fenerbacli. 

Wien, den 16. Dezember 1871. 

Theurer Meisterl Es ist die traurige Kunde zu .uns ge- 
drungen, dass Sie, der uns so ritterlich von dem Lindwurm der 
schnöden Ichheit befreite, jetzt im Alter nicht diejenige Sympathie 
und Liebe finden, die Ihnen gebtthrt Wir, in der Ostmark des 
dentschen Beiches wohnend, sind daher zusammengetreten, um Ihnen 
den Beweis zu liefern, dass unser Herz noch immer glttht fttr den 
ötolzen fränkischen Denker, für den Philosophen des Herzens. 

Es ist uns unvergessen, wie es dem ganzen deutschen Volke 
nnvcri^essen sein sollte, dass Sie derjenige Kritiker sind, der dem 
Menschen niemals etwas genommen hat, ohne es ihm doppelt und 
dreifach wiederzugeben, dessen „Wesen des Christeuthums^^ nur die 



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214 



Bereicherang des Menschen, dessen „Theogonie" lediglich die Apo- 
theose der Menschwerdung war. 

Ich im Besondern bin stets des lieben Briefes eingedenk, den 
Sie mir einst nacb Paris als Antwort auf „Goethe vom menschlichen 
Standpunkte'' schrieben, und in welchem Sie micb freundschaftlich 
warnten, die Idee nicht für durchans realisirbar zu halten. 

Wenn icli es noch nicht g:cahnt hätte, würde ich es seitdem 
in seiner ganzen Wahrheit erfahren hahcn. Nein, die Idee ist 
tausend Tücken des ,,Unhe\vussten" ansgesetzt; das Leben zer- 
splittert und verkürzt sie, oft bis zur Unlvcuntlichkcit. Aber sie 
ist doch da, sie macht sich geltend, sie bleibt der Massstab des 
Daseins, sie ist unsere Religion, ihr dienen wir, für sie dulden 
wir, wir laßsen nicht Yon ihr. 

Wenn es mir gelingen sollte, Sie, den allzeit Bedflrfnisslosen, 
durch diese Zeilen ein wenig aufzurichten, wenn diese Kundgebong 
aus der Ferne Ihr Herz wohlthätig anmnthet, glauben Sie mir, 
theurer Meister, lan^e würde ich kein Weihuachtsfest begaugeu 
haben, das ich dem heurigen p:lcichschätztc. 

Geruhen ^>ie vorlUufifi: diese Seudiuiir als Ehren^^abe zum Christ- 
feste von Ihren Anhängern und Verehrern in Empfang zu nehmen. 
£s steht mir dann noch die Freude bevor, Ihnen den Abschloss 
unserer Rechnung zu unterbreiten. 

Herzliche Grttsse Ton uns allen, die wärmsten aber von Ihrem 
beständig getreuen und dankbaren Schfller, der sich mit Stolz nennt 
Ihren durchaus ergebenen Karl Grün. 



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I 



— - 215 



PJiUosophisolies l^yll 

oder 

Ludwig uud Konrad. 

Konrad Deubler. 
Dorf Goisern im Salztounniorgut, den 23. Oktober 1862. 

Grosser Mann! Vcrzeibcn Sie einem Manne aus den untersten 
Schichten der menschlicben Gesellschaftj der es wagt, Sie mit einem 
Schreiben zu belästigen. Der Drang , Sie persönlich kennen zu 
lernen, bestimmte mioh vorigen Monats bis zn Ihrem stillen Asyl 
in Bechenberg zn reisen. Ich traf Sie aber leider nicht zn Hanse. 

Der frenndliehe Empfang Yon Ihrer Fran und Tochter hat 
nnendlfch wohlthnend auf mich einfachen Naturmenschen einge- 
wirkt, ich danke iiinen herzlich für ihre gute Aufnahme! 

Ich wollte auf meiner Rückreise von Dresden, die ich durch 
Thüringen machte, noch einmal in Nürnberg einen Tag bleiben, 
nm Sie zu sehen; aber Zeit und Geld vereitelten meinen schönen 
Plan. Ich habe ja durch die Gefälligkeit Ihrer Tochter Ihr Porträt 
bekommen und frene mich unendlich tiber diesen Besitz. 

Da ich zn weit von einer Bnchhandlnng entfernt bin, so bitte 
ich Sie, das in Zukunft erscheinende Buch von Ihnen, das mir 
Ihre Tochter versprochen hat, ja gewiss zu schicken. Ob ich gleich 
arm bin, so habe ich zum Ankauf eines wahrhaft guten Buches 
immer Geld. Meine Bücher, worunter Ihr Werk „Wesen des 
Christenthums", wurden mir im Jahre 1853 alle konliszirt; seit vier 
Jahren habe ich mir Vogt, Tie, !Mol esc hott, Buckle's Ge- 
schichte der englischen Zivilisation angeschaflt. Diese Lektüre 
hat meinen Gaumen ganz verwöhnt. Besonders bat Buckle auf 
mioh einen grossen Eindruck gemacht; schade, dass der Tod an 
der Ausftthrung und Vollendung dieses grossen Werkes ihn ver- 
hindert hatl Wie wäre es, wenn Sie es fortsetzten oder wenigstens 
eine Geschichte Deutschlands in diesem Sinne schrieben? 

Der Geist, der alle diese Schriften durchweht, diesem habe ich 
es zu verdanken, dass ich gesund und zufrieden meine zwei- 
jährige Kerkerhaft in Brünn ertragen habe und selbst meine 
Verbannung in OlmUtz, weit von meinen heimathlichen Bergen, 
von Weib und Kind, ertragen habe. Ich habe Zeit genug gehabt, 
Uber die wichtigsten Wahrheiten des Lebens nachzudenken, ich 



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216 



habe die Schattenseiten des Lebens kennen gelernt und kann mit 
gutem Gewissen die Wahrheit nntersehrciben, die Sie, grosser Matm, 
einmal ausgesprochen haben, „dass noch nie eine Wahrheit mit 
Dekorationen auf die Welt gekommen, nie im Glänze eines Thrones, 
sondern stets im Dnnkel der Verborgenheit unter Thribien ond 
Seufzern geboren worden ist, dass noch nie die HochgesteUteD, 
dass stets nnr die Tiefgestellten von den Wogen der Weltgeselüehte 
ergriffen werden." Ich sah Hunderte an meiner »Seite verzweifelnd 
an Allem, fluchend ihr Leben endigen, waren aber doch die besten 
Christen und Gläubigen. Meine naturwissenschaftliche Anschauung 
sah in diesen armen Menschen nur die Opfer eines Jahrtausende 
alten Wahnes. 

Doch genug von dieser ftlr mich so traurigen Zeit Sollten 
einmal Sie oder einer Ihrer Freunde eine Reise in nnser jetzt ron 
so vielen Tausenden yon Fremden besncbtes Salzkammergnt maehen, 
so bitte ich Sie herzlieb, mieh zn besnehen; Sie könnten aneb bei 
mir wohnen nnd sieb aufhalten; von meinem Dorfe ans können 
wir die herrlichsten Bergpartien machen. 

Seien Sie nicht böse, edler Menschenfreund, dass ich es gewagt 
habe, an Sie zu schreiben und auch auf einen Brief von Ihnen 
zu hoffen. ,,Nur Lumpe sind bescheiden I " sagt Goethe. 

Grüsse fciie und Ihre Frau und Tochter recht herzlich, und 
danke noeh einmal iiir die freundliche Aufnahme. Leben Sie wohL 

Konrad Deubler. 



Lndwig Feneibacb. 

Bticlienberg bei NOmbeig, den 3. Hovemher 1861 

Mein lieber und v e r e h r te r Ii e r r D e u b 1 e r I . . . Ich be- 
trachte mich als Ihren Schuldner, bis ich Ihren Besuch, nicht wie 
jetzt nur mit der Feder, sondern mit Lcil) und Seele erwiedert 
habe. Was ich aber einmal als Schuld betrachte, das wird un- 
bedingt erledigt, wenn icli aucli nicht die Zeit yorausbestimme. 
Ich komme entweder allein oder in Begleitung meiner reiselustigen 
Tochter, die — es sd gleich hier gesagt — nebst meiner Fraa 
Sie herzlich grttsst Komme ich aber auch ohne leibliche Tochter 
zu Ihnen, so komme ich doch nicht ohne geistige Töchter yod 
mir, d. h. ohne Schriften, wenn auch nicht mit meiner noch nntfr 
der Feder begriffenen, vielleicht erst spät vollendeten Schrift, doch 
mit Schritteu trliherer Jahre, die Ihnen vielleicht unbekannt geblieben 



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217 



sind. Eine von mir noch nngelOste Aufgabe ist es, einen yolks- 
thflmlichen Anszng ans meinen sämmtlichen Schriften zn machen. 
Ich will es mir einprägen, auch diese Aufgabe als eine Schuld an 

Sie, an das Volk überhaupt, zu betrachten, dann werde ich sie 
gewiss auch lösen. Wie sollte es midi freuen, wenn ich mit dem 
Händedrucke persönlicher Freundschaft zugleich den volksthüni- 
lichen Gesammtauszug und Ausdruck meines Geistes Ihnen ein- 
händigen könnte! 

Mit dem Wunsche , dass es Ihnen und den Ihrigen wohl er- 
gehen mOge, Ihr ergebenster Ludwig Fenerbach. 



Koniad Oeabler. 

Dorf Ooisern, den 11. Desember 1803. 

Mein lieber und verehrtesterFrennd! Seien Sie nicht 
böse auf mich, edler Menschenfreund, dass ich Sie schon wieder 
mit einem Briefe belästige. Es ist schon über ein Jahr, dass Sie 
mir in Ihrem lieben Briefe versprochen haben, dass Sie mich auf 
meinen Bergen besuchen wollen ; ich freute mich sammt den Meinen 
unendlich auf Ihre so sehnlich gehoffte Ankunft — Sie kamen nicht! 

Anch haben Sie noch ein^^chuld an das deutsche Volk ab- 
zutragen, nämlich einen Tolksthflmlichen populären Auszug Ihrer 
sämmtlicben Schriften. Sie wissen selbst am Besten, wie zeitgemäss 
jetzt ein solches Unternehmen w^äre. Sic sehen als Ueweis fUr 
meine Behauptung das ungeheuere Aufsehen und die grosse Ver- 
breitung des „Leben Jesu" von Renan, das wirklich ein sehlechter 
Schmarren ist! Allein es ist billig und populär geschrieben und 
fUr die Massen berechnet. Nur Sie wären allein im Stande, dieses 
elende französische Machwerk in den Grund zu bohren! 

Sie kennen die Gescbichte der englischen Zivilisation von 
Tb. Bnckle? Nur Sie allein wären im Stande, sie zn yollenden, 
wenigstens den Theil Uber Deutschland. 

Auf einen für mich sehr wichtigen Menschen wage ich es, Sie 
aufmerksam zu. machen; sein im Selbstverlage erschienenes Büch- 
lein „Geist, Seele, Stoff" müssen Sie sich anschaffen, w^enn Sie 
es noch nicht kennen ; es ist nämlich Dr. Brugger in Heidelberg, 
ein 68 jähriger Mann, der sich bei der dortigen freien Gemeinde 
durch Unterricht ernähren muss und wohl einer menschenfreund- 
lichen Untersttltzuug durch Abnahme seines Buches bedarf. Auf 
Ihr Urtheil Aber dies Buch wäre ich sehr neugierig! 



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~ 218 



0 wie yiel hätte ich mit Ihnen zn reden — wie wtirde es 
uns Alle freuen, wenn Sie nns künftigen Sommer besnchten. Allein, 
wenige Menschen sind so glttcklicb, Herr ihrer Zeit zn sein ; sollte 
aber Jemand Ton Ihren zahlreichen Bekannten, nnd Freunden das 

Salzkamincrgut bereisen, so bitte ich selbe an mich zu adressiren. 

Grüsscu Sie mir Ihre liebe Frau und Tocbtcr, und erfreuen 
Sie mieb mit einer baldigen Antwort. Seien Sie mir niebt böse 
wegen meiner Zudrinjxlielikeit. Wenn der «gläubige Katbolik an 
seine Heiligen seine Wünsche und Bitten richten darf, warum nicht 
auch ich zu den meinen? 

Machen Sie mich aufmerksam auf die wichtigsten Schriften 
der Gegenwart, denn ich muss Vieles wieder nachholen, was ich 
während meiner vierjährigen Kerkerhaft versäumt habe. 

Leben Sie wohl nnd behalten Sie mich lieb, und schreiben Sie 
mir einen recbt langen Brief. 

Ihr treuer Freund K o n ra d I) c u b I e r, 

im Dorfe Goi^eru näcbät lächl in Obcrüsterreich. 

Ludwig: Feuerbach. 
Kccheubcr;^ bei Nürnberg, den 19. Dezember lä63. 

Mein lieber Freund Deubler! Leider war es mir nieht 
möglieh, dieses Jahr eine Beise zu machen, nicht möglich also, 
Sie zn besuchen. Erst kommt bei mir die Arbeit und dann das 

Vergnügen. Der grösste Mangel meiner hiesigen Wohnung und 
Existenz war bisber der Mangel einer siillen und im Winter heiz- 
baren Studirstube. Um die.sem Helnnerzliebst empfundenen Mangel 
abzuhelfen, hatte ich mieb endlich diesen Herbst entschlossen, in 
diesem Hause, wo ich nur zur Miethe wohne, auf meine eigenen 
Kosten mir eine solche herstellen zu lassen. Diesem Zwecke musste 
ich das Vergnflgen, Sie und Ihre Berge zn sehen, aufopfern. Die 
Arbeiter sind hier enorm theuer, und ich brauchte nicht weniger 
als den Tttncher, den lifanrer, den Zimmermann, den Schmied, 
den Schreiner, den Glaser, den Hafner, den Tapezirer. Was bleibt 
da zum Reisen übrig? Was ich jedoch an Geld verloren, das 
hoffe ich an Arbeitslust und Arbeitskraft gewonnen zu haben. Ich 
bedarf, wenn auch nicht zum Studiren oder Lesen, was ich überall 
kann, wohl aber zum Produziren, zum Schreiben, vor Allem Raum 
. — meinem Kopfe, meinem Sinne oder Eigensinn, wie er vielleicht 
Anderen erschein^ entsprechenden Baum. Von dem: Wo ich bin, 



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219 



hängt bei mir ab das: Was ich denke und wie ich denke, d. h. 
flir Andere, also schreibe, denn Sehreiben ist ja nichts Anderes 

als ein lautes, Anderen vernebmliches Denken. Volle 24 Jahre 
habe ich auf dem Lande gewohnt und hier ftir mich den Stand- 
punkt gefunden, den Archimedes liir sich verlangte, nm die Erde 
in Bewegung zu versetzen. Diesen glüclvlicheii »Standpunkt habe 
ich nicht durch meine Schuld verloren. Meiue gegeuwUrtige, hoch- 
gelegene, abgeschlossene, dem Menschengetttmmel und Hundegebell 
entrückte, der Sonne Ton ihrem ersten bis zum letzten Strahle 
zugängliche Arbeitsstabe ersetzt mir jedoch einigermassen wieder 
diesen Verlust, eröfihet mur mit dem freieren und weiteren Horizonte 
auch die Aussicht auf fruchtbarere Jahre, als die bisher yerlebten 
waren, und die Aussicht namentlich, dass ich eine Arbeit, die ich 
seit meinem nunmehr schon dreijährigen Hiersein im Kopfe und 
auf dem Gewissen, zum Theile auch schon wirklich auf dem 
Papiere habe, endlich glücklich vollenden werde. Und so sehr 
lag diese Arbeit mir am Herzen, dass ich selbst mir keine Heise 
vor ihrer Vollendung g()nnte. So kann, was für jetzt unsere per- 
s9)nliehe Bekanntschaft verhinderte, vielleicht später gerade sie be- 
wirken oder ermöglichen. Ich sage vielleicht, denn wie viele un- 
Yorhergesehene Fälle stellen sich oft nicht einer Beise in den Weg! 
Wer weiss, ob es nicht das nSchste Frtthjahr schon zu einem 
Kriege oder einer Revolntion kommt? Jedenfalls leben wir in 
einer Zeit, die uns gar keine Garantie für die nächste Zukunft 
gibt, die uns gebieterisch zuruft: lieschränkt Kucli auf das Notli- 
wendigste, spart, arbeitet! Zu den Gegenständen meiner Arbeit 
gehört auch der, von dem, nach dem mitgetheilten Titel zu ur- 
thetlen, die Schrift Ihres Freundes Dr. Brugger handelt. Ich werde 
sie mir anschaffen und Ihnen mein Urtheil über sie mittheilen, 
aber ers^ wenn ich mit meiner Arbeit ttber denselben Gegenstand 
fertig bin, weil ich nicht gerne den Lauf meiner eigenen Gedanken 
durch die Gedanken Anderer unterbreche. Dr. Brugger ist mir 
übrigens bereits nicht nur seinem Namen nach vortheilhaft bekannt, 
sondern auch aus seinem Fremdwörterbuch für das deutsche Volk", 
welches ich besitze. Einen populären Auszug aus meinen Schriften 
habe ich, obgleich schon alt, doch für ein späteres Alter als eine 
Invalid enarbeit aufgespart. Ich will nicht selbstgefällig rtlckwärts 
in meine Vergangenheit blicken, ich will, so lange ich i^och rttstig 
bi]i| vorwSrts schanen und schaffen. Auch , will ich dem guten 
Benan keine Konkurrenz machen, der weit hinter meiner Yer- 



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220 

gangenbeit noch zurdck ist Aber um gerecht gegen ihn zn sein, 
mflssen wir bedenken, daas er Franzoae laty und unsere Zeit eioen 
80 erbttrmlicb acbwacbeni durch da» Gift jahrelanger Reaktion so 
verdorbenen Magen hat, daas sie stärkere , männliche Kost nicht 
vertrugt. Meine Zeit kommt noch. Also nnr Oednld. Bowle ich 
einmal wieder Ktwaa von mir drucken lasne, so werde ich es Ihnen 
ziiHcliickcn. rrcilicli ist mein rublikatidiistricb ein Hehr gerinf,^cr. 
Von wi('hti<;cn Sclirijtcn der flc^'ciiwnrt wcIhh icii, dicKrn Aiif^'on- 
blick wenigHtcnn, keine Ihnen zu nennen. Von Wichtigkeit int jetzt 
nur Politik, alles Andere daneben Kleinigkeit. Meine Frau und 
Tochter grUsscn Sie, wie ich die Ilirigen. Schreiben 8ie bald 
wieder. Von Herzen, wenn anch nicht von Augen Ihr 

L. Fenerhach. 



Konrad Doubler. 

15. I'chniar ISO'». 

Lieber guter Freund! Soweit ich in meinem Leben zurück- 
denke, waren mir Bücher die besten Freunde; sie waren mir Trost 
im Unglücke und Gesellschaft in der Einsamkeiti sie ersetzten in 
meiner Dürftigkeit den Reichthnm, in den Kerkern von Brünn und 
Olmtttz, in der Verbannung vom Vaterhanse mein geliebtes Weib, 
Eltern und Heimath. Weder Vermrigen nach Ran^? würde ich 
tauHchen l'llr den Genuss, den mir meine Bücher dadurch gewähren, 
daHH sie mir den Umgang sichern mit den ^;rr>HHten Geistern ent- 
schwundener Jiilirhunderte, howIc mit denen der Gegenwart. 

Da stehen sie vor mir in einem von mir selbst gezimmerteo 
Schranke, die „Weltgeschichte" von Htruve obenan, die Bibel von 
G. A. Wisliccnus, Feuerbach's „Wesen des Christcnthums^', „Kreis- 
lauf des Lebens^' von Moleschott, sttmmtliche Jahrgänge von Ule's 
Natnrzeitung, Gartenlaube, Karl Vogts „Altes und Nenes'S 
„Isis", 4 Bünde, von Radenhausen, „ein Buch für muthigc Denker'' 
(wie CH KosHiniisler bezeiclmet); dann Buckle's „Oesehichte der 
Zivilisation von Kn;.;hind", Kraft und Stoff" von lllicliner, „Geint 
und Stoff ' vom alten Dr. lirngger aus Ilci<lclberg, „lieber den 
Ircien Willen" von Fiselier u. h. w. Das Traurige ist nur, das» 
ich keinen, einzigen Menschen in meinem Gebirgsdorfe habe, dem 
ich meine Ansietitcn mittbeilen könnte. Die Protestanten sind Pie- 
tisten, und die Katholiken —? 



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221 



Ich habe mir vergangenes Jahr noch ein kleines Gtttehen ge- 
kauft; es steht auf einem Hügel mit der prachtvollsten Aussicht 
über das ganze obere Salzkammergnt, man sieht auf den Hallstädter 
See, auf den Dachstein mit seinen ewigen Eisfeldern. Wenn Sie 
(wie Sie mir versprochen haben) doch einmal in unsere Berge 
kommen sollten, so miissten Hie da oben Sommerfrische halten! 
Ich würde mich vor Freude nicht fassen können, wenn ich da 
oben in meinem Scliweizerhäuschen den grössten Denker unseres 
Jahrhunderts beherbergen könnte! Sie und K. Vogt sind nun 
einmal meine Ideale — meine Heiligen I Ja, lieber, guter Feuer- 
bach, sollten Zeit und Umstände Sie an einer Reise in unsere 
Gegend verhindern, so werde ich gewiss Sie nochmals in Ihrem 
Tnsknlnm in Bechenheim aufsuchen. 

Wie geht es Ihrer lieben Frau und Tochter? Ist Alles gesund 
und wohlauf? 

AVie lange müssen Ihre Verehrer und Gesinnungsgenossen noch 
auf das lUich warten, das Sic schon seit mehreren Jahren unter 
der Feder haben V Icli freue mich schon herzlieh darauf. Sollten 
Öie vielleicht mir ein paar Zeilen schreiben, so vergessen Sie ja 
nicht Ihre versprochene lieurthcilung über die Schrift vom alten 
Dr. Brugger, „Geist und Stoflf". 

Leben Sie wohl und grttssen Sie mir Ihre Frau und Tochter 
recht herzlich| und behalten Sie femer lieb Ihren Freund 

Konrad Denbler. 



Ludwige Fenerbach. 

Reclienberp bei Nttnibei^, den 21. MStz 1965. 

Mein lieber Freund Denbler! . . Ich befriedige einst- 
weilen meine Keiselust in Gedanken, und erquicke mich in der 
Phantasie in Ihrem neuen Schweizerhäuschen an der pracbtvoiien 
Aussicht ttber das ganze obere Salzkammergut, und ich hoffe, dass, 
wenn keine unvorhergesehenen Hindernisse eintreten, im Laufe des 
Sommers oder Herbstes diese Gedankenreise zu einer wirklichen, 
körperlichen wird. Das Einzige, was mich bis jetzt noch unent- 
schlo-sj^en macht, was meine Lust zu einer Reise in dieser Richtung 
stört und unlustig macht, dns ist der Gedanke an den öster- 
reichischen Jesuitenstaat, an die ö.sterreichische Pass- und Polizei- 
sebererci — der Gedanke, dass unser Zusammensein von den 
mikroskopischen Argusaugen der Polizei gleich schon in den ersten 



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' - 222 



Tagen als ein Komplott gegen Gott und Obrigkeit angesehen aud 
auseinander gesprengt werde. So ist es mir schon einmal in 
Leipzig gegangen, freilich zn einer Zeit, wo gerade die krasseste 
Reaktion im Anzöge war. leh habe aber keine Lnst zn Reisen, 
zu Handlangen Überhaupt, deren Gelingen oder Misslingen von 
der blossen Willkür der Polizei abhängt. leb mnss daher tiber 
diesen Punkt erst zureichende und zuverlässige Aufklärnng mir 
zu vcrscliatTcu suchen, ehe icli wirklich den Entsclihiss, Sic zu 
besuchen, fasse. Auf alle Fälle müssen Sie dicsLS .lahr novh mehr 
von mir kennen lernen ah den X erlasscr des Wesens des Christen- 
thums, welches »Sie allein zu kennen oder wenigstens %a besitzen 
scheinen. Sie müssen kennen lernen und besitzen meine Erläu- 
terungen und Ergänzungen zum Wesen des Cbristenthums, meine 
Vorlesungen ttber das Wesen der Religion, endlich meine (1845, 
nicht die schon 1^ erschienenen) Gedanken tiber Tod nnd Un- 
sterblichkeit Kann ich Ihnen auf den Fall, dass ich nicht selbst 
kommen und sie mitbringen sollte, diese Bffcher sicher durch die 
Tost zuschicken y Die Schrift von Brng-ger habe ich mir im ver- 
gangenen Herbste bei meinem hiesigen lUichhändlcr l)cstc]lt, al>cr 
bis dato noch nicht erliallcn. Jcii werde ihn dieser Tage erinnern. 
Meine Schrift wollte ich diesen \\ iuter zum Drucke endlich vollends 
herrichten, aber ich habe noch keinen so körperlich schle« hten 
Winter erlebt, wie dirscn; ich habe nichts geschrieben, ich habe 
nur gelesen nnd gedacht. Meine Frau nnd Tochter grttssen Sie. 
Ihr geistiger und hoffentlich auch noch körperlicher Freund 

L. Fenerbaeh. 



Eoniad Deabler. 

DorfGoiaern, 6. Mi 1865. 

Lieber, guter, verehrter Freund! Seien Sic nicht böse 
Uber mich , dass ich ihren Brief vom Monate März nicht beant- 
wortet habe. Ich muss aufrichtig gestehen, ich habe den Sinn des 
Schreibens nicht verstanden, erat das Schreiben Ihrer Tochter bat 
mich darüber aufgeklärt. 

Sie können sich nicht vorstellen, wie gross meine Freude sein 
wüide, wenn Sie mich in unseren schönen Bergen besuchen wfirden! 
Ich hätte Ihnen gleich geschrieben, aber ich wollte Ihrer Tochter 
eine photographirte An- und Aussicht von meinem lläusclien mit 
beilegen — , allein unser DorfkUnstler wird nicht fertig damit. 



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223 



Mciu alter Frcuiul Robert Kummer hat mir aus Dresden «ge- 
schrieben, dass seine Tochter Anna im Brautstände sei, und dass 
ihre Hochzeil; am 24. Juli abgehalten wUrde, und dass es ihm sehr 
erwünscht wäre, wenn ich doch noch einmal (da wir ans schon 
lange nicht gesehen hahen) ihn besnchen möchte. Ich habe es 
ihm zugesagt. Ich werde von Dresden Ober Leipzig, wo ich meinen 
lieben alten RossmÄssler wiedersehen werde, dann dureh Thtlringen, 
Eiscnach, Koblenz, Nürnberg zu Ihnen nach Reehcnberg kommen, 
l^ei Ihnen würde ich so Ende Juli ankommen und wir könnten 
das Weitere mündlich besprechen. Das wäre also mein Plan. 

Wurden bic dann gleich mit mir iortreiscn könneuj oder würden 
Sie später nachkommen V Das würde sich dann schon zeigen 
Ihre Befürchtungen wegen Polizeischerereien bei uns in Oesterreich 
glaube ich, würden auch nicht so viel zu sagen haben. Wir haben 
ja eine freie Konstitution! Und auch im Uebrigen ist es mir in 
meinem schOnen Oberösterreich lieber, als in dem gelobten Preussen 
oder dem voll Mucker und protestantischen Jesuiten wimmelnden 
Würtembcrgl 

Kommen Sie nur sammt den liehen Ihrigen zu uns auf unsere 
schönen Berge. Der Monat August und KSeptember ist gerade bei 
uns am angenehmsten. 

Hier in Goisern ist gerade der Mittelpunkt; von da aus können 
wir die Gosauer Boen, Uallstatt, Aussee, Karls-Kisfeld mit dem 
Dachstein u. s. w. besnchen. 

Jetzt leben Sie wohl! es grüsst Sie sammt den Ihrigen Ihr 
Verehrer Konrad Deubler. 



Ludwig Feaerbftch. 

Rechen ber?, den 10. Juli 1866. 

Mein lieber Freund! . . Wer kaun jetzt an eine Ver- 
gnflgnngsreise denken, vollends an eine Heise in das unglückliche, 
von einer so schrecklichen Niederlage betroffene Oesterreioh? Wer 
hat jetzt flberhanpt andere Gedanken, als sich auf die politischen 
Ereignisse nnd die Abscheu und Ingrimm erregenden Zust&nde 
Dentschlands beziehende? Wir sind plötzlich nm ein ganzes Jahr- 
hundert zurückversetzt, in die Zeit des siebenjUhrigen Krieges, in 
die Zeit der Harharei eines Bürger- oder Bruderkrieges. Ks sind 
dieselhen Fragen auf dem Tapete und auf dem »Sehlaehtlelde, die 
damals nicht gelOst, souderu ^ur abgebrochen wurden, vielleicht 



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m — 

auch diesmal nicht gelöst, sondern nur am ein Stück weiler ihrer 
endlichen, der Zakunft aafbebaltenen Lösung entgegen§^ilttirt 
werden. Es ist dieselbe fiberraschende und yordringende Kttha- 
heit nnd Nenheit einerseits , derselbe Seblendrian, dieselbe Misere 
nnd Zerfahrenheit andererseits , wie damals In der Reichsannee 
lächerlicli-scliäudliihcn Andenkens. Wer kann jetzt an sein Ver- 
piligen denken, >yo Tausende seiner Mitnieusehen elendijrlieh um 
ihr Leben oder ihre Glieder kommen. Wenn ich aber die llotVniiug 
aufgebe, 8ie noch dieses Jahr zu sehen, so gebe ich damit nicht 
die Uotfnung auf, Sie doch noch einmal zu besuchen. Freilich 
bin ich schon so alt, dass meine Anweisungen anf die Zukunft 
keinen grossen Kredit yerdienen; aber doch noeh gesund und 
rüstig — nicht nur snm Federhandwerke, sondern auch som Foss- 
werke, xum Reisen. 

Damit Sie unter dem Regimente des gegenwärtigen Pariser 
Teufels ein Zeugniss weniirstens von meinem i;oisiigen und herz- 
liehen Hei-lbnen Sein haben, sehieke ich sie Urnen, meine neueste 
Schrift. Ich bitte Sie aber, nur zu lesen, was Ihnen Verirniiiron 
macht, also zu Uberschlagen die Nummern, die sieh nur auf die 
Geschichte der Thilosophie beziehen. Meine Frau und Tochter nnd 
ich grüssen Sie und die Ihrigen, Fräulein L. Döhler und H. Steiih 
brecher herzlichst. In der Hoffnung einstigen irdischen Wieder 
Sehens Ihr • L. Fenerbach. 



Eonrad. 

4. ökkher, ISSß. 

Lieber, guter Freund Ludwiir! Noch einmal meinen 
herzlichsten Dauk für die gute und ireundliche Aufnahme. Dieser 
Tag, den ich an Deiner Seite in Nürnberg verlebt habe, war in 
schön — ich hätte mit Goethe's Faust dem Augenblick zurufen 
mögen: „Verweile noch, Du bist so schön.'* Der Mensch braucht 
aber auch von Zeit zu Zeit eine solche Erfrischung und Stürknng^ 
um nicht in dem Schlamme des alltäglichen Lebens unterzugehen. 
Ich war kaum von meiner Wallfahrt von Dir in meine Berge 
nieder zurückgekehrt, als ich einen Brief von einem Jugcndfreuinlc 
aus Virginien in Nordamerika erhielt, mit der dringenden Bitte, 
ich mochte seine Tochter (die er vor 12 Jahren, da er mit seiner 
übrigen Familie auswanderte, hier zurückgelassen hatte) mit ihren 
5 kleinen Kindern und ihren zwar braven und Üeissigeni aber 



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225 



sebr an VeratandeskriLften zurückgebliebenen Mann naeb Hamburg 
begleiten, und sie ihm auf einem Dampfschiffe hinüber schicke«. 

Meine Auslagen auf cliciser Reise wiiidc er mir gewiss vergüten u. s. w. 
Eingedenk des Gesetzes, dass Du der Mcnschlieit zugerufen hast? 
„Heilig sei Dir die Frcundscbaft'', kann ich wohl nicht anders, 
und muss künftigen Samstag, d. i. den 6. Oktober von hier abreisen. 

Ja, in unseren gesunden Alpenthälern halten sich jetzt Tausende 
Ton Choleraflüchtigen auf ; denn in dieser wannen Herbstzeit macht 
diese Krankheit in Wien, Pf^i P^st, ja in ganz Deatscbland 
riesige Fortschritte, und ich soll mich jetzt wieder hinauswagen 
— diese Leute können nicht länger warten — uod ich n^nss fort 
mit Ihnen. Auf meiner Rückreise werde ich wohl ein paar Stunden 
Zeit erübrigen können, um Dich noch einmal und Deine Liehen 
sehen zu krmnen. Die Ansichten von unserem Gebirgsdorfe, die 
ich Friederieb und Elisa versprochen habe, werde ich vom Eisen- 
bahnhofe aus Dir zuschicken, bollten sich Friederich und Elisa 
des mir gegebenen Versprechens erinnern, so bitte ich sie, mir 
die Photographien bereit zu halten bis zu meiner Rückkunft von 
Hamburg, wo ich mir dieselben selbst abholen werde, das heisst, 
wenn mich nicht unterdessen ein Choleraspital verschlingt. Nun 
so sei es immerhm! Alles Unglück, das ich während meines 
Lebens erduldet habe, war immer die Folge meiner Grundsätze; 
ich konnte nie anders handeln. Niemand, sagt Goethe, kann un- 
gestraft unter Pahnen wandeln, ebenso auch nie ungestraft unter 
seinem Kopfe. Selbst der ahe G. Forster stimmt mir bei, wenn 
er sagt: „Ich weiss, dass man ungestraft nicht glücklich sein kann, 
und Glück ist doch für den Menseben, der gewisse Fortschritte 
gemacht hat, nur das Bewusstsein, nach seiner besten Ueberzeugung 
gebandelt zu haben.'' 

Und so ziehe ich mit meiner Auswandererfamilie noch einmal 
hinaus, um sie in Hamburg sicher auf ein Dampfschiff zu bringen ; 
dort angekommen, wird mein Freund* sie schon erwarten, um sie 
an den Ort ihrer Bestimmung zu bringen. Viele herzliche Grüsse 
von mir, meinem Weibe und von unserem Fi*eunde Steinbrecher 
an Dich, an Deine Frau und Friederich, Eleonora und Elisa. Be- 
haltet mich lieb, Ihr herrlichen guten Menschen! Und künftigen 
•Sommer ein frohes Wiedersehen in Goisern. 

Dein Freund Konrad.. 

MB. G.'Struve schreibt wörtlich in semer Weltgeschichte im 
9. Bande, 1. Auflage, Seite 899 : „Noch umfassender und zerstörender 

Ovta, Ftmrtacki Bri«fira«hMl «. HaeUan. n. 15 



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— m — 

als StniiiBS and Braoo Bauer, trat am dieselbe Zeit (1841) der grosse 
Philosoph Ludwig Feaerbach auf; in seinen Schriften führt er 

einlach und klar auH, dass das göttliche Wesen nichts anderes sei, 
als das Wesen des Menschen, die Gottheit nur die Summe der 
menschlichen Eigenschaften, die Keli'^ion daher nur Sclhstvergöt- 
teruug oder Selb.^tvergöttlichung." An einer anderen Stelle heisst 
es: „Ludwig Feuerhach kann mit Kecht als der Ikinnerträger der 
dureh ihre Geistesliraft mächtigen Partei aufgelLlärter Männer be- 
trachtet werden u. s. w.'* 

Hast Du nun noch ein Recht, zu sagen: „Ich werde todt- 
gesehwiegen??'' 



Ladirig. 

Nürnberg, den 11». September 1SG7. 

Mein lieber Deubler! Nur einen herzlichen, eigenhändigen 
QrusSy nichts weiter will ich für heute Dir schicken, mit der Bitte, 
denselben zu yerrielf^lltigen und Deiner lieben Frau, Deinen übrigen 
mit mir in Berührung gekommenen Hansgenossen und unsem ge- 

meinschaftlicben Freunden Goisern's und der Umgebung mitzn- 
theilen, und mit der Versicherung, dass, so schJm, so sehr vom 
Glücke begünstigt unsere Keise vom Anlang bis zum P^.nde war, 
doch der Glanzpunkt derselben unser Aulenthalt in dem lieben 
Goisern bleibt, dass die Erinnerang an die dort, uamentiich in 
Deinem reizenden Alpenhäuschen verlebten Tage nur mit meinem 
ErinnerangsvermOgen erlöschen wird, wenn anders eine EmeneruDg 
derselben ausser dem Bereiche der Möglichkeit liegen sollte. Mit 
dieser Versicherung Dein dankbarer Freund L. Feaerbach. 



Konrad. 

Dorf Goiseni, den 17. Oktober 1807. 

Lieber guter Feuerbach! Verzeihe mir meine Saumselig- 
keit im Schreiben an Üich, und rechne es mir ja nicht als eine 
Gleichgültigkeit, ge^jen Dich an, obwohl es den Anschein hat und 
alles gegen mich spricht — um so mehr, da ich Deinen und 
Eleonorens Brief richtig erhalten hatte. Du warst kaum fort, hatte 
ich vollauf zu thun, um mich auf den bevorstehenden Kirchtag 
zusammensuiiehten. Montags darauf reiste ich zur LandwirthschaAs- 
aosstellang nach Linz, wo ich mich 2 Tage aufhielt; dann ging 
es auf der Eisenbahn nach Dresden, wo ich Donnerstag Mittag 



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227 



um 12 Ubr bei meinem Freunde Robert Kummer anlangte. Sonntags 
darauf um 2 Uhr Nachmittags reiste ich mit dem Znge nach Leipzig, 
wo eben die Messe war; Montag Abends ging's wieder über Eger 
und Passan naoh meinen Bergen zurück. Die andere Woche darauf 
reiste ich nach Krems, nach UnterOsterreich , um für den Winter 
meine Weine einzukaufen; das nahm wieder 14 Tage Zeit weg. • 
Zu Hause angckomiiien, fing die Obsternte an, Mostpressen, Obst- 
dürren u. s. \v. Alle Tage wollte ich Dir schreiben, aber ich kam 
nie dazu. Noch einmal, Ihr lieben, guten Menschen verzeihet mir 
und seid mir nicht büsel ich werde im Laote dieses Winters 
mein Versäumniss gewiss nachholen. Icli bin, seit Ihr von £uerem 
Häuschen fortgegangen seid, nnr einmal dort gewesen — habe 
aber nichts weggeräumt; es bleibt Alles wie es liegt und steht, bis 
Ihr im Frtthjahre wieder kommt! Oder ist es Dir in Lasern 
lieber? Ibr habt die Auswahl! Kanm wäret Ihr von Goisern fort, 
so kamen zwei Gcognosten, die noch bei mir sind; der Eine ist 
Professor Sucss, der Aiidcre Kdiuund Moisitschowitsch; Ikide 
sind von der gco^•ll(»stischen Keichsaiistalt in A\'ien, lUide sind 
Protestanten und kennen Dich aus Deinen »"Schriften ganz gut; sie 
ärgern sich unendlich, Dich nicht mehr getrotlen zu haben. Sollte 
ans auch ktinftigcn Sommer Ludwig Pfau während Deiner An- 
wesenheit in Goisern besuchen, dann wtirde llttr Dich der Aufenthalt 
noch viel interessanter sein, dann würden Anssee und Htttteneck 
in Angriff genommen. Von unseren Freunden, Bürgermeister, 
Elssenwenger, dem Hallstätter Astronomen Filz, von meinem 
Weibe u. s. w. viele herzliche Grtlsse an Dich und Eleonora! 

Noch einmal Verzeihung, lieber, guter Freund, und behaltet 
mich lieb. Auch die gute Eleonora möge auf mich nicht böse 
sein, und möge sich l'tir nucii bei der Tante Elisa bedanken für 
die mir geschickte Photographie. Nächstens werde ich Euch genau 
Alles schreiben, was sich Alles in Goisern, seit Ihr fortgezogen 
seid, ereignet hat Lebe wohl und verzeihe mir meinen schlecht 
geschriebenen Brief, denn ich wurde öfters unterbrochen. Ein 
andermal Mehreres! 

Dein dankbarer Freund Konrad Deubler. 

NB. Wir haben prachtvolle Herbsttage. Alle Tage denken 
wir an Dich. Haid hätte ich noch vergessen einen Grnss von 
Soukop, dem Schulmeister, und von II. l'illak, \'oji meinem Weibe, 
Nandi, den zwei Theresle, dem alten Toni extra einen herzlichen 
Gross! 

15* 



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228 



Konrad. 

Dorf Goisem, den 27. Dezember 1867. 

Lieber, guter Freund! leb glaubte in meinem letzten 
Briefe an Dieb, es wäre in diesem alten Jabre das letzte Scbreiben 

an Dich ; allein ein Bach, das leb diese Weihnacbtsfeiertage gelesen, 
hat mich veranlasst, Dich gleich davon zn benachrichtigen. Es ist 
der 25. Band der Bibliothek der deutschen Klassiker, die Denker 
und Forscher der Neuzeit enthaltend, Hildburghauseu, 18()4ger Aus 
gäbe. Seite 265 heisst eine prachtvoll geschriebene Abhandlung 
„Feuerbach": „Einer der kühnsten und tiefsten Donker, einer der 
glänzendsten, lebensvollsten und phantasiereichsten Darsteller, einer 
der bnmansten und grossberzigsten Cbaraktere der Zeit'' u. s. w. 
Am Seblusse beisst es: „ Dentseblands ktthnster, freiester, tiefeter 
Denker zog naeb Amerika!" Diese so treffliche, herrlich gescbrie- 
bene Biographie ist von Arnold Scbloenbacb. 

Ich glaubte Dir gleich tlber einen so störenden Irrthnm schreiben 
zu müssen! Ja mein lieber, ^uter Doktor, seit ich Deine Schritten 
immer wiederholt durchlese und Uberdenke, lerne ich Dich erst 
recht verstehen und hochschätzen! 

Du solltest uns einmal disputiren hören, wie ich and Eissen- 
wenger, Steinbrecher, die langen Winterabende um den wannen 
Ofen sitzen und bald dieser oder der andere aus Deinem „Wesen 
des Gbristentbums" oder aus Deinen „Gedanken ttber Tod und Un- 
sterblicbkeit" uns gegenseitig vorlesen, und wie wir uns auf den 
künftigen Sommer freuen, wenn Du wieder, wie wir fest boffen, in 
Goiseru einziehen wirst. 

Auch unsere Zeitungen werden immer interessanter; auch 
bei uns in Oesterreich längt der uralte tausendjährige Streit an 
immer heftiger zu werden ; wir haben jetzt eine ziemlich freie 
Presse, Glaubens- und Gewissensfreiheit Kur die Schulen lassen 
noch vieles zu wünschen tibrig. Solange unsere Schalen nicht von 
der Kircbe getrennt sind, wird und kann es nie besser werden! 

Wenn wir in Oesterreieb gute Volksredner bfttten, die wären 
dazu bestimmt die Bildung und fielebrung der unteren grösseren 
Massen ausserbalb der Schule zu leiten; sie wttrden dieses be- 
werkstelligen durch Reden in den allsonntSglicb stattfindenden 
Volksversammlungen. Ihre Heden mlissten die politischen und 
gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart, Geschichte, Gesundheits- 
und Naturkunde behandeln j theologische Sachen mUssteu streng 



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229 



aasgescblosaen bleiben. Solehe Voiksredner wttrden bei uns wahre 
Wunder wirken und znr wahren Wohlfahrt der mensehliehen 6e- 
aellscbaft viel beitragen. Solche Volksredner würden mit der Zeit 
unsere Pastoren ersetzen. Wer weiss, was wir noeh Alles erleben 

werden? Nur muthig vorwärts — und dabei die Aufklärung und 
Besserung unseres eigenen Ich'.s nicht vcrsiuinicn! Ich wollte, ich 
kiinnte nochmals auf ein paar Stunden mit Dir gemüthlich meine 
Gedanken austauschen; aber so bin ich genötbigt, Dich mit schlechtem 
Geschreibsel in meiner knorrigen, unbeholfenen Holzkneoht-Sprache 
zn belästigen. 

Sei mir darob nicht böse, lieber, guter Lndwig, und behalte 
auch im künftigen neuen Jahre mich lieb. Und wenn Du in diesem 
Winter einmal Zeit hast, und bei guter Laune bist, so sehreibe mir 
wieder einen langen Brief, wie es Dir geht, sammt Deinen lieben 

Angehörigen, was Du für Arbeiten wieder unternommen hast. 
Grllsse und küsse mir Deine liebe Frau und Eleonora; sage dieser, 
dasg ihr Brief mit ihrer Photograidiie bei Steinbreeher's eine unge- 
heuere Freude gcmaclit hat. Kin grosser Verebrcr Deiner Schriften, 
Eduard ßeich aus Gotha (Du hast bei mir seine Werke gesehen) 
bat mir sein Porträt geschickt, nebst einem Brief, worin er den 
Wunsch Äussert, er m(tehte Dich und Radenhausen gerne per- 
sönlich kennen lernen. Er beneidet mich um meine Bekanntschaft 
mit Dir. 

Lebe wohl und glttcklieb, und bewahre auch im neuen Jahre 

Deine mir so kostbare Freundschaft Deinem treuen Freund 

Kourad Deublcr. 



Ludwig. 

Roclienborg, den 21. August IHGu. 

Lieber Deubler! Der Sommer ist mir wie ein Dieb ver- 
schwunden, ob ich gleich, oder vielleieht weil ich ein sehr fleissiger 
Sammler und Einhamsterer, namentlich auf dem Felde der grossen 
franzitoischen Bevolution von 1789 war. Was Du mir von dem 
alten Üblich schreibst, ist erfreuHeh nnd besebllmend. Er ist älter 
als ich. Aber freilich ist ein grosser Unterschied zwischen einem 
IJenker meiner Art und einem Sprecher und Prediger seiner Art. 
Auch ich bin immerfort thUtig, aber nur nach Innen, nicht nach 
Aussen. Wie lange brauche ich, bis ich einmal etwas aus mir 
herausbringe I £s ist nicht gut, wenn der Mensch frtlh reif wird. 



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230 



Er steht da allein, findet keine Ansprache, die allein belebt und 
zum Weitersprechen anreizt, wird auf sich selbst zurückgewiesen. 
Und findet er endlich Anklang in Anderen, die dasselbe denken 
und wollen, so ist er entweder schon todt, oder doch ein alter 
Mann. Dn fragst mich| was ich von den Konxüen denke. Von 
dem römischen wttnsche ich nnr, dass es zq Stande komme; and 
zwar ganz im Sinne des Papstes, der Jesuiten. So kommt es dann 
endlich doch zn einer Entscheidong, wird der schamlosen Frechheit 
uud Hohlheit des bekannten Syllabus die Krone aufgesetzt, den 
Schwach- und Dummköpfen selbst die lUngst ausgemachte Unver- 
trägliclikeit des Katholizismus mit den ersten liedinixungen und 
Grundlagen der menschlichen Gesellschaft augenscheinlich, hand- 
greiflich gemacht. Was aber das entgegengesetzte Konzil betrifft, 
so seheint mir dieses von meinem Standpunkte aas schon als Nach- 
ahmung, wenngleich in en^gengesetztem Sinne, verfehlt. FreiUch 
an Ort und Stelle, «af italienischem Gmnd und Boden, würde es 
mir yielleieht in anderem, besserem Lichte erscheinen. Aber tob 
hier ans iVage ich mit Verwandernng: Was hat ein KonziHnm fttr 
Freidenker für einen Sinn? Lasst doch den alten Orthodoxen, den 
Geistlichen, diese Form ! Für uns passt sie nicht. Doch ich muss 
st liliessen. Ich wünsche nur noch Dir und den Deinigen in und 
ausser dem Hause ein Lebet wohl! Dein unsichtbarer, vielleicht 
aber noch dieses Jahr sichtbarer, herzlich ergebener alter 



Lieber guter alter F r e u n d I Kein Tag vergeht, au dem 
ich nicht an Dich denke! Lauge halte ich es nicht mehr aus, ich 
muss wieder einmal wissen, wie es Dir geht Sei mir nicht böse^ 
dass ich schon wieder mit einem nnorthographischen and nngraoh 
matikalischen Briefe Dich belästige; dafür ist er mn so aufrichtiger 
und wahrhaftiger, denn das Herz kennt kerne Grammatik, denn 
wo die Liebe anfkngt, hOrt die Regel auf. 

Seit Deine gute Eleonora zu meinem Geburtstage im vorigen 
Kovcmber mir Eueren Glückwunsch geschrieben hat (t\ir den ich 
ihr meinen herzlichsten Dank !<agcn lasse), habe ich wieder nichts 
von Dir vernommen. Wie gerne mochte ich mit Dir über so 



L. Fenerbach. 



Koarad. 



Dorf Goisern, den 17. Jinncr 1970. 




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231 



Manches reden, am wie Vieles fragen! Was sagst Du zn dem 

Konzile in Rom, zu den Rückschritten des Protestantismus in 
Preussen, sowie liier in Oesterreich? Uebcrall entstehen freie kon- 
fessionslose Gemeinden. Soll ich zum Scheine dieses pietistische 
Getrödel noch ferner mitmachen? Oder meiner inneren Ueberzeugung 
gemäss austreten und mich in Graz oder Wien einer freien Ge- 
meinde ansehliessen? Ein Freund von mir, Franz Aschinger ans 
Welsi hat den grossen Schritt gethan und bei der Bezirkshanpt- 
mannschaft seinen Austritt aus der christlicben Religion angezeigt, 
am in Wien der freien Gemeinde sich anzuschliessen. Ich war 
bisher wegen der Leute alle Jahre am Charfreitag zur Kommunion 
gegangen, und muss Dir aufrichtig gesteben, habe mich vor mir 
selbst geschämt. Mein ganzes !)esseres Selbst empörte sich gegen 
eine solche Heuchelei, l'nd doch, was bleibt mir tibrig — zumal, 
wenn man als kleiner Gewerbsmann von diesen Leuten leben muss? 
Zum Auswandern bin ich jetzt schon zu alt, und wUrde mich schwer 
von meinen so schönen Bergen trennen können. Ich ersuche Dich 
in dieser flttr mich so wichtigen Angelegenheit um Deinen Rath. 

Uebrigens lebe ich glücklich und zufrieden und bin sammt 
den Meinigen immer gesund und wohlauf. Nur manchmal in eki- 
Samen Standen beschleicht mich der druckende Gedanke, wie meinen 
armen verdummten Mitmenschen geholfen werden könnte Gebt 
mir", rufe ich oft, „einen grossen Gedanken, damit ich mich daran 
erquicken kann!" Dann suche ich Dein Ruch tlber „Tod und 
Unsterblichkeit'' hervor, und bin wieder gestärkt und aufgelegt 
zum Kampfe mit dem Miserere des Alltagslebens, und ich vermag 
dann mein Haupt Uber den schwUlen Dunstkreis des niedrigen, 
gemeinen Trubels wieder zu erheben. Dann lege ich mir Deine 
Photographie vor mir auf den Tisch und beschaue mir mit geistigem 
Auge die Bildergallerie meiner Ermnerung: Unser Ausflug zum 
Gösau -See, der Gang nach der Jochwand, wie uns das grosse 
Donner- und Hagelwetter überraschte, der Spazirgang auf der 
Soolenleitung zum IlallstUtter Salzberg u. s. w. Dein Aufenthalt 
in unserem friedlichen Dorie bildet den Glanzpunkt meines Lebens. 
Der Gedanke, der grösste, kühnste Denker in gegenwärtiger Zeit 
bat Dich mit seiner Freundschaft beehrt, macht einen grossen Theii 
meines Glückes aus! GrUsse mir Deine liebe Frau und Tochter 
au£B Herzlichste, sage Deiner Tochter meinen innigsten Gittckwnnsch 
za ihrem bevorstehenden Namenstag; möge sie noch lange, recht 
lange das ansclUitzbare Glttck geniessen, ihre guten Eltern fttr sich 



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232 

und zum Wohle der Wisseiuschaft und der Torwärtastrebeoden 
Menscliheit zu besitzen. 

Wie geht es dem guten Fritz, der Tante Elisa? Was arbeitest 
Du gegenwärtig Wichtiges, was hat das wisseusehaftlich gebildete 
Deutschland noch von Dir zu hoffen? Schreibe mir ja bald einmal 
wieder und behalte mich heb. Ich ktisse and umarme Dich im 
Geiste ! Dein K o n r ad. 

N. B. Viele Grüsse von den beiden Steinbrechern, Elssenwenger, 
Yon meinem Weibe, Pilz am Hallstätter See^ Hotelbesitzer Franz 
Koch Yon IschL 



Ludwig. 

NQrnberg, den 28. Febmu tS70. 

Mein lieber Den hier! .. Die Religion, wenigstens die offi- 
zielle, die gottesdienstliche, die kirchliche ist entniarkt, oder ent- 
seelt und kreditlos, so dass es an sich ganz gleichgültig ist, ob 
man ihre Gebräuche mitmacht; denn selbst diejenigen, die sie an- 
geblich gläubig mitmachen, glanben nur an sie zn glauben, glaaben 
aber nicht wirklieb, so dass es sich wahrlich nicht der Mtthe lohnt, 
wegen eines Glaubens, der längst keine Berge mehr versetzt, seine 
lieben Berge zn verlassen. Aber musst Du denn, wenn Da di6 
Niederträchtigkeit der christlichen Kirche fahren lässt, auch Deine 
erhabenen Berge fahren lassen? Kannst Du denn einfach Deinen 
Austritt aus derselben nicht auf negative Weise bethätigen, nicht 
dadurch, dass Du eben nicht mehr zum Abendmahl gehst? Oder 
ist das nur bei uns, nur in der Stadt, nicht auf einem Dorfe, nicht 
bei Euch möglich, thunlich? Doch genug für heute. Es ist s<» 
wunderschönes Wetter, dass ich kein Sitzfleisch habe, dass ich 
hinans ins Freie mnss. Lebe wohl! Dein Lndwig Fenerbaeh. 



Lndirig. 

Sonntag, den 2S. Hin 1871.*) 

Lieber guter Deublerl Zwei Briefe habe ich Dir zu beant- 
worten, den ersten vom „26. September 1870", den zweiten vom 
„März 1871 Den ersten erhielt ich am 1. Oktober nebst einem 



*) Mit zittcmder Hand, immer beigab, in Zwischenrinmen , wie mit ansaiboKr 
Tinte gesdirieben. 



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233 



auch nocli unbeantworteten Brief von Hol in, dessen Du Dich noch 
erinnern wirst; denn er war ja auch l)ei Dir zu derselben Zeit, 
wo ich bei Dir war. Wenige Tage darnach empfing ich eine An- 
zeige aus Newyork, dass ich nächstens eine Ehrengabe ron 
100 Dollars" erhalten würde. Und diese Ehrengabe erschien wenige 
Tage darnach. Ich wollte sie Dir melden, aber ich kam nicht dazu. 

Samstag, 1. April. Ich bin Dir nicht bOse ob „Deiner 
stHlfliehen KachlSssigkeit'^ Ich bin es mir selbst, und eile dazu, 
meine Böcke jetzt auszulöschen. Mein erster Bock ist der vom 
vorigen Jahre, wo ich Dir nicht antwortete. 

Donnerstag, 6. April. Ich gehe nirgends mehr hin. Seit 
dem Herbste vorigen Jahres war ich ein einziges Mal in der Stadt 
bei meiner unpässlichen Schwester. Bei meinem Fritz war ich im 
Monate Milrz ein einziges Mal. Er grüsst Dich. Und ich grttsse 
Dich und danke Dir ftlr Deinen schönen lO-Thalerschein. Wanim 
hast Dn mir ihn aber geschickt? Er wäre ja gnt bei Dir gelegen. 
Ich komme hier nirgends mehr hin. Meinen Hansfrennd Scholl 
habe ich schon Uber ein Vierteljahr nicht gesehen. Ein ttlchtiger 
Hausfreund von ihm ist erst vor einigen Wochen von hier wegge- 
zogen in die sächsische Schweiz. Von der neuen Literatur kann 
ich Dir nichts sagen. Ich lese nur den „ Volksfrcund", der in 
Leipzig erscheint, „die neue Zeit'' in Newyork, den „Nürnberger 
Anzeiger*' und den „Libero Pensiero, Giornale dei ßazionalisti". 
Ich weiss nicht, ob ich heuer zu Dir komme .... Wie es die Slawen 
bei Euch machen werden, weiss ich nicht .... Wenn ich aber anch 
nicht komme, so grtlsse mir herzlich Deine Frau, den Elss^nwenger, 
den Steinbrecher, alten und Jungen, nebst Fran, den Mann, der am 
letzten Sonntag mir so grosse Fische geschickt hat, und alle anderen 
mir lieben Männer. Meine Frau und Tochter grtlssen Dich bestens. 
Ich hoflfe Dir ein andermal einen besseni Brief schreiben zu können. 
Dein treuer Freund Ludwig Feuerbach. 



Frau Bertha Feucrbacli au Konrad. 

Kcchoiiborg, den 24. Januar 1872. 

Lieber Herr Denb 1er! .. Mit meinem Hanne geht es leid- 
lich, aber traurig ist sein Lebensabend, da er durch die gänzliche 
Lähmung seiner geistigen Organe aller Beschäftigung beraubt ist. 

Ja, wäre er nur etwas körperlich gesunder, diesen Somme^r nitisste 
er sich Stärkung in Ihren prächtigen Bergen holen ; allein atf^einc 



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I 



23-1 

so weite Eeise ist bei seinen krankhaften Zuständen nickt melu: 
zo denken. Es würde eine grosse Freude für ibn seioy Sie wieder> 
KQselieii; denn keinen Freand liebt und schätzt er so sehr, als Sie. 
Maehen Sie ihm wenigstens jetzt die Fieade eines Briefes, ich bitte 
sehr darum. 

Mit nnmänderter Freundsohaft Bertha Fenerbaeh. 



Epilog. 

Konrad Deubloi »n don Ueramgebet. 

Dorf Goisen, den 17. Jftniier 1S74. 

.... Icli war 16 Monate in Graz, ohne nur eine Stunde in die 
freie Luft zu kommen, in rntersuehungs-Arrest weisen Ver])reitUDg 
Fcuerbach's, Rossmäsler's Schritten u. s. w. (Keligionsstörunj:). 
Lan^e schon vor meiner Interniruug und Zuehtbauszeit, im Jahre 
1844, habe ich in mehreren Exemplaren ein Hei'tchen unter den 
Salinen-Arbeitern verbreitet: „lieber wahre Bildung, eine Vorlesung, 
gehalten zu Bielefeld, den 28. ApriP< von K. Ct. — Dann wegen 
HochTerratb durch Verbreitung republikanischer Bficher, wie „Oester- 
reich und seine Zukunft''. Ich wurde in Graz freigesprochen, der 
Staats-Anwalt Waser legte eine Niehtigkeitsbesehwerde beim Kassa- 
tionsbof ein, und ich bekam nun 2 Jahre schweren Kerker nach 
Brünn, nachdem noch ein Jahr Intcrnirung nach Ighiu und (Umürz! 
Vier Jahre wurdeu so von meinem Leben ausgestrichen I Wer er- 
hielt mich immer aufrecht in all diesem Jammer? Den geistbele- 
benden Ideen Fenerbachs habe ich es zu verdanken, dass ich ge- 
sund und rüstig zu meinen Lieben im Jahre 1857 wieder heimkehren 
konnte .... 

Mein nur zu maugelhafter nothdürftiger Schulunterricht wird 
mich wohl wegen meiner schlechten Schreibweise entschuldigen. 

Denn icli habe in unserer Dorfschule ausser ein Hiscben Lesen gar 
nichts gelernt; nicht einmal folgerichtig denken und sprachrirhtig 
mich auszudrücken. Mit einem Aller von 'JO Jahren habe ich er^i 

mühsam von mir selbst das Schreiben gelernt 

Ich muss aufhören, es wird dunkeL Grtisse Sie ... . 

Eonrad Deubier. 



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235 



Konrad Deubler an den Horansgebor. 

Dorf üoiscru, den 21, Februar 1^74. 

.... Ucbcr ein Jnlir ist verflossen, als ich den grössten Denker 
zum letzten Male in Rechenberg weinend zum Abschied an meine 
Brost druckte — wir die letzten Kttsse wechselten. Er liegt nun 
fem von meinen heimathlichen Bergen auf dem Johanniskirchhof in 
Nürnberg, aber bei uns in Goisem lebt er noch! 

Eine grosse, wirklich eine sehr grosse Freude wurde mir ver- 
gangene Woche zu Theil. Der Fuhrmann, der von Goi.scrn all- 
wöclientlich nach Salzhurjr faiirt, brachte mir eine grosse Kiste von 
Nürnberg mit, deren Inhalt eine grosse — Büste von Feuerbach 
war — ! Dieser Kopf ist uuserm dahingeschiedenen Freund so 
wunderbar ähnlich, dass ich, als wir — ich und mein Weib — 
ihn aus der Umhüllung heraushoben, vor Wehmuth und Freude 
laut weinen musste. 

Die ßtlste ist von SchreitmttUer und prachtvoll bronzirt Feuer- 
bacbs Eleonora schreibt mir, dass sie dieses Kleinod mir zum 
Andenken mit Vergnügen zuschicken. In der schönen, grossartigen 
Natur, die ihr Vater so sehr geliobt hat, niüsste ihm ein beschei- 
denes Denkmal errichtet werden, und im Hilde solle er wenigstens 
dort weilen, wo seine schünlieitsdurstige Seele einmal Erquickung, 
Stärkung, und an der Seite eines Freundes, der ihn vcrständniss- 
voU zu würdigen wnsste, auch Begeisterung getrunken hat n. s. w. 

Ich habe dem mir unvergesslichen muthigen Denker schon 
frtthcr auf seinem Lieblingsplatz eine Tafel angebracht mit der 
Aufschrift: „Den Manen des grossen Denkers L. Feuerbach 
geweiht'^ Vorigen Herbst habe ich in Form der Tells-Kapelle 
einen Tempel errichtet; da wird die Büste aufgestellt werden. 
Wenn Alles fertig ist, werde ich ihnen eine rhotographie davon 
schicken. 

Behalten Sie mich lieb! Konrad Deubler. 



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Aus dem Nachlass. 



ZinzcDdorf und die Ueirnliater. 186d» 

Die Herrnbater, die „evangelische Brttderanität'', ernenerte 
„Brtlderkirohe", auch schlechtweg „Brüdergemeinde'' genannt, sind 
eine den englischen Quäkern nnd Methodisten verwandte Beligioos- 
gesellschaft , nnd wie jene das Wesen des Ghristenthnms nicht in 

die I^elirc, sondern in das Leben, nicht in die Dogmatik, sondern 
in die Moral setzend, sieh aber von ihnen, abgesehen von dem 
Untersehicde der Individualität nnd Nationalität ihrer Stüter, dadurch 
unterscheidend, dass ihre Moral in gewissen Stücken nicht so streng, 
als die der Quäker und Methodisten. „Eine gewisse Galanterie 
nnd Weltlichkeit verlor sich bei dem gottseligen Grafen Zinzeudorf 
niemals gänzlich, nnd etwas davon kam anch in seine Lehre nnd 
Anstalt. Unwahrheiten zn einem frommen Zwecke nnd nnredliche 
Akkommodationen hielt er gar nicht für unrecht und erlaubte sie 
sich selbst zuweilen; anch gab er zu, sich der Welt mehr gleich- 
zustellen als andere, ähnliehe Sekten. Die llerrnhuter Versamm- 
lungen und Gemeindeiirter haben bei aller Einlauldieit doch etwas 
Schönes, Elegantes und Geputztes an sich. Man darf sie nur mit 
den quäkerischen Ansiedlungen und Versamndungen vergleichen. 
J. Wesley, der Stifter der Methodisten, machte Bekanntschail mit 
den Herrnbntem, um von ihnen zn lernen nnd für seine Anstalt 
Nutzen zu ziehen, zerfiel aber mit Zinzeudorf, weil dieser Nothlttgen 
und ein gewisses Gleichstellen mit der Welt vertheidigte (Ge- 
schichte der theologischen Wissenschaften von G. F. Stäudlin, 
II. Th., 1811, S. 667. Gesehiehte der Literatur von J. G. Eichhoro, 
VI. Bd., II. Abth.) Er zerfiel aber mit Zinzendorl" keineswegs aus 
diesem Grunde allein; der Hauptgrund der Differenz, die Hauptbe- 
schuldigung, die Wesley dem Zinzendori' machte, war vielmehr, 
dass er „blindlings dem Luther folge und anhänge^' — ein Vorwuri, 
der sich aher zuletzt nur darauf reduzirte, dass der Stifter der 



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287 

Methodisten ein £nglilndcr, der Stifter der ßrüdergemeiDde ein 
Deotscher war; dennDeutsclifhum und Liitherthum ist nnzertrennlicby 
ist eins. Es war nar die Macht des Auslandes , des Bomanismns, 
des JesoitiBmoSy die dieses Band, diese Einheit zerrissen hat Also 
der wahre nnd letzte Grund der Entzweiung zwischen Wesley und 
Zinzendorf ist einfach der, dass dieser ein Deutscher und Luthe- 
raner, und zwar eingefleischter Lutheraner war. Zinzendori's 
Freunde, ja er selbst nannte sieh Luther um vere redivivum oder 
Lutherura Lutheranissimum. Im Jahre 1752 erschien von einem 
unparteiischen, evangelisch -lutherischen Prediger eine Schrift mit 
dem Titel: „Der in dem Grafen von Zinzendorf noch lebende und 
lehrende, wie auch leidende und siegende Doktor Luther". Und 
der Titel ist ganz richtig. Zinzendorf ist der im 18. Jahrhundert, 
aher eben dess wegen nicht mit Haut und Haaren, sondern seinem 
innem Wesen nach, nicht in der Gestalt eines Bergmannssohnes 
und ehemaligen Augnstiner-MOnches, sondern in der Person eines 
Weltmannes, eines Grafen wiedergeborne Luther. Führen wir zum 
Beweise einige charakteristische Aeusaerungen Luthers an, die 
Zinzendorf selbst in seiner unter S})angcnber^'R Kamen 1752 er- 
schienenen apologetischen Schlussschrift anführt, um seinen Gegnern, 
darunter besonders den bornirten, den Buchstaben mit dem Geist 
verwechselnden lutherischen Orthodoxen gegenüber, sich als Lnthe- 
rum Lutheranissimum zu legitimiren: „Ist denn das eine neue Lehre, 
wenn man sagt, es ist kein anderer Gott als in Christo? Dr. Luther 
sagt in gebundener und ungebundener Rede: kein anderer Gott 
als Jesus Christus, keinen anderen haben wollen (sagt er gar 
irgendwo) ist das Zeichen der wahren Kirche. Alle Gottheit, ausser 
Christus betrachtet, ist Hirngespinst oder Teufelcy*' (8. 283). „Wer 
keinen andern Gott kennt als den Gottnienschcn Jesus Christus, 
der kann selig und iibcrselig sein; 100 tausend Kinder und 20tau- 
send einfältige Leute gehen heim und haben so wenig Verstand von 
Gottes Wesen als von der Algebra, haben aber Jesum, ihren Heiland 
lieb, zweifeln nicht, dass er sie geschaffen, und lassen ihn instar 
omnium*) sein. Warum haben denn die Alten gesagt: Si Chri- 
stum discis, satis est, si caetera nescis.**) Und Lutherus 
sagt: „die hochfliegenden Geister soll man an Christus Menschheit 
binden. Es wird nirgends bass, denn in Christus Menschheit ge- 



StaU aller Dinge. 

**) Wenn du Ghiistiun lernst, so ist es geung, ob du gleich alles Andere nicht weisst 



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238 



fanden nnd gelernt, was ans zn wissen noth ist'' (8. 277). Wo 
stebt es aber in der göttlicben OfTenbarnng, dass Gbristas aHein 
die Welt erschaffen babe? Antwort. In dem Sinn kann man's 

sagen, wie Luthenis singt: Er ist ein Kincllein worden klein, der 
alle Ding erliiilt allein. Lutlierus: „,,0 das ist ein lUeherlich 
Ding, ilass der einige (lott, die hohe Majcstiit , sollte ein Mensch 
werden nnd kommen hier zusaninieu heide »Sehöpler und Kreatur 
in einer l'erson .... wir sollen da solche Narren werden, dass wir 
gewisslicb glauben, dass diese Kind oder diese Kreatur ist der 
Meister and S ob Opfer selber"". Item: ,y,|I>er Menscb Gbristas 
JesaSy der Zimmermann, der dort zn Kazaretb aaf der Gasse geht, 
ist der recbte, wabrbaftige Gott, der die Welt gescbaffen bat, er 
ist allmUchtig" " (S. 235); „ „das Kind in den Windeln ist der Seböpfer 

der Welt"" nach der unione hypostatiea naturarnm.*) 

I^utherus: ,,,,hier ist mein Gott. Ich will an keinen Gott glauben, als 
einen Selu'ipfer Himmels und der Erden, ohne allein, der da einig ist 
mit dem der da hcisst .lesus Christus. Ich will von keinem anderen 
Gott wissen als dem der da heisst J. Chr."" (8. i^34). Der ans 
Liebe zum Mensehen Menscb geworden, zu seinem Besten leidende, 
ibn darcb sein Blut, seinen Tod, von Tod und Sttnde erlösende, 
dnreb diese Tbat and deren gläubige, d. b. innige, berzlicbe An- 
nabme nnd Aneignung selig maebende Gott — der Gott, der Menscb, 
der Mensch, der Gott. Die Gteicbbeit nnd Einbeit des göttlichen 
und menschlichen Wesens ist das Wesen, der Mittelpunkt, das Eins 
und Alles Luthers wie Zinzendorts; aher Luther hat die Konse- 
(pienzen, die Früchte, die sidi aus diesem Meusehwerden Gottes, 
das gleich ist dem Gottwerden des Mensehen, aus diesen» Leiden 
Gottes zum Wohle der Menschheit ergeben, nicht so sich zu Ge- 
mtttbe gezogen, nicht so ausgebeutet, nicht in so sinfiföUiger nnd 
darum den streng GlUuhigen anstössiger Weise realisirt, als Zinsen- 
dorf. Luther war im Sebreeken des alten, mensebfeindUcben Gottes 
aufgewachsen, lernte diesen erst nach nnd nach mit Httlfe des 
menscbgewordenen llberwinden; Z. lebte von Kindheit an im ver- 
traulichsten Umgang mit Gott, schrieb sehen als Kind liricle an 
seinen Heiland, wie an seinen leihliehen Bruder, hatte ein solches 
kindliches und zweiielloses \'ertrauen zu der Theilnahme des gött- 
lichen Wesens an allen menschlichen Angelegenheiten, dass er, als 
er als Student unter den Übrigen lür einen Kavalier scbicklicben 

*) Nach der ircseDtlichen EiDhett der Naturen. 



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239 

LeibesUbnngen aach das Tanzen lernen musste, den lieben Gott 

nm seinen Beistand anflehte, um bo scbnell als möglich mit diesen 
Aliotriis, wie er es nannte, lcrti{^ zu werden. Und er wurde erhört. 
„Mein einziger und wahrer Contident hat mich auch hierin keine 
Fehlbitte thun lassen", schreibt er selbst in den Antworten auf 
die Beschuldigungen". Seine Gegner warten ihm Eotkeiligung des 
Namens Jesu vor, wenn man ihn in solchen Dingen um llulfc an- 
rufe; er weist diesen Vorwurf damit ab, dass „der Heiland des 
Menschen Herzensfreund und allgegenwärtig sei'^ Die Mensch- 
werdong Gottes war oder ist eine Selbsterniedrigung, Selbstver- 
kleinerung der Gottheit ans Liebe zur Menschheit; warum soll es 
dem Zinzendorf zum Vorwurf gereichen, dass er, um seine Em- 
ptindnng ii)>er diese Gleichstellung Gottes mit dem Menschen aus- 
zudrücken, die familiärsten Ausdrücke, wie Mama, Papa, am liebsten 
Vciklcincrungswörter von der Gottheit ^^ebrauclitc? Wir verkleinern 
ein Wesen, einen Gegenstand vennittclst der Diniinutiva, nicht aus 
Greringschätzung, sondern aus Zärtlichkeit, um sie auf's innigste mit 
uns zu verschmelzen; gleich wie wir die Speisen mit den Z&hnen 
verkleinem y nm sie besser zu verdauen, leichter uns assimiliren, 
d. b. mit uns identifiziren zu kOnnen. Ist aber diese Zärtlichkeit^ 
diese Innigkeit nicht eine nothwendige Folge von dem Eindrucke, 
den das Menschsein des göttlichen, d. h. das Leiden des an sich 
leidloscn Wesens zum Resten der Menschheit auf einen gefühl- 
vollen Menschen macht, wie der Graf Zinzendorf war? Schon als 
Knabe wurde er bis zu Thräneu gerührt, wenn er erzählen hörte, 
dass sein »Schöpfer Mensch geworden, und was sein »Schöpfer für 
ihn gelitten. Er fasste den Heschluss, lediglich Itir den Mann 
zu leben, der sein Leben für ihn gelassen habe, und schloss einen 
Bnnd mit dem Heilande: „Sei Du mein lieber Heiland, ich will 
Dein sein''. „Sein Symbolnm war von Kind auf: Das Eine will 
ich thnn, es soll sein Tod nnd Leiden, bis Leib und Seele seheiden, 
mir stets in meinem Herzen ruhn". (Zinzendorf in der Beilage 
zu den Naturellen Reflex.'' »S. 7.) Lntlier sagt in seiner Er- 
klärun-r des Propheten Jcsnia iil)cr die Stelle ft). Kap.): .,uns ist 
ein Kind jj^cborcn , ein »Sohn ist uns gegeben*', „das Kind ist 
uns geboren, es bleibt uns auch ein Kind. Also ist uns auch 
ein Sohn gegeben und bleibt uns auch ein Sohn, er Wird nicht 
anders, als er vom Anfang seiner Geburt her gewesen ist Wenn 
wir aber den Sohn haben, so haben wir auch den 
Vater .... Ja selbst der Vater wird ein Sohn nnd wegen des 



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240 - 



Solmes gezwungen, in gewisser Maassen (dass ieh so reden mag) 
znm Kinde zn werden, mit ans zu spielen, uns znliebkoseni 
weil wir seinen Sobn haben. Um dieses seines geliebten Sobnes 

willeu sind auch wir geliebte Kinder und Erben Gottes". Dieser 
nicht nur Mensch, sondern Kind gewordene, mit dem Menschen 
spielende, ihn liebkosende und wieder liebkosete Gott ist der Gott, 
das Wesen, das Grundthenia Zinzendoris ; daher die so vielen Spott 
und Aergerniss erregenden Tändeleien, besonders in seinen Uedem, 
die er, wie er sich ansdrUckte, „aus dem TTerzen sang." „Z. hielt, 
bemerkt Vamhagen von Ense in seinem Leben desselben (S. 393), 
das kindliche, innig Yergnflgte nnd gleiehsam spielerische Wesen 
eines am Heiland hängenden Herzens fiDr eine grosse Seligkeit nnd 
meinte, jeder Mensch sollte sich ans seiner Kindheit etwas znrttck- 
zuholen suchen, etwas Spielendes, Herzliches, Grades, und man dürfe 
sich durch den Missbraucli, der dabei stattfinden könne, eben so 
wenig stören lassen kindlich zu sein, als man wegen des Miss- 
brauches der Vernunft authören dürfe vernünftig zu sein. Allein 
eben er selbst übte solchen Missbrauch und gab auch Andern den 
freisten Anlass dazu." Kr sagt selbst von sich, „dass eine seiner 
grdssten Inklinationen auf die Kindlichkeit gehe; denn das gerade, 
einfältige, nngenirte, Ycrgnttgte nnd artige Wesen eines noch nn- 
verdorbenen Kindes sei die allernobelste Gemfldissitnation , die 
sich ein Mensch vorstellen k((nne". (Sp.uigenberg's Leben des 
Grafen von Zinzendorf, S. 2012.) Gott ist Mensch, leibhaftiger, 
wirklicher, natürlicher Mensch. Was folgt daraus? Die Ent- 
menschung, die Entleibung des Menschen V Nein! Das gerade Ge- 
gentheil : die Vergötterung des Menschen vom Scheitel bis zur Ferse. 
„Gott, sagt Luther, verwirft nicht die natürlichen Neigungen an 
dem ^Fenschen." „Wir können Christum nicht zu tief in die Natur 
nnd das Fleisch ziehen, es ist nns noch tröstlicher'^ Zinzendorf 
dehnte diese Vertiefung, diese Herablassung der Gottheit ins mensch- 
liche Fleisch bis auf die Geschlechtstheile aus. „Zinzendorf be^ 
kannte frei, dass er die Glieder zur Unterscheidnng des Geschlechts 
für die ehrwürdigsten jun ganzen Leibe achte, weil sie sein Herr 
und Gott theils licwohut, theils scll)st getragen habe, ja, die Schani 
wurde ausdrücklich verdammt, als vom Satan in eine heilige Hand- 
lang hineingehexte und ge/>.'uiljcrte, welche, da sie in ihrem höchsten 
Augenblicke nur die Vereinigung Christi mit seiner Kirche bedeute — 
ersterer durch den Mann, gleichsam den Vice-Christ, letztere durch 
die Frau, deren eigentlicher Mann immer nnr Christus bleibCi vor« 



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241 



gestellt — für diejenigen, welche diesen Sinn und dieses Bewnsst- 

sein dabei hegen, so wenig mit der sinnlicben Wollust gemein habe, 
als der Gennss des heil. Abendmahls mit der Begierde eines Wein- 
trinkers!" (Varnh. v. E. 1. c., S. 276.) Das Christenthum erstreckt 
sich also selbst bis auf die Geschlechtstheile. Der Christ verrichtet 
ohne Bedenken, ohne Skrapel^ alle Funktionen des natürlichen 
Menseben, anch das Kinderzengen, aber nicht ans einem natttrlicben 
Triebe, sondern ans Liebe zu Christas. „Das Kinderzengen ist, 
sagt Z., unter die Dinge rangirt, die man onn eben nm's Heilands 
willen anf sich nimmt Wer hat denn gesagt, dass die Sache die 
geringste Konnexion mit dem fleischlichen Plalsir hat? Das ist 
eine Phantasie, die hat entweder der Satan in die mensehliehe Idee 
gezaubert, oder auch der kondeszendente Schöpfer darum zugelassen, 
weil sonst Niemand heirathen würde, als seine wenigen Leute 
auf Erden*'. (1. c, S. 275.) Selbst sogar auf den Abtritt geht 
der fromme Bruder und Diener Christi nur im Namen und nach 
dem Beispiel seines Herrn, denn „unser thenrer Heiland hat sich 
weder gescheut vom Stahlgang mit seinen Jüngern zn reden (Matth. 
15, 17), noch sich geweigert dergleichen menschliche Demflthignngen 
an seinem eignen Leibe zn erfahren". (ApoL Sehlnssschrift, S. 116.) 
So haben wir im Vater der Brüdergemeinde anch zugleich schon 
den Vater des modernen, extremen, d. h. von den inneren Zentral- 
theilen auf die Extremitäten des Menschen hinausgeworfenen, selbst 
bis auf den After sich erstreckenden Christenthums, das L. F. schon 
in seinen theologisch satyrischen Distichen von 1830 (z. B. denen 
Uber den Unterschied von Natur und Gnade), später in seinen 
Kritiken des modernen Afterchristenihums und anderwärts charak* 
terisirt nnd persiiflirt hat. 

Pb. Jak. Spener's (geb. 1635, f 1705) „ftomme Wünsche 
(pia desideria) oder herzliches Verlangen nach got^fUliger Bes- 
serung der cTangelischen Kirche" — Speners eigne Worte — nnd 
die von ihm zum Behnfe der Verwirklichnng dieses Verlangens 
gehaltenen Erbauungsversammlungen (collegia pietatis) sind es, 
welche die Brüdergemeinde hervorgerufen haben. Spener fand den 
Zustand der evangelischen Kirche, „des deutschen Juda und Jeru- 
salem**, seiner Zeit in den Worten des Propheten Jesaias gezeichnet: 
„Das ganze Haupt ist krank (das ganze Herz ist matt), von den 
Fnsssohlen bis anfs Haupt ist nichts gesundes an ihm, sondern 
Wunden nnd Striemen nnd Eyterbenlen, die nicht gehefflet, noch 
verbunden, noch mit Oel gelindert sind.'' Aber das Mittel znr 

OrHn, PMinliBehii RrlelVrvchsel n. NNrliUiwi. II. \ß 



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— Hi — 

Heiimig des Uebels fand er Dicht in einer Behandliing des kranken 
KOrpen im Grossen nnd (Manzen, sondern darin, dass naa erst im 

Einzelnen nnd Besonderen sie beginne, erst Theil für Theil die 
Keime zur Wiedergenesnng des Ganzen bilde und sammle. Es 
mÜBStcn also, meinte er, erst die wcuij^en, einzelnen, guten und 
frommen Seelen zu p:ef!:enseitiger Förderung:; zusammentreten, gjleich- 
sam Kirchlein in der Kirche, ecclesiolas in ecclesia, bilden, und 
dnrch ihr Beispiei die anderen minder frommen, oder gar gleich- 
gtlltigen Seelen snr Nachfolge anreizen, ehe an eine Besserung der 
Kirche im Ganzen gedacht werden kOnne. Und eine solche eeeie- 
siola in eoclesia im Sinne Speners war nrsprtlnglich die Brüder- 
gemeinde. „Die erste Gelegenheit» schreiht Zinsendorf selbst in seinen 
„Naturellen Reflexiones Uber allerhand Materien'* (1746, 
S. 157), zu denen Oberlausitzischen Anstalten ist der Spiritus Speneri 
de i)lantandis in Ecciesia Ecclesiolis gewesen, der meiner seligen 
GrosH-Frau-Mutter, meiner Tante zu Hennersdorf, mir und meiner 
Gemahlin allerdings anf»;changen, in quo Spiritu jam per decem 
anno 8 ambnlaram,*) solchen auch in Wittenberg (wo die dem 
Spenerianismus , dem sog. Pietismus entgegengesetzte lutherische- 
Orthodoxie henachte, nnd wo Z. stndirte) selbst nicht dissimnlirt 
hatte, weil ich ans einem Hause kam, wo ich in dergleichen Frin- 
eipiis anferzogen worden, wie meine Gemahlin anch'^ Was ist 
aber der Spiritus Spener's? Der Geist, der nns getrost sprechen 
macht: „Ich weiss an wen, was und warum ich glaube, 
weil wir in göttlicher Gnade nicht nur das Wort, sondern die Kraft 
der Sache in eigner Erfahrung verstehen" (Sp. in der Dedi- 
kation seiner Allgem. Gottesgelehrtheit an den Herzog von Braun- 
schweig) — der Geist, der mit Luther sagt: „es mag Niemand 
Gott noch Gottes Wort recht verstehen, er hab's denn von dem 
-heil. Geist ohne Mittel, Niemand kann's aber von dem heil. Geist 
haben, er erfahre es, versuch 's nnd empfind 's dann, nnd 
in derselbigen Erfahrung lehret der heil. GreiBt als in seiner eignea 
Schule, ansser welcher wird nichts gelehrt, dann nnr Sehein, Wort 
und Geschwätz'', mit Arndt'» wahrem Christenthum sagt: „Gott ist 
eitel Gnade mul Liehe. Ks kann aber Niemand wissen, was Liebe 
sei, denn wer sie seihst hat und thut. Und also gehet die 
KrkUnntniHH einen jeglichen Dings aus der Erfahrung, aus 
der Tbat nnd Empfindung, aus den Werken der Wahrheit — 

*i ffi wt'hUtw iMtiii' U'.U *u'Mou Xflhn Jihre gnirandolt bttte. 



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243 



Stellen^ die Spener unter anderen in der angeführten Schrift wid^ 
sdne Gegner zum Beweise der Uebereinstimmung aeiner eignen 
Lehren mit dem wahren Ghrist^thum und Lntherthum anführt — 
der Geist also^ der, was ihm von einem Ändern, hier Gott oder 
der Bibel gesagt wird, nieht glaubt, nieht fOr wahr annimmt, weü 
es ihm gesagt wird, sondern weil er es aus sich selbst als wabr 
empfindet und erkennt, aus der Quelle seine Ueberzeugung von der 
Wahrheit desselben scbüpft, aus demselben Triebe, demselben Herzen, 
demselben „beil. Geiste", aus welchem urspriiiiglieh der christliclie 
Gottmensch gezeugt wurde, ibn wiedergebiert, und eben desswegen 
diesen seinen Glauben an die Einheit des göttlichen und mensch- 
Uohen Wesens auch in der That, im Leben, in der Liebe beweist 
Spener verwarf daher die theologisohe Sophistik, Seholastik und 
Tor allem die Polemik, beklagte und bestritt die selbst von der 
Kanzel herabgepredigte Meinung, dass der Glaube auch ohne Werke 
der Tugend selig mache, dass auch der wahre Glaube mit Lastern 
verbnnden sein könne, lehrte und predigte nur inniges, herzliches 
und darum eben so woblthätiges , als — denn „was nicbt von 
Herzen, gebt nicbt zu Herzen" — populäres, allgemein verstand- 
liches und eindringliches Christentbum. Spener war ein religiöser 
Demokrat, Gegner darum auch des aus dem Papstthum stammenden 
aristokratischen Gegensatzes von Geistlichkeit und Laienthum, 
Gegner des hochmlithigen Klerus, der sieh allein den Namen der 
Geistliohen angemasst, während er doch allen Christen gemein sei, 
von allen geistlichen Aemtem herrschsttchtlg die flbrigen Christen 
ausgeschlossen habe, während es doch ihnen zukomme und ge- 
bühre, „in der heil. Schrift zu forschen. Andere zu unterrichten, 
zu ermahnen, zu strafen, zu trösten und dasjenige im Privatleben 
zn tbun, was im Kirehendienst Öffentlich geschieht", ja eigentlich 
„alle Christen zu allen geistlichen Aemtem nicht nur befugt, sondern 
auch verbunden seien". (Stäudlin, Geschichte der theol. Wissen- 
schaften, S. 360.) Dieser Geist ist also der Spiritus Speneri, aus 
dem die hermhutische Ecelesiola in Eeclesia hervorgmg — in 
ecelesia, denn Zinzendorf wollte kein Separatist sein, sich nicht 
von der Kirche, der lutherischen nämlich, worm er geboren und 
erzogen, trennen, bekannte sich vielmehr zur Augsb. Konfession 
(insbesondere in ihrer ersten Gestalt), bewog selbst die böhmisch- 
mährischen Brüder, deren Ankunft in H. die erste, äussere Ver- 
anlassung zur Gründung der Z.'scben Relif^ionsanstalt gegeben, zur 
Annahme derselben. Diese Aubänglicbkeit an die Augsb. Kouf. 

10* 



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— iU — 

hielt ihn aber nicht ab, anoh anderen Konfemionen in seiner Ge- 
meinde Platz za machen. Er hielt sieh nnr an das Wesentlicliey 

Unbestrittene, von allen Parteien Anerkannte der ehristlieben Lehre 

und Kirche; die sie trennenden und unterscheidenden Lehren und 
Gebräuche machte er zu unwesentlichen Formen, zu Unterschieden 
nur der Methode und des Ausdrucks zu tropis paediae, eij;en- 
thUmlicheu Weisen der Schule, in der die zur Brüdergemeinde ge- 
tretenen Personen erzogen worden seien, und denen sie auch nach 
seinem Willen innerhalb der Unitas fratrnm treu bleiben sollten*. 
Es gab daher einen lutherischen, einen mährischen, einen reformirten 
Tropus. Obwohl ein eifriger Lutheraner tllr seine Person, bekannte 
er doch, dass er keinen Beruf in sieh fbhlei Andersglftubige 
lutherisch zu machen, ttberhaupt Leute aus der einen Religion in 
die andere überzuholen; er trage nur das Evangelium so vor, dass 
er Seelen ttlr den Heiland werben möchte, und die armen Sünder, 
sie mögen lutherisch, rei'ormirt, katholisch oder gar Heiden sein, 
dem zu Füssen fallen, der uns alle erlöst hat''. (Z.'s Leben von 
Spangenberg, S. 1010.) Man beschuldigte ihn wegen dieser seiner 
freisinnigen Toleranz der konfessionellen Unterschiede des Sjrnkre- 
tismos und Indifferentismus. Er erwidert darauf: „dass es Katho- 
liken und Calvinisten gebe, die da selig werden, ist wahr und whr 
gestehen es gem. Aber alle dieselben haben den eigentlichen In^ 
thum nicht, der in ihrer Religion zur Verdammniss abführen kann, 
sondern sie haben an dessen Stelle die evangelische, selig machende 
Wahrheit und irren nur in Nebenpunkten. Z. B. kein Katholischer, 
der selig wird, ist werkhcilig, sondern er liegt wie ein lutherischer 
Wunn zu den Füssen Jesu, und sucht die freie Barmherzigkeit 
Gottes um der Wunden des Heilands willen wie ein Dieb unter 
dem Galgen*^ (Apolog. Sehlussschrift S. 16.) 

0 Heir JesQl (singt Z. anno 1T28 bereits) 

Sammle, sammle dir die Fhwunen, 

Lsas dich ohne Spiegel sehn, 

Ohne Sprichnrort dich rerstehn. 

Dann wird niclits als Jesus seyn« 

Refonnirtc, Lutheraner, 

Jvephibch, Pauliscli. Mein und Dein, 

Bischur, Prof-hytoriaritu-, 

AJle Sekten einig sein ! 

Denn die Liehe bleibt allein. 

Z. wollte keine neue Lehre bringen, keine neue oder besondere 
»Sekte gründen ; er wollte kein Autor ^ sondern nur ein Kompilalor 



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245 



sein, ab«r nicht von Büchern, sondern von Seelen; er wollte nnr 

aus dem Pele-niele der bestehenden Kirchen die t'ronimen, von sich 
seihst oder von ihm aus dem Sündenschlat' erweckten Seelen sam- 
meln, „untereinander zu herzlicher Liebe und genauer Fürsorge 
verbinden"; er wollte die Kirche im engsten Sinne des Wortes, 
in welchem es nur die bedeutet und befasst, die „unseren Herrn 
Jesus Christus herzlich lieb haben und sieh durch die Gnade Gottes 
als Glieder eines Leibes miteinander erbanen, nm in der Gnade 
nnd Erkenntnias Jesu Christi zn wachsen nnd saznnehinen'S ^a- 
Usiren, die unsichtbare Kirche also sichtbar machen. Seine Ge- 
meinde sollte seinen Worten nach sein eine Eeelesiola in Ecclesia, 
in der That aber die Ecclesia selbst als eine Eeelesiola, die Kirche, 
insbesondere die ihm zunächst liegende evangelisch -lutherische 
Kirche im Auszug, im Kleinen, die aber eben desswegen auf ihren 
wahren Sinn und Kern eingeengte, zusammengezogne, konzentrirte 
Kirche. Christus, sagt Z., ist der „konzentrirte Gott" (in der 
„GewissensrUge'^ in den Beilagen zn den „Naturellen Heflexionen^S 
S. 127), und Herinhnterthom ist das auf diesen im Menschen kon- 
zentrirten, ans Liebe zur Menschheit selbst Mensch gewordenen, 
diese seine Liebe durch sein Leiden, sein Blut, seinen Tod am 
Kreuze bekrilftigenden, darum auch nur die Liebe zn ihm zum 
ganzen Inhalt der Religion, die Liebe zum Menschen zum ganzen 
Inhalt der Moral, des geselligen Lebens machenden Gott, in Theorie 
und Praxis, in Lehre und Leben konzentrirte Christenthum oder 
spezielles Lutherthum. „Das Objekt der christlichen Religion", 
sagt Z. (in seinen „Reden Uber die vier Evangelisten^^, herausgeg. 
V. G. Clemens 1766, S. Ö30), „darein sich das Auge verlieren und 
darauf ein Mensch seine ganze Begierde heften und es dal>ei lassen 
muss in Zeit und Ewigkeit, ist Gottes Erscheinung in dem 
Bilde, wie Er lUr unsre Noth am Kreuze sich so milde ge- 
blutet hat zu todt'S „die Verliebtheit in den Heiland mit 
Leih und Seele ist die einige, wahre, allgemeine Religio n." 
,,Man hat schon vielmal über die Keligion gedacht, hat allerhand 
Schwierigkeiten heben wollen und unter andern auch die, warum 
doch keine Sache in der Welt verwickelter und dunkler ist, als 
die Religion, da doch die Menschen dadurch, oder dabei sollen 
selig werden ? warum doch das Mittel, das einem unentbehrlich ist 
zum ewigen Wohlsein, einem so erstaunlich hoehgebängt ist? Keine 
Einwendung ist ^ stärker gegen die Religion, als diese, dass sie 
kADD vop keinem Mensohen beantwortet werden , der ein blosser 



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246 

TLeoreticns ist. . . . Wa» ist denn aber der einzige Rath zur Keuaiig 
doi lieben Gk^ttee in Ansehnog der Religion ? Was kann man gau 
allem anftthren, dadnrch man die Beligion von tausend vnd aber- 
tausend IhinkeUidten und Sehwierigketten erledigt? .... wenn wir 
die ganze Religion tu einer Sacbe maeben, die im GeiatüelieD 
jnst das ist, was es im Leben ist, was es im l^iblicben ist; wenn 
ein Kind was in's Auge kriegt, das dem Kinde gefallt und da 
das Kind hin will, . . — das ist das ganze Geheininiss der Religion; 
wenn einem der Heiland was lia ii pt sächlich wahres, das einen 
Einfloss in unser ganzes Herz undGemtithe auf einmal hat, 
vorweisen lässt, nnd das fassen wir, das gefällt uns, da wenden 
wir nns liin mit unserem ganzen Gemtithe, da bekümmern wir uns 
weder um Beweis dafür, noeb um die Einwendung dar 
gegen, sondern wir sind mit der Saebe eins, sie stebt 
uns an, und ist nacb unserem Herzen, das ttbrige befehlen 
wir dem lieben Gott. . . . Dagegen werden nun fireilicb die ge> 
scheuten Leute nicht disj)iitiren, dass unstreitig das die grOsste 
Seligkeit ist, wenn man den Haupt-Religions-Punkt ins Herze fasst 
und über dem: Ich hab Dich doch, alle Zweifel und Beweise 
vergisst." (Ebend. S. 527 — 529.) Dieser, alle anderen Glaubens- 
artikel zur Nebensacbe machende Haupt -Religions- Punkt, dieses 
hauptsächlich Wahre, das einen bleibenden Einfluss auf unser 
ganzes Herz und Gemflth mache, wenn's einmal recht ins Auge 
gefasst wird, nicht inehr aus dem Sinn und Herzen kommt, weil 
dieses mit ihm eins ist — das ist eben der aus liebe zu uns 
Mensch gewordene, ans pnrer Liebe zu nns, um nns selig und 
heilig, glMcklic'ii und gut zu machen, leidende, blutende, sieh bis 
zum silimählichen Kreuzestod erniedrigende Oott und Schöpfer. 
Zinzendorf und seine Gemeinde glaubt oder weiss nichts und will 
nichts wissen, als Jesnm Christum, den Gekreuzigten (l.Korinth.2,2), 
als „Jesu Bhit und Wunden''. Der Katholik, d. h. der Priester 
nötbigt dem Men« ])en, d. h. dem Laien, Alles ohne Unterschied, 
was nur immer die Kirche sagt oder in der Bibel steht, selbst das, 
dass der Hund des Tobias mit seinem Schweife gewedelt hat, ab 
einen Gegenstand des Gewissens, des Glaubens, der Religion auf. 
Luther besehriinkt und reduzurt, seinem wahren Sinn und WOlea 
nach, den Glauben nur auf das zu unserer Seligkeit und Recht- 
fertigung vor Gott Nothwendige, nur darauf, dass wir „ttir die 
gewisse und angezweifelte Wahrheit halten, dass Gott oder der 
äohn Gottes Mensch geworden, für uns gestorben ist'^; weil wir 



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247 

aber diese Gewissheit nur ans der Bibel, als dem Wort Gottes 
haben, so macht er doch wieder anoh alles Andre, was in der 

Bibel steht, zu einem Gegenstande des Glaubens, indem wir sonst, 
wenn wir dieses Andre nicht glaubten, auch jenen Grundartikel 
nicht für unzw'eil'elhai't gewiss annehmen könnten. Daher der Satz 
Luthers: „Alles rund und rein geglaubt, oder Nichts geglaubt" 
•Z. lässt aber alles dieses Andre fahren, gibt es als zur Seligkeit 
nniiöthiges und nnpraktisobes , herzloses Zeug preis dem Zweifel, 
der Streitsneht der Gelehrten, der Eitelkeit, der Spekulation, oder 
iKsst es wenigstens dahin gestellt sein. Die Orthodoxie machte 
ihm daher den Vorwurf, dass er aus dem Zusammenhange der 
ttbrigen Bibelwahrheiten nur die eine Wahrheit von der Ver- 
söhnung der Menschen mit Gott durch das Blut Jesu Christi heraus- 
reisse und hervorhebe. In der That : der Herrnhutianismus ist das 
im Blute Christi, im Blute des Menschen konzentrirte, aber auch 
aufgelüste und zersetzte Christenthum. Z. ist den Orthodoxen seiner 
Zeit gegenüber ein Freigeist, aber religiöser Freigeist, ja er ist 
ein christlicher Atheist. „Ausser (sowohl extra als praeter) 
Christo kein Gott^S wenigstens für uns Menschen. Der Herm- 
hntianismus ist die gelungene, wahre, konsequente Anwendung 
(„Applikation'^, Auslegung und Ausführung dieses lutherischen Aus* 
Spruchs. — „Ich fasste den firmen Schluss, sagt Z. (in seiner Apolog. 
Schlussschrift, S. 27) und hab ihn noch, dass ich entweder ein 
Atheist sein, oder anJesum glauben müsse, dass ich den 
Gott, der sich mir ausser Jesu Christo offenbart und nicht durch 
Jesum , entweder vor eine Chimäre oder vor den leidigen Teufel 
halten müsse . . . Dabei ich bleib, wag Gut und Blut. Mein Thema 
ist: ohne Christas, ohne Gott in der Welt.^^ An einem andern 
Ort sagt er: „wenn's möglich wäre, dass ein anderer QoVL als der 
Heiland sein oder werden könnte, so wollte er lieber mit dem 
Heiland verdammt werden, als mit einem andern Gott selig sein.'' 
(Ebend. 8. 35.) „Die trockene Theologie, die die ganze Welt er- 
füllt, ist die, dass man immer vom Vater redet und den Sohn über- 
httptt. üie Theologie liat der Teufel erfunden." (Reden über d. 
4 Evangel. , 1. Bd. S. 311.) Christus ist „Gottes Enchiridion" 
( Beil. z. d. Natur. Kefi., S. 87), „das Kns entium, die causa eausarum, 
die Ursache der Schöpfung, die Ursache unserer menBchlichen 
Existenz und Seligkeit, das xeqdXaioVj d. h. die Summe der ganzen 
Gottheit.^^ (Ebend. S. 121.) „Allein der Theanthropos qua talis 
4a8 Privilegium hat,. Alles in Allem su sein/' (ibid. S. 78.) 



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- 248 



Was aber isl Christas? Mensch. Der Herrnhatianismiis hat also, 

wenigstens im Sinne seines Stifters, ausser dem Menschen keinen 
Gott, er weiss nicht« von Theologie, er weiss nur von Christologie; 
aber die Cliristologie ist nichts als die rcligiijse Anthropologie, 
Menschenlehre und Menschenthum in christgUiubiger Form. Nur 
in Christo ist Zinzeudori' kein Atheist, nur in ihm glaubt er an 
einen Gott; aber warom? weil er kein Gott, kein anderes, kein 
dem Menschen entgegengesetztes, aller menschlichen Eigenschaikn 
und Neigungen entkleidetes Wesen oder vielmehr Unwesen, sondern 
vielmehr ein wahrhaft, ein herzlich and leiblich menschliches Wesen 
ist, eben daram ein Objekt der Liebe, der Empfindung, das nar 
desswegen für wahr angenommen, geglanbt wird, weil es das 
Zeuguiss des Herzens für sich hat, dasselbe entzückt und beglückt. 
Die Theologen machten ihm den Vorwurf, dass er den „Atheismus 
nicht durch Gründe, sondern nur das Get'Ulil überwunden habe; 
man müsse aber auf Gründen stehen, wenn auch alles gute Gefühl 
und Empfindung weiche/^ Z. erwidert darauf: „der stärkste Grund 
meines Glaubens als eines Knabens ist gewesen, dass mein Herz 
und dessen Herz, der fUr mich gestorben, ein Herz sei 
Der Gegner mag vor sich behalten seinen Trost im Kopf und 
Verstand, wenn sein Herz nichts fKhlt, ich und mein Volk mögen 
das nicht, sondern wir behalten unseren Herzens-Trost, wenn Kopf 
und Herz disrangirt waren. . . . Der Thor spricht in seinem Herzen ; 
es ist kein Gott, weil er lieber keinen möchte, wenn ihm gleich 
seine Vernunft sagt: „wie aber wenn?'* Der Jünger spricht in 
seinem Herzen: es ist ein Ueiland, weil er ihn gar zu 
gerne hat, wenn gleich noch so viel Aves phantasticae um den 
Kopf herumschwirren nach Luthers Gleichniss.^' (Apolog. ISchluss- 
schrift, S. 350.) ,^Was ich glaubte, das wollte ich", sagt er des- 
gleichen ebendaselbst vortrefflich. Z. hat Recht, wenn er von sieh 
und seiner Gemeinde sagt: „wir sind das simpelste und naturellste 
Volk von der Welt." In dieser seiner Einfalt und Natürlichkeit 
hat er — Ehre ihm desshalb, nameritlieh in Anbetracht seiner Zeit I 
— den wahren und letzten, hinter tSchcingründcii versteckten Grund 
alles theologischen Glaubens entdeckt und ausgesprochen; man 
beweist, was man glaubt, und man glaubt, was man will, d. h. 
mit anderen Worten, was man wttnscht, was man gern hat. „Wer 
einen andern Glauben (an Jesum) vorgibt, der ist ein behelmt 
wie ganz richtig und kräftig Z. ebendaselbst sagt Dass der 
Mensch an Gott, an Jesum nur glaubt, weil er mtt selbst lieb^ 



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249 



weil Gott, insbesondere Christim ein dicHcr Liebe des Menschen zu 
8ich entsprechendes Wesen, ja nur das vergötterte und vergegen- 
ständlichte eigne Herz und Wesen des Menschen ist, das hat, 
obwohl innerhalb des alten GlaabeoB, Zinzendort'^ ja selbst schon 
Lother vor ihm so deatUoh aiugesprochen, als nur irgend ein 
modemer FieigeiBt „Wer in seinem Herzen/' sagt Lnther in der 
Hanspostilie, ,,dieses Büd wohl gefasset hätte, dass Gottes Sohn 
Ist Menseh geworden, der sollt ja sieh znm Herrn Christo niehts 
hSaeSf sondern alles gnten versehen können. Denn ich weiss ja 
wohl, dass ich nicht gern mit mir selbst zürne, noch mir 
arges zu thun begehre. Nun aber ist Christus eben der, 
der ich bin, ist auch ein wahrhaftiger Mensch. Wie kann er's 
denn mit ihm selbst, das ist mit uns, die nur sein Fleisch 
und Blut sind, übel meinen? öumma, diese Menschwerdung 
Gottes Hohns, wo sie reeht im Herzen gebildet wärOi so würde sie 
ja eitel gröbliche Herzen and Gewissen machen und in einem 
Angenbliek alle gi^nliehe Exempel des Zornes Gottes verschmelzen 
nnd verschwinden, alr da ist die Sllndflath, die Vertilgnng von 
Öodom nnd Gomorra. Solches alles mtlsste in einem emigen Blick 
yersehwinden, wenn wir mit gläubigem Herzen gedächten an diesen 
einigen Menschen, der Gott ist und die arme menschliche Natur 
80 geehrt hat." Dieses Verschwundensein aller graulichen Exempel 
der alten, theilweise selbst noch in Luther vorhandenen, unmensch- 
lichen Theologie, diese Gewissheit, dass Gott mit dem Menschen 
eins ist, es so gut mit ihm meint, als er mit sich selbst, diese 
Fröhlichkeit des Herzens und Gewissens ist das charakteristische 
Wesen Zinzendorfs, das er ebenso im Leben als im Lehren be- 
thätigt und bewiesen hat „Wenn ich mit dem Heiland rede, so 
gehe ich mit ihm nm, als. mit meinem Fieisch nnd Bein.^ 
(Eed. flb. d. 4 Evang., B. I. S. 292.) „Was branch ich noch mehr? 
JesQS ist mein Bmder, Jesus ist mein Herz*'' . . — „Er Ist 
onser ander Herz'' (Ebend. S. 309), „unser ander Ich," wie er 
irgend wo anders sagt. „Der Heiland hat zwar die Immensität 
von Seiner Person weggenommen und erlaubt uns nicht, wenn wir 
an ihn denken, an einen Abgrund zu denken, sondern will, dass 
wir an einen Körper denken, in dem sich alles Göttliche, Englische 
nnd Menschliche konzentrirt, so dass wir nach einem Schatten, 
nach Luft, nach nichts greifen, wenn wir nach der Gottheit ausser 
ihrem Körper, d. i. Christo greifen. Aber ohngeachtet £r nns eui 
sehr naturelles Bild von sich gegeben, das wir umarmen könncui 



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250 



80 ist er gleichwohl unser Gott." (Ebend. 8. 24.) „Es ist ein 
altes Wort, das mehr als in einem Lande, sonderlich aber in unserer 
deatochen Sprache bei Gelegenheit, dass man erschrickt, oder sieb 
Tor dem Feinde fürchtet, gebrftnehJich ist: Gott sei bei uns! Das 
kommt TOD der g^etslichen imd kneehtisehen Gemllthssitimtioii 
des menscbliehen Geseblecbts gegen Goü ber, denn dasselbe bat 
eine forcirte Ehrerbietung' gegen Gott Die sogenannte Cbristen- 
beit bat die fflrcbterliebe Idee von Gott behalten und die Idee 
vom Lamm, von Seinem Verdienst und von Seinem Tode aus- 
gemerzt/' (Ebend. S. 29.) „Alle diejenigen, die sich über unsere 
Art zu lehren verwundern, beweisen ihre erstaunliche Unwissenheit 
im Geistlichen und den Verfall der ganzen Theologie, sonst mUssten 
sie Gott danken, dass in diesen unglticklich verderbten Zeiten, die sie 
selbst faecem temporum, die Grundsuppe der Welt nennen, noch 
Lente aufgestanden sind, die von Tod und Wunden Christi reden 
mögen und Sein Marterbild wieder aufstellen, das in der Welt tum 
Gespött und Geläebter worden ist. Er ist unser Gott, der uns mit 
eigner Hand gemacht, als Er die Sebdpfung zu Stande gebraebf 
(Ebend. S. 26.) Sind denn nieht aber aneb Leiden, Marton, 
Wanden, Kreuz und Tod grässliebe Bilder? WoU an und ttr 
sich selbst, aber nicht, wenn sie nur sinnfällige Beweise von der 
überschwUn^lichcMi Liebe des Gottmenschen zum Wcltmensclicn 
sind. ,,0 süsse Seelenweidc , ' heisst es z. H. im Herrnhuter Ge- 
sangbuch, in Jesu Passion, „Es regt sich Scham und Freude, Du 
Gotts- und ^fenschensohn. Wenn wir im Geist Dich sehen Für uns 
so williglich Ans Kreuz zum Tode gehen, Und jedes denkt ftti 
mich.'^ — „Mein Herz ist tief gebeugt Und inniglich geneigt Zo 
Dir und Deinen Wunden, Die Du fUr mieh empfunden; leb weiss 
von keinen Freuden, Als nur aus Deinen Ldden.'^ — „leb glaab's 
and fübrs im Herzen, Mein Heiland liebet mieb.<' Wohl 
bat der Hermbuter aueb das bittere, demtttbigende Gefllbl und 
Bewusstsein^ dass er „ e i n a r m e r S tt nder", aber er bat und pflegt 
es nur, um dadurch die Walirlicit des alten bekannten Satzes: 
Contraria juxta sc p«>sita magis eluccscunt*), „die Gerechtig- 
keit Christi als das Licht, unsre SUndcrschatt als der Schatten, machen 
ein ganz Bild, ein schön Bild aus" (Beil. z. d. Nat. Kefl. 8. 48) 
an sieh zu erfahren, das süsse, erhebende Geiühl von der Sünden- 
▼eigebung, der Gnade und Liebe des Heilands zu steigern und 



*) (iegeiiBitae erU&ren lidi durch einander. 



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351 



durch die Gewissheit dieseB Gelicbtseiiw zu um so innigerer Gcg^en- 
liebe ond Hingabe sieh zu begeisters. ,ylcli glaabe, weil ich 
liebe/' sagt Z. von sieb, wiewohl in der dritten Person (Beil. z. d. 
Nat Refl. S. 81), hänge nnzertrennlich an Jesn, weil ich einen gött- 
lichen Eindruck von der Sflnde und von ihrem Versöhner bekommen.'' 
Und ich liebe, weil ich geliebt bin. Christus, der hanptsichlichste, 
wesentlichste, ja zuletzt einzige Gegenstand des Glaubens ist ja 
selbst nichts anderes, als die vergötterte, verpersünlichte, vergegen- 
ständlichte Liebe des Menschen. Die Seligkeit des Liebens — 
„nichts seliger als Jcsuni lieben" — und des Geliebtseins — ,,der 
bat den Himmel auf Erden, den der Heiland versichert, dass Er 
selbst seine sei" — aber nicht nur als Objekt des Glaubens, der 
Theorie oder Lehre, sondern auch der Moral, des Lebens, des 
einzelnen sowohl als des gemeinschaftliehen Lebeps: das ist der 
Kern des Hermhutianismus. Kurz Hermhutianismus ist gegenttber 
der scheinheiligen Selbstrerlftugnung der Theologie, anthropo- 
logischer „Egoismus'', Eudftmonismus, Sozialismus und Sensualismus 
— „wer ihn siebet (Jes. Chr.), der siebet den Vater." Zinzen- 
dorl" kennt nur einen, wenn aiu h jetzt nicht mehr mit den äusser- 
lichen leiblichen Sinnen, doch innerlich, im Geist und Herzen 
„riech-, fühl-, sieht-, schmeck- und hörbaren Gott'' — in j)han- 
tastischer, christlichgläubiger Form. (Siehe über den letzten Punkt 
z. B. Vorrede z. d. Keden über d. 4 Evangl. , Beilagen zu den 
Natur. Keflex., 8. 127>-28, Apolog. Scblussschr., S. 2d5, 305, lüö.) 

Urkheile Uber Zinzendorf and Ilorrnhuter ttberbaupt 

Herder (Ädrastea und das 18. Jahrb. Schluss. (Jntemeh- 
mengen des vergangenen Jahrb. zur Bei'Örderung eines geistigen 
Reichs. 6. Zinzd.) „Graf Z.'s und seiner Mitarbeiter Verdienst 
sind seine Einrichtungen, Einrichtungen des Fleisses, der 
Ordnung und brüderlichen Gera ei ii sc halt; eine Wohhhat 
ilir seine Zeit und für mehrere Zeiten. »Sich aus dem kalten Dorn- 
gebiet der orthodoxen Streiter, so wie aus den heissen Gruben der 
Mystiker, der Pietisten und Separatisten in Knhestätten zu ziehen, 
die Z. ihnen bereitete, tbat damals Mehreren wohl, die unter dem 
Panier des Fleisses und der Ordnung an Liebessymbolen sich be- 
ruhigten oder erquickten. Das Wesen der Theologie haben diese 
Symbole zwar nicht gefördert, hat nicht aber der Hermhutianismus 
' auch im Lutherthnm manche Härten gebrochen? manche Pedan- 



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252 



teiieen zerstört und auf den Zweck der Religion, der in brüderlicher 
nnd geselliger Eintracht tbätige Liebe sein soll, dorcb seiDe 
Tbataiwtaltea wenigstens gewiesen V^' 



Lessing sagt irgendwo: i^Die Hermbater thnn, worüber 
andere spel^iiliren and xanken^'^J. R Scblegels Kirebengesebiehte 
des 18. Jabrb., II. Bd., Heilbronn 1788, S. 908). leb babe diese 
Worte niebt gelnnden in Lessings sämmtiieben Sebriften, Berlin 
1771—94; aber gleiebwobl entbalten sie den Sinn, den Gmnd- 
oder SchluBsgedanken seiner „Gedanken über die Herrnhuter** von 
1750 (17. Bd. d. ang. Ausg.). So sagt er z. B. ebendaselbst: „was hillt 
es, recht zu glauben, wenn man unrecht lebt?" (8. 315.) „Der 
Erkenntniss nach sind wir Engel und dem Leben nachTeutel" (316). 
„Haben die Herrnhuter oder ihr Anführer, der Graf v. Z-, jemals 
die Absicht gehabt, die Theorie onsers Cbristentbnms zu. verändern V" 
(S. 322.) 



Meissner (im Deutschen Museum, 12. Heft, Dez. 1778, „Ueber 
die Oberlausiz") sagt von den Ilerrnhutern : „Wie andächtig nnd 
wie einnehmend ihre Jiirchlicben Gebräacbe nnd tlberbanpt das 
Aensserliebe ibrer Religionsfibnngen ist, das baben bereits so viele 
gerttbntt, dass es meiner Beistimmang nicbt erst bedarf , . . . aber 
. . . . ieb will Ihnen bekennen, dass icb trotz des sobönen Sebeins 
immer noeb nicbt fest an die waSre Frömmigkeit dieser kaiif- 
männischen Missionsgemeinde glaabe.^' 



Varnhagen v. E. in Z.'s Leben, S. 30, bemerkt richtig: 
dass sich „sein religiöses BedUrtnisH gleich von Anfang an als ein 
geselliges angekündigt hat." Ich habe diesen Punkt nicht berührt, 
wie so vieles Andre, weil ich keine Charakteristik Z.'s geben wollte, 
sondern mich nur auf sein religionsphilosophisches Grundprinzip 
beschränkt, wovon dieser Geselligkeitstrieb oder richtiger der Trieb, 
von der eignen „Tendresse tür den Gott, der sein Leben ffk uns 
gelassen'', ancb den Andern mitsntbeilen, llbrigens eine natttrliebe 
Folge ist 



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253 



Zur MomlpUlMoplile. 

Die UnzerfreuDÜchkeit von Wille und Glück- 

Seligkeitstrieb. 

Was lebt, liebt, wenn aucb nur sich, sein Leben, will leben, 
weil es lebt, sein, weil es ist, aber, wobigem erkt ! nur wohl, gesund, 
glücklich sein; denn nur (rltieklichsein ist Sein im Sinne eines 
lebenden, empfindenden, wollenden Wesens, ist gewolltes, geliebte« 
Sein. Was will, will nur — wenn anders nicht, wie beim Menschen, 
Wahn, Täuschung, Irrthuni, Verkehrtheit sich zwischen dem Willen 
nnd dem Gegenstand des Willens einstellt — was ihm ntttzlich, 
heilsam y gut ist, was ihm wohl-, nicht tlbelihnt, was sein Leben 
f)(rdert ond erhftl^ nieht beeinträchtigt und zerstOrti seinen Sinnen 
gemäss, nieht zuwider ist, knrz was es glücklich, nicht nnglttcklich, 
nicht elend macht Ja, Wollen und glffcklleh machendes Wollen, 
folglich glücklich sein Wollen ist, wenn man die ursprüngliche und 
unverfälschte Naturbestimmung und Naturerscheinung des Willens 
ins Auge fasst, unzertrennlich, ja wesentlich Eins. Wille ist GiUck- 
seligkeitswille. 

Wenn die Raupe nach langem vergeblichen Suchen und an- 
strengendem Wandern endlich bei der erwünschten, entsprechenden 
Pflanze zur Bnhe kommt — was hat sie in Bewegung gesetzt, was 
sie zn dieser mtthseligen Wanderung bewogen, was ilure Mus- 
keln abweehsehid zusammengezogen und ausgestreckt? Nur der 
Wille, nicht vor Hungersnoth elendiglich zu verkUmmem und zu 
Terschmaehten, oder, genauer gesprochen, nur die Lebensliebe, der 
Selbsterhaltungstrieb, der Glttckseligkeitstrieb. 

Der Gltickseligkeitstrieb ist der Ur- und Grundtrieb alles dessen, 
was lebt und liebt, was ist und sein will, was athmet und nicht 
mit „absoluter Indifferenz" Kohlensäure und Stickstoff', statt Sauer- 
stoff', tödtliche Luft statt belebender, in sich aufnimmt 

Glückseligkeit — das Substantivum von glückselig, welches 
nach Sprachforschem nur ein verstärktes „glttcklich^' ist, wie ann- 
selig ein verstärktes „arm" — ist aber nichts anders als der ge- 
sunde, normale Zustand eines Wesens, der Zustand des Wohlbe- 
findens oder Wohlseins, der Zustand, wo ein Wesen die zu semem 
individuellen, ohaiaktefistisehen Wesen und Leben gehörigen Be- 
dtlrfliisse oder Triebe ungehindert befriedigen kann und wirkHeh 
befriedigt. Wo ein Wesen einen Trieb, er sei nui^ welcher er wolle, 



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— 254 

wenn er nur anders ein sein Wesen indiTidualisirender, auszeieb- 
nender ist, nicht befriedigen kann, da ist es unzufrieden, missmathigi 
traurig, nngltlckselig, wie z. B. der Urous lotor, c^r Waschbär, wenn 
er nieht genug Wasser hat, um den ihn auszeichnenden Beinlieh- 
keitotrieb befriedigen zn können, obgleich er sonst an Nichts Han- 
gel leidet 

Jeder Trieb ist ein Glttekseligkeitstrieb, wie in jedem andern 

empfindenden Wesen, so auch im Menschen, und kann daher ihn 
so einnehmen, dass ihm die Befriedigung desselben für die einzige, 
die ganze GlUckseh'gkeit gilt; denn jeder Gegenstand, welchen er 
hegehrt, wonach er einen Trieb empfindet, ist, wiefern er diesen 
Trieb befriedigt, die Begierde nach ihm stillt, ein den Menschen 
i^lUckendes, and wird nur, weil es ein solches ist, begehrt und 
gewollt. Die allererste Bedingung des Willens ist daher die 
Empfindung. Wo keine jE^pfindong, da ist iuin Sehmerx, kein 
Leid, kein Unwohlsein, keine Fein und Koth, kein Mangel, kein 
Bedürfiiiss, kein Hnnger nnd Darst, ktirs kefai Un^ck, kein Uebel; 
wo aber kein Uebel, da ist aaeh kein Widentreben, kein sich 
Entgegensetzen, kein Trieb, kefaie Bemlihiing nnd Bestrebung, sieh 
des Lebcls zu erwehren, kein Wille. Widerwille — Widerwille 
gegen Noth und Pein — Abscheu ist der erste Wille, der Wille, 
womit ein empfindendes Wesen sein Dasein beginnt und erhält. 

Der Wille ist nicht frei, aber er will frei sein, aber frei nicht 
im Sinne unbestimmter „Unendlichkeit'^ und Schrankenlosigkeit, 
wie sie nnsre supranaturalistisohen, spekulativen Thilosophen dem 
Willen andichten, im Sinne namenloser nnd sinnloser Freiheit, 
sondern frei nnr im Sinne nnd Namen des Glttekselig- 
keitstriebes, frei vom Uebd, es sei nnn weichet es wolle. 
Jedes Uebel, jeder unbefriedigte Trieb, jedes ungestillte Verlangen, 
jede Unbehaglichkcit, jedes GefBhl eines Mangels, jedes VenniMen 
ist eine aufregende und aufreizende Verletzung oder Verneinung 
des jedem lel)endigen und empfindenden Wcücn eingeborucn (TlUck- 
seligkeitstriebes, und die dieser Verneinung sich mit Fiewusstsein 
entgegensetzende, entjj^ejrenwirkende Bejahung des GlUckseligkeits- 
triebes ist und heisst Wille. „Wille ohne Freiheit ist ein leeres 
Wort^' sagt Üege4, aber vor allem ist Freiheit ohne Glückseligkeit^ 
Freiheit, die nicht Freiheit von den, versteht sich, auf hebbaren 
Uebehi des Lebens ist, vielmehr selbst die schreiendsten Uehel- 
stände nnangefoehton bestehen lilsst, wie die spekulative Freibdt 
der Deutschen, deren Sein gleich Niohtsein, deren Ab Wesenheit 



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255 



nieht als ein Uebel| deren Dasein nieht als Gut empfanden wird, 
ein leereSy sinnloses Wort. Wo das Uebel niebt mehr als Uebel, 
der Dmek des Despotismus, er sei nnn welcher Art er wolle, nicht 
mehr als Dmek empfunden wird, da wird auch die Freiheit yon 

diesem Uebel, diesem Drucke nicht mehr als Glückseligkeit emptini- 
den und gewollt ; wo aber ein Wesen a u t h ö r t , Glückselig- 
keit zu wollen, da hört es auf überhaupt zu wollen, da 
veri'ällt es dem Blöd- und Stumpfsinn. 

Der Satz : „ich will, heisst, ich will nieht leiden, ich will glück- 
lich sein**, in welchem ich die bisher angedeutete Unzertrennlichkeit 
Yon Wille und Glückseligkeit in möglichster Kürze und Schärte 
ausgesprochen habe, ist übrigens, wenn auch vielleicht seinen Wor- 
ten, doch nieht seinem Sinne nach etwas Neues. „Das Verlangen 
nach Yergntigen'', sagt z. B. Helyetins in seiner Schrift yom 
Geiste, „ist das Prinzip aller unserer Gedanken und Handhingen; 
alle Menschen streben unaufhörlich nach der Glttekseligkeit, sie sei 
nun wahre oder scheinbare; alle unsre Willensakte sind daher nur 
die Wirkungen dieser Bestrebung/' Dasselbe sagten schon vor ihm, 
nur nicht so bestimmt und kurz, Locke und Malebranche, der 
eigentlich, im Vorbeigehen gesagt, nichts ist als der religiöse oder 
theologische lielvetius in seinem Hauptwerk De laliecherche 
de la v6rit6. Es sei hier der Kürze wegen nur der Satz von ihm 
heryorgehoben : „Bs steht nicht in der Macht des Willens, nicht zu 
wflnschen glfleklich zn sein.^' Was heisst das anders als: das Ver- 
langen nach Glückseligkeit ist dem Willen noth wendig, liegt im 
Wesen desselben, lüsst sich nicht yon ihm hinwegnehmen. Aueh 
die deutschen Popularphilosopben des yorigen Jahrhunderts, so z. B. 
Feder in seinen „Untersuchungen ttber den menschlichen Willen'^, 
erkannten und erklärten nach lielvetius und Locke ,,als einen we- 
sentlichen und allgemeinen Trieb des menschlichen Willens den 
Trieb zur Glückseligkeit", mit der an sich überflüssigen, doch 
heute noch nöthigcn Bemerkung zur Abwehr grober Missverständ- 
nisse: „nicht als ob irgend eine Idee von Glückseligkeit oder auch 
nur von Vergnügen die ersten Aeusserungen der menschlichen 
Willenskraft yerursache, oder als ob jede nachfolgende Gemüths- 
bewegung oder wohl gar jede unwillktfrliche Kraftäussemng durch 
diese abgezogene Idee erweckt würde. Sondern nur so yiel wird 
damit behauptet, dass die nächsten Gegenstände des mensch- 
Hehen Willens solche innere Zustände seien, die einzehi den Namen 
des Wohlbeiindens, bei einer gewissen Menge den Namen der 



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856 



Glttekaelic^eit erhalteiiy dam der Wille des Mensehen so geartet 
ad, daaa TermOge seiner wesenüiebeii Bichtangen und Bestrebungen 
Trieb inm Vergnttgen, zur -GlUekseligkeit, Selbstliebe wenigstens 
als Hanptanlagen demselben beigelegt werden mflssen/' Nnr die 

grossen dentschen spekulativen Philosophen haben einen vom Glilck- 
seligkcitstrieb unterscbiednen , ja unabhängigen, einen horribiie 
dictu abstrakten Willen, einen blossen Gedankenwillen erdacht ; sie 
haben zwar in Kant die Theologie, die Metaphysik tlberhanpt ans 
der sogenannten theoretischen Vernunft — tibrigens anch nur 
scheinbar — ausgemerzt, aber dafür in den Willen hineinverlegt, 
den Willen zu einem metaphysischen Wesen oder Vermögen ^ zs 
eincön Ding an sieb, einem Noumenon verflttchtigt; sie haben das 
Wollen, das Entgegengesetzte des Denkens — denn selbst wo der 
Wille Gedanken yerwirkliebt, will er eben das Gegentheil des 
blossen Denkras, das Wirklicbsein, das Sinnlicbsein, das nicbt blos 
Gedaebtsein derselben — , das Gegentbeil des Denkens also, 
wiederhole ich, mit dem Denken und zwar in Hegel, dem Vollender 
der spekulativen Philosophie, noch dazu mit dem angeblich nichts 
voraussetzenden, von Allem abstrahirenden , dem „absoluten", d. h. 
gegenstandlosen Denken, ja dem Absoluten selbst, „der schranken- 
losen Unendlichkeit, der absoluten Abstraktion oder Allgemeinheit^' 
identifizirt. Hei Hegel, der auch das Unverträglichste im Magen 
seines „konkreten Begriffs" verträgt, auch das Unvereinbarste ver- 
einigt, und in dieser Vereinignng des Widersprecbendsten das 
Grundwesentlicbe, das bleibend und wahrhaft Allgemeine, wie bier 
die Glttckseligkdt als den Gegenstand des Willens, zu einer Stufe 
oder einem „Momenf ' macbt, ist zwar auob diese „absolute Mög- 
liehkeit des Willens, ron jeder Bestimmung abstrabirön zn können'^ 
nur Eine Seite des Willens. Aber das hat eben so viel Sinn, als 
wenn ich sagte: die allen Farbenunterschied auslöschende, alle 
Sichtbarkeit aufhebende Finsterniss ist nur Eine Seite des Lichtes, 
oder die Verworrenheit, die Konfasion ist nur Eine Seite, nur ein 
Moment des deutlichen Begriffo. 



Der sebeinbare Widerspruch des Selbstmordes mit dem 

Glttckseligkeitstrieb.*) 

Was ist es denn nun aber, was die Veranlassung und selbst, 
wenigstens scheinbar, die Berechtigung gibt zur Annahme eines 

*) Vergl. Bd. X, S. A\ fC. 



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^57 



selbständigen, vom Glttekseligkeilstriebe unterschiedenen nnd nn- 
abbängigen Willens? Die allerdings nnlängbare Erfabrang, dass 
der Menseb (im Unterschiede vom Thiere, welches, meines Wissens 
wenigstens, das nieht kann, nicht vermag) auch das Ueble, also 
das dem GlUckseligkeitstrieb Widersprechende wollen kann und 
(A't wirklich will. Allein bei der Auslegung dieser Erfahrung zu 
Ungunsten des GlUckseligkeitstriehes übersieht man, dass derselbe 
kein einfacher und besonderer Trieb, dass vielmehr, wie bereits 
gesagt, jeder Trieb ein GlUckseligkeitstrieb ist, dass daher der 
Mensch nur aus CTllickseligkeitstrieb im Widerspruch mit dem Glück- 
seltgkeitstrieb handelt, dass eine solche widerspruchsvolle Handlang 
dämm nnr da möglich ist, wo das eine Uebel, das Uebel, wozn er 
aich entschliesst, im Vergleich zu dem anderen Uebel, welches er 
dadurch vermeiden oder beseitigen will, als ein Gut erscbemt, als 
ein Gnt voigestellt nnd empfanden wird. 

Der auffiiUendste und zugleich radikalste, stärkste Widerspruch 
mit dem Glückseligkeitstrieb ist der Selbstmord — wie sich von 
selbst versteht: der Selbstmord, der ins Kapitel von der Zurech- 
nungsfähigkeit, der Willensfreiheit gehört oder gerechnet wird, — 
denn was ist inniger eins mit dem Glückseligkeitstrieb, was we- 
niger von ihm unterscheidbar, als der Lebenstrieb oder die Liebe 
zum Leben ? Welche Willensstärke gehört dazu, die Bande, welche 
sonst selbst auch iu den grössten Leiden nnd Uebeln noch immer 
den Mensehen an das Leben fesseln, gewaltsam zu zerreissen! 
Welche schreckliche Gemttthsbewegungen und Kämpfe mOgen in 
dem Selbstmörder vorgehen, ehe es zu dem verbängnissvollen Ent- 
scheid kommt! Und doch ist dieser Kampf zwischen Tod und 
Leben nur ein Kampf des Gltiekseligkeitstriebes mit sich selbst 
— des den Tod als den ärgsten Menscheni'eind verabscheuenden 
(Tlüekseligkeitstriebes mit dem gleichwohl den Tod als den letzten 
Freund umarmenden Glückseligkeitstriebe. Ja, auch der letzte 
Wille des Menschen, womit er freiwillig vom Leben Abschied nimmt, 
womit er Alles aufgibt, ist nur die letzte Aeusserung des Glück- 
seligkeitstriebes; denn der Selbstmörder will nicht den Tod, weil 
er ein Uebel, sondern weil er das Ende seines Uebels und Unglücks 
ist; er will und wählt den Tod, das dem Glflckseligkeitstrieb Wi- 
dersprechende nnr, weil es das einzige, wenn auch nur vielleicht 
in seiner Vorstellung einzige Heilmittel ist wider bereits bestehende 
oder auch nur befRrehtete unausstehliche, unerträgliche Wider* 
Sprüche mit seinem Glückseligkeitstriebe. 



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258 

Heroische Ilandluii^cii , Handlungen, welche dem Glückselig- 
keitetriebe widersprechen, geschehen überhaupt nicht, ohne dass 
irgend ein tragischer Grund zn ihnen vorhanden ist, geschehen nur, 
was man aber, auch gewöhnlich übersieht oder doch nicht gehörig 
beachtet y in Zuständen, Lagen, Momenten, die selbst dem GIflck- 
Seligkeitstriebe widersprechen, wo diese Handlangen nicht unter- 
lassen werden können, wo Alles verloren ist, wenn nicht Alles ge- 
wagt wird. Allmächtig ist der Olllckseligkeitstrieh, aber diese seine 
Allmacht bew^eist er nicht im Glück, sondern im Unglück. Die 
gemeinsten Lebenserfahrungen beweisen, dass der Unglückliclie 
beirreift und vermag, was dem (xllicklichon unbegroillich und un- 
müglich ist. Wie kann der gern Lebende, der in seiner Vorstellung 
oder Einbildung selbst ewig leben Wollende sich auch nur denken, 
dass man sich selbst ums Leben bringen wolle und könne ? Höch- 
stens als Dichter kann er es, weil dieser eine solche Phantasie be- 
sitzt, dass er auch das nicht thatsächlich £mpfandene, nioht Er- 
lebte, 80 vorstellen, empfinden nnd darstellen kann, als hätte er es 
wirklich erlebt 

Es ist daher nichts einseitiger, ja geradezu verkehrter, als 
wenn man beim Glltckseligkeitstrieb nur an den befriedigten GlUck- 
seligkcitstrieb denkt, und diesen nun gar als einen dem tugend- 
haften Arbeiter entgegengesetzten MüssiggUnger, als wenn nicht 
auch Arbeit zur Glückseligkeit des Menschen gehörte, als einen 
lionvivant, einen Gourmand sich vorstellt. Allerdings gehört auch 
Essen und Trinken, und zwar sich satt und gut Essen, wesentlich 
zn den Gegenständen des Glückseligkeitstriebcs , wesentlich zur 
wenn auch natürlich nicht himmlischen und englischen, doch irdi- 
schen, menschlichen Glückseligkeit und Gesundheit „Essen und 
Trmken ist", wie der ehrliche Luther sagt, „das allerleiohteste 
Werk, da die Menschen nichts lieber thun; ja das allerfröhlichste 
Werk in der ganzen .Welt ist Essen und Trinken, wie man zu 
sagen pflegt: Vor Essen wird kein Tanz. Aut einem vollen Bauch 
steht ein fröhlich Haupt''. Aber wenn Essen und Trinken das 
allerfr(»lilichste und allcrlcichtcste Werk, so ist dagegen Hungern 
und Dursten das allertraui ii^stc und allerschwcrste Werk oder Ding 
von der Welt, Freiheit vom Hunger daher die allerniedrigste, aber 
nucli allererste und allernöthigste Freiheit, das erste Grundrecht 
des Volkes, des Menschen. Wie einseitig, wie unzulänglich wäre 
es nun aber, wenn ich, um zu erkennen, was der Hunger, respek- 
tive der Magen ist und vermag, mir seine Kapazität, seine Lei- 



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• 



259 

stungen, seine Kraftäusserungen bei vollbesetzten Tal'cln reicher 
►Schwelger zum Muster nähme! Wie vornehm, aber eben desswegen 
wie falschj Uber den wohlklingenden Toasten, den lustigen Vivats 
b^m allerfröhlichsten Werke die schrecklieben Flüche und Pereats 
des Hnngerfreiheitstriebes zu Überhören! Welche Karikatur zeichne 
ich mir nnd Andern hin, wenn ich nnr von dem fröhlichen Hanpt, 
das anf einem vollen Banche steht, nicht zagleich von dem trauri- 
gen, Grausen erregenden Hanpt, das anf einem leeren Magen 
steht, das Bild des Olttckseligkeitstriebes abzeichne! Ein solches 
Bild reicht freilich nicht hin zur Erklärung der Erscheinungen des 
menschlichen Lebens und Wesens, es bedarf zu seiner Ergänzung 
erdichteter Wesen, erdachter Kräfte , „übersinnlicher Vermögen"; 
aber was Dir ein undurchdringliches Geheimniss bei vollem Magen 
bleibt; das wird so durchsichtig wie reines Wasser bei leerem. 
Gross ist allerdings die Leistungsfähigkeit der Grossen bei ihren 
Mahlen — man denke nur z. B. an die gastronomischen Helden- 
thaten der rtbnischen Vornehmen — , viel vermag ihr Magen, selbst 
Un- nnd Uebemattirliohes, wie nach Belieben zu brechen, um 
wieder zu essen, und zu essen, um zu brechen, — yomunt, ut 
edant, edunt, ut vomant — aber doch nnendlich mehr erklärt 
nnd vermag die Macht der Hungersnotb. Allerdings ist auch die blosse 
Genusssucht selbst erfinderisch, aber wie verschwindend gering an 
Zahl und Bedeutung sind ihre Erfindungen, wenn sie anders diesen 
Namen verdienen, ^^egen die unendlich vielen und grossen P>fin- 
dnngen und Entdeckungen der Noth, *) die doch selbst wieder nur 
eine, wenn auch nicht Erfindung, doch Empfindung des verdamm* 
ten Gltickseligkeitstriebes ist : denn Noth hat, Noth empfindet nur, 
was keine Noth leiden will. Ja! Noth, £lend, Uebel, UnglUck 
existiren nur, weil es einen Glttckseligkeitstrieb gibt 0, dass doch 
der liebe Gott den Menschen ohne GlttekseKgkeitsfHeb erschaffen 
hätte! Dann g^be es zwar kein Glück, aber daflir auch kein Un- 
glfick, kein Uebel; kein Leben, aber daiUr reine, yon allem Bn- 
dämonismus gesäuberte Moral. Wie verkehrt daher, in dem GlHck- 
seli«;kcitstrieb nur den Autor des Lustspiels, nicht auch des Trauer- 
Kpiels zu erkennen, bei traurigen, Uberhaupt dem GlUckseligkeits- 

*) ..W ir v< r(laiik< II wahrs« li< iiili« Ii unsere Kciintniüä von der W irkung last aller 
I'liaDzcu jenen Henä<:}ieii, welclic ur-^prunglich in einem barbarischen Zostando czj- 
stirten und velche oft dorch harten Mangel dazu getrieben wurden, hat alles, 
was sie kanen und renchlingen konnton, als XahrangsmUtel zn rcrsnchen.** S. Darwin, 
das Variiren der Thier» und Pflanxen, I. Rd . S. 3H4. 

17* 



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- 260 

trieb widcrsprecheuden Krschciniin^en sogleich zu einer uara^jaöt^ 
tig (ilXo yivoQj zum l ehergang zu einer wesentlich verschiedenen 
Ursache^ seine Zufluclit zu nehmen, weil der wesentliche Unterschied 
zwischen glücklichem, befriedigtem oder gar luxuriösem, tibereättig- 
tem, blasirtem Glflekseligkeitstrieb nnd nnglttcklicbem, onbefriedig- 
tem» Ternemtem, beleidigtem, yerletztem Glflekseligkeitstrieb unver- 
zeihlicher Weise flbersehen wird. 

Es ist freilieh etwas ganz Andres, ob ich etwas ans Zoneignng 
oder Abneigung, aus Liebe oder Hass thne, ob ich vom Baume 
des Lebens eine Frucht pHUeke und mit \'erlangen zu mir nehme, 
oder mit Abscheu von mir werfe; aber wenn ich die Frucht zu 
mir nehme, weil sie frisch, gesund, wohlschmeekend ist, und da- 
gegen mit Verachtung von mir werfe, weil sie faul, schädlich, ab- 
scheulich ist. so geschehen doch diese verschiedenen, ja entgegen- 
gesetzten Handlungen ans einem und demselben Grunde, *^einem 
und demselben Triebe, ans dem verilchtlichen Glttckseligkeitstriebe. 
Was widerspricht sich mehr als Selbsterhahnng und Selbstveniieh- 
tnng? Aber wenn man nicht blindlings flbersieht, dass ich das 
Leben nur erhalte, wenn und weil es ein Gut ftir mich, dagegen 
vernichte, wenn nnd weil es ffir mich nur noch ein Uebel, so Ißst 
sich dieser Widerspruch in die schönste Einheit auf, in die mit 
dem alten logischen Identitätsgesetz des gesunden Menschenver- 
standes U])ereinstimmende Einheit, nicht in die mystische, konfuse 
Einheit der Gegensätze der modernen Absolutisten. Wenn aber 
selbst der Selbstmord, der stärkste, augenfälligste Widerspruch mit 
dem GlUckseligkeitstrieb, nota bene dem glücklichen, sich ans dem 
GlUckseligkeitstrieb aber, nota bene! dem nnglttcklichen, ableitet 
und erklärt, wie sollen andere subtilere und untergeordnete Wider- 
spräche, auf welche gleichwohl die moralischen Hypokriten und 
Pedanten, die theologischen und philosophischen Supranaturalisten 
das grdsste Gewicht legen, sich nicht mit dem Glflekseligkeitstrieb 
in Uebereinstimmung finden lassen? 



Der Unterschied zwischen Kopf und Kopflosigkeit. 

Was gehttrt zur Olückseligkeit? Alles was zum Leben gehört; 
denn Leben, versteht sich, mangclloses, gesundes, normales Leben 
und GlUokHcligkoit ist an sich, ist ursprünglich eins Alle, wenig- 
Htf*nR gCMundo, Triebe sind, wie gesagt, Glflckseligkeitstriebe; alle, 



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261 — 



wenigstens nothwendige, nicbt ttberfittssige oder nntzlosc Glieder 
und Organe des Lebens oder Leibes Olflekseligkcitsorgane; aber 

sie öiiKl nicht alle von gleicher Wichtigkeit, von gleichem Werthe. 
Zur vollkommenen, vollständigen Glückseligkeit gehört allerdings 
auch ein voUkommncr und vollständiger Leib, aber desswegen ist 
doch auch die verstümmelte, verkrüppelte Glückseligkeit noch 
imraer Glückseligkeit. Mag auch ein lebendiges Wesen noch so 
elend und unglückselig sein, so lange es noch lebt und leben 
will, so lange ist es noch nicht yolleuds, nicht radikal elend, so 
lange gilt ihm noch das ipsam esse juonndum est, „das blosse 
Sein ist angenehm 'S' wenn anch nnendlicb viel diesem Sein 
fehlt, was sonst nicht fehlen dürfte, nm sich wohl zn fahlen; so 
lange glimmt noch ein Funke von Glttokseligkeitstrieb. Ja auch 
der Krüppel selbst rechnet sich noch, und zwar mit vollem Rechte, 
zu <lcn Glücklichen, weil er trotz dem crlittncn Verluste sich noch 
des Lebens crlrcut. „Es ist dir besser, dass eines deiner Glieder 
verderbe und nicht der ganze Leib in die llidlc (das Grab, den 
Tod) geworfen werde." So denkt und spricht der (ilückseligkeits- 
trieb. Es steht geschrieben in seinem Gesetzbuch: „ärgert dich 
deine rechte Hand, so haue sie ab, und ärgert dich dein rechtes 
Auge, so reiss es aus'' ; es steht aber, wenigstens meines Wissens, 
nirgends gesehrieben: reisse dir das Herz aus, oder haue dir den 
Kopf ab. Und nur, wo der Mensch seinen Kopf verliert, verliert 
er anch alle und jede Glückseligkeit, die Glückseligkeit überhaupt 
Nur was und nur wo die Gränze des Lebens, nur das und nur 
dort ist auch die Gränze des Glttckseligkeitstriebes. Nur was 
schlechterdings sicli nicht mit dem Leben verträgt, schlechterdings 
mit ihm im Widerspruch steht, steht auch mit dem GlückscligkeitH- 
trieb in solchem Widerspruch. Was ich aber vortragen und ver- 
dauen kann, was nicht auf mich als tödtliches Gift wirkt, das steht 
nur in einem untergeordneten Widerspruch mit ihm, das lässt sich 
allerdings nicht mit dem rechten Arm, der abgehauen, und dem 
rechten Auge, das ausgerissen wird, aber recht wohl mit dem 
Haupte des GlOokseligkeitstriebes, welches unangefochten auf dem 
Rumpfe stehen bleibt, zusammenreimen. Im Widerspruch mit dem 
Glftckseligkeitstrieb handeln, die Glückseligkeit aufopfern, heisst 
daher wenn anders diese Selbstaufopferung nicht bis zum Selbst- 
morde sich versteigt — nichts anders, als die Nebensachen der 
Hauptsache, die Arten der (iattung, die niedern Güter hohem, Ent- 
bebrlicbeS; wenn auch noch so Liebes und Gutes, noch so schmerz- 



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263 

lieh Entbehrtes, dem Uueutbehrlichcn , dem Xothwcudigen auf- 
opfern'^). Aber, wie gesagt, wo die Noth wendigkeit anfängt, dm 
httrt noch nicht die Glflckseligkeit aaf. Wasser ist nicht Wein, 
Wasser ist nur die trinkbare Flflssigkeit schlechtweg, nnter den 
Getrilnken der Repräsentant der nackten, kalten, färb-, gemch-mid 
gesehmackloeen Nothwendigkeit; aber die Nothwendigkeit, die in 
der Regel der Mensch nnr in der Noth kennen lernt, ist eben die 
einzige wirkliche Wunderkralt; sie verwandelt Wasser in Wein, 
schwarzes IJrud in feinstes Mundmehl, Strohsiieke in Eidenluncn- 
betten; sie kehrt das Unterste zu olierst und, wie oft auchl das 
Oberste zu unterst; sie macht das Gemeinste, das Niedrigste zum 
Höchsten, das Werthloseste zum kostbaren Schatze, den sonst mit 
Füssen getretenen Staub der vaterländischen Erde dem armen Ver- 
bannten zum Gegenstand verehrnngsvoUer Kttsse. 

Der Werth der Leben^ttter ist ja kein fixer, sondern, wie der 
Barometer, bald im Stelgen, bald im Fallen begriffen. Es ist eine 
triWale Wahrheit, dass wir nicht als Glttck empfinden, nicht ab 
solches schätzen, was wir immer, ohne Unterbrechung geniessen, 
dass wir es erst verlieren müssen, um es als ein Gut zu erkennen, 
dass wir also im Besitze desselben wirklich glücklicli ;:ewesen 
sind, ohne es zu wissen und zu merken. Ein solches Gut ist vor 
Allem die Gesundheit; auch sie ist für den Gesunden etwas Tri- 
viales, etwas sich von selbst Verstehendes, etwas Unbeachtetes und 
Werthioses; auch ist sie in der Tbat nur die Voraussetzung lllr 
andere Güter, ohne Vermögen, es bestehe nnn in der eigenen Ar- 
beitskraft oder in Kapital, der anfgehänften Arbeitskraft Anderer, 
nnr das traurige VermOgen gesunden Hungere. Aber wenn der 
arme Teufel, der nichts weiter als seinen Arm oder Kopf sein 
nennt, krank oder auch nur unpässlich wird, o wie steigt da so 
gleich die so gering geachtete Gesundheit in der Hangordnung der 
menschlichen Lebensgüter empor zum Gut über allen andern Gütern, 
zum Inichsten Gute Nie will ich mehr, ruft er jetzt ül)er sieb 
selbst entrüstet aus, mich beschweren über meine Armuth, über die 
vielen Entbehrungen, die sie mir aut bürdet. Habe ich nur dich, 
Gesundheit! und mit dir meine Arbeitskraft wieder, so habe ich 
ja Alles, was ich brauche, um glücklich zu sem. 

Ein solches Gut ist auch das Leben selbst „Was ist das- 

*) VergL üazu den luoraiischcu üsiui^s in liciu Aul'äaiz: „teber meiue Ucüankea 
aber Tod und fJusterblichkeit'S III, 373. 



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■ - 

Leben, wo kein Wein ist?" aagt der heilige (Jcist in der heiiigeu 
Schrift, und mit ilini der Wcinliindcr und Weintrini^er. Aber im 
Notbi'all, wenn es nun ciuiuai ho sein muss, wcuu cd bcisyt: den 
Wein oder das Leben! so ist doch auch das Leben ohne Wein, 
dieses verächtliche, crbärmlichoi beim Weingcnus» dem Tode gleich- 
gesetzte Leben noch immer Leben, und als solches ein köstliches Gnt 



Die Uebereinstimmnng des Huddhismus mit dem Olttck- 

seligkeitstrieb. 

Aber ist denn wirklich das Leben ein Gut und gar ein köst- 
liches Gut? Wer spricht dieses aus? Nur der Epikuräer, der ge- 
meine Materialist und Sensualist. Der wahre Weise sagt im Gc- 
gentheil : das Leben ist ein IJebel oder vielmehr das Uebel schlecht- 
weg, das eigentliche, das radikale Uebel; glückseliges Leben ist 
so viel als ein hölzernes Eisen, denn lebendig sein nnd elendig 
sein ist eins. Wenn wir dabei stehen bleiben, dass das Leben ein 
Gnt, so steht freilich alles, was nicht mit dem Leben im Wider- 
spruch steht, nieht dem Leben den Garaos macht, auch nicht mit 
dem Glöckseligkeitstrieb im Widerspruch. Wird dagegen das Le- 
ben, folglich auch der Wille zu leben, vollends der th(irichtc Wille, 
glücklich zu leben, als das RatlikalUbel und Uadikalbose, denn vom 
L'eheln zum Bösen ist nur ein Schritt — als das zu Verneinende 
erkannt, so ist damit auch der Stab Uber die gemeine GlUckselig- 
keitslebre gebrochen, bewiesen, dass es einen nicht vvcgzuliiugnen- 
den, nicht wegzuerklärenden Widerspruch mit dem Glttckseligkeits- 
trieb im Menschen gibt, dass dieser Trieb nicht ein unendlicher, 
nnttbersteiglicher, nicht das Erste nnd Letzte in der menschlichen 
Natur ist, dass es noch etwas (Iber der Glückseligkeit gibt, Uber 
dem Wollen, Uber dem Leben, ttber dem Sein Überhaupt, dass also 
Nichtsein dasH(tohste nnd Beste ist, was man nur sich denken 
luul wünschen kann. Ein solcher eklatanter, nicht im Dunkel der 
Biologie oder Fsychologie verborgener, sondern aul" der Kühne 
der Geschichte ins Auge leuchtender Widerspruch ist, um andere 
ähnliche, aber nicht so bedeutende Krscheinungcn mit Stillschweigen 
zu Ubergehen — der Buddhismus, dessen iiöchster Gedanke 
lind Wunsch, wenigstens in seiner ursprünglichen, ächten *Form, 
bekanntlich nicht (ilückseligkeit oder Seligkeit, sondern geradezu 
Nichts oder Nichtsein, Nirväna ist. 



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264 



Aber auch dieser, bei oberHäcbliclicr Ansicht ans dem Kndil- 
nHiiiisnius oder dem Oliii kseligkeitstrieb unerklärliche Widerspruch 
erweist sich bei näherer Einsicht im besten Einkhuig mit demsel- 
ben. Der Eudämonisnms ist su eingeboren dem Menschen, dass 
wir gar nicht denken und sprechen können, ohne ihn auch ohne 
Wissen und Willen geltend zu machen. Sage ich: das Nichts oder 
Nichtsein ist das Höchste, was ich mir denken kaniii so mass 
ich aach hinzusetsen: das Höchste was ich mir wttnscheD, also 
das Beste was ich mir denken kann, wenn anders dieses Höchste 
nicht im höchsten Grade sinnlos nnd abgeschmackt sein soll. Den- 
ken ohne Wünschen, Denken, nnd sei es selbst das llttchterDste, 
Strengste, sei es selbst Mathematisches, ohne Vergnügen, ohne 
Cillickseligkcit in diesem Denken zu empfinden, ist leeres, unfrucht- 
bares, todtes Denken. Wer nicht, wenn auch nur momentan, Essen 
und Trinken Uber der Matlieiuatik vergisst, wer als Franzose keine 
Kecr^ations mathöniatiques, als Deutscher keine „niathematisclien 
Erqnickungsstonden, Deliciae matheniaticae" kennt und empfindet, 
der bringt es auch zu Nichts in der Mathematik; denn nur was 
beglttckt, macht geschickt Wenn also auch das Nirvana an sich 
und ursprünglich nur ^yVerlöschen, Auswehen'' ist, nichts weiter 
als die reine Vernichtung bedeutet, so ist doch i^r mich, so lange 
ich noch nicht im Nirväna bin, so lange ich noch lebe, also leide, 
die Vorstellung meiner Vernichtung als der Vernichtung meiner 
Leiden, Schiiicr/cii und Tcbel, Seligkeit, ersehnle WunschcrKillung.*) 

Der r)U(ldhismus ist i'reilich nicht Eudiimonisnius im Sinn des 
Aristoteles oder des Epikur oder des Helvetius, oder irgend eines 
obskuren deutschen Philosophen, denn die Deutschen haben die 
Ehre, keinen berühmten, keinen grossen Thilo^iopheu zu den j£u- 
dämonisten rechnen zu können. 

Wie das Land, das Volk, der Mensch, so seine Glückseligkeit. 
Was Du, Europäer! bist, bin nicht ich Asiate, namentlich ich Inder 
— und Inder ist ja der ursprüngliche Buddhist — , und was folg- 
lich Deine Glückseligkeit, ist nicht die meinige, was Dich tntsetzt, 
entzüekt mich, was fttr Dich eine Medusa, ist für mich eine Ma- 
donna. Die Qualen des Daseins, zu denen ausser den Qualen 
der Natur die Qualen der Politik und die Schrecknisse der 
Kcligion gehören, sind bei mir so tici ins Fleisch eingedrungen, 

*) 6. hieittber C. l'\ Köppen: ,J)ie Ueligiou des Bnddlia und ihie EDtstehmig**, 
fierUn 1857, be^ouden S. 304—309. F. 




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S65 

haben mir so alle Lebenslust und Lebenskraft ansgesogen, dass 
ich nur Ein Sein kenne — das Sein der Qual, und nur Ein Nicht- 
sein — das Nichtsein der Qual. 

Der Buddhismus ist eine Offenbarung nicht des gesunden, na- 
turkräftigen, geraden, verständigen, sondern des krauklialten, iiber- 
ijpannten, phantastischen, Uber dem Ueblen das (Jute übersehenden, 
von den Uebehi, die mit jedem (U\ie verbunden sind, namentlich 
von dem Uebel der Vergänglichkeit, dem Wechsel von Tod und 
Wiedergeburt des Lebensgenusses beleidigten und verletzten GlUck- 
seligkcitstriebes. ,,Wenn es das Loos aller Kreaturen ist, zn altem, 
was hellen mir, mft Baddha ans, Lnst und Frende, wenn ancb 
ich dem Gesetze des Alterns unterworfen bin? Wehe der Jugend, 
die durch das Alter, wehe der Gesundheit, die durch alle Arten 
von Krankheit zerstört wud! Wenn doch Alter, Krankheit und 
Tod für immer gebunden wären!" Aber auch webe der Engher- 
zigkeit und Kurzsichtigkeit, die nur in dem plumpen deutschen 
Hopsasa oder Juchhe, oder gar in dem ))rutalen Hurrahgeschrei, 
nicht auch in dem ^rahnruf und Klageton indischer Wehmnth 
nnd Schwermulh die Stimme des Glückseligkeitstriebes vernimmt! 
Auch der asketische Buddbist bat ebenso gut, wie unser eins, kein 
Gefallen an Kranksein, nein ! so eifrig wie wir sucht er nach einer 
Panac^, nach einer Arznei, die ihn von alleä seinen schmerzlichst 
empfundnen Krankheiten nnd Uebeln heile; aber weil er mit seinem 
überreizten Nervensysteme das Leben selbst als eme Krankheit 
empfindet nnd ansieht, so findet er begreiflicher Weise diese Arznei 
nur im Tode. Nirväna heisst daher unter Anderm ausdrücklich 
„die Arznei, die alle T^eiden hebt und alle Krankheiten heilt". 
NirvAna ist keine positive Glückseligkeit, die Arznei kein Gennss; 
wohl dem, der keiner bedarl'I aber doch gcliJh't auch die Arznei 
unter die schon erwähnten Krfindungcn des GUickseligkeitstriebes. 
Kräuterkunde und Scheidekunst, die jetzt eine so grosse Rolle in 
der Welt spielt, verdanken, wie die Geschichte beweist, ihren L'r- 
spmng nur dem selbstsüchtigen Verlangen des Menschen, nicht zu 
erkranken, und wenn er das Unglück hat zn erkranken, wieder 
ZQ genesen. 

Nicht der Buddhismus also, nein! nur der Katholizismos, ina- 
besondere Jesnitismus, der aber jetzt ja fHr identisch mit dem 

wahren Katholizismus gilt, hat Erscheinungen, hat Handlungen 
hervorgebracht, die schlechterdings mit der menschlichen Natur, 
dem menscblicben Verstand, dem meuscbUeheu GlUcksdigkeitstricb 



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266 



im Widerspruch stehen, Handlungen, die eben im höchsten Grade 
widerwärtigi ja scheasslich, ekelhallt and sngleieb abgesehmaekl 
nnd aibero sind 

Zand Belege nar einige Beispiele and wie sie mir eben zafiülig 
zar Hand sind: „Der beilige Aloysias (Gonzaga z. B. mied, 
am seine Keuschheit keiner Gefahr anszusetzen, so sorgfältig den 
Anblick und Umgang der Weiber, dass er selbst nicht das Ge- 
sicht .seiner Mntter sich getraute anzusehen."*) Selbst nicht das 
Gesicht seiner Mutter! Hat je ein Buddhist trotz seiner Keuschheits 
ptiege sich auch nur einlallen lassen, dass der Anblick seiner ehr- 
würdigen Matter ihm nnkeasche Gedanken nnd Begierden erwecken 
könne? 

„Die heilige Adelgund — allerdings keine Gebart des Jesoitis- 
masy aber eine von den Jesniten als Master aafgestellte Heilige — 
bat Gotty er solle ihr den fressenden Krebs in ihre jangfräoliohe 
Brast schicken, and ihr Gebet ist alsobald erhöret worden. Wm 

dergleichen habt ihr einmal von Gott begehret? ... Es war aber 
diese heilige Jnngfrau nicht vergnügt (zufrieden), dass sie allen 
Wollust des Ilot'lebens ausgeschlagen, auch nicht, dass sie an dero 
statt mit 80 cmptindlichen .Schmerzen gequält wurde; sie verlaugte 
noch über dies alles, Gott wolle ihr allen Geschmack, den sie 
in nothweudigem Essen and Trinken empfand, ent- 
ziehen, und nachdem sie, um also zu reden, Brosärolein von dem 
Himmelsbrot, so ihr der heilige Petras beigebracht, gekostet, ist 
ihr die Annehmlichkeit aller Speisen in lantere bittere Galle ver- 
ändert worden."**) 

Bei aller seiner übermässigen Mässigkeit nnd Enthaltsamkeit, 
bat es je ein Bnddhist zu solcher Verkehrtheit and Abgeschmackt- 
heit gebracht? 

Der heilige Xaver hatte es in der Liebe zu den Armen nnd 
Kranken, in der Selbstüberwindung, in der Abtrultung seiner Sinne 
so weit gebracht, dass er selbst das Wasser, womit er scheussliche 
und unheilbare Geschwüre gewaschen, trank, ja sogar den Eiter i 
ans den venerischen Geschwttren aassog.***) Allerdings treibt ancb 



•) Card. Bol. Bellarmiiii sciuio tlc IS. Aluysio p. 20. S. Aloy»ii O^crA ouim, 
Col. Bon. et Brüx. 185rt. 

**) Ilciligits Tag-Bach etc. vou P. Joh. St. Uroücz S. I., deutsch vou P. B. Yogi, 
Au^burp: und Dill. 1755, I. Th., 85. 

• ***) Allgemeine (Joschichte der Jesuiten vou Prf. Wolf, 1&03, 1. Bd., S. 2^. 



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- - 267 

der buddhistische Schwärmer und Märtyrer seine aufopfernde 

Menschenliebe , von der wir übrigens" hier unserm Gedanke iigaiif;; 
zufolge* abstrahiren, bis auf dcu höchsten, fast Ubernicnschlii'hcn 
Grad, „er gibt z. B. sein Fleisch und IMut hin, um Verschnuuh- 
tcnde zu retten^'; aber er ist doch uiiciidlic Ii entfernt davon, die 
Meuschenliebe, die Liebe zu den Armen und Kranken, bis zur Lieb- 
kosung ihrer sobeusslichen Geschwüre und Beulen zu treiben. 80 
was vermag nur der heilige Katholizismus. 0 heiliger Xaverius! 
ich bin widerlegt, besiegt , verloren, wenn mir nicht der Himmel 
beisteht, mich nicbt mit seinem allmächtigen Arm Uber diesen Abgrund 
übermenschlicher und ttbernatUrlicher Schweinereien hinttberhebt. 
Aber, heiliger Xaverius, und Du, beiliger Aloysius, und ihr Heiligen 
der katholischen Kirche samrot und sonders, ihr bringt mich doeb 
nicht aus dem Konzci)t, oder gar um n»einen Verstand, um mein 
Glückseligkeitsprinzii). Auch Du, heiliger Xaver, den ich abermals 
als Muster vor allen andern nenne, hast mit Wollust selbst den 
Kiter aus venerischen Geschwüren ausgesogen, denn Du hast in 
diesem Eiter nur das Manna hinnnlischcr Süssigkeit und Seligkeit 
vorgekostet. „0 selige Ewigkeit, welche ich erwarte, wie stark 
verdienest Du, dass ich Dir zu Liebe . . . etwas Beschwerliches 
geduldigst ertrage!'' .... „Ich weide ewig glttckselig sein. Ihr 
Wollust und Hoheit dieser Welt, wie schlecht und verächtlich scheinet 
ihr, wenn ich des Himmels eingedenk bin.''*) 

Lass mich auf Erden selbst dumm wie ein Esel werden nnd 
mich im Kothe wie ein Schwein wälzen, wenn ich nur im Himmel 
der alleinseligmachenden Kirche zum Engel werde! „Halb Thier, 
halb Engel", d. h. jetzt Bestie, einst Kn<;el, aber nur um Alles 
nicht Mensch! Es gilt dein ewiges Seelenheil und selbst dein Glück 
in unsern weltlichen Kirchenstaaten. Vor dem Mensehen, vor der 
irdischen Glückseligkeit v<irschwindet die himmlische Seligkeit, ver- 
schwindet die Kirche mit ihren Bisohöi'en von Gottes Gnaden, und 
verschwindet ebenso der Staat mit seinen Königen und Fürsten 
von €k>tte8 Gnaden. Wo es keine Heiligen im Himmel, gibt es 
bald auch keine Heiligen mehr auf Erden, keine Heiligkeit, wenig- 
stens keine ausschliessliche, nur auf Einen beschränkte, im Staats- 
recht. Darum wird die Zeit noch kommen, wenn wir sie auch 
nicht mehr erleben, dass der oder ein neuer deutscher „Richelieu'* 
und der heilige Xaverius nicbt privatim und im Gebeimen, wie 

HeUiges Tag-Buch, I. Thl, S. 1539 —40. 



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268 



▼ielleiebt jetzt schon, sondern Öffentlich nnd feierlich mit einander 
Brüderschaft machen werdeh.*) Was haben wir nicht schon alles 
erlebt! Welche sonst mit einander nnverträgliche Gegensätze haben 
wir nicht schon in lantere Harmonie Yerschwinden sehen! Was 

wird aber erst die Znknnft entschleiern V Welche Masken werden 
da lallen I Und wie viele! denn was alles ist hei uns nicht blosse 
Maske? Besteht doch die INditik des Staats nnd besonders der 
Kirche einzii:: darin, ihre ;;ränzcnl(»se Leerheit, ihre bodenlose Oe 
haltlosigkeit; ihre euipüreudcn Widersprüche mit dem Wohl und 
Wesen des Menschen zu verdecken, zn maskiren! 



Die gemeinen Widersprüche mit dem Gltickseligkeitstrieb. 

Was kümmert mich der heilige Xaverias, was der Katholizismns 

Uberhaupt, was gar der Buddhismus? Das ist ja nur Wasser aul 
Deine Mühle; das sind alles nur Ausgeburten des religiösen Wahn- 
sinns, von denen Du mir mit leichter Mfilic nncliweisen kannst, 
d.'iss sie nur verkehrte, verrückte Acnsserungcn des (ilückseligkeits- 
triebes sind. Bleibe bei den gemeinen, den alltäglichen und all- 
gegenwärtigen Erscheinungen der niensehlicben Natur stehen und 
bringe mir ihre hinimelsehreienden Widersprüche mit diesem Triebe 
in Einklang mit demselben! Sind diese nicht der Art, dass wir 
eher berechtigt sind, einen Ungltickseligkeitstrieb, als einen Glfick- 
Seligkeitstrieb anzunehmen? ^^Wamm plagen wir einer den andern? 
Das Leben verrinnet Und es versammelt nns nnr einmal wie hente 
die Zeit.'' Nnr einmal und anf so knrze Zeit! und doch plagen 
wir uns oft nur aus j)urer Langeweile. Aber plagen w^r nns nur 
einander? plagen wir nicht uns selbst? Ist nicht last Jeder mehr 
oder weniger ein lleautontimonimcnos, ein 8elbstquäler oder Selbst- 
peiniger? Ist aber der lleautontiniorumenos, den der rönnsche Lust- 
spieldichter aufs Theater gebracht, nicht eine höchst beschränkte, 
annselige, kläglich komische Figur gegen den Selbstpeiniger, der 
im wirklichen Leben eine nichts weniger als nur komische, sondern 
tragische Rolle spielt? Was smd die Mückenstiche des Terenzischen 
Selbstpeinigers gegen die giftigen Schlangenbisse der alltilgKehsteB 
nnd gemeinsten Leidensehaften, wie Ehrsnchty Eifersncht, Neid, 



• Das war dfuualä Gegenwart, ist aber jct/t vorbei — »ic liegen ^ich in Jen 




i^. U. 



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269 

Hass, Rachsucht? Wir sind Andern l)öse, wir thun mit Freuden 
sogar ihuen wehe, aber thun wir uns damit nicht selbst weheV 
Sind diese Leidenschaften und selbst vorübergehende Afifektei wie 
Zorn, Aerger, VerdrusSy mit dem Gefühle des Wohlseins verbanden? 
Wenn wir schäumen vor Wath aus Erbitterung, aus Zorn, aus Bos- 
heit Uber Andere y sind wir da nicht ^zugleich Fnrien gegen uns 
selbst? Vergiften wir uns nicht selbst mit dem Gifte des Hasses, 
den wir gegen unsere Feinde im Herzen tragen? Ist es nicht selbst 
physiologisch erwiesen, dass heftige Leidenschaften und Affekte wie 
eigentliche Gifte wirken? Sliss ist allerdings die befriedigte Üacli- 
sueht, aber welche llöllenpein die unbefriedigte! Ist es nicht eine 
schon von den Alten, die nicht aus Büchern, sondern aus dem Leben 
selbst ihre Weisheit schöpften, wie z.B. in dem Spruche: Gravior 
inimicu8| qui latet sab pectore, ausgesprochene Wahrheit, dass 
Jeder an sich selbst seinen ärgsten Feind und Gegner hat V Wenn 
aber Jeder an und in sich selbst seinen Teufel hat, wo bleibt da der 
vielgertthmte Glttckseligkeitstrieb? Ist da Glttckseligkeil^ wo sieh 
selbst verzehrender Ehrgeiz und Geldgeiz, wo pestilenzialische Ge- 
nusssucht, wo flberhaupt unglückselige Leidenschaften, sie seien und 
heissen nun wie sie wollen, das menschliche Herz und Hirn be- 
herrschen? Oder ist etwa, wo die Hölle haust, da die Glückselig- 
keit zu Hause? 

Doch lassen wir die menschenfeindlichen Leidenschaften und 
Gemlithsbewegungen! Widersprechen nicht auch die an sich un- 
schädlichen, wohlwollenden dem GlUckseiigkeitstrieb? Die Furcht 
z. B. meint es offenbar nur gut mit uns, sie ist aufs zärtlichste 
und ängstlichste nur für unsre Existenz und Wohlfahrt besorgt, sie 
nur warnt und beschtttzt uns vor ohne sie unvermeidlichen Uebeln 
und Gefahren! Aber ist die Furcht nicht selbst meist ein grösseres 
Uebel als das Uebel, vor dem wir uns furchten? Wie Viele hat 
die blosse Furcht vor dem Tode getödtet, die Furcht vor Krank- 
heiten krank, die Furcht vor der Annuth arm, zum darbenden 
Geizhals gemacht! 

Ja selbst die allerwohlwollendste und wohlthUtigste, die selbst 
nur auf gegenseitigem Wohlwollen beruhende Leidenschaft, die 
Leidenschaft, welcher der Mensch selbst sein Dasein verdankt, die 
zugleich mächtigste und grösste Leidenschaft, die der Geschlechts- 
liebe, ist sie nicht auch die verderblichste, die der Glückseligkeit 
widersprechendste Leidenschaft? Ist es hier nicht so recht in die 
Augen leuchtend, dass der Naturzweck etwas ganz Anderes ist. 



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270 



als der Zweck und Wille des Mensehen, dass die mensehliehe 
Glückseligkeit keinen (Irund und Boden in der Natur hat, dass sie 
nur ein Hirngespinst von ihm selbst ist? Der Menseh \y\\\ freilich 
nur seinen Gennss, will nur seinen Trieb befriedigen ; aber die Natnr 
bezweckt nur die Erhaltung, die Fortdauer der Gattung oder Art. 
Die Teleologen haben daher mit besonderm Wohlgefallen den €le- 
schlechtstrieb und Geschlechtsgenuss nur fttr eine List der Nator 
erklHrt, fttr eine Lockspeise, womit sie den Menschen, den Tölpel 
f Un^t, um ihn ohne, wie oft auch wider Wissen und Willen, ihrem 
Zwecke dienstbar zn machen. 

Aber was ist denn die Gattung oder Art, die Dn nur zum 
Zwecke der Natnr machst, im Unterschiede von dem Individuum, 
dem Du nur die eigne Glückseligkeit zum Zwecke gibst? Warnra 
existirt denn in der Natur keine Gattung oder Art, die und wie Da 
sie im Kopfe hast? Warum ist sie denn, wenn sie doch einmal 
so pfiffig I so hinterlistig wie ein Pfaffe ist, doch wieder so nnge- 
schickt, so dumm, dass sie immer und immer wieder nur ein In- 
diyidnum zn Stande bringt? dass sie doch so gar nichts von Phi- 
losophie und selbst Naturwissenschaft weiss? dass aus dem Ldbe 
der Mutter, ans ihren Gebnrtsschmerzen , aus neunmonatlicher 
Schwangerschaft, aus allen diesen Verneinungen des Gltickselig- 
keitstriebes dorh immer wieder nur ein neuer Gltlckseligkeits- 
trieb zum Vorschein kommt? Und steht denn wirklich der „Natur- 
zweck'^ im Widerspruch mit des Menschen eignem Zwecke? Weil 
in jammervollen Zuständen der menschlichen Gesellschaft, wo die 
Natur zur Unnatur und die Unnatur zur Natur wird, das Dasein 
von Kindern und ihre Erhaltung mit dem eignen Selbsterhaltungs- 
triebe der Eltern in Widerspruch stehen, gilt dies auch von nor- 
malen, natur- und yemunftgemftssen Zuständen? Gehört da nicht 
vielmehr das Vater* und Muttersein zum Glttekseligsein? Wider- 
streitet die Kinderliebe der Selbstliebe? Gewiss in sehr yielen 
Fällen, jedoch nur aus Gründen, die an sich nichts mit ihr zn 
Schäften haben, nicht zur Sache gehiu-en. Es ist aber doch un- 
bestreitbar, dass wir unzählige Sorgen, Mfihen und Plagen ohne 
Kinder nicht hätten. Ja, aber auch nicht unzählige Freuden. Ab- 
gesehen aber auch davon, dass, was aus Liebe geschieht, gerne 
geschiebt, ein Opfer aus Liebe kein Opfer ist, ist denn nicht auch 
die blosse Selbstliebe, wie z. B. die Sorge ftlr die eigne Gesund- 
heit, mit den grOssten Mtthen, Sorgen und Opfern verbunden? Wo 
ist Liebe, ihr Gegenstand sei nun welcher er wolle, wo Aicht Qual 



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271 



und Pein ist? Wer ist unglückseliger als der Geizhals? (Jnddoeh 
ist der eigne Geldaaek seine einzige Sorge and Liebe. 

Wenn man freilich bei und yor der Gattung wie vor einem 
Gespciiste gedankenstarr und steif stehen bleibt, wenn man der 
heiligen Dreieinigkeit nnd logischen oder vielmehr linguistischen 
Trilogie zu Liebe, wie in der Theologie, auf die Zeugung des 
Sohnes durch den Vater das alle Persönlichkeit verwehende Sausen 
und Brausen des heiligen Geistes, so in der Anthropologie auf die 
beiden Geschlechter, auf Er und Sie als vereinigendes Drittes das 
geschlechtlose Das des Kindes folgen lässt, dieses unschuldige 
Ding nicht näher im Lichte der Wirklichkeit besieht und bemerkt, 
dass es schon die Zeichen des bösen Buben oder der lustigen Dirne 
an sieh triigt: so ist mit dem Gedanken an die Gattung der Ge- 
danke an den Tod des Individuums unvermeidlich und unabtrennbar 
verkntlpft. *) 

In der That folgt m der Natur bei vielen niedem Thieren un- 
mittelbar in oder nach dem Begattungsakt der Tod; ihr Leben ist 

erschöpft, ist aus, so wie Same oder Ei aus dem Leibe heraus ist. 
Aber der Zeuguugsakt ist nur ihr letzter Lebensgenuss, weil er 
auch ftir sie der höchste ist, der Genuss, über den kein anderer 
geht, der nichts mehr zu Verlangendes, nichts mehr zu Wünschendes 
nnd Erstrebendes, folglich auch nichts mehr zu Erlebendes übrig 
lässt. Je höher aber das Individuum steigt, je entwickelter und 
vollkommener es wird, desto mehr tritt auoh selbst der höchste 
Lebensgenuss in die Beihe fortdauernder, sich oft wiederholender 
Gentfsse, zum deutlichen Beweise, dass der Begattungstrieb im in- 
nigsten Einklang mit dem individuellen Glüokseligkeitstrieb steht 
Aber auch selbst der Mensch kann von der Leidenschaft der Liebe 
so ergriffen werden, dass er für den und mit dem Liebesgenuss 
wie der Schmetterling sein Leben dahin gibt. Erglüht doch schon 
in den homerischen Hymnen Anchises so sehr in Liebe zur Venus, 
dass er begeistert ausruft; „Wohl ja wollt' ich sodann, o du Weib, 
^ Göttinnen vergleichbar. Wann dein Lager ich theilt', in die Woh- 
nung des Todes hinabgehn." Steht aber der Tod in Widersprueh 
mit dem Gltlckseligkeitstrieb des Schmetterlings? Soll er nach 
dem höchsten Lebensgenuss als entleerter Schmetterling oder gar 
wieder als Raupe fortvegetiren? In dem unnatürlichen, dem kaiser- 
liehen Rom erfolgte die Apotheose, die Vergötterung erst nach dem 



*) Ergänze aiwa: ao ist die listig«; (lattuiig AUtiä, das duuiiuu Individuuiu niclit:^. 



1 



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272 — 



Tode. ),Ich glaube, ich werde Gott/' d. h. ich sterbe, sagte daher 
ironiseh der Kaiser Vespasian. Aber im Reiche der Natur folgt 
umgekehrt aaf das Gottwerden erst das Todtwerden, das Sterben. 
Was hat das Leben noch für Suin nnd Werth für den Schmetter- 
ling, wenn er nnr noch ein hohler Balg ist? Wie mag ich noch 
als elender Mensch fortexistiren, nachdem ich bereits Gott geworden, 
die höchste Selijrkeit und höchste Ehre des Lebens genosseu habe? 

So viel vom He^'attini<;strieb. Was aber die andern oben an- 
fredcuteten mi^likkseligen Triebe, Leidenschaften und Affekte be- 
trifft, so beweisen sie nichts weiter, als dass eben der Mensch 
sammt seinem GlUckseligkeitstrieb ein Naturwesen und dass, wie 
er selbst von Natur gebaut und geformt, wie seil) KOrper und Geist, 
sein Kopf nnd Herz beschaffen nnd bestimmt, so anch seuie Glttek* 
Seligkeit beschafibn nnd bestimmt ist Wie sollte, bei euiem fhrcht- 
samen, ängstlichen Menschen der Glttckseligkeitstrieb sich anders 
änssern, als in beständiger, bei jedem Tritt nnd Schritt Tom ge- 
ringsten Anlass erregter Furcht vor mtiglichera Ungltick? Wie bei 
einem neidischen anders, als darin, das Gut, das er nicht bat, aber 
nur sich selbst gönnt, dem Besitzer desselben zu missgönnen und 
durch das Vergnügen dieser Missgunst, dieser geistigen Habsucht 
und Annexion, den Schmerz seiner Entbehrung sich zu erleichtern? 
£ine hässliche Erscheinung der Natur ist die Kröte, eine liebliche 
der Laubfrosch, am bei der Klasse der Batrachier stehen zu bleiben. 
Aber warum willst Dn nnr dem Laubfrosch, nicht anch der Kröte 
ihre GlQckseligkeit gönnen? Es ist wahr, sagt die KrOte, in memen 
Adern pnlsirt nnr das tOdtliche Gift des Neides, der Bosheit, der 
Rachsncht; aber dieses Gift ist für mich, die giftige KrOte, Am- 
brosia, ich hin glücklich, wenn ich durch das Gift, womit ich mich 
tödte, nur auch den Andern tüdte. Jal es gibt auch eine Glück- 
seligkeit der Kröten und Schlangen, aber es ist eben auch eine 
Schlaniren- und KrötenglUckseligkeit. Aber was sind Schlangen 
und Kröten gegen die scheusslichen Ungeheuer, gegen die Megären 
und Diuotherien, in der Geschichte der Menschheit sowolU als 
der Erde? 

Unverzeihliche Abschweilung vom Thema. 

Gibt es nicht Erscheinungen der Natur, wo Ewern wurklich 
Herz und Verstand still steht, vorausgesetzt, dass man Verstand 

und Herz hat, wo Alles aufhört, was sonst sich in uns zu Gunsteu 



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273 



des Lebens regt und bewegt, wo das buddhistische Nichtseiu als 
das einzige Wahre und Wllnsclienswerthe erscheint? Wem schaudert 
nicht hei dem blossen Gedanken an die Pest, den schwarzen Tod, 
die Cholera, die Venerie, kurz an alle die eben so schrecklichen als 
seheusslichen Krankheiten der Menschheit? Aber beweisen sie, dass 
es keine Gesundheit gibt und dass diese nicht der normale Zustand 
der Natur ist? Sind denn die Krankheiten, diese grässlichen Leiden 
und Qnalen der Natur, allgemeine und bleibendey endlose, wie die 
Qnalen der religiOien nnd theologisehen Hölle, die allerdings in 
einem nnanflösbaren Widerspruch mit dem Glttekseligkeitstrieb 
stehen, natttrlieh nur der Verdammten, nicht der Begnadigten? Ist 
denn in der Natnr eben so wie in der Hölle ^ar keine Hoffnung, 
keine Aussicht mehr auf Besserung, sollte auch diese, leider I nicht 
uns selbst, sondern erst unsern Nachkommen zu Gute kommen? 
Der Zorn des Unendlichen ist freilich ein unendlicher, aber verhängt 
die willenlose Natur Uber uns Tod und Krankheit aus Erbostheit, 
aus Zorn und Ingrimm, wie der Gott der Theologie und Religion? 
Ist denn auf dieser traurigen Erde nur das Gute und Schöne ver- 
gänglich? Vergeht nicht auch das Schlechte, das Hässliche, das * 
Abseheuliehe, das Entsetzliche? Warum fixirt, wardm beseufzet ihr 
Poeten allein die Vergänglichkeit des SehOnen? Ist denn, im Ver- 
gleich zu euren poetischen Trilumen, euren Paradiesen, diesen Be- 
gionen ewiger Sch()nheit nnd Bnhe, die Erde, diese Region der 
furchtbarsten Orkane und Gewitterstürme, nicht auch die Region 
der Windstillen? Nur sind sie freilich in der „begrifflosen" Natur 
nicht zugleich vereinigt, wie im Kopfe des Philosophen, sondern 
erst, wenn der 8turm vorüber, stellt sich Friede und Ruhe ein. 
0 ihr Philosophen, die ihr euch so erhaben und frei dünkt, trotz 
eures Rationalismus, trotz eurer den Stockglänbigen so anstössigen 
Ketzereien, trotzdem dass ihr von einem persönlichen, gar indivi- 
duellen Gott nichts wissen wollt, weil Überhaupt die Individualität 
nichts fttr euch gilt, — ihr habt doch in eurem Kopfe, im'Hmteigmnd 
eurer Gedanken, nur das alte thdstische, zeit- und raumlose Wesen 
steeken. Bei Hegel heisst und ist es der „Begriff^', bei Kant das 
„Ding an sich". Nur diesem Ding zu Liebe, tot dem es keinen 
Kaum und keine Zeit gibt, das aber doch das wahre, obwohl uns 
unerkennbare Ding ist, liat er die Zeit, um diese besonders hen^or- 
zuheben, nur dem sinnlichen Menschen aufgebürdet, zu einem un- 
freiwilligen Hirngespinnst von uns gemacht, aber eben dadurch sich 
tind uns um die wahre Lebens- und Naturanschauun^ ^^ebracht. 

Ortta» rtmrteehs Brief»«o]u«l n. NmsUmb. II* lö 



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Die Zeh ist ja in Wahiheit keine UoeM Ansehannogsfoni, 
sondern wesentHebe Lebensform and Lebensbedin^oiig. Wo kein 
Anf- mid NaebeinanderfolgeD, keine Bewegung, kdne Verindennig, 

keine Entwicklang, da ist kein Leben nnd keine Natar; aber ron 
der Eutwieklnng ist die Zeit iiDabsonderlioli. Was sich entwickelt^ 
das ist, al)er jetzt nicht, was es einst gewesen und einst sein wird. 
Nimmst du von mir die Zeit weg — und der Mensch hat di>ch 
gewiss eben so gut als irgend sonst Etwas darauf Ansprach, ein 
Wesen oder Ding an sich zu sein, wenn auch nur eine Modifikatioa 
des absolutea Dings an sieb, denn die Dinge an sieb rednziien 
sieh, weil aller Plural, alle Vielheit und Versebiedenheit doch mr 
der sinnlieben Ansebannng angehört, snletst nnr anf das IMng an 
sich schlechtweg, das eine absointe Ding — nimmst Da tob mir 
also die 2jeit weg, so nunmst Dn mir das Blnt aas den Adem, das 
Hens ans dem Leibe, das Hin ans dem Kopfe, mid iSssest nur 
schlechterdings nichts tibrig, als den Tod oder das buddhistische 
Nichts. Im Gedanken ist iVeilieh die Zeit das Erste, sonderst Dn 
die Zeit ab von der Entwicklung, der Veränderung, Bewegung, 
setzest sie ihnen voraus; aber der Gedanke ist nicht der Herr nnd 
Meister der Natur j in der Wirklichkeit ist die Zeit unzertrennlich 
eins mit der Entwicklung, eins mit der Nator, eins mit den aeil> 
lieben Dingen. 

Aber sind denn diese Dinge die Dinge an sieb? loh weiss es 
nicht, aber für mieb, der ich mieh nicht ron der Zeit ablrenMi 
kann, sind diese seitlitdien Dinge aoeb Dinge an sieh, ist die Zeit 
selbst y so gnt wie die Sonne, Planeten nnd Kometen, die si^ in 
Raum nnd Zeit bewegen, etwas Wirkliches nnd eben desswegen 
etwas an sich selbst, Etwas ohne meinen Kopf nnd ausser meinem 
Kopt. Uh dulde in meinem Kopfe keinen otfenbaren Widerspruch, 
keine Konfusion , sie sei nun eine Kautische oder Hegel sehe, ich 
weiss nichts von einer Idealität, d. h. rnwirklicbkeit, die doch 
wieder Wirklichkeit sein soll, nichts also von einer wirklichen Un- 
wirklichkeit, wie die koulose Zeit der spekulativen Philosophie 
Deutschlands; ich kenne keinen andern Unterscbied zwischen für 
mieb und an sich, zwischen Subjektiv und ObjektiTy als den 
Unterscbied swiscben Einbildong nnd Wirklichkeit, Tftosehong and 
Wahrheit, Schein nnd Wesen. Aber beides: Wesen nnd Sebem, 
fällt bei mir nicht jenseits, nein! diesseits Ton Zeit nnd Baom. 

Und ich beklage mich nicht Uber diese meine yoUst&ndige 
Diesseitigkeit Ich finde hierin keine nnerkläriicheu und uuaudös* 



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275 



Uehen Wideraprttcbe mit dem mensehlicheo GlflekseligkeitBtriebe, 
wie in der Tlieologle und Metaphyrik. NeinI es gibt kein andres 
Heilmittel gegen die nnbeilbaren Kranlüieiten, die Seblechtigketten 
ond Abscbenliebkeiten der Natnr und Hensebenwelt, als die Zeit. 

Wa« die Zeit mit sich bringt zu unserem Schrecken und Leidwesen, 
tlan verHcnkt sie auch wieder zu unserem Tröste und Heile in ihren 
Wellen. „Welch krasses Hild". Aber dafür wie cHVisclicnd, wie 
wohlthuend ist diese, mit dem fliessenden, allen llnrath wegsptllen- 
den Wasser in Eines zusammengedachte Zeit f^egen die tndtc, meta- 
physische, nur um eine, noch dazu mathematische Linie, die be- 
kanntlich ohne Breite ist, von der alten theologischen Ewigkeit 
anterschiedene Zeit^ die nnr im Kopfe des abstrakten Denkers eii- 
stirt? ,,0 Ewigkeit^ da Donnerwort!'' aneh da bist verbaHt, aacb 
deine Sckreeknisse ond Zanber sind versehwanden and stOren ans 
nieht mehr im Genasse ansrer, im Vergleich za deinen ewigen, 
Obenebwän glichen Freuden armseligen, aber dafHr wirkliehen, zeit- 
lichen Freuden. Bringen wir daher vor allen Dingen wieder die 
Zeit zu Ehren! Nur ihr haben wir es zu verdanken, dass wir von 
den geologischen Ungeheuern, den Dinotherien und Megatlierien^ 
den Ichthyosauren und wie weiter diese thierischen (irossmächte 
heissen, befreit sind; nur ihr werden wir es, allerdings nicht ohne 
onsre Mitwirkung zu verdanken haben, wenn wir einst auch von 
den jetzt noch ezistirenden theologischen und anthropologischen 
Ungeheaerliehkeiten and UnvertrigUohkeiten mit der menschitehen 
Existenz and Wohlfahrt Arei werden. 



Der moralische GiUckseligkeitstrieb. 

Schon wieder abgeschweift, verirrt in das Gebiet der Geschichte, 
und diesmal gar der Naturgeschichte, bis in die fernen Zeiten nus- 
gestorbncr Thicrgeschlechter! Bleibe in der Gegenwart, bieihe bei 
den gemeinen, den alltäglichen Erscheinungen des menschlichen 
Lebens I Wer weiss nicht mit üelvetius, *) dass es genug ungl tick- 
selige Mmohen gibt, welche nur dnrch solche Handlungen glück- 
lich werden, die sie anfs Schaffet flthren? Und wer kennt nicht 
den berlihmteni von demselben Helvetios bei derselben Gelegenheit 
angeführten Aagenarzt and den Rath, den er einem an den Angen 



*) De l'Espril. Diso. IV. Cli. 11. 

18* 



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— 2^r(5 — 

leidendea Weintrinker gibt? „Wenn Da", sagte er in liim, „mAt 
Yergntlgen findest am Wohlgesehmack des Weines, als am Genns» 
de Angenlichts, so ist der Wein fttr Dich ein grosses 6nt; wenn 
aber das VergnOgeD, zn sehen, fllr DIeh ein grosseres ist, als das 

Vergnügen, zn trinken, so ist der Wein fttr Dich ein jrrosses Uebcl." 
Was ^eht aber über das Vergnügen des Sehens? was über das 
Glück gesunder Augen? Wie Viele vergessen und vernachlässigen 
aber gleichwohl Über dem Wohlgeschmack an Getränken nud 
Speisen das Wohlsein ihrer Augen, das Wohlsein selbst ihrer 
edelsten Leibes- und Lebensorgane, ihrer Denkorgane! Beweisen 
aber diese Menschen, weil sie einen hohem nnd dauernden Glück- 
seligkeitstiieb einem niederen und vorttbeiigehenden anfopiern, etwas 
gegen den Gittekseligkeitstrieb als einen natnrbegrttndeten, nator- 
bereehtigten Trieb? Beweisen die Lente, die sieh ans Trfaiksiicbt 
bDse Angen zuziehen, dass die Cresnndheit, wie Oberhaupt, so aiieh 
die der Augen, kein Gut für die Menschen, selbst anch der Wdn- 
trinker ist; dass sie ein Verlangen haben, krank und blind zu sein, 
dass sie nicht das Gegentheil wollen, wenn sie gleich das Gegen- 
theil der Gesundheit thun? Oder ist der Arzt, weil er seinen 
Patienten, gesetzt, dass er wieder gesund oder, wenn er schon ge- 
sund, nicht krank werden will, einen Genuss beschränkt oder gar 
verbietet, ihm wehe tbut, Enthaltung, Verneinung Yon Genüssen 
auferlegt, desswegcn ein Misanthrop, ein Bösewicht, ein Unmensch, 
ein Tyrann? Wer ist denn aber dieser bertthmte Angenant? der 
alte, wohlbeluumte Gittekseligkeitstrieb, nnr mit einem neuen nnd 
bisher nicht in Betracht gezogenen Pi^ldikate: der moralische 
Gittekseligkeitstrieb. Die gemeinen Einwflrfe nnd Widersprüche 
gegen den Gittekseligkeitstrieb beweisen nichts weiter, als dass es 
für den Menschen keine Glückseligkeit ohne Vernunit und Moral 
gibt. Ich habe hier und jetzt jedoch im Auge nur den Theil der 
Moral, der bei den Moralisten blos von den sogenannten PÜicbteu 
des Menschen gegen sich selbst handelt. 

Die Moralisten haben sich von jeher darin gefallen, sich ein* 
ander mit grosssprecherischen Phrasen zu überbieten, sich fttr um 
80 grossere nnd bessere Moralisten zu halten, je mehr sie ttber- 
triebene, transzendente, un- nnd ttbematttrliehe, nn- und ttbermenseh- 
liehe Begriffe aufstellten; sie haben es fttr eine Veranrdnigung, 
eine Befleckung, eine Schändung der heiligen Jnngfran Mond an- 
gesehen, wenn sie anch nnr einen Blutstropfen von Egoismus, selbst 
vom gesunden, naturgemftssen, nothwendigen, unerlässlichen, mit 



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277 



dem Leben identisehen Egoismi» ttbrig HesBen. Namentlich haben 
die deutschen Moralisten es sich als ein besonderes Verdienst an- 
gerechnet, dass sie, wie schon oben angedeutet, aus der Äloral allen 
Eudänioni.smus, d. h. in Wahrheit allen Inhalt ausgemerzt. Und 
doch reden und handeln dieselben Herren, die nichts vom Egoismus, 
nichts vom Gltlckseligkeitstrieb in der Moral wissen wollen, von 
Pflichten gegen sich selbst, als wären — o welche Heuchelei! — 
.die Gebote, worauf sie sich stützen, nicht Gebote des eignen, indi- 
vidnellen Glfickseligkeitstriebes. Anerkennt ihr Pflichten des Men- 
schen gegen sich, eben so wie Pflichten gegen die Nebenmenscheni 
ond stwar mit Recht, denn im Vergleich zu den Pflichten gegen 
Andere nnd im Gegensatz zn den nnverschämten Forderungen, die 
sie an mich stellen k($nnen, gibt es wirklich solche, und ist folg- 
lich dieser Ausdruck ein berechtigter und richtiger — nun, so an- 
erkennt auch offen und ehrlich den Egoismus, erhebt ihn un- 
umwunden und feierlich in den Adelsstand der Moral als ein 
nothwendiges Element, als einen Grundbcstandtheil derselben. Nur 
keine Heuchelei, keine Verstellung, wenigstens in der Moral! Sie 
ist das grösste Laster — die Giftmörderin der Tagend, während 
die andern Laster nur rohen Todtschlag ansttben ~ obwohl in 
tiiisrer Zeit das herrschende Laster im Staat und in der Kirche, 
anf der Hoehsehnle nnd in der Dorfschnle, im Kloster nad in der 
Kaaenie. 

l^eigung und Pflicht sind allerdings keine Worte yon derselben 

Bedeutung, keine Synonymen; sie müssen also unterschieden werden. 
Was ich aus Neigung thue, thue ich aus Gltlckseligkeitstrieb, thue 
ich, weil es mich unmittelbar beglückt, thue ich gerne, mit Lust 
und Liebe; was ich aus Pflicht thue, das thue ich, auch wenn es 
mich nicht begltickt, aber eben desswcgen auch mir so oft miss- 
gliickt, ja widersteht, thue ich mit Selbstttberwindung, nur aus in- 
nerin und äusserm Zwang, denn sie sind fast immer bei einander, 
wenn wir nns gleich des letztem nicht bewnsst sind, oder selbst 
am moraUsohem Eigendünkel nns nnr mit der Vorstellnng schmei- 
cheln, dass wir nnr ans Fflichtgeftthl handeln. Aber mttssen wir 
denn ans dieser Uneinigkeit des Sinnes, ans diesem Wortstreit so- 
fort, wie die moralischen Puristen nnd Pedanten, die traurige Noth- 
wendigkeit einer förmlichen, totalen Ehescheidung zwischen Pflicht 
und Neigung folgern? Was ich heute in dieser Stimmung, in diesem 
Körper- und Geisteszustand nur thue, weil ich es thun muss, also 
iui( Widerstreben thue, das thue ich vielieicbt schon morgen mit 



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278 



grö88ter Leichtigkeit and Freudigkeit. Was mir in dieser Lebens- 
periode nur HisBTergnOgen meeht, nnr widerHeli ist, wie der Gang 
in die Schnle, nnr Sache eben der Pflicht, das gereicht mir in ap&- 
tcrcn Jahren, wenn aneh nelldchl nicht unmittelbar an sieh selbst, 

sondern nur in seinem Resoltat, zum grÖMten Nutzen und Ver- 
gnügen, und ich erkenne jetzt mit Lächeln, da«« die Zwangsjacke 
der l^flit ht nur auf Geheiss meines eignen, damals nur noch missver- 
htandneu und unerkannten Gllh kseligkeitstriebes mir angelegt wurde. 
Was gehört dazu, Meister auf einem Instrumente zu werden I Welche 
Beharrlichkeit, welch' unermüdlicher, ach wie viele süsse Freuden 
anfopfemder Fiei»»! Welche langweilige Uebungen! Welche An- 
strengungen der Muskeln und Nmen! Und doch habe icli dieses 
Instrument nnr ans Neigung eigriffen, und doch wie oft mit Ab- 
neiguDg, nur aus Pflicht darauf gespidt! wie oft vor Umnnth es 
selbst zum Teufel gewttnscht! Und doch ist dieses in Momenten 
des Unwillens ttber die Entsagungen und Plagen, die es mir auf- 
erlegt hat, verdammte Instrument die Quelle meines grössten \'er 
gnUgens und Glückes. „0 Ewigkeit, du Duunerwort!" was hast 
du nicht für Unheil in den Herzen und Köpfen der Menschheit an 
gerichtet. Du nur hast es zu verantworten, dass sie die Physik 
der Sittenlelire zur Metaphysik, Menschenwort su Gotteswort ^ Be- 
sonderes zum Allgemeinen y Vortlbergehendes sum Bleibenden ge- 
macht haben. Weil Neigungen und Pflichten — nicht zu vergessen, 
dass hier immer nur Ton Pflichten gegen sieh selbst die Bede ist — 
sich oftmals einander in den Haaren liegen, sich zanken und balgen, 
haben die moralischen Zeitlosen sie zu Todfeinden, zu nicht mo- 
mentanen und relativen, sondern absoluten, wesendidien, ewigen 
Feinden gemacht, wenigstens so lange sie auf Erden weilen; denn 
in der überirdif?chcn und überzeitlichen jenseitigen Weit sollen ja 
die Feinde Freunde werden. 

Die Pflichten gegen sich selbst sind nichts Anderes, als aus 
dem Glückseligkeit.strieb entsprungene, aus der Erfahrung von ihrer 
Lebereinstimmuug mit dem Wohl und Wesen des Menschen ge- 
schöpfte, von glücklichen, normalen, gesunden Menschen abgezogene, 
llQr Andere und für sie selbst im Fall der Erkrankung lUs Muster 
hingestellte Veriialtungsregeln zur Erhaltung oder Erwerbung leib- 
licher und gdstiger Gesundheit Pflicht ist nur, was gesund wH, 
selbst schon in seiner blossen Ausübung Zeichen und Ausdruck von 
Gesundhdl ist, oder gesund macht; denn es gibt nnch so unter- 



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27Ü 



geordnete Pflichten oder Tugenden, die nur Mittel zum Zweck der 
Gesundheit, für sich selbst ohne Werth sind. 

Eine solche untergeordnete, niedrige, in den Augen des Snpra- 
natnraHsteii dieses Namens nicht einmal würdige Pflicht oder Tagend 
ist z. B. die Reinlichkeit. Und doch liat sie gleichwohl an sich 
alle die Merkmale, die den moralischen und philosophischen Sapra- 
Datnrallsten bestimmen, die Pflicht nnd den Glflekseligkeitstrieb 
zu grundTersehiednen Wesen zu machen. Der Menseh hat in seinem 
Hochmuth die Namen von Thieren zur Bezeichnung menschlicher 
Laster, zu Schimpfnamen herabgewürdigt, so auch den Namen des 
Schweins zur Bezeichnung der Unreinlichkeit. Welche Injurie gegen 
die armen, leider nicht der Sprache mächtigen Thiere! Wie die 
Thiere überhaupt — wenn auch nicht alle, doch die meisten, was 
ich nicht weiss — mehr oder minder, ist selbst auch das Schwein 
ein die Reinlichkeit liebendes und nar in ihr gedeihendes Thier. 
Knr der Menseh ist nicht nur ein gebomes Schwein, wie allerdings 
aneh das junge Thier, welches aber ans Mangel an Selbstthätigkeit, 
aoB Unbehtllflichkeit an seinen Eltern die Stellvertreter des eignen 
Glllekseligkeits- nnd Reinlichkeitstriebes hat, sondern auch ein blei- 
bendes Schwein, weil, wo die Eltern sich im Kothe wälzen, es auch 
die Kinder ihnen nachthun, und so sich der historische Koth von 
Generation auf Generation unbeanstandet, unberührt von kritischer 
Neuerungs- und Keinigungssucht, forterbt. 

Die Unreinlichkeit ist ein dem Menschen angebornes, in seiner 
natürlichen Trägheit, Faulheit, Gewohnheits- und Bequemlichkcits- 
liebe gegrflndetes, nicht nur auf Einzelne, sondern ganze Völker 
nnd Stiimme sich erstreckendes Laster. Die Snmatraner z. B. 
„waschen niemals ihre Kleider, die Hottentotten niemals ihre ICdrper. 
Die Unreinlichkeit ist daher so tief in ihre Haut eingedrungen, 
dass man kaum unterscheiden kann, welches ihre rechte Farbe ist, . 
sie sind schwarz wie Rnss.'^*) Die Hottentotten, die Einwohner 
von Unalaschka, die Grönländer essen selbst ihre Läuse. Letztere 
„streichen den Schweiss, damit er nicht verloren gehe, mit einem 
Messer vom Gesichte und lecken ihn auf", und die Unalaschkaner 
„verschlingen den Schleim aus ihren Nasen/' Die Grönländer 
waschen sich zwar, aber sie waschen sich — noch dazu nicht die 



*) Uistor. Nachr. zor Kenntniss des Menschen in seinem vUden und loben Zu* 
»tuide von C. Bastholm. Altona, 181S. t TU., Kap. 4. Nach neueren Reise» 
beediieibiingen gilit es jedoch Mob selbst onter den Hottentotten xeinliobe Stibnme. 



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280 

Mftnner, sondern die Pranenzimmer — in ihrem üriD. Welche 
Gcsclimacksverirninp^! So sieht es mit der Unreinlichkeit beim 
„Men8chcn in seinem wilden und rohen Zustand'^ aus. Mit Recht 
bemerkt daher der dänische Schriftsteller, aus dem wir diese Bei- 
spiele anführten, dass es eines Menu, eines Zoroaster, eines Moses 
und Muhamed bedurfte, um den Menschen aus seinem Schmutze 
zur Kultur der Reinlichkeit emporzuheben, dass er also nur durch 
die Religion, durch die Oflfenbarnng Gottes Gestank und Wohl- 
gemeh, Urin und Wasser, Läuse und Speise, After und Hund, 
welche ja auch bei vielen niederen Thieren ein und dasselbe Organ 
sind, unterscheiden lernte. 

Aber so tief wie ein Eingeweidewurm steckt die Unreinlichkeit 
dem Bfensehen im Fleische, dass es auch selbst unter den kultivirten 
und ziyilisirten Völkern genug schmutzige gibt, und auch wieder 
bei den reinlichen so viele rohe, verwahrioste, wasserscheue, mit 
ihrem Unrathe verwachsene Menschen, welche sich niemals waschen, 
oder hitebstens nur an den hohen Festtagen, wenn sie Stfidter, oder 
nur einmal des Jahres, wenn sie Landleute sind, an dem Kircb- 
weihfeste, gleichwohl aber, wenn sie we^^en ihrer Schmutzigkeit 
zurecht gewiesen werden, beleidi^rt und entrüstet ausrufen : wasche 
ich mich denn nicht alle Kirch weihe? gleich als hätten sie mit 
dieser einmaligen, noch dazu höchst oberflächlichen Waschung ein 
iiberverdienstliehes Werk vollbracht, gleich als wäre Selbütreinigung 
t(ir sie asketische 8eibstpeinigung. Und sie ist es auch in der 
That tUr sie. 

Olcicliwolil ist die Keinliclikcit, welche für den ruhen und ver- 
wilderten Mcuschcn eine saure, traurige Pflicht ist, welclio er eben 
(icsswegen gar nicht erfüllt oder nur ungern, mit Unlust erfüllt, fUr 
den und an dem Kultivirten eine Befriedigung und Bethätigung des 
oder eines GlUekseligkcitstriebes, eine auf Neigung und Trieb ge- 
gründete Tugend, deren Austtbung daher, wenn sie gleich immerhin, 
namentlich , bei der Anwendung radikaler Remigungen, mit Uebw- 
Windung gewisser widerstrebender Gefühle, der Gelttste der Faulheit, 
Weichlichkeit und Bequemlichkeitsliebe verbunden ist, doch ihm 
80 natflrlich vorkommt, wie Essen und Trinken, was, wie wir aus 
Luther wissen, das allerfnihlichste und allerlcichteste Werk ist. 
Was ahor von der Reinlichkeit gilt, die ich nur desswegen hervor- 
gehoben, weil ich Uberall das Sinnfällige, das Unbestreitbare zum 
Ausgangspunkt, zur Grundlage mache, ehe leb in höhere und 



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281 



donklere Regionen mich veiäteige, das gilt von der Tugend Uber* 
haiipt, wenigstens der sieh auf das eigne Selbst beziehenden. 



Wesentliche Unterschiede der Gluckseligkeit nnd 

der Selbstliebe. 

Die moralischen Supranatiiralistcn haben die Glückseligkeit, 
die Selbstliebe überhaupt von der Moral ausgeschlossen, weil, wie 
Kaut sagt, „ein Gebot, dass Jedermann sich glücklich zu machen 
suchen sollte, thöricht wäre, denn man gebietet niemals Jemandem 
das, was er schon unausbleiblich von selbst will^^ Dasselbe sagt 
schon Seneca in Beziehung auf die Selbstliebe. Aber gibt es denn 
nar Eine nnd dieselbe Selbstliebe, Eine nnd dieselbe Glflckseligkeit? 
Ihr seid doch sonst so freigebig mit enem Unterscheidungen, selbst 
mit scholastischen Distbktionen nnd DistinktiOnehen feinster Sorte, . 
und nur, wo ihr auf die Selbstliebe und Glückseligkeit zu sprechen 
kommt, da hört euer Unterscheidungsvermögen auf, da ist Alles, 
auch das Verschiedenartigste, gleich und eins. Wohl ist es wahr, 
auch der Hottentotte ist glücklich und liebt sich selbst eben so 
gut, als der Königsberger Weise oder der römische Philosoph und 
Staatsmann ; tlihlte er sich ungltlcklich, so würde er sich angetrieben 
fühlen, nach Mitteln und Wegen zu suchen, um ans diesem seinem 
elenden Zustand herauszukommen. Die Glückseligkeit ist ja „sub- 
jekliv'S wie .die Moralisten nur zu gut wissen und sagen, und sie 
ist es auch in der That Meine Glückseligkeit ist unabsonderlich 
von meiner Individualitilt, sie ist nur die meinige , nicht deine, so 
wenig als dieliant, in der ich stecke, die deinige ist. Aber doch 
ist ein grosser Unterschied zwischen der Haut des Hottentotten und der 
Haut eines Königsbergers oder Römers, zwischen dreckversclilosscucu 
und geöffneten, gelüfteten Hautporen, zwischen der Selbstliebe, die 
eins ist mit der Liebe zum Unrath und Ungeziefer, und der den 
Unrath von sich unterscheidenden und absondernden Selbstliebe, kurz 
zwischen stinkender und wohlriechender Selbstliebe. Eigenlob stinktf 
sagt man; aber nicht da, wo es gerecht und nothwendig ist, un| 
mich selbst boshafter Tadel- und Schmähsucht gegenttber zu er- 
halten und gdtend .zu machen. Dasselbe gilt von der Eigen- oder 
Selbediebe, und zwar noch in weit höherem Grade; denn es* gibt 
nicht nur eme geredite und relativ notbwendige, sondem 9ßch ah; 



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2S% 

solnt noüiwendlge, von meinem Wissen nnd Wollen ganz nnabbftngige 
Selbstliebe, die man so wenig ron mir wegnehmen kann, aJs meinen 
Kopf, ohne mich selbst geradezu todtznsehlagen. Nnr der Katho- 
lizismus, nur der Jesuitismus hat freilich auch hier Unglaubliches, 

Unmögliches geleistet; er hat dem Menschen den Ko])l" abgeschlagen, 
und doch geht er, wie der heilige Dionysius, noch heute umher mit 
dem abgeschlagenen Kopfe unter dem Arme starker Regierungen 
und unter dem Schutze dummer, geistesschwacher Völker. Doch 
kehren wir wieder von den Jesuiten zorttck zn den Hottentotten, 
ihren Geistesrerwandten. Was ? Geistesverwandte — Hottentotten und 
Jesuiten! Nur weg mit diesen Frage- und Ausrufhngszeiehen des 
Entsetsens. leh gebe gerne einen Unteraehied zu, er besteht aber 
nur darin, dass die Hottentottm von Natur shid und ihnen, was 
die Jesuiten ans purer Religion, aus purer Gottesliebe tfaun, dass 
jene keinen Reinigungstrieb haben und kennen, diese aber den im 
Menschen bereits erwacliten Selbstreinigungstrieb wieder gewaltsam, 
geflissentlich, mit ansstudirten Mitteln, als ein gotteslästerliches, 
materialistisches Oclliste unterdrücken, um den Menschen wieder 
zum Hottentotten, womöglich noch unter den unfläthigen und un- 
wissenden Hottentotten herunterzubringCD. „Schönheit, sagt z. B. 
der hochehrwürdige Pater Lechner — eine Stelle, die ich schon 
vor 30 Jahren in meinem P. Bayle anführte, nm die Hässlicbkeit 
des Katholizismus gegen die katholisirenden Kunstfasler ad oculos 
SU demonstriien, — säiHnheil also ,4st der Tugend der Oemuth'' — 
aber ist Demuth nieht die fe^ehste Tugend des Katholiken, wenn 
aueh nieht des Priesters, doeh des Laien? — „sehr geffthrlieh. In 
Wttrzburg hat sieh desswegen ein Jttnger von Adel nnd grossem 
Vermögen das Angesicht mit Koth bespritzt und ist im Bettler- 
anzug um Almosen gegangen!'* So schmutzig, so unfläthig auch der 
Hottentotte ist — er beschmutzt doch nicht das menschliche An- 
gesicht absichtlich mit Koth. Zwar gestattet der Jesuitismus — 
wie ist er doch so human und liberall — dem Menschen die natnr- 
rechtliche Freiheit, sich seines Rothes zu entledigen ; aber es muss 
nur mit £rlanbnis8 des Beichtvaters, des geistlichen Oberhauptes 
Überhaupt geschehen. Wenn nämlich der Jesuit so demitthig, so 
gehorsam ist, dass er sich selbst nieht den Sterbeakt, wie viel weniger 
also einen unteigeordneten Naturakt erlaubt, ohne vorher dazu sieh 
die Erlaubniss seines Voi^esetiten sn erbitten, wenn die heilige 
Brigitta, auch eins von den heiH^n Vorbildern des Jesuitismus, 
aus Demuth selbst ihre Augen ohne Krlaubniss ihres Beichtvatera 



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— 283 



niebt anfsiisclilageii und empor za richten sieh getraute*), so ist sie 
doeh gewis», wenn dies gleiob niehl ansdrtteklieh gesagt] ist in 
ihrer Lebensbeschreibung, weil es zu den innersten Geheimnissen 
des Jesuitismus gehört, auch nicht ohne Erlaubniss ihres Beichtvaters 
auf den Abtritt gegangen. Der römische Kaiser Vespasian be- 
steuerte in seiner G^ldnoth selbst den niensohlichen Urin: warum 
sollte der Jesuiten-Imperator in Rom nicht den mensehlichen Koth 
in geistlichen Beschlag und Verschluss nehmen? Gewiss werden 
wenigstens die modernen Jesuiten, bei denen jeder Zoll ein Katholik, 
der KatholizismuB nicht nor bis ins Herz, sondern bis in den Mast- 
darm eingedrungen ist, g^gen diese Konsequenz niobts einzuwenden 
baben. 

Also ancb dem schmutzigen Hottentotten ist es wold in sdnem 
Sebmntze. Dennoch ist zwischen dem Wohlbefinden des Schmutzigen 
und dem Wohlbefinden des Reinlichen nicht nur ein relativer und 
subjektiver, sondern auch ein objektiver, wirklicher, gegenständlich 
begründeter, thatsächlicher Unterschied vorhanden. Es ist etwas 
ganz Anderes, ob ich das Ueble gut finde, richtiger ausgedrückt, 
niolit als Uebeles empfinde mid erkenne, weil ich es gewohnt bin 
nnd nichts Besseres kenne, oder ob ich das Gute selbst geniesse ; ob 
ich selbst den hässUchsten Gegenstand nicht mehr rieche, wenigstens 
ak etwas mieh Belitstigendes und Beleidigendes, oder ob ich wirküdie 
Wobigerttebe einatbme. Es ist ein Untersolüed, so gross , so ob- 
jektiv, so ausgemacht, wie irgend dn chemischer Unterscbied, wie 
etwa der Unterscbied zwischen Stickstoff und Sanerstofi^ zwischen 
•Schwefelwasserstoff und Ozon. Gestank nicht mehr riechen, ist 
soviel wie Uberhaupt nicht mehr riechen; aber wie viele Genüsse, 
wie viele wohlthätige — freilich auch entgegengesetzte — Nerveu- 
erregungen entbehrt der, der nur einen abgestumpften oder gar 
keinen Geruch hat! Gönnen wir also neidlos anch dem Hottentotten 
seine Glückseligkeit, aber unterlassen wir es nicht, aufs schärfste zu 
nnterscheiden zwischen stumpfsinniger und scharfsinniger, zwischen 
katholischer und menschlicher, dmnmer und gebildeter, kothbefleckter 
und kotfagereinigter Glückseligkeit! Jede vermittelst der Sdfe der 
Kultor dem Einflnss von Luft und Licht neugeöffiiete Pore unsrer 
Haut ist auch eine neue Quelle von Tugend und GlOckseligkeit 

Allerdings ist selbst auch Licht und Luft von gleich guter Be- 
schatl'euheit nicht von gleicher Beglückungskraft fUr Menschen von 

*) it«vttlatioji«s 8. Bri^ttM. Gol Bod. et Brüx. ISöl. Vit» & B. j^. 7. 



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284 

versebiedeDer Beschaffenheit und Indmdnalitftt. Es gibt nover- 

besserlich und unveränderlich schmutzige Menschen, die über die 
Zumuthung, sich von ihrem schon durch sein Alterthum geheiligten, 
von den Urvätern ererbten Schmutz zu trennen, so entsetzt und 
empört sind, als mutlietc man ihnen zu, sich die Haut vom Leibe 
ziehen zu lassen. Es gibt so licht- und lut'tscheue Menschen, dass 
sie schlechterdings nicht das Leben in der freien und lichten Natur 
vertragen, dass sie allein selig sind in dunkeln und dumpfen Löchern, 
wo Erbten und Unken bansen, dass sie das Liebt als Finstemiss 
schmähen, die Finstemiss dagegen als Liebt preisen. Kurz, es 
gibt nnzählige Menschen und selbst Menscbenarten, die sich für 
kerngesund halten, aber nnr, weil sie schon von Mutterleib an krank 
gewesen sind, und folglich auch nichts von Gesundheit wissen nnd 
wissen wollen. Aber folgt aus dieser eingebildeten Gesundheit des 
Kranken, dass es keine wirkliche Gesundheit gibt, und dass diese 
wirkliche Gesundheit nicht ein Gut an sich selbst ist? Man kann sich 
bekanntlich auch an Gifte gewöhnen, selbst an Arsenik, und so 
ein Arsenikesser sieht aus so gesund und frisch wie das Lebem 
selbst, gerade so wie unser jetziger, renommistischer, mit seiner- 
Lebenskraft sich brüstender Katholizismus; und doch ist diese* 
WangenrOthe, dieser blendende Glanz und Schon von Lebensfnsche 
nur Wirkung des tödtlichen Giftes, das er im Innern seines 
Leibes birgt. 

Aber selbst auch an das Gute, das Gesunde muss sich erst der 

Mensch gewöhnen. Auch der beste Wein schmeckt nicht, wenn 
man au keinen Wein oder nur an ganz schlechten Wein gewöhnt ist. 
Ich kenne bayrische „Patrioten", fUr die der Sprung Uber den 
Partikularismus ,,dcs bayrischen Nationalgetränkes" ein Salto mor- 
tale ist, die bei einem Glase Wein das Gesicht verziehen und sich 
gebärden, als böte man ihnen den sokratischen Schierlingstrank. 
Ist dcssweg^ der Weingenuss und der Biergenuss von gleichem 
GehaUe, von gleichem Werthe? Erl'reut das Bier des Menschen Herz 
ebenso wie der Wein? Steht etwas vom Biere in der heiligen Schrift? 
Oder hat vielleicht wirklich schon der gelehrte, theologische Aber- 
witz der Neuzeit ans den Rippen Adams oder den Lenden Noabs 
den Gambrinus herausgeschnitten, den biblischen und christlicben 
Ursprung, natürlich vor Allem des Bieres par excellence, des bayri- 
schen Bieres nachgewiesen? „Aller Anfang ist schwer", heisst es 
auch hier Uberall, im Grössten wie im Kleinsten, im Höchsten wie 
im Gcm^inj^ten. Und, leider! gibt es unzählige Menschen und 



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285 



Völker selbflti die vor den Sebwierigkeiten und Widenrärtigkeiten 
des An&ogs znrtteksehandern, oder, wenn sie anch diese mit Mtthe 
nndNoth überwinden, docb niebt weiter nnd bdber sebreiten, sondern 

zeitlebens erscUafft auf halbem Wege stehen bleiben, weil jeder 

Fortschritt ein Abschnitt, mit jedem Abschnitt ein neuer Anfang, 
und mit jedem neuen Anfang auch wieder neue bchwierigkeiten, 
mar anderer Art als die allerersten, verbunden sind. 



^Noth meistert alle Gesetze und hebt sie auf." 

^Das Qebot: Da sollst glflekHeb sein, ist ein tbdricbtes/' Eben 
ein Bolebes ist aber aneb das Gtebot : Da sollst moralisob oder tagendr 
haft sein. ist eine grundverderblicbe, gcmeinsebttdlicbe Vor- 
stellaDg, dass die Moral nnr vom Willen abhänge. Es ist dies 
nichts als der alte, nur ins Gebiet des Moralischen, in den mensch- 
lichen Willen versetzte Mirakelglaube. So gut die Glttckseligkeit 
nicht allein von mir abhUngt, obgleich sie nicht ohne meine Mit- 
wirkung und Selbstthiltigkeit mir zu Theil wird, so gut hängt auch 
die Moralität nicht aliein von meiner willkürlichen Thätigkeit, 
sondern auch von äussern Gütern, von der Natur, vom Körper ab. 
iEs gibt keine Glückseligkeit ohne Tugend, ihr habt ßecht, ihr 
Moralisten, ieb stimme encb von Herzen bei, ieh habe es ja sobon 
eben eneb sagegeben; aber merkt es eacb, es gibt aaeb kerne 
Tagend ebne Glttckseligkeit — and damit fällt die Moral ias Gebiet 
dar PriFatOkonomie and Nationalökonomie. Wo nicht die Bor 
dingnngen zor Glttckseligkeit gegeben sind, da fehlen auch die 
Bedingungen der Tugend. Die Tugend bedarf eben so gut als der 
Körper Nahrung, Kleidung, Licht, Luft, Raum. Wo die Menschen 
so aufeinander gepresst sind, wie z. B. in den englischen Fabriken 
und Arbeiterwohnungen, wenn man anders öchweinestUUe Wohnungen 
nennen kann, wo ihnen selbst nicht der Sauerstoff der Luft in zu- 
veicbender Meoge zngetheilt wird — man vergleiche hierüber die 
wenigstens an anbestreitbaren Thatsachen interessantester, aber aaeb 
sohaaerlicbster Art reiche Schrift von E. Marx: „das Kapital" — 
da ist aneb der Moral aller Spiebraam genommen, da ist die Togend 
höchstens nnr ein Monopol der Herren Fabrikbesitzer, der Kapi- 
talisten. Wo das zam Leben Notbwendige fehlt, da fehlt aaeb die 
sittliche Nothwendigkeit. Die Grundlage des Lehens ist auch die 
Graudlage der Moral. Wo du vor Hunger, vor Elend keinen Stoff 



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— m 



im Leibe hast, da hast du auch in deinem Kopfe, deinem Sinne 
nnd Henen keinen Qrand «nd Stoff xnr Moral Wer wird ei 
leugnen wollen, diw es anoh Menschen gil»t| die lieber Hanger 
leiden, oder eelbet Hangers sterben, ehe sie sieh eines rarbreehe- 
riseben Sebarkenstreiehes sehnldig machen? Leider gibt es oft 
genug solche Zeiten, wo die Tagend Hunger leidet, nur der Schurke 
mit äussern Glttcksgütern gesegnet ist. Aber solche Menschen haben 
doch in ihrer iViihern Lebensstellung, vielleicht schon von Kindheit 
an, Zeit und Gelegenheit gehabt, au noch ganz andere Dinge und 
Geulisse zu denken, als nur an Essen und Trinken, und in diese 
andern Dinge so sich einzoleben und einzuüben, dass sie ihnen so 
anentbehrlioh geworden sind, wie das t&glielie Brod« Sie haben sich 
Ton Jngend an nicht an Schorkenstreiehe gewohnt^ oder nieht nar anf 
solche Dinge gesonnen nnd sich dieselben einstadirt, denn noHi- 
wendiges Besnltat sddie Handinngen sind, dämm begaben sie aich 
selbst in der Koth keine Schnrkenstreiehe. „Gewohnheit ist das 
GeheimnisB der Tugend freilich auch des Lasters; aber jener 
Satz entliillt eben die stillschweigende Voraussetzung, dass man 
sich auch au die Tugend gewöhnt. Solche edle Menschen mügen 
wir in erbärmlichen Zeiten stets als erhebende und ermuthigende 
Vorbilder uns vorhalten, aber sie sind Ausnahme von der Regel| 
sie beweisen nichts gegen die Behauptung, dass die nothwendigen 
Lebensmittel auch die nothwendigen Tngendmittel sind. 

Nicht „der gnte Wille der Moralphilosophen'', aber aoek nicht 
der hinxatretende klage, den eignen Sckwilchen and Veiiockangen 
znm Verbrechen recbtaeitig begegnende „Verstand^' der Kriminalisten 
h 1a A. Fenerbacb — nar die Glttckseligkeit, aber nicht die 
luxuriöse, die aristokratische, S(mdem die gemeine, plebejische 
Glückseligkeit, die mit dem Genüsse des Nothwendigen, was freilich 
auch relativ, je nach dem Standpunkt der Menschheit verschieden 
ist, nach gethaner Arbeit verbundene Glückseligkeit, nur diese ist 
es, welche im Grossen und Ganzen die Menschen vom Laster und 
Verbrechen abhält Wollt ihr daher der Moral Eingang verschaffen, 
so schafft vor allem die ihr im Wege stehenden, materiellen Hinder> 
nisse hinweg! Alles aber, was mit der nothwendigen , mit dem 
menschlichen Leben identischen GlttokseUgkeit im Widenpraehe 
steht, das steht aach der Tagend im Wege nnd mit ihr im ITOttv 
sprach. Das delphische Orakel erkUMe im Gegensalae m dem 
dämmen K9nig Gyges oder KrOsas, der sich wegen seines aner- 
messlicben Reichthums fHr den glücklichsten Menschen hielt, den 



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S87 



armen und tugendhaften Arkader Aglaus für den Glücklicheren. 
Aber der arme nnd tugendhafte AglaoB hatte doch emen. eignen, 
swar kldnen, aber za seinem Lebensunterhalt vollkommen hin- 
reiehenden Aeker. Sein MoraUystem war also anf guter materieller 
Grundlage anferbaut Wo aber die eigentliche Armuth, die Noth 
beginnt, wo der Glttckseligkeitstrieb so herunter gesunken ist, dass 
er sich nur auf die Befriedigung des Nabrungsbedürl'nisses, auf 
Stillung des Hungers beschränkt, da schweigt auch das delphische 
Orakel und der kategorische Imperativ. Noth kennt keiu Gebot, 
heisst es schon im SprUchwort. „Von 100 iStrassendirnen Lon- 
dons — lese ich eben in einem alten Exzerpt aus der Beilage 
xnr Angsbnrger Allgemeinen Zeitung vom 26. April 1858 — „sind 
erwiesenermassen 99 Opfer der Noth'^ Neunundnennsig Opfer der 
Kotbi nieht der sinnliehen Lust, nioht des Mangels an gutem Willen 
und Verstand oder gar an Glaube, welchem Hangel die geistliehen 
Herren, Ihrem Interesse und Berufe gemSss, alle Laster und Verbrechen 
der Welt anfbtirden , ndnl nur Opfer des Mangels an den notii- 
wendigsten Lebensmitteln! Wahrlich, man kann auch von den 
Londoner Strassendirnen Moral lernen — lernen, dass ihre Ver- 
worfenheit nur von dem verworfnen, verneinten Glückseligkeitstrieb 
abstammt, dass die Pflicht der Tugend das unumgängliche und 
unumstössliche Recht, das heilige ^atorrecht des GlUckseligkeits- 
triebes zur Voraassetzung hat. 

Uebrigens sind wir mit dieser Unterscheidung zwischen den 
Motiven schon ttber das Gebiet „der Pflichten gegen sich selbst^' 
in das Gebiet der Pflicbten gegen Andere ttbergegangen, damit in 
den »weiten Theil der Moral, der aber so sehr das Ganae beherrseht, 
dass selbst ancb die auf das eigene Selbst sich beziehenden Pflichten 
nur als Pflichten gegen Andere angesehen nnd behandelt werden 
können, dass hier erst die grosse Streitfrage zwischen Pflicht und 
Glückseligkeit, hier erst die Frage: was ist denn Moralisch, was 
das charakteristische Merkmal und Fundament der Moral? sich 
aufthut. In der That ist Moral eines für sich allein gedachten In- 
dividuums eine leere Fiktion. Wo ausser dem Ich kein Da, kein 
anderer Mensch ist, ist auch von Moral keine Bede, nur der gesell- 
schaftlicbe Mensch ist Mensch. Ich bin Ich nur durch Dich und 
mit Dir. Uih bin meiner selbst nur bewusst, weil Du meinem Be- 
wusstsein als siehtbaies und greifbares leb, als anderer Mensch 
gegenttberatahst Weiss idi, dass ich Mann bin und was der Mann 
ist, wenn mir kein Weib gegenftbersteht? Ich bin meiner selbst 



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— m — 

bewnssty heisst: ich bin mir Vor Allem Anderen' bewQBSti daBS ich 

ein Mann bin, wenn ich nämlich ein Mann bin. Das gleiebe, nnter- 

.scliiedslose und geschloclitslose Ich ist nur eine idealistische Chimäre, 
ein leerer Gedanke. Nur der ins ganze und innerste Wesen dringende 
Einschnitt ins Fleisch, der Mann und Weib von einander geschnitten, 
wenn wir einer platonischen Mythe einen Augenblick Zeit und Raum 
gönnen, begründet oder verwirklicht und versinnlicht erst den Un- 
terschied zwischen Ich und Du, auf dem unser Selbstbewusstsein 
beruht Sind denn nicht aber auch die Thiere männliche und weib- 
liche? Ja freilich, aber was bat denn nieht Alles der Mensch mit 
den Thibren gemein? Der Unterschied ist nnr, dass das mit ihnen 
Gememsame in ihm ▼ermenschlieht, yergeistigt, veredelt , leider! 
aber aneb oft veranstaltet nnd versclileehtert wird. 

Wie zur Entstehung des Menschen — versteht sich nach voraus- 
gegan^aier Urzeugung, von der wir noch nichts Bestinuntes wissen, 
nur so viel, dass der aus ihr hervorgegangene Mensch noch kein 
Mensch, wenigstens in unserem Sinn — ein solcher war erst der 
zweite, der vom Menschen gezeugte und enipfangne Mensch — wie 
also zur physischen Entstehung des Menschen, so gehören auch 
znr geistigen Entstehung^ znr Erklärung der Moral, zum allerwenig^ 
sten awei Mensehen — Mann und Weib. Ja, das Gesehlechtsver- 
hUtniss kann man geradezu als das moralisehe Gmndverhftltniss, 
als die Grundlage der Moral bezeichnen. In emem wahren Kultur- 
staat, wovon fir^ieb unsre gleissenden Scheinkulturstaaten noch 
unendlich entfernt sind, ist daher eine Kirebe, die ihren Priestern 
die Ehelosigkeit zum Gesetz macht, eine moralische Unmöglichkeit. 
Gesetzliche Ehelosigkeit ist so viel als ein gesetzliches Verbrechen. 
Wo aber ein Verbrechen und zwar ein solches gegen die Natur 
des Menschen anerkannt und sanktionirt ist, da ist an sich jedes 
Verbrechen gegen sie geheiligt. Doch die aus dem Geschlecbts- 
verhttltniss abgeleitete Moral liegt ausser dem Plan dieser Schrift; 
fttr nnsem gegenwärtigen Zweck halten wir uns nicht an die ge- 
heimen, sondern die offenbaren, n^nnigUeh bekannten Folgen der 
Paarung. 

Wie leicht ist es doch, die sogenannten Piiehten gegen sieh 
in Uebereinstimmung mit dem Glttckseligkeitstriebe zu bringen. 
Aber was hat die Moral mit diesen sogenannten laichten zu schaffen? 

Von Moral kann nur da die Rede sein, wo das Verhältniss des 
Menschen zum Menschen, des Einen zum Andern, des Ich zum 
Du zur Sprache kommt. Einen moralischen Sinn und Werth haben 



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289 

die Pfliohten ge^en sich nur, wenn sie als indirekte Pflichten gegen 
Andere erkannt werden, wenn anerkannt wird, dass ich nnr, weil 
ieh Pflichten gegen Andere — meine Familie, meine Gemeinde, 
mein Volk, mein Vaterland, — aneh Pflichten gegen mich selbst 
habe. Gnt und Moralisch ist dasselbe. Gnt ist aber nur, wer 
Anderen gut ist. Aber wie kommt denn ums Ilimnielswillen der 
Mensch von seinem egoistischen GUickseligkeitstrieb aus zur Aner- 
kennung der Pflichten gegen andere Menschen? Darauf ist zu er- 
widern, dass diese Frage schon längst die Natur selbst entschieden 
und gelöst hat, indem sie nicht nur einen einseitigen und auss( hliess- 
lichen, sondern anch zwei- und gegenseitigen Glttckseligkeitstrieb 
henrorgebracht, einen Glttckseligkeitstrieb, den man nicht an sich 
selbst befriedigen kann, ohne zugleich, selbst nolens' yolens, den 
Glflckseligkeitstrieb des andern IndiTidonms zn befriedigen, knrz, 
einen männlichen nnd weiblichen Glttckseligkeitstrieb, also in Folge 
dieses dualistischen Glttckseligkeitstriebes das Dasein des egoistischen 
Menschen an das Dasein anderer Menschen, wenn auch nur seiner 
Eltern, seiner Brtlder und Schwestern, seiner Familie gebunden 
ist, so dass der egoistische Mensch ganz unabhängig von seinem 
guten Willen, schon von Mutterleibe an die Güter des Lebens mit 
seinem Nächsten tbeilen muss, schon mit der Muttermilch also, mit 
den Elementen des licbcns auch die Elemente der Moi al einsaugt, 
als da sind Gefühl der Zusammengehörigkeit, Verträglichkeit, Ge- 
meinsehaftlichkeit, Beschrilnkung der unumschränkten Allemherr- 
Schaft des eignen Glttckseligkeitstriebes. Und wenn alle diese un* 
willkttrlichen, physisch-moralischen Einflttsse an dem unbeugsamen 
Starrsinn des Egoisten wirkungslos scheitern, 'Zweifelt nicht! dann 
werden ihn die Püffe seiner Brüder und die Knifl'e seiner Schwestern 
Mores lehren — lehren, dass auch der GUickseligkeitstrieb der An- 
dern ein berechtigter ist, so gut als der seinige, ja ihn vielleicht 
selbst sogar zu der Ueberzeugung bringen, dass mit der Glück- 
seligkeit der Seinigeu seine eigne aufs innigste verwachsen ist. 
Wer aber auch auf diesem familiären Wege nicht zur Anerkennung 
der Pflichten gegen Andere kommt, der wird von Rechtswegen, um 
uns aus dem engen Kreise der Familie aufs Gebiet der menschlichen 
Gesellschaft zu versetzen, durch Anwendung von Gewaltmassregeln 
dazu gezwungen.*) 



*) Vtrgl. X. 00 IC. ..dos Prinzip iler Sittenlehre'*: .Autonomie — ileterunüuiie. 

(.irüii, Ki'Ucrliiti'lis ltii»-fw»M-lisfl ti. Nurlilass. Ii. l«) 



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290 

Das Recht ist auch Moral, aber Moral, deren Gebiet ein so 

bestimmtes und begränztes, dass ihre Pflichten nnr beachtet werden 
können, weil ihre Nichtbeachtung mit peinlichen oder bürgerlichen 
Straten verbunden ist, darum, wie die Gescliichte beweist, die älteste, 
aber heute noch, wenn auch nicht in der Theorie, doch im Leben 
gültige und wirksame Moral. Welche eitle und unfruchtbare Be- 
mühung daher, aus der modernen idealistischen, vom Bechte unter- 
schiedenen Moral doch wieder das Hecht dednziren zu wollen! 
Eine Deduktion, die übrigens, so verkehrt sie ist, einen gnten 
historischen Grand bat; denn sie ist nnr, wie die philosophiscbe 
Ableitung der Welt ans dem Ich, die legitime Nachkommenschaft 
von der alten nnd geheiligten Erklärung der Welt ans Gott. 

Peinliche. Zwangs- nnd Strafmittel stehen nnn allerdings im 
schreiendsten Widerspruche mit dem Glflckseligkeitstriebe , aber 
doch nur mit dem des Leidenden, nicht nnt dem der sie Ausübenden. 
Wer aber ciumal nicht gut und freiwillig den GlUckseligkeitHtrieb 
der Andern anerkennt, ja seihst geradezu verletzt, der muss es 
sich auch gclallen lassen, wenn sie an ihm das Widervergeltungs- 
recbt, das Eecbt des Khadamantes, des furchtbaren Höllcnrichters 
anstlben, wenn sie überhaupt zur Vorsorge ihr die Zukunft ihm 
nnd seines Gleichen gegenüber — nnd gegebenen Falls ist jeder 
Mensch möglicher Weise seines Gleichen — ihr Gut und Blut nicht 
dem wehriosen guten Willen der Moral, sondern dem bis an die 
^hne bewaffheten Rechte zum Schutze anvertrauen. Die vom 
Rechte abgesonderte Moral verheisst uns zwar sehr viel, unendlich 
mehr, als das Recht, aber ihre Leistungen bleiben meist unendlich 
weit, oft gänzlich hinter ihren Verheissungen zurück; das Recht 
dagegen verheisst uns wenig, dafür aber hält es aufs strengste, 
was es verspricht. Wir stellen an Dich, unverbesserlicher Egoist! 
durchaus keine übermenschlichen Forderungen, wir anerkennen 
sogar Deinen Egoismus, nur verlangen wir dafür von Dir, dass Du 
auch unsem Egoismus anerkennst ; wir raachen gar keine Ansprüche 
an Deine Grossmuth nnd Freigebigkeit, wovon Du ja nichts weisst 
und wissen willst, wir verlangen nur von Dir, dass Du uns nicht 
nimmst, was unser ist, dass Du uns ungeschoren im Genuss 
unseres Besitzes oder Erwerbes schalten und. walten lilsst, kurz 
wir verlangen von Dir nicht Moral, sondern nur Recht oder nnr 
die mit dem Recht identische Moral : Rechtlichkeit, mit andern 
Worten: nicht ,,Tngendj)flichten", nur „Rechtspflichten". 

Was ist denn nun aber Moralisch ? Was macht unsre Gesinnung 



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291 



und Handlung zu einer moralischen? Müssen wir in der Moral das 
direkte Gegentheil von dem, was Recht und Rechtens ist, sein und 
thim? Müssen wir hier uns Alles gefallen lassen? widerstandslos 
uns hier das Hemd vom Leibe ziehen lassen oder besser selbst 
ziehen, nm nnsre gänztiehe Eigenthnmslosiglceit, Interesselosigkeit 
.nnd Selbstlosigkeit als das wahre Muster der Moral in voller Blosse 
hinzustellen? Befindet sich die Moral in der Schwebe, wie der 
Geist eines Verstorbenen", wie einst ein Landpfan-er in einer Grab- 
rede sagte, d. h. schwebt die Moral in der LuftV Hat sie keinen 
Fuss mehr auf dem Boden des Rechts? Gilt hier nicht mehr das 
Grundrecht der Selbst- und Nothwehr? nicht mehr der egoistische 
Glückseligkeitstrieb? Hören wir in der Moral auf, Menschen zu sein? 
sollen wir den Engeln oder irgend welchen himmlischen, körper- 
und selbstlosen Phantasiewesen gleich werden? Nein! wir wollen 
anch in der Moral Menschen bleiben oder vielmehr es erst recht 
werden, denn das Recht fllr sich selbst ist allerdings ein einseitiger, 
unvollständiger, beschränkter, engherziger Ausdruck des mensch- 
lichen Wesens; wir bedürfen zu seiner Ergänzung eine Erweiterung 
und Erhebung ttber den herzlosen Rechtsegoismns der Moral. Rottet 
aber desswegen die Moral den Egoismus überhaupt, den vielleicht 
besser mit dem nicht so verschrienen Namen der Selbstliebe be- 
zeichneten ^ den, theologischen und moralischen Hypokriten gegenüber, 
mit vollkommenem Rechte sogenannten Egoismus mit Stumpf und 
Stiel aus? Fordert sie eine nur aus dem Himmel der Theologie 
stammende und nur in diesem Himmel heimische Uneigennützigkeit? 
Ganz richtig: gut ist nur, wer Andern als sich gut ist. Aber ist 
von diesem Gutsein gegen Andere das Gutsein gegen . sieh seihst 
ausgeschlossen? Darf ich mir selbst nichts Gutes gönnen? muss 
ich mich hassen, anfeinden, verleugnen, vememen, um das Prädikat 
eines moralischen Menschen zu verdienen, mich schlechterdings 
unglücklich machen, um Andere zu beglücken ? Verdammt, kurzum, 
die Moral den eignen Glückseligkcitstrieb oder abstraliirt wenigstens 
von ihm als einem sie verunreinigenden Triebe? Mit Nichten, aber 
allerdings die Moral kennt keine eigne Glückseligkeit ohne fremde 
Glückseligkeit, kennt und will kein isolirtes, von dem Glück der 
Andern abgesondertes und unabhängiges, oder gar mit Wissen und 
Willen auf ihr Unglück gegründetes Glück, kennt nur eine gesellige, 
gemeinschaftliche Gltlckseligkeit. 

Die Moral verdirbt und verttbelt uns nicht, wie die katholische 
Heiligkeit, wie wir schon oben an dem Beispiel der heiligen Adel- 

19* 



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— iü^ — 

gonde sahen, den ästbetischcn Gesebmack, den Wohlgeschmack an 
guter geistiger und leiblicher Nabrung; es ist also nicht nnmoraliscby 
Gutes zu essen, aber es ist unmoralisch, als Familienvater, um bei 
der nächsten und engsten menschlichen (Gemeinschaft stehen sn 
bleiben, diesen Genuss nur mir allein mit Ausschluss der Meinigen 
oder p:ar auf Kosten ihres eignen Kabrungsbedflrfnisses zu gönneo. 
Was aber die Moral uns gebietet, uns zu beschränken in unsern 
Lebensbedürfnissen, wenn sie nur zum Nuchthcil und Verderben 
der Anderen boi'riedigt werden können, das thut der wahre, nuister- 
gtihigje Familienvater von selbst, aus eignem Antrieb; denn das 
mit den 8einigen getheilte Stück trocknen Brodes schmeckt und 
bekommt ihm besser, als das allein für sich genossene, saftigste 
BratenstUck. 

Die moralischen Uyperphysiker haben dem sinnlichen Genuss 
in aristokratischem GtedankendQnkel alles Recht, allen Antheil an 
moralischer Gesetzgebung abgesprochen, weil er der Allgemeinheit 
ermangle, nur singnlär und partikulär sei ; und doch beweist jeder 

alltägliche Familientisch, jeder öffentliche Festschmanss, wo vielleicht 
sogar die in ihren politischen, m( »raiischen und religiösen Meinungen 
uneinigen Köpfe nur im guten Essen und Trinken einig sind, dass 
es auch einen gemeinschaftliehen Geschmack gibt. 

Aber gilt das nur von den Gegenständen des Geschmackssinns, 
der Sinne überhaupt? Gilt dasselbe nicht auch und vielleicht noch 
mehr von den abstrakten, den un- und Ubersinnlichen Gegenständen? 
Alle Menschen unterscheiden zwischen Gut und Böse, zwischen 
Becht und Unrecht; aber was ist Recht, was Unrecht? lieber diese 
allgemeinen Fragen findet keine Uebereinstimmung statt, namentlich 
wenn man seine Blicke ttber die Gränzen seines Landes und Volkes 
hinaus schweifen lässt. Was tibrigens den Unterschied der Ge- 
schmäcker anbetrifft, so tritt dieser — und dies ist eine für die 
Sache des Gliickseligkeitstriebcs höchst wichtige Bemerkung — 
eigentlich erst hcMTor auf dem Ocbiete der aristokratischen Koch- 
kunst, der (Tourmandisc; sie bezieht sich nicht auf die einfachen, 
noth wendigen, allgemeinen, wenn auch nur, wie alles Menschliche, 
relativ allgemeinen, volksthüniliehen, landessittlichen Speisen. Wie 
sind im Genüsse und Preise solcher Speisen alle Zungen und Herzen 
einstimmig! Nur wo der Kaviar oder sonst ein exotisches Beizmittel 
des Appetites den Anfang macht, hört der Gemeingeist des Ge> 
schmacks auf, wird der Geschmack und mit ihm die menschliche 
Glückseligkeit überhaupt „subjektiv", „partikular** und „singuför«, 



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293 



wozu ibo nnsre Bpeknlativen Philosophen ohne Unterscheidung 
zwischen exciuisiter table d'höte nnd gemeiner Haosmannskost ge- 
macht haben. 

Es ist aber desswegcii keincswegR uiHuuialiscli, Leckerbissen 
zu speiisen, wenn man dazu die Mittel hat und dai liber nicht andere 
PHichten und Aufgaben versäumt; aber unnioraliscli ist es, das 
Gute, das man sich gönnt, Andern zu entziehen oder nicht zu 
gönnen, nur den eignen, niclit auch den Gltickscligkeitstrieb der 
Andern als eine berechtigte Macht theoretisch und praktisch an- 
znerkennen, nicht das Ungltlck Anderer wie eine Verletzung des 
eigenen Glflckseligkeitstriebes zn Herzen za nehmen. Thätige Theil- 
nabme an Anderer Glfick nnd Unglttck, Glttcklichsehi mit den 
Glücklichen nnd Unglttcklich mit den Unglücklichen — aber nur, 
am womöglich, wie sich Übrigens von selbst versteht, dem Uebel 
abzn helfen — das allein ist die Moral. Wir haben für die Pflichten 
gegen Andere keine andere Quelle, aus der wir schöpfen könnten, 
was gut oder böse, keinen anderen IStotf und Massstab, als für 
die Pflichten gegen uns selbst. Gut ist, was dem menschlichen 
Gliickseligkeitstriebe gemäss ist, böse, was ihm mit Wissen und 
Willen widerspricht. Der Unterschied liegt nur im Gegenstande, 
nur darin, dass es sich hier um das eigene, dort um das niulore Ich 
handelt Und die Moral besteht eben nnr darin, dass ich Dasselbe, 
was ich in der Beziehnng anf mich selbst anbedenklich gelten lasse, 
auch in der Anwendung nnd der Beziehong anf Andere gelten 
lasse, bekrftftige nnd bethätige. Die eigene Glückseligkeit ist aller- 
dings nicht Zweck und Ziel der Moral, aber. ihre Grundlage, ihre 
Voraussetzung. Wer ihr keinen Platz in der Moral einräumt, wer 
sie hinauswirft, der öfl'nct diabolischer Willkür die Thtlre; denn 
nur aus der P^l'alirung meines eigenen GlUckseligkcitstricbcs weiss 
ich, was gut oder böse ist, was Leben oder Tod, was Liebe oder 
Hass ist und wirkt, reiche ich daher dem Hungernden nicht statt 
Bredes einen Stein, dem Durstenden nicht statt Trinkwasser Scheide- 
waaser. „Derjenige,^' sagt der chinesische Weltweise Confucius, 
„dessen Herz redlich ist nnd der für Andere dieselben Ge- 
sinnungen hegt, als für sich, entfernt sich nicht von dem 
Moralgesetze der Pflicht, welches den Menschen durch ihre ver- 
nünftige Natur vorgeschrieben ist; er thut Andern nicht, was 
er nicht wttnscht, dass man ihm thne.'' Und an einer 
andern Stelle: „Was man nicht wünscht, dass es uns gethan werde, 
das uiuäs mau auch Audern nicht thun!'' Im neuen Testament 



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294 



wird dieser Satz bekanntlich bo ausgesprochen: „Alka^ was ihr 
wollet, dass euch die Leute than soUen, das thnt ihr ihnen.'' Er 

kommt übrigens anch schon, negativ ansgedrflckt, im alten Testa- 
ment vor, eben so bei den Griechen, den Körnern und vielen aiuUrn, 
selbst unkultivirten Völkern. Unter den vielen moralisclicn (Irund- 
sätzen und Vorsclirit'ton, die man ausgeheckt hat, ist dieser seldichtc, 
populäre Grundsat/, der beste und wahrste und zuf^leieh einleuch- 
tendste und überzeugendste, weil er das llerz trifft, weil er den 
eigenen GlUckseligkeitstrieb zu Gewissen führt. Was Da nicht 
wünschest, dass man Dir thae, wenn Du hast, was Du wünschest, 
wenn Da glttcklieh bist, dass man also Dur Uebles oder BOses 
thue, das thue auch Andern nicht; und was Du wttnschest, dass 
sie Dir thun, wenn Du UDglttcklieh bist, dass sie Dir nämlich bei- 
stehen, wenn Du Dir selbst nicht helfen kannst, dass sie Dir Gutes 
thnn, das thue Da anch ihnen, wenn sie Deiner bedürfen, ^enn sie 
unglücklich sind. — Was will man mehr verlangen V „Aber das ist 
ja doch immer nur eine egoistische Moral V" Ja wohl, aber dafür 
auch gesunde, schlichte, clirliche und redliche, menschliche, in 
Fleisch und Blut dringende, nicht phantastische, gleissnerische, 
scheinheilige Moral. 

Der vor den übrigen deutschen spekulativen Philosophen durch 
seine Unnmwundenheit, Klarheit und Bestimmtheit ausgezeichnete 
.»Schopenhauer hat im Gegensatz zu den hohlen philosophischen 
Moralprinzipien das Mitleid als dieGrundUge der Moral, als die 
einzige Echt moralische und zugleich lebendige, im Menschen wirk- 
same Triebfeder hervorgehoben. ^^Gränzenloses Mitleid sagt er 
2. B. unter Anderm, „mit allen lebenden Wesen ist der festeste und 
sicherste Bürge für das sittliche Wohlvcrhalten und bedarl keiner 
Kasuistik. Wer (lav(»u erfüllt ist, wird zuverlässig Keinen verletzen, 
Keinen beeinträchtigen, Keinem wehe thun. Jedem helfen, soviel 
er vermag, und alle seine Handlungen werden das Gepräge der 
fJerechtigkeit und Menschenliebe trafen.'' Ausgezeichnet durch 
Wahrheit und Klarheit ist, wie er nun an einzelnen Beispielen 
nachweist, dass nur der grOsste Mangel an Mitleid es ist, der einer 
Tbat den Stempel der tiefsten moralischen Verworfenheit und Ab- 
seheulichkeit aufdrflckt, wie er namentlich nachweist, dass anch 
„der ersten und grundwesendiehen Kardinaltngend, der Gerechtig- 
keit", dem Neminem laede, „Verletze Niemanden'', nicht ein All- 
gemeingespenst, nicht die „Idee" oder Pflicht der Gerechtigkeit in 
abstracto, sondern das Mitleid zu Grunde liegt. Aber wie ist es 



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— 295 



möglich, zu verkennen, dass dem Mitleid selbst wieder der Glück- 
seligkeit8trieb zu (irundc liegt? Dass diese Sympathie mit dem 
Leidenden nur aus Antipathie gegen das Leiden, aus dem nicht 
leiden y aus dem glückselig sein Wollen entspringt, dass also das 
Mitleid nur der mit den Verletzungen des fremden oder andern 
Glttckseligkeitstriebes mitverletzte, mitleidende, eigne GlUekseligkeito- 
trieb ist? Je gieiobgttltiger, je unempfindlicher ein Mensch gegen 
eigne Schmerzen ist, nm so unempfindlicher wird er auch gegen 
die Schmerzen Anderer sein. Und nur weil ihm die Schmerzen 
Anderer selbst wehe thun oder wenigstens ihn in seinem Glücke 
stören, weil er sich selbst unwillktlrlich , ohne alle Berechnung 
wohlthut, indem er ihnen wohlthut, leistet er ihnen thiitigcn Beistand. 
Macht was ihr wollt — ihr bringt ninmiermehr allen und jeden 
Egoismus vom Menschen los ; aber unterscheidet, ich kann nicht oft 
genug daran erinnern, zwischen bösem, unmenschlichem, herzlosem 
und gutem, theiiuehmeudem , menschliehem Egoismus, zwischen 
unwillkürlicher, argloser, in der Liebe zu Andern, und willkürlicher, 
absichtlieher, in der Gleichgültigkeit oder gar Bosheit gegen Andere 
sich befiriedigender Selbstliebe. Wer allen Eigenwillen aufhebt, 
hebt damit auch das MiÜeid auf. Für wen die Glückseligkeit nur 
Selbstsucht, oder nur Schein und Tand ist, tUr den ist auch die 
Unglückseligkeit, die Mitleidswttrdigkeit keine Wahrheit; denn das 
Oweh ! geschrei des Elends ist nicht weniger selbstsüchtig und eitel, 
als der Ausruf der Lust und Freude. Wer für das Nirvana 
oder sonst eine metaphysische, übersinnliche Nul- 
lität oder Realität als die höchste Wahrheit für den 
Menschen schwärmt, für den ist die menschliche, 
irdische Glückseligkeit ein Nichts; aber eben so auch 
das menschliche Leid und Elend ein Nichts, wenn er 
wenigstens konsequent sein will Nur wer lUe Wahrheit 
des individuellen Wesens, die Wahrheit des Glttckseligkeitstriebes 
anerkennt, hat ein wohlbegrttndetes, mit seinem Prinzip, seinem 
Grundwesen übereinstimmendes Mitleid. Wenn daher der Bud- 
dhismns das Mitleid als die hl^ohste Tugend preist, so beweist er 
damit, dass er, obgleich nur auf indirekte und negative Weise, 
nichts weiter als Glückseligkeit will und bezweckt.*) 



*) In dem Mit- Leid liegt der Ton anf dem Leid* der Sympathie mit dem 
Elend des Ptseiui»; Mit- Freude gibt es da Jioiue. ü 



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2ÜG 

» 

Der Einklang des Gewissens mit dem Gltteli- 

seligkeitstrieb. 

„Immer und immer nur Glücköcligkeit! »clbst auch in der 
Moral! Wer kann das mit seinem Gewissen zusammenreimen V 
Was ist das fttr eine Moral, die nur auf die Stimme des Glttck- 
Seligkeitstriebes hi^rt, aber nichts vom Gewissen weiss und wissen 
will? Ein sehOnes Ding — eine gewissenlose Moral! Wie leieht 
ist es doehy untergeordnete Widerspruche gegen den Glttckseligkeits- 
trieb zn beseitigen, wenn man den Hanptwiderspmch, das Gewissen, 
unberficksicbtigt lässt! Wie viele Menschen haben, lediglich von 
ihrem GcwiHsen getrieben, sicli selbst vor Gericht angeklagt, sich 
selbst also dem liieliter zur Bestrafung überliefert! Beweisen 
solche Handlungen nicht eine vom OlUckseligkeitstriebc unabhängig 
und ihm entgegenwirkende Macht ? Hat man dcsswegen nicht mit 
vollem Hechte, und in früheren Zeiten fast einstimmig, das Gewissen 
als das Zeugniss eines im Menschen wirkenden, aber vom Menschen 
nnterschiedenen Wesens*, eines Gesetzgebers, Richters, Gottes, an- 
gesehn?" Die Stimme des Gewissens wäre also eine Stimme gegen 
den Glflckseligkeitstrieb, und zwar eine solche, vor welcher er be- 
schämt verstummen mttsste, wie überhaupt vor Gotteswort Menschen- 
wort? Aber haben Sie, hochehrwttrdiger Herr Pastor! denn ieh 
weiss, dass der Einwurf mit dem Gewissen nur ans Ihrem, nur 
aus geistlichem Munde stammt, schon vergessen, was ich eben 
entwickelt habe, vergessen, daSs, was Sic dem Menschen ins Ge- 
wissen hineinschieben und mit demselben sagen wollen, ich schon 
in dem GlUckseligkeitstriebc enthalten sehe und nicht nur sehe, 
sondern als enthalten darstelle; dass es, wenn auch nicht für die 
Schule und die philosophische Abstraktion, doch in Wahrheit und 
Wirklichkeit keinen einfachen, sondern einen doppelten, zweifachen 
Glttckseiigkeitstrieb gibt, wenigstens einen männlichen und weib- 
lichen, wenn wir in Gedanken das menschliche G^ellschaftswesen 
auf das Minimum beschränken; dass die Autonomie des männlichen 
Glflckseligkeitstriebes, so sehr er auch von jeher den Grundsatz 
des neuesten Staatsrechts: „Macht geht vor Recht'* gegen das 
schwächere Geschlecht geltend gemacht hat, doch immerhin wenig- 
stens in gewissen Beziehungen in die Heteruiiomie des weiblichen 
Glückseligkcitstricbcs sich fügen und schmiegen niusste; dass also 
das Gewisseu, dieses mj^stiscbe „Mittelding zwischen Gott and 



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297 



Meosob'', medinm inter Dettm et Hominem, wie es eiD Tbeolog 
naonte and Andere, selbst Pbilosopben, wie Kant, der Tbat nacb, 
wenn anob niebt mit denselben Worten bezeicbneten, in Wabrbeit 
niebts andres ist, als die Mitte, als das Band swiseben Mann und 

Weib, zwischen Ich und Du, zwischen eigner und fremder Glück- 
seligkeit. 

„Das Gewissen ist der alter ego, das andere Ich im Ich," 
sage ich in meiner Theogonie, und in meiner letzten Schrift hcisst 
es vom Gewissen: „Das Ich ausser mir, das sinnliche Du ist der 
Ursprung des ,,ttber8innUchen" Gewissens in mir. Mein Gewissen 
ist nichts anderes, als mein an die Stelle des verletzten Du sich 
setzendes leb, niebts anderes als der Stellvertreter der Glückseligkeit 
des Andern auf Grnnd nnd Gebeiss des eigenen Glttekseligkeits- 
triebes.'^ Was beisst: das andere leb im leb? Docb wobl niebt, 
wie sieb fUr den Verständigen von selbst versteht, das andere leb 
mit Haut und Haaren, mit Fleisch und Bein, sondern das vor- 
gestellte, vergegenwärtigte, zu Geniiithe gezogene, kurz das Bild 
des Andern, das mich abhält, ihm liöses zuzufdgcn, oder mich 
peinigt und verfolgt, wenn ich ihm bereits Böses zugei'Ugt habe. 
Das Gewissen hängt daher auts innigste mit dem Mitleid zusammen 
und beruht auf der Empfindung oder Ueberzeugung von der Wahr- 
heit des Satzes: was du nicht wünschest, das dir die Andern thun, 
das tbue ihnen nicht! Ja es ist selbst niebts anderes als das 
Mitleid, aber mit dem Stachel des Bewosstseins, der Urbeber 
des Leids zu sein. Wer keinen Glttckseligkeitstrieb bat, weiss nnd 
fttblt niebt, was Unglttck ist, bat also kein Mitleid mitUnglttcklicben; 
nnd wer kein verdoppeltes, verschärftes, gesteigertes Mitleid em- 
pfindet, wenn er sich bewusst ist, den Andern unglücklich gemacht 
zu haben, der hat kein Gewissen. Nur,, weil ich mir auf Grund 
meines GlUckseligkeitstriebes bewust^t bin, dass ich dem Andern 
bitterböse wäre, wenn er mir das l ebel angethan liättc, das ich 
ihm angethan habe, sehe ich ein, wenn ich zur Besinnung, zum 
Nachdeoken Uber mein Thun komme, dass ich Unrecht gethan 
habe, dass ich alle Ursache habe, mir selbst bitterböse zu sein, 
mür keine Betnedigimg des eignen GlUckseligkeitstriebes mehr zn 
gönnen, weil ieb den woblberecbtigten Glttckseligkeitstrieb des 
Andern tbOriebter nnd frevelbafter Weise verletzt habe. 

Post faetnm poenitet aetnm: Erst nach der Tbat erwacht 
nnd entsteht das Gewissen; aber diese That ist keine gute, sondern 
hüscj erst naeb der bösen That also erwacht duis büäc Gewissen, 



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Und Diir dieses kauii man im Sinne haben, wenn njau das Gewissen 
iui Widort-prucb mit dem (UUckscligkeitstrieb findet; denn dass 
das gute, das !)eglückeude Gewissen mit demselben zusammen sich 
reimt und stimmt, das versteht sich von selbst. In der Tbat ist 
auch nur das böse Gewissen der Ursprung des Gewissens oder 
das ursprüngliche, naturwüchsige, nnvertalscbte, wesenhat'te und 
wahrhaitey dieses Namens würdige Gewissen. Um ttber das Ge- 
wissen ins Beine zu kommen, muss man daher sich nicht Raths 
erholen wollen in den Schriften nnsrer Horaltheologen oder Moral- 
Philosophen, wo von einem irrenden, zweifelhaften, wahrscheinlichen» 
und wer weiss noch wie vielen andern theoretischen und prohle- 
matischen Gewissen die Kedc ist; man muss das Gewissen, wie 
überhaupt alle Dinge, die nicht unmittelbar sinnliche Gegenstände 
sind , da anpacken und aul'grcilcn , wo es aus der Region des 
blossen Denkens, Meinens und Zweifels, also eben aus der Region 
des irrenden und zweit'elhaiten Gewissens heraustritt , wo es aus 
einem Objekt der T.ogik ein pathologisches Objekt, in der Gestalt 
von Erinnyen oder Furien ein Gegenstand der Empfindung und 
Anschauung, also eine nnbezweifelbare, unleugbare, sinnlich gewisse 
Thatsache wird, so sinnlich gewiss, aJs das corpus delicti, das 
hier vor meinen Augen als der sinnliche Beweis memer Frevelthat 
dasteht. Dieses Gewissen ist aber nur das böse Gewissen. Und 
das böse Gewissen ist nur der in den Eingeweiden meines eignen 
Glückseligkcitstricbes wühlende, verletzte Glückseligkeitstrieb des 
Andern. Was ich dem Andern angethan, das thue ich nun an 
seiner 8tatt mir selbst an; was ich im Guten und in Frieden mit 
ihm und mir selbst nicht anerkannt habe, dass es nämlich nur 
eine gemeinschaftliche Glückseligkeit gibt, das anerkenne ich jetzt 
auf umgekehrte Weise, im Bösen, im Zwiespalt mit mir selbst 
So rächt sich der verletzte Andre an mir ; in meiner Gewissenspein 
vollstrecke ich nur aus Sympathie, aus, leider! erst nach der That 
erwachtem Mitgefühl, Mitleid, das Urtheil, das er Aber mich, seinen 
Verletzer, geföllt, den Fluch, den er aus schwergekränktem Herzen, 
vielleicht zugleich mit seinem letzten Seufzer, gegen mich aus- 
gestossen hat. „Schafft mir doch die Bauern weg, sie hören nicht 
auf, mich zu ängstigen und zu quälen!" so seufzte der „wlirtem- 
bergische Alba" auf seinem Todtenbett. „Befreit mich von der 
erdrosselten Schwägerin mit ihrem Kinde, die mir nicht von der 
Seite weicht und mich Tag und Nacht verfolgt I'' „Üie Leichen 
verfolgten mich, mir drohend im Traume", so äusserten sich ge- 



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299 

meine Mörder, Verbrecher, so Äussert sich Überhaupt das Gewissen, 
das allein Gegenstand der tragischen Poesie und der Philosophie ist*) 

Die Stimme meines Gewissens ist keine selbständige Stimme, 
keine aus dem blauen Dunst des Himmels oder gar auf den» 
wunderbaren Wege der Selbsterzeugung (der Generatio spontanea) 
aus sich selbst entsprungene Stimme, sie ist nur das Kcbo von 
dem Webegeschrei des von mir Verletzten und dem Stralurtheil 
des in dieser Verletzung sich selbst verletzt i'Uhlenden Andern. 
Denn ich habe, als Angehöriger dieses Gemeinwesens, Mitglied 
dieses Stammes, dieses Volkes, dieses Zeitalters, in meinem Gewissen 
kein besonderes, kein anderes Gesetzbuch, als der Andere ausser 
mir. Ich mache mir nur darttber Vorwttrfe, worttber mir der Andere, 
sei's mit Worten, sei's mit der Faust, Vorwurfe macht oder wenig 
stens machen würde, wenn er es wUsste oder selbst der Gegenstand 
einer vorwnrlsvollen Handlung wäre. 

Das Gewissen stammt vom Wissen oder hängt mit dem Wissen 
zusannnen; aber es bozeicbnct nicht das Wissen überhaupt, sondern 
eine besondere Abtbeiluni: oder Art des Wissens, das Wissen, 
das sich auf unser moralisches Verhalten, unsre l)(isen oder guten 
Gesinnungen und Handlangen bezieht. Dieser Unterschied desselben 
vom Wissen überhaupt oder vom blossen Wissen ist selbst schon 
sprachlich durch die Vorsylbe angezeigt, wie unsre Moralphilosophen 
und Moraltheologen richtig bemerkt haben. Aber gleichwohl haben 
sie kein besonderes (Gewicht gelegt auf die Bedeutung der deutschen 
Vorsilbe: ge; sie bedeutet nämlich dasselbe, was das Syn in dem 
griechischen Synekdosis, was das Con in dem lateinischen 
Conscientia, als das, was das deutsche ^1 i t. (Gewissen ist Mi t- 
wissen. 80 sehr ist das Bild des Andern in mein Selbstbewusstsein, 
mein Selbstbild eingewoben, dass selbst der Ausdruck des Aller- , 
eigensten und Allerinnerlichsten, das Gewissen ein Ausdruck des 
Sozialismus, der Gemeinschal tlichkeit ist; dass ich selbst in den 
geheimsten, verborgensten Winkel meines Hanses, meines Ichs mich 
nicht zurückziehen und verstecken kann^ohne zugleich ein Zeugniss 
von dem Dasein des Andern ausser mir abzugeben. Wenn ich 
auch keinen Zeugen gegen mich habe, keinen Mitwisser, denn der 
Einzige, der mich meiner Frevelthat zeihen konnte, ist nicht mehr 
unter den Lebenden, und sein Leichnam von mir ins Meer versenkt 

*) S. hieriiber mehr in mein»'i* „Tlu^oiroiii«" S, 175 und 166 — 167, und Id^leFt 
Versuch eiuer Xheorio disa reli$iös>eu W'ülm&iuui», l> Thi. 102 — lOti. 



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300 



oder SQ Asche verbrannt worden, so habe icb docb einen Mitwisser, 
einen Zeugen, einen möglichen Verrilther nnd Ankläger an mir 

selbst. Das Wissen ist nur erleuchtendes Licht, aber das Gewissen 
ist brcnuciidcs, kondensirtes Licht, ist bJises, empfindliches Wissen, 
auf (las so gern vertilgte und doch unvertilgbare Bewnsstsein meiner 
bösen Tliatcn eingeschränktes Wissen. EinschrUnkung ist Beengung, 
Beklemmung. Gewissen, namentlich böses Gewissen , ist beklom» 
mcnes, gewaltsam zurückgehaltenes und zusammengepresstes Wissen. 
Was Niemand weiss, aber alle Andern wissen möchten und wissen 
sollten, weil sie dann wiissten, was aach sie im Nothfall von mir 
zn erwarten haben, was ich fttr ein Bösewicht bin, das weiss ich 
allein, der Thäter, und doch darf ich es nicht sagen. Welche Last! 
Welcher Widerspruch mit dem Hittheilnngstrieb , mit dem Triebe, 
auszusprechen, was man weiss und denkt! Wenn sich aber aneli 
zu den (Qualen des Gewissens nicht die Qual der Verschwiegenheit, 
der gewaltsanion Zurtickhaltung und der Furcht vor Helbstvcrrath 
gesellen, wenn kein (Icbeininiss aus den ))egangcnen Verbrechen 
gemacht wird, so bleilit es doch das ursprüngliche Merk- und Brand- 
mal des Gewissens, dass es im Unterschied von dem gemeinen 
Tageslicht des Wissens die Blendleuchte der eigenen bösen That 
nnd Gesinnung ist. Gewissen haben heisst ursprünglich ein bdses 
Gewissen haben. Wer sich aus seinen bOsen Thaten nichts macht, 
wer von ihnen nur ein theoretisohes oder historisches Wissen wie 
von irgend einer andern gleichgültigen That oder Begebenheit, 
also kein bOses Gewissen hat, der hat gar kein Gewissen, ist ein 
nioralisches Monstrum. Und, ich habe ein gutes Gewissen, heisst 
urspi iniglich nichts weiter, als ieh bin mir keiner Schuld, keiner 
bösen That bewusst, keiner That, die das Tageslicht zu scheuen 
« hätte. 

Das Gewissen hat nian unterschieden in das der That vorher- 
gehende, das sie begleitende, das ihr nachtbigende Gewissen. Aber 
nur das letztere verdient, wie gesagt, diesen Namen; denn vor 
und während der That hat der Menssh nur sein Interesse, nur die 
Befriedigung seiner Leidenschaft, seiner Begierde im Auge; erst 
nach vollbrachter That kommt er zur Besinnung, zur Erkenntniss, 
zur moralischen Kritik. Vor und während der That schweigt das 
Gewissen oder ist wenigstens seine Stimme eine so schwache und 
leise, dass sie von dem Thäter überhört wird; aber wo das Ge- 
wissen iiiclit so unzweideutig, so veniehnilich wie der Donner er- 
schreckt und erschüttert, da kann von Gewissen keine liede sein. 



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301 



Wäre das nachfolgende und vorhergehende GevviHsen eines und 
dasselbe — o wie glücklich wäre das Menschengeschlecht, wie 
yerschont mit so vielen, grässlichen Tbatenl Aber das vorber- 
gebende Gewissen ist leider nur eine doktrinäre Konsequenz von 
dem nacbfolgenden. Logisch setzt freiUch dieses das erstere vorans, 
aber in Wirklichkeit gebt dem Gewissen nnd der Tbat, woranf es 
sich bezieht, nichts vorans als mein Wesen nnd Wissen Überhaupt. 

Bin ich ein Yornehtiger, (Iberall die Folgen erwägender, be- 
denklicher oder gar ängstlicher und furchtsamer Mensch, so werde 
ich natürlich auch, ja um so mehr, bei einer 1 landhing, die das 
Wohl und Wehe meines Nächsten und indirekt mein eigenes be- 
trifft, diesen Charakter bewähren, ohne dass man berechtigt ist, 
auf dieses mein Wesen das Wort Gewissen, wenigstens in dem 
Sinne der Moralisten, anzuwenden. Ja, wenn ich auch einen ent- 
gegengesetzten Charakter habe, so können doch vor dem Beschlüsse 
zn einer entscheidenden Handlung in mir selbst die grössten Kämpfe 
vorgehen, ohne dass desswegen ein Grund vorliegt, zn ihrer Er- 
klärung zu einem besondern „verwnndersamen Vermögen'' meine 
Zuflucht zu nehmen. Wie das Gfewissen — gedacht in der Beziehung 
des Menschen auf Andere — nichts andres ist als das Wehe- und 
Rachegeschrei des Andern gegen mich, so ist das Gewissen, gedacht 
in der Beziehung des Menschen auf sich selbst, nichts anderes als 
das Rache- und Wehegeschrei eines verletzten oder unterdrückten 
Triebes gegen seinen Unterdrücker. „Du bist ein Nichtswürdiger", 
ruft der Genusssüchtige sich zu, so oft das Gewissen des Thätig- 
keitstriebes in ihm erwacht. Der Ausdruck Gewissen ist hier ab- 
sichtlich gewählt, er bedeutet aber nichts anderes, als das mit 
Tadel, mit Vorwürfen verbundene Bewusstsein. Wie der Mensch 
Andere tadelt, wenn sie sich eines Fehlers oder Vergehens, besonders 
gegen ihn, schuldig machen, so kann er auch, weil er seiner selbst 
bewusst ist und über sich seihst nachdenken kann, natürlich sich 
selbst tadeln, wenn er sich eines Vergehens oder Fehlers, ins- 
besondere gegen Andere schuldig gemacht hat. Aber bekanntlich 
hängt der Sack mit den Fehlern der Andern vorne unter den 
Angen, der Sack mit den eigenen hinten auf dem blinden Rücken. 
Und es ist hOchst schwierig, wenn nicht geradezu unmöglich, diese 
natürliche Ordnung von Hinten und Vorn umzukehren, seine Fehler 
so klar vor sich hinzustellen, wie die Fehler der Andern, sieh 
unparteiisch zu richten und doch in einer nnd derselben Person 
zugleich Partei und Richter zu sein. Aber eben um diese Hcbwierig- 




302 



keit zu überwinden, dieses Räthsel zu lösen, liat man das Gewissen 
zu einem besondern „verwuuderfiamen'^ Wissensvermögen , einem 
moralischen »Schatzkästlein, einem geheimen Vchmgericht, einem 
Urim und Tunimim im Menschen gemacht. Wie man die Bibel 
znm Inbegriff alles Wissens gema4»ht hat, wie man Alles, was ent 
Jahrtausende nach ihrer Entstehung der Mensch im Schweiss seines 
Angesichtes mtlhselig nach und nach erkannt und entdeckt hat, 
selbst die geologischen und astronomischen Wahrheiten, in sie 
bineingelesen hat, so bat man das Gewissen, nachdem seine nr- 
si)riin*:!;lichc Ik'deiitiing verschwunden war, zu einem moralischen 
Factotum und Fühlhorn gemacht, Alles im Gewissen schon im 
Voraus a priori entlialten gefunden, was die Menschen erst nach 
Jahrhunderten schwerer Kämpfe als Recht oder Unrecht festgestellt 
haben, ja was seihst heute noch von der heiligen katholischen 
Kirche als Gewissenlosigkeit bekämpft und verdammt wird. Gibt 
es ja doch ein spezifisches katholisches Gewissen, und gewiss mit 
demselben Rechte, wie es ein spezifisches moralisches Gewissen 
im Unterschiede von dem allgemeinen Wissen und Bewusstsein 
des Menschen von Recht und Unrecht gibt Ist doch das Gewissen 
selbst nur eine von der geoifenbarten Theologie in den Menschen 
eingeschwärzte,' von der Moralphilosophie denkgläubig in sich auf- 
genommene und gewissenhaft festgclialtene natürliche Theologie. 

Das Gewissen ist so sehr von der Theologie und ihrer Diener- 
schaft oder, vielleicht richtiger, Herrschaft, der Geistlichkeit, in 
Beschlag genommen worden, dass es besser ist, für das Gute und 
Richtige, was man mit diesem Worte bezeichnet, andere unzwei- 
deutige, keine bangemachenden und irremachenden Nebenvor- 
stellungen mit sich bringende Worte zu gebrauchen. Das Gtowiasen 
ist, kurz gesagt, als gutes nichts weiter als Freude ttber die einem 
Andern gemachte Freude, als bOses nichts weiter als Schmerz, 
als Leiden ttber das ihm aus Missverstand oder Fahrlässigkeit oder 
Leidenschaft; zugefügte Leid. Das von den Händen der Geistlichkeit 
bearbeitete und der Moral libcrlicfcrte Gewissen ist der unter den 
Gehorsam des Glaubens an einen belohnenden und strateiiden, 
gnädigen und zornigen Gott, d. h an Himmel und Hölle, ewi^je 
Seligkeit und Verdammniss, gefangen genommene Glückseligkeits- 
trieb. Der von der Herrschaft der Theologie befreite und ana Licht 
der Natur gesetzte Glückseligkeitstrieb erblickt aber im Gewissen 
nur ein anderes Wort für: Gemttth, Herz, Getttbl für Andere, Mit- 
gefühl, Mitleid, Menschlichkeit, Humanität Was ist der Unterecbied 



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308 

xwiflclieD „empfindlicbem oder unempfindlichem Gewissen''^ wie man 
unter Andern sonst nntenebieden hat, als llberfaanpt der Unterschied 

zwischen Empfindlichkeit und Unempfindlichkeit? was der Unter- 
schied zwischen „rauhem und zartem^' Gewissen, als der Unterschied 
zwischen Rohheit und Zartlieit des GemUths, zwischen Brutalität 
und Humanität, die sich scheut, auch nur das allergeringfUgigste 
Uebel oder Unrecht einem Andern zuzufügen ? Was sind die von 
den christlicheu Theologen uns so sehr empfohlenen ,,Gewi88ens- 
prnfhngen^' anders, als die Belbsterkenntniss nnd Selbstprttfnngen, 
die schon die heidnischen Philosophen gelehrt nnd ansgettbt haben? 
Was ist Gewissenhaftigkeit andres als strenge, genane, sorgfältige 
Pfliehterftinnng oder überhaupt Bechtlichkeit, Rechtsebaffenheit, 
Ebiliekheit? Wenn wir im Gegensatz von nnr änsserlichem Sebeln- 
wesen, von Verstellung, von Hcncbelei, das Wort Gewissen ge- 
brauchen, was bedeutet es da anders, als eben Herzlichkeit, Auf- 
richtigkeit, Wahrhafti^rkeit? Und wenn wir unser g:ute8 Gewissen 
der Fama, dem Gerede der Leute, der irregeführten öffentlichen 
Meinung, der tonangebenden Verläumdungs- und Verkleinerungs« 
sncht entgegensetzen, was anders wollen wir damit aussprechen 
• nnd geltend machen, als unser stolzes, aber gerechtes Selbstbewusst- 
sdn? Wozu also die Geheimnissthnerei des Gewissens? Wozu 
das Gewissen y^rerstricken nnd beschweren^ d. h. dem Naohtsack 
eines besonderen Vermögens anfbttrden, was schon m dem Omnia 
mea mecnm porto, in der Tasche meines Selbstbewnsstseins als 
sonnenklares oder sonnenheisses Bewnsstsein meiner Unschuld oder 
Schuld euthalten ist? 



Zusätze aus zerstreuten Tapiereu. 

Wenn die Glückseligkeit kein Prinzip der Moral oder gar 
ein nnsittliches ist, wamm soll die Verneinung desselben in mir 
eine Tngend sein, während sie doch fttr die Andern eine Bejahung 
desselben nnsittliehen Prinzips ist? Wenn die Negation des 
„Willens zum Leben" eine Tugend ist für mich, warum soll ich 
sterben für Andere, damit sie leben, also ihren von mir verneinten 
Trieb befriedigen V lleisst das niclit aus Sittlichkeit für die Unsitt- 
lichkeit sterben? Wenn es eine Tugend ist, sich seines Mantels zu 
entäussern, so hänge ich dem Andern mit diesem Mantel meine 
Untugend an, während ich mich mit der Tugend schmttcke und 



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brttste. Oder wie soll es eine Tagend sein, wenn ich trots des 
eigenen Hangen niebt eBse, damit der Andere essen iLttnnei wenn 
nur die Negation des Triebes die Tugend zur Tugend maebt? Ist 
dies aber der Fall, no mmn ich zu den Andern sa^en: leli eB8e 

nichts, al)cr nur (latdr, dasH Ihr auch nichtH esset; ieh sterhe, al»er 
dazu, daHH Ihr auch sterl)et, daHS Ihr auch !)C8tätiget, die l^flicht 
sei mehr als daH Lelien, daRS Ihr auch den Trieh zum Lehen nej^irt! 

Aher ro ist es nicht und soll ch nicht «ein. Die Tugend, die 
Pflicht, steht nicht im Widerspruch mit der eigenen Glückseligkeit, 
sie steht nur im Widerspruch mit der Glückseligkeit, die auf Kosten 
Anderer, zu deren Unglttok, glücklich sein will. Die Tugend ist 
die eigene Glttekseligkeity die aber nur im Bande mit fremder 
Glückseligkeit sich glücklich (tthlt, die selbst bereit ist, sieh anf- 
znopfem, aber nur weil and wenn es das Unglück so fllgt, dass 
das Glflck der Andern, die mehr sind als ich, mir mehr gelten als 
ich mir seihst allein, nur von meinem eigenen Unf^lllck, das Leben 
der Andern nur von meinem eij^cnen Tode a!)]iUngt, au8 tragischer, 
«chmerzlich emp t u nd cn c r, aher {gleichwohl ohne W id er- 
st rchcn tthcrnommener Nothwcndigkeit , aus, wenn auch nicht 
eigenem GlüekHeligkeitstrich, doch aus dem mit Liehe angeeigneten 
GlUckseligkeitstriebe der Andern — eine (ilUckseligkeit, die al>er 
der Selbstaufopferer wenigstens in der Vorstellung nnd Hoffhang 
mitgeniesst 

Nicht aus Achtung vor dem Oesetz , aus Achtung vor dem 
Andern, wenn auch nicht grade diesem zufälligen Menschen, vor 

dem Andern^ der mit Dir Identisch ist, aus Achtung vor dem 
Menschen also, ist die MentitUt der Menschen eine absolute. 
Autonomie ist uinuitllriieher Selhstzwang, Sei l)stnothz ueli t. 
Aclitung allerdings vor dir selbst, — die Piiicbt vertritt nur der 
Andere. 

Der Wunsch des Andern sei mein Wunsch; denn der Wunsch 
des Andern ist mein eigener Wunsch in seinem Fall, an seiner 
Stelle. Heteronomie, nicht Autonomie, die Heteronomie als 
Autonomie des Ileteros, des Andern, ist mein Gesetz. 

Wo kein Gefühl der Lust und Unlust, da ist auch kein Unter- 
schied zwischen Gut und Btfse. Die Stimme der Empfindung ist 
der erste kate^^orische Imperativ . . . Fttr die blosse rehae, von 
aller Empfindung abgcs()n(lerte Vernunft gibt es weder Gott noch 
Teufel, weder (Juten noch liöHCs; nur die Vernunft, auf Grund der 
Empfindung und %uni Kesten derselben, macht und beobachtet diene 



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805 



Untenehiede. Die Moral ist so gut eine ErfahrungswiBsen- 
fohaf t wie die Hedisin. Was einem Zeitalter der Bohheii nicht 
für unmoralisch gilt, gilt emem Zeitalter der Bildung dafür. 



Die Gegensätze der Menschen in Betreff der Moral lassen sich 
immer auf zwei reduziren; Gltickseligkeitstrieb oder Selbstliebe, 
oder Negation der Selbstliebe, Selbstverleugnung, wenn auch diese, 
je nach den verschiedenen Zeiten und Menschen verschieden, wie 
in der Kantisehen Philosophie, wo der Glüekseligkeitstrieb nicht 
yerleognety sondern nur zurückgestellt, aus Ende placirt wird, nicht 
an den Anfang; worin nur abstrahirt wird von ihm in der Austtbung 
der Pflicht, nur kein Glttckseligkdtsmotiv, als etwas Impures, in 
die Pflichtausflbung eingemischt werden soll. 



Kant hat das Uebersinuliche ausser und Über dem Menschen 
als Objekt der Erkenntniss aufgehoben, aber dafttr den ganzen 
Apparat der ttbersinnlichen Welt in den Menschen versetzt 



Naehgelassene Aphorismen. 

1. Zur theoretischen Philosophie. 

Die Deutschen sind, wenigstens auf dem Gebiet der l'hilosophie, 
so sehr an das Obskure, Unverständliche, Schwülstige, Verworrene 
gewohnt, dass ihnen gerade das Verständliche das Unverständliche, 
das Klare das Dunkle, das Begreifliche das' einzig Unbegreifliche ist 

Die Philosophie ist mir nicht das Primitive, wie den spekula- 
tiven Philosophen, welche, wenn sie auch die Kcligiou, die Poesie 
als früher und vor der Philosophie dagewesen erklären, doch ihre 
BegriiTe, als die wahrhaft primitiven, voraussetzen, das Voraus- 
eilende in ihrem Sinne auslegen. 

Denken ohne Sinnlichkeit ist Nichts, Sinnlichkeit umgekehrt 
ohne Denken Nichts — das ist doch wohl der eigentliche Kern 
des Kant'sehen Systems. 



O r b II , Fcui^rbaittu HtiffirfHrliMl a. Nailtlass. II. 20 



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m — 



Kann ich denken, wenn ioh laufe, wenn heftige KOrperbewe- 
gong meinen Kopf in Bewegung setzt? Mius ioh niohl^ am OedaQr 
* ken zu fixiren, zum Stehen zn bringen, selbst kOrperiioh fixirt, oder 
doeh mftssig bewegt sein? GehOrt also nicht zur Ruhe des Denkens 
Ruhe des Leibe»? 



Den absoluten Unsinn einer Scluipfung aus Nichts, oder eines 
die Welt aus Nichts schaltenden Wesens, haben unsere Piiiiosopheu 
zum „absoluten Geist^^ gemacht. 

Gott früher setzen, als die Natnr, ist eben so viel, als wenn 
man die Kkohe frtther setzen wollte als die Steine, woraus sie 
gebaut wird, oder die Arehitektur, die Kunst, welche die Steine zo 
einem Gebftude zusammengesetzt hat, frtfher, als die Verbindnng 
der ehemisehen Stoffe zu einem Steine, kurz als die natQrliche £nt- 
Stehnng und Bildung des Steines. 

Nicht denkendes Denken, nicht Denken, das nur sich zum 
»Subjekt und Objekt, zum Organ und Zweck hat, sondern sehendes 
Denken, hörendes, luhlcndos Denken! Oder auch umgekehrt, den- 
kendes Sehen, denkendes Fühlen! 



Das Uebersinnliche hinter dem Sinnlichen ist der Menseh vor 
dem Sinnlichen. 



Ich bin nicht unterschieden von den Dingen und Wesen ausser 

nur, weil ich mich unterscheide, sondern ich unterscheide mich, 
weil ich phy sisch, kör])criich, tliatsächlicli unterschieden 1) i n. Das 
lievvusstsein setzt das Sein voraus, ist nur bewusstes Sein, nur das 
»Seiende ab} Gewubstes, Vorgestcüte&' 

Meine Philosophie kann nicht durch die Feder erschfipft wer- 
den, findet nicht Platz auf dem Papier; denn für sie ist nicht das 
Gedachte das Wahre, sondern das, was zwar auch gedacht, aber 
auch gesehen, gehOrt und gefühlt wird. 

Kant reprttsentirt die Revolution, Ilcgcl die Restauration. Was 

Kant gestürzt, die Herrschaft des Uebersiunlicben, hat Hegel wieder 
hergestellt. 



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« 



307 

Mir gilt aaoli die Idee, aber nur aaf dem (Gebiete der Menfleh- 
beit, der Politik, der Moral, nicbt auf dem Gebiete der Natnr, der 

PhyBiologie. ' 

Kant hat Reebt: das Sul^ekt mnss dem Objekt in der Unte^ 
SQcbnng Toransgeben. Aber das Subjekt ändert sieb mit 
der Zeit. Wir sind niebt mehr matbematiscbe, a priori'sche, wir 

sind empirische, a posteriori'sche Menschen und Subjekte. Das der 
Unterschied zwischen dem Kant'scheu, dem lö., und dem Id. Jahr- 
hundert. 

Der Mensch kennt und versteht von sich selbst, von der Natur, 
der Welt, nur die Gegenwart, von der Vergangenheit nur so viel, 
als sie eben Spuren, noch gegenwärtige Zeichen von sich in der 
Gegenwart zurückgelassen bat Weisst Du etwas von Deiner frtt* 
tiesten Kindheit, von den ersten — vielleicht entseheidenden — 
Einflüssen auf die Bildung und Gestaltung Deines Wesens ? £rforsobe 
was Du bist, und was um Dieb istl Auf diesem Wege nur kannst 
Du zu dem gelangen, was niebt mebr ist; aber ein Kind bist Du, 
wenn Du von dem, was binter Deinem Bewusstsein liegt, dem An- 
fänglichen, dem nicht Gegebenen, dem Dunklen, anfängst, um von 
hier aus das Dir doch selbst Bekannte zu erklären. 

Wer meine Religionsphilosophie anerkennt, muss auch meine 
Prinzipien der Philosophie anerkennen. Man denke nur an die 
Bedeutung, die in meiner Religionsphilosophie dem Körper der 
Gottheit gegeben wird. „Gott ist ein körperliches Wesen." Warum 
ist aber in der Hegerschen Religionsphilosophie keine Spur von 
einem kOrperlioben, sinnlichen Gott zu finden? weil in seinen Prin- 
npien, in seiner Logik keine Spur von einer prinzipiell ontologi- 
geben, ut ita dieam, szientiviseben Anerkennung des Ktfiperlieben 
zu finden ist 

leb bin vom Uebersinnlicben zum .Sinnlieben Übergegangen, 
babe aus der Unwabrbeit und Wesenlosigkeit des Uebersinnlieben 
die Wahrheit des Sinnlichen abgeleitet. Natttrlieh ist meine Stel* 

lung, meine Aufgabe eine ganz andere, als die Aufgabe derjenigen, 
die unmittelbar vom Sinnlichen anheben. 

Materialismus ist eine durchaus uiii)ussende, falsche Vor- 
stellungen mit sich führende Bezeichnung, nur insofern zu eutr 

20* 



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»obiildigeiii «Ii der immaterialitttt des Deukenti der Beele, die 
BfaterialitUt des Denkens entgegensteht Aber es gibt fttr uns nur 
ein organisches Leben, orgnnisebes Wirken, organisches Denken. 
Also Orgunismns ist der rechte Ausdmek, denn der konseqnente 

Spirituaiist leugnet, dass das Denken eines Organs bedürfe, während 
auf dein Stuudpuukt der Naturanschannng e» keine Tliätigkeit obue 
Orgau gibt. 

Der Haterialismns ist (Hr mich die Grundlage des Gebftude« 

de« menschlichen Wesen« und WisHcns; über er ist lUr mich nicht, 
WüH er fllr den i'livsiolof^en, <leii Natui lorHchcr itn vD^anm Hinnc, 
z. H. MolcKcliott iht, und /war uotbwüiidig von ihrem btaudpuukte 
und Üeruio aus ist, das Gebäude selbst 

KUckwHrts stimme ich den Materialisten vollkommen bei, aber 
nicht vorwärts« • 

„Die Heele hat keine Figur und (icHtait.^' Doch, die heelc 
des Menschen hat die Figur oder Gentalt den Menschen, die der 
Katze die Figur der Katze. Fben so ist die Seele sichtbar, greifbar; 
die sichtbare beele ist eben der Leib. Der Unterschied swiseben 
Heele nnd Leib ist nur der, dass die Heele sich selbst^ der Leib 
einem Anderen sichtbar und greifbar ist 

Der Mensch ist so sehr sionlicb, dass er selbst die Negation 

der »Sinne — Geist — nur von den .Sinnen abgezogen hat. Gebt 
— Luft, VViudj GeUt ist Wind und Wind ist Geist 

Der »Streit oder Gegensatz zwiriehen MulerialihniUN und Idealis- 
mus ist uicht der zwischen Materie und Geist, Leib und Seele, 
sondern der zwischen Kmptinden und Denken; denn die Emptfn* 
dung ist durchaus materialistisch, kOrperUch, wie schon die Alten 
behaupteten. U« handelt sich also nur um die LOsung des Ver- 
hältnisses von Denken und Empfindung. 

£s gibt Fragen, die so absolut dumm und verkehrt gesteUi 
sind, dass ihre Beantwortung absolut unm()glicb. Dies gilt beson- 
ders von den Fragen, die der Gebt, d. h. der von der Katerie sieh 
absondernde und gleichwohl In dieser Absonderung die Empfindung 
sieh vindbsbrende Geist an die Materie stellt, d. b« an den orgaui- 
sehen KOrper. 



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309 



Ich will nichts Anderes geschrieben haben, nichts Anderes nach 
meinem Tode im Andenken der Menschheit zurücklassen , als die 
,,Theogonie^', oder mit anderen Worten: „D&b Wesen der 
Religion''. Und selbst Ton dieser einen Sehiift beanspmehe ieh 
nur die Wahrheit nnd Richtigkeit des Grundgedankens, des Prin- 
zipes ; alles Andere, Form, AnsfUhrnng, Darstellnng gebe ieh preis. 
Nnr Eines will ich geleistet, nnr Einen Grundgedanken ins Licht 
des Bewnsstseins der Menschheit gesetzt haben, sonst nichts. Ich 
bin kein Schreiber von Profession, am wenigsten ein Viel-, Gem- 
ünd SchJinscbreihcr. Ich schreibe nur aus Pflicht, nicht aus Lust; 
aus Kothwendigkeit, nicht aus Liebe und schrii'tstellerischer Eitelkeit 

Es war eine Zeit, wo mau glanbte, man könne und dürfe in 
allen Stücken Fortschritte machen, während man in der Religion 
ein Simeon Stylites sei; umgekehrt scheint man jetzt zu glauben,, 
dass man das Religionsgebäude zerstören könne, ohne damit das 
stille Geisterreich der Logik und Metaphysik, geschweige die Ka- 
sernen des modernen Staatsgebäudes zu beunruhigen oder gar zu 
erschüttern. Es gibt wohl Unzählige, bei denen der Satz: Dens 
est enti singulare, eine praktische Wahrheit, bei denen die Religion 
etwas gänzlich Vereinzeltes ist, was in gar keinem Zusammenhang 
mit ihrem übrigen Thun und Treiben steht, in deren Kapitolium 
die Religion den abgelegensten, verborgensten Winkel einnimmt, 
wohin kein Strahl von dem Liebte fällt, in dem sie ausserdem 
leben, einen Ort, wo es nicht geheuer ist, wo allein noch die Ge- 
spenster und Geister, die aus dem öffentlichen Leben verbannt sind, 
ihre Znflnehtsstätte ünden. Es gibt wieder Andere, bei denen die 
Rdigion nicht eine solche obskure Rolle spielt, gleichwohl aber 
etwas so Innerliches und Abgeschlossenes ist, dass auoh hier der 
angeführte Satz seme Geltung hat Aber diese Fälle haben keine 
allgemeine, keine das Wesen der Religion selbst erschöpfende Be- 
de utunu^ Dem Satz: Dens est ens singulare, steht der Satz: 
Dens e^s t ens universale entgegen ; Gott aber ist nichts An- 
deres als der erste und letzte Wille, der erste and letzte Gedanke 
des Menschen. 



Etwas anderes ist der metaphysische Atheismus, welcher 
die Gottheit in abstracto und an sich selbst betrachtet, und nun 
. als ein sich widersprecbended Wesen erweist; etwas ganz anderes 
der anthropologische oder psychologische, welcher 4iQ 



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310 

({ottbcit alH ein dem Mcoscben inuerlicheSy subjektives We^eu er- 
l'asst und nachweist 

Die Philosophie ist die j;eistige Heilkunst die Wiederher- 
siellnng der verlorenen Gesundheit. 8ind wir gesund, so brauchen 
wir den Arzt nicht mehr. Die Heilkunst weieht der LebenskoBSt. 
Die PbikNwphie ist ein nothwendiges UebeL 

„Der jnnge Doktor versteht niehts, denn er mnss die Leute 

sehen; ich gehe zu meinem alten Arzt^ der Bezepte vendireibt 
aus der Feme^S ohne sinnliehe Erkenntniss, ohne Autopsie. So 

urtheilte ein unverständiges Weib, so urtheilt das gewöhnliche Ge- 
lehrten-PubHkum auch Uber die neueu I'hilosopheu, die die Sinne 
gebrauchen, um die Menschen von ihren IrrthUmern und Geistes- 
krankheiten zu kuriren. Was Vorzug, was Nothwendigkeit, ist in 
ihren Augen Mangel, Fehler. 

Hegel steht auf einem die Welt konstruirenden, ich auf einem 
die Welt als seiend voraussetzenden, sie als seiend erkennen wol- 
lenden Standpunkte; er steigt herab, leb hinauf. Hegel stellt dmi 
Mensehen auf den Kopi, ieh auf seme auf der Geologie mh^Klen 
Fflsse. 



Als ich ein Knabe war, glaubte ich die Melodien, die ich 
' vollkommen im (iehör und im Kopfe hatte, sofort in den Fingern 
und Tasten zu haben, sie daher mit derselben Leichtigkeit, mit der 
ich sie pieil'en konnte, auch aut dem Klavier spielen zu können. 
Gerade so macht es die spekulative Naturphilosophie mit der Ntf- 
tur, namentlich mit dem organischen Körper, den sie ohne Kennt- 
niss der Klaviatur oder Organisation, oder wenigstens ohne steh 
darum zu kttmmem, nach dem Belieben ihrer voig^assten Begiüb- 
leier spielen ISsst. 

Warum ich nicht mit einem Wörtehen der grossen Entdeckung 
des Tantheismus und Deismus vermittelnden „Theismus" der Herrn 
Fichte, Ulrici etc. gedenke? Weil ich Uberall nur mit Quellen- 
studien mich abgebe, das Wasser meiner Mühle nur aus reinen 
Quellen schöpfe, das Znckerwasser dieser Leute aber unter der 
Kritik, wenigstens meiner Feder i«t 



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311 - 

„Göttlich'' ist die iieu-schelHngschc l^hilosopliic, d. h. ^rytho- 
logie; Alles ist voll CJöttcr in ihr, coucedo; nur eius fehlt in ihr 

— was leider, wie ich gezeigt, das verborgene Subjekt aller GiUter 

— es ist der Mensch. Herr Schellii^ weiss nur von Gott — so 
schon in seinen frühesten Schriften, aber gar nichts vom Menschen. 
Wahrscheinlich hat dieser aneh seiner Person gefehlt^ was ich je- 
doch nicht weiss. 

• 

f^Wie erkennen wir die äussere Welt?" — Wie erkennen wir 
die innere Welt? Wir hahen ja keine anderen Mittel für nns 
als fttr Andere! Weiss ich denn etwas yon mir ohne Sinne? 
Existire ich, wenn ich nicht ausser mir, d. h. ansser meiner Vor- 
stellung existire? Woher weiss icl\ aber, dass ich existire, nicht 
in der Vorstellung, sondern sinnlich, wirklich, wenn ich nicht durch 
die Sinne mich wahrnehme? 

„Die Bäume belehren mich nicht'* sagt Sokrates. Allordings 
lehren sie mich nicht reden, nicht dialektische Hebammenkttnste; 
aber sie lehren mich schweigen, die Natur nicht nni: nach meinem 
egoistischen, teleologischen Sinne auslegen; sie stellen mir den Grund 
meines Wesens, das waa hinter meinem Bewusstsein liegt, ausser 
mir Tor Augen. 

Unsere bisherigen Philosophen sind nichts als mediatisirte, 
dnrch den abstrakten Begriff vermittelte Theologen. 

Ich bin allerdings darin Philosoph, dass ich streng Wesen von 
Sehein trenne. Aber das ist eben mein Unglück, denn die Herren 
und Damen liebca und wollen nur das scheinbare Wesen. 



Je weniger die Menschen über einen Gegenstand wissen, desto 
mehr philosophiren, spekuliren und kritisiren sie darttber. 

„Halbdunkel", clair-obscur, oder vielmehr obscur-clair, lieben 
und verehren die Leute in der Philosophie. Es ist das, was die 
Halben und Unentschiedenen Glauben, im Gegensatze zum Lichte 
des Unglaubens nnd dem Dunkel des Aberglaubens, oder vieimehr 
des alten und wahren Glaubens nennen. Was aber eine Tugend 
der Malerei, das ist nicht desswegen auch eine Tugend der £r- 
'kenntnisB. 



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- 312 



VÄn pliiloHopliiKchcH System ist ein PartikiilarismuH an der 
htellc des Universalismus der oaturgemässen WeltaDscbauaog. 

leb habe zn einem Gegenstände der empirischen Wissen- 
schaft gemacht, was bisher fUr ein jenBeits des Wissens liegen- 
deSi auch von den Besseren nur dem Unbestimmten, dem Glauben 
Angehöriges gefasst worde. Das, was ftlr keinen C^enstand ni- 
erst wirklichen, dann auch nnr möglichen ^IHsscms galt, wie die 
Astronomie, zn einem Gegenstande des Wissens zn machen, ist 
fiberbanpt der Gang der Wissenschaft. Znerst kommt die Physik, 
dann die Pneumatik. Zuerst der Himmel des Auges, dann der 
Himmel des GcmUtbs, des Wollens. 



„Furcht", sagt Lucrez, „hat die Tröttcr f^escbaffen, aber wer 
schuf diese allmächtige Furcht ? • (Lichtenberg, Vcrm. Sehr, VI. | 
277.) Der GlUckseligkeitstrieb. Darauf kann freilich der 
tbeologiscb ins 1 Unendliche Fragende wieder fragen: Aber wer 
schnf den Glttckseligkeitstrieb? Ich antworte darauf, wer ancfa 
nnr die Wanze, den Floh, die Lans schnf. Was lebt, liebt, wem 
anch nnr Sich, Sein Glttck und Wohl 



2. Zur Religionsphilosophie. 

T.egc etwas in Deiner Wohn- oder Studirstube ohne Grand, 
absichtslos an eine Stelle, lasse es dort eine Zeit lang liegen, und 
Dn wirst Dich scheuen, es an einen anderen Ort zn legen, ans 
Besorgniss, durch diese veränderte Lage Dich in Deiner Rnhe Dod 
Ordnung zu sttfrenl So mächtig ist auch in ganz gleichgfllligeD 
Dingen die Gewohnheit! Was einmal an diesem Ort steht, dis 
soll nun ftlr immer an demselben stehen, aus keinem anderen 
frrunde als weil es, obwohl zuerst ohne Grund, blos aus Zufall, 
dahin gestellt worden ist. Wie sollte man sich nun wundern über 
den Has« gegen religifise und politische Veränderungen, die stets 
Störungen der bisherigen Ordnung und Hube sindi* 

Höchst wichtig ist auch die Gewohnheit im Gebranch der 
Wörter. Man sage statt Heil: ,;Wobl, Wohlsein"} wie werden die 



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313 

Ueilslchrer rIcIi darüber entsetzen! Und doch hat das hci1i;^c Wort 
nrsprtinglich denselben profanen Sinn, nur dass durch die Abson- 
dernng dieses Wortes im Grebrauch für das religiöse Wohl, welches 
doch selbst aueh,. wenn auch nur im Jenseits, das körperliche 
Wohlsein bedeute^ das Wort Heil einen besonderen, mystischen^ 
heiligen Sinn bekommen hat 

Uebertricbcn nannte ein Theologe die Heliaiiptiingen im „Wesen 
des Cbristenthumes^', z. B. dass das ,,Gcbet allmächtig sei''. Ja 
wohl, dem modernen ungläubigen Glanben ist auch der GUiube 
selbst eine Uebertreibnng, ja €rott selbst* ein Übertriebenes 
Wesen. 



Die Elenden ! wenn der Glaube energisch wirkt, seinem Wesen 
gemäss uugehindert sich entlaltet und hethätigt, so nennen sie das 
nicht mehr Glaube, sondern Fauatiismus. 



£s handelt sich bei mir nicht um Zerstörung einer Illusion, als 
wäre ich ein Begriffs-Fanatiker, Feind aller, also auch der poeti- 
schen, auch der smnlich-optischen Illusion — nein! es handelt sich 
um die Zerstörung emer Heuchelei, eines Betruges. 



Nicht wider die Religion sein, aber Uber ihr sein! Die Er- 
kenntniss ist mehr als der Glaube. Ist auch wenig, was wir wissen, 
dieses bestimmte Wenige ist doch mehr, als das uebeihal'te Mehr, 
das der Glaube vor dem Wissen voraus hat. 



Gegenstand meines „Wesen des Christenthums" war nicht, die 
ersten historischen Anlange und Anlässe eines religiösen Institutes 
oder Dogmas zu untersuchen; mein Objekt war das fertige, aus- 
gemachte, weltbeherrschende Christenthiiin, waren die dasselbe jetzt 
noch zeugenden und erhaltenden, rechttertigenden, psychologischen 
Gründe. Was hilft es, wenn man z. B. nachweist, das Mönebs- 
leben und die Ehelosigkeit der christliehen Priester wären die Fol- 
gen der Lehren der gnostischen Enkratiten (Grätz, Geschichte der 
Juden). Die christliehen Klöster bevölkerten und erhielten sich, . 
nachdem längst die Lehre, in der Weise der Gnostiker wenigstens, 
verschwunden, bevölkerten und erhielten sieh durch die Vorstellun- 
gen eines weltlosen, ttbersinnUchen Gottes und Jenseits ^ kurz, iu 



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au 



Folge von ünmanenteDy den Elosterfrennden innewohneBden Gpttn- 
den. Der jttdisebe €k>tt erzeugt kein Kloster; denn der Jade denkt 
Gott nnr in Beziehnng anf die Nation, als Gesetzgeber, Volksregen- 
ton — das Ghristenthnm aber in Beziebnng anC sieb selbst (daher 

Trinität); niclit nur als den Menschen und speziell das israelitiscbe 
Volk iiebendeö; sondern sich selbst liebendes und denkendes Weseu. 



Es ist ]i(5chst bcnicrkeuswcrth und vcrhiingnissvoll, dass das 
Christcnthum, das nur von Liebe und Versöhnung spricht, mit dem 
Zwiespalt zwischen Theorie and Praxis, Glaube und Werk, Paulos 
nnd Petrus beginnt. 

^erm Benan bat der in meinen Sobriflen berrsebende Ton 
„entrttstet*^ Kern Wunder! Wen das Gloekensplel der Markos- 
kirebe in Venedig so bezaubert, dass er aus dem vermeintlicben 

Mangel, dass ich es nicht gehört hätte, den Mangel meiner Auf- 
lassung der Keli.2:ion, natürlich der katholischen ableitet, den muss 
nothwendig der Ton in nicineu Schriften vcrdutzen, ein Ton, der 
allerdings gar nichts mit dem eines Glockenspiels gemein hat. 

Der Mensch lernt eher den Namen des Dinges, als das Ding 
kennen; daher kommt es, dass der Mensch auf den Gedanken 
kommen kann : das Wort (Gott) ist eber als das Ding, der Gegen- 
stand des Wortes. 



Ein Mensch, dem bei der Religion der Verstand stille steht, 

der die Religion von den Gesetzen der fortschreitenden Entwick- 
lung ausniniuit, die Religion nicht in den Kreis seines Denkens 
und Forscheus zieht, seinen Glauben, seine Religiosität dem Bediiri- 
niss der Bildung enthoben glaubt, ein solcher Mensch, sei er sonst 
auch noch so gebildet und gelehrt, ist ein Halbgebildeter, ein Ualb- 
menseb. 

Was bat man nicht Alles Aber die Seele gedacht und ge- 
Bcbrieben, und doeb hatte all dies Spekuliren keinen anderen Gruad 
oder Zweck, als den Wunsch der Unsterblichkeit zu befriedigen.- 
. Denn der langen Rede kurzer Sinn war zuletzt immer der: also 

ist die Seele unsterblich. Der Beweis: ich bin Geist, ist der Be- 
weis; ich bin unsterblich. 



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315 



Der Mensch maoht die UnsterbUehkeU su einer mit der Naitor 
der Seele nothwendig yerbnndeneoi ja identisehen fügenschafty d. h. 
er identifizirt mit seinem, dem wünschenden Wesen, die Sache der 
Unsterbliehkeit; er maeht das Wnnschwesen zum metaphysisch- 
objektiyen, an sich seienden Wesen, welches ohne Wunsch, selbst 
wider Wunsch unsterblich ist. 

Ich unterscheide mich von den Theologen dadurch, das.s jene 
sich nur an das Wort Gottes, ich aber an deu binu Gottes 
mich halte. 



„Keine Moral ohne Religion^'; d. h. im Sinne der Pfaffen: 
K^e Bildong ohne Barbarei, ohne Bohbeit, oder keine Liebe ohne 
Hass, kern Opfer ohne Eigennntz. 

Den Glauben an böse Geister schreiben die Schmeichler und 
nnd Lobhudler des Christenthunis seinem Zusammenhange mit dem 
Heidenthum und Judenthuni zu, als gehöre das nicht zu ihn», nicht 
zu seinem Wesen. Und doch steht nothwendig dem nur, dem Über- 
trieben guten Wesen, von dem der Mensch jeden Schatten eines 
"Mangels entfernte, ein übertrieben, ein nur, ein unendlich böses 
Weeen gegenttber. 

Die Religion ist Poesie , aber praktische, interessirtc Poesie, 
die Poesie der Furcht yor Uebeln und der Hoffnung auf Gutes. 



Die Katholiken und Protestanten haben, vom Staate unange^ 
fochten, Beligionsfreiheit, d. b. Freiheit von der Vemunfl;, von den 
Gesetzen der Humanifftt, die Freiheit, durch Missionen dem Volke 
den Verstand aus dem Kopfe und das Geld aus dem Beutel zu 
nehmen. . * 

• 

„Christas ist Gott<' sehreibt der Bischof von Buch. Natürlich 
wenn Christus nicht Gott, so bin ich kein Bischof, d. h. kein Stell- 
vertreter Gottes, kein vergötterter, sondern ein gewöhnlicher, pro- 
saischer Mensch ; Christus muss mehr sein, als ich, damit ich mehr 
sein kann, als Du. _ , 

Einst war nicht nur für ddn nicht unterscheidenden Pöbel, . 
sondern auch t'lir den Gebildeten Kirche und Keligiou eins« Aber 
jetzt hat die Kirche keine Keligion mehr. 



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316 



Alle religiöse oder theologische Heiligkeit ist oor Hcheio. Was 
Grand und Wahrheit hat, behauptet sieh durch sich selbst, ohne 
heilig gesprochen zu werden. Je weniger etwas an sieh ist, desto 
mehr machen die Menschen daraus, desto mehr httllen sie es is 

heilip^e» Dunkel. Oerade das, was nicht ftlr heilig gilt, ist in 
Wahrheit das Heilige. 



,,I< li hin von jeher frei {^^ewcHcn, ieli hahc nie geglaubt, ich 
brauche liicrüher niehts zu h'sen. We^^ also mit dem F." lelj 
muthc Euch nicht zu, niieh zu Ichcu, aber die Ikmerkunir ümism 
ich mir denn doeh hrd'licliHt erlauben: Ein groHser UnterHchied int 
zwischen der Freiheit der Erkenntniss und der Freiheit der Indif- 
ferenz und der Unwissenheit von den Gründen, die der Glaube 
fttr sich hat 

Die Blattlaus gibt wohl ohne Bedenken zu, dass das Bhitt, 
dass die l^anze aus der Natur entsprangen ist; aber dass auch 
sie selbst, die Blattlaus, ans derselben Quelle stamme, das begreift 
8ie nicht, sich kann »ic nur ans einem besondern BiattlauH-Gott, 
einem Ul>crnatürlichcu lilattiauswcHcn erklären. 

Wie die Astronomie die sui)jeklivc, erscheinende Welt von der 
objektiven, der wirkliehen, untcrHclieidet, so hat die „Athcintik", 
in Wahrheit die Theononiie, welche sich ebenso von der Theo- 
logie unterscheidet, wie die AHtronomit^ von der Antrologie, die Auf- 
gabe, das von der Theologie fttr ein objektives Wesen gehaltene 
subjektive Wesen als solches zu erkennen, den Schein vom Wesen 
zu unterscheiden. Die Theonomie ist die psychologische 
Astronomie. 



3. Moralphilosopbie und Moralitäten. 

Nur der Mennch int etwas, der innerhalb seiner Gränzen bleibt, 
der nicht mehr sein*wiU, als er ist und sein kann. 



In unwesentlichen y äusseren Dingen folge Andern^ in weseot- 
lieben dir aelbst. 



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- 317 - 



Man mii88 sich ntobt auf Menschen verlassen, das keisst: Ver- 
laste dieh nicht auf Andere, sondern anf dich selbst, wenigstens 
in Allem, was du selbst thun kannst und daher selbst thun sollst 

Das sind die tüchtigen und glücklichen Menschen, die keinen 
Gegenstand angreifen, ausser den, dem »ie gewachsen sind. 

Besser ist scheinbare Furcht, als scheinbarer Muth — besser 
ist, du scheinst feige und bist muthig, als du scheinst muthig und 
bist feige; besser ist tlberhanpt, du scheinst weniger su sein,^denn 
du bist, als du scheinst mehr zu sein, denn du bist 

Was mich am meisten an den Menseben irre gemacht hat, ist, 
dass die wenigsten zwischen falscher und wahrer Scbönheit, an- 
genommenem und eigenem ^Vcsen, Kunst und Natur, Original und 
Copie zu unterscheiden wissen. 

Es gibt Meuschcu, welche gerade soviel Geist haben, als nöthig 
ist, um Andern, die keinen Geist haben, weiszumachen, dass sie 
Geist haben« 



Die moderne Sittlichkeit ist eine Sache der Polizei. Gerechtig- 
keit, Bechtschafifenheit ist Sache der freien, männlichen Tugend; 
Sittlichkeit haben wir im Ueberfluss, aber Tugenden sind sehr rar. 
Wie kann es auch anders sein unter der Herrschaft des Polizei- 
diraen und des Ghristenthums ? 



^ Wer keine Verachtung, keine Geringschätzung ertragen kann, 
der ist zu nichts Grossem bestimmt, und wer uicht klein begiuueu 
will, der endet nicht gross. 

Die Menschen sind nur da Mensehen, wo es mit ihren Interessen 
Ubereinstimmt, Menschen zu sein, oder wo sie kein Interesse haben, 
nicht Menschen zu sein. Wo sie aber nur. im Widerspruch mit 
ihrem Eigennutz, ihrem Egoismus Mensch sein können, sind sie 
lieber Bestien. 



Geistreiche, thätige Naturen, versetzt in beschränkte, ihrem 
Wesen niclit entsprechende oder gar widersprechende VerhHltnisse, 
gerathen diulureh in eine uunalUrliehe Spannung und Irritation, 



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818 



die bei dem geringsten Anlasse in Heftigkeit «nsbrieht, in exnltiiien 
Aensseningen aller Art sieh Lnft macht Sie nShm sieh an den 
wanden ihres GeHlngnisses, ihres beschrankten LebenskrelseSy vnd 

betinden sich dadurch stets in einem entzttndlicheu Zustande. 

Die Freiheit im populären, d. h. aUgemeinen Sinn bedentet 
nichts anderes als die Abwesenheit eines Itlhlbaren Zwanges. Was 

der Mensch gezwungen tbut, das that er nnfrei, ungenii denn gern ■ 

uud i'rei lalli zu^ammeu. 

Es ist nichts lacherlicher, als an glauben, dass die Menschen ' 

durch die Lehre von der Nothwendigkeit der menschlichen Willens- 
handlungen unli ei , oder durch die metaphy sische Lehre von der 
Freiheit nun auch frei gemacht wUrden. . 

Die Freiheit wird wie alle solche allgemeine Worte in einem 
so unhestimmten Sinne genommen, dass Vielen die Aufhebung der 
Freiheit, d. h. der phantastischen Freiheit, identisch ist mit der 
Aufhebung selbst der willkürlichen Ortshewegung, dass sie sagen: 
„Der Mensch ist nicht frei'' ist eins mit dem Satze: „Der Mensch 
ist nicht Mensch, nicht ein bewegliches Wesen, sondern eine Pflante, 
ein Stein « 

Wie rdmt sieh mit der Natomothwendigkeit der Freiheit die 
Gesetzlosigkeit der Phantasie, des Irrlfaums, der Abweiehnng tob 
der Nothwend^keit zusammen? Dieser Einwurf ist gerade so, als 

wenn der Erkenntniss, dass die Bewegungen der Tbiere nur nach 

dem Gesetze des Hebels, der Mechanik erfolgen, die aberwitzige 
Frage entj^egengestellt wird: wie reimt sich denn mit dieser Gesetz- 
mässigkeit das Hüpfen und Springen, das dahin uud dorthin Laufen, 
das Fallen und Fehltreten der Thiere zusammen? 



Die aus der Religion hervorgehende Moral ist nur Almosen, 
das aus den Schätzen der Kirche und Theologie den Menscbeo, 
diesen Armen, d. h. Bettlem, hingeworfen wird. Der Priester ist 
nur moralischer Almosenspender. 

Zu meiner Abhandlung tiber den Willen. So wenig es in 

meinem „Wesen der Religion" meine Anfgahe ist, zu beweiseo, 
dass kein Gott ist, freilich auch nicht, dass ein Gott ist, so wenig j 
ist es hier meine Aufgabe zu beweisen, dass der Mensch keiue j 



Digitizeöby 



— m 



li^naiuite WiUeufirnlttil bat, freUieh auch niiht, dass er eine 
hat Wie ieh dort mr die Griade «Bteimehey die den Memekeii 
xam GottesgUiben bcetimmen, so war hier wenigstens meine Heapt- 
lofgtbe nur, die Orflnde ni ermtttela md dannistellen, die den 
McDBchen besthnmen, sieh ftr liei sn bähen. 

■ Die Philosophie Kant s, namenthch steine Moral, ist eine liage- 
stolze Form ohne Materie; Manu ohne Weib und Kind. „Keine 
Vernunft", reine Anschannng, reine Tugend — die unhetieikte 
Emptangniss der heiligen Jungfrau, übersetzt in den Begriff des 
hotestantismos. Dort kein Mann, hier kein Weib, keine Materie. 

Dass Kant die Piieht für neb aeUrat» ohne Bttcksiebt anf Glfick- 
BeUgkeit, dem Menseben aom Zwecke setzt , das bat wohl einen 
riehtigen pädagogischen nnd moralischen Zweck, drückt aber keinen 
metaphysischen, d. h. das Wesen des Menschen betreffenden Ge- 
siehtspnnkt aus. 

Kant schrieb eine Moral nicht nur tür Menschen, sondern l'lir 
alle möglichen veiuünttigen Wesen. Hätte er doch lieber ausser 
lUr Professoren der l'hilosophie, die allein diese ausser den Menschen 
existirenden anderen Wesen sind, fUr Taglöhner und Holzhacker, 
für Bauern nnd Handwerker seine Moral geschrieben! Anf wie 
gaas andere Prinaipien wSre er da geraiben! Wie saner wird 
diesen Menseben das Leben gemacht, wie geht alle ihre Th&tigkeit 
wir darauf hinaas, sich %n emShren; wie glaeklich sind sie, wenn 
sie nor etwas fUr sich nnd die Ihrigen zu essen, zu kleiden 
haben! Wie sehr ist bei ihnen die Heteronomie die Autonomie, 
der Empirismus das Gesetz ihrer Moral! * 

Wo Sein mit Willen verbundeuj ist Wollen und Gllickseliirsciu 
Wollen identisch. Sein ohne Willen ist gleichgültiges Hein, aber 
Sein mit Willen, Sein, das Gegenstand des Willens, ist Wohlsein. 
Wohlsein ist aber nichts anderes als dem was ist, seinem AVesen, 
s^en Organen nnd Bedürfnissen, seinen Keignngen und Trieben 
entsprechendes Sein. 

Zum Mitleid. So offen, so populär ist der in ihm enthaltene 

Crlückselii^keitstrieb, dass es selbst im Lexikon, wie im Mozin hoisst: 
on se pleure soi-meme, cn pleurant les autros. 



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320 

Contra Scliop. : Das 3Iitleiden entspringt nnr ans dem Xiehi- 
selbsl-Leideii-Wollen, setst den GlttekBeligkeitetrieb Torans. 



Mitleid ist eine iVeiwillige Herablassung und Konzcssiwu ues 
GlUcklii-heu gegen den Unglttcklicheuj- ich will nicht glücklich sein, 
wcnu Du es nicht hist 



Ich bin and war von jeher Pesaimist gegen die Gegenwart, 
aber desswegen nicht gegen die Znkunü 

Glückseligkeit!? Nein, Gerechtigkeit, la Jnstice! Aber Ge- 
rechtigkeit ist nichts als die gegenseitige, oder beiderseitige Glück- 
seligkeit, im Ctegensats an der einseitigen , egoistischen oder par- 
teiischen Glflckseligkeit der alten Welt 



Als ich einst in einer Gesellschaft wider meine Gewohnheit 
philosophirte, und, ich weiss nicht mehr auf welche Veranlassung 
hin, behauptete, dass die Glückseligkeit die eigentliche Gottheit 
des Menschen, die erste und letzte Bewegnngsnrsache seines Wollens 
und Thons sei, entgegnete ein in der Gesellschaft befindheher 
Professor mit Lachen: j^oh habe in meinem Leben nicht nach 
Glttckseligkeit gestrebt'*, nnd gbinbte natürlich damit meine Be- 
hauptung YoUständig enIkrSftet zn haben. Der gnte Professor 
bedachte nicht, dass ein Mensch, der nach einer Professor strebt 
— und danach hatte er doch auch gestrebt — eben damit auch 
nach Glückseligkeit, freilich nur nach Professoren -GlUcksehgkeit, 
strebt • • . 



Er hat sie gevriUilt n seiner Fraa nnd hat sich an diesem 
Benife, dieser Knnst bestimmt, im G^^satze davon: er ist dam 

gezwungen worden. Diese Wahl, diese Selbstbestimmung bedeutet 
keineswegs die Freiheit im Sinne eines freien, grundlos sich selbst 
bestimmenden Willens, sondern nur: er hat sich dazu aus Neigung, 
aus Liebe bestimmt, d. h. also aus einem, dem leereu, grundlosen 
Willen geradezu entgegengesetzten Grunde. 



Es gibt eine im Gegenstande selbst, nicht nor in den daiaii 

sich lür die Ruhmbegierde und andere egoistische Triebe ergehendeo 



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821 



Folgen I liegende Liebe, wenn auch im Beginn, ehe der Mensch 
es zu einer Fertigkeit und Mdstersehaft in der Beschäftigung mit 
demselben gebracht hat, andere Triebe, wie Verlangen nach Ehre, 
Vergnügen, ihn anfenem, wie das in der Jugend der Fall ist 
(Contra Helyetinm.) Das Mittel wird zum Zwecke. Es wäre eine 
Absurdität, einem Mathematiker, Philosophen, Naturforscher als 
Triebfedern seiner Uuteisuchungeu und seines Nachdenkens nur 
die Liehe zum Ruhme, zum Geld, zum Vergnügen unterzulegen, 
d. h. zum Vergnügen, das nicht ein Resultat seiner Forschung ist, 
das man auch ohne Mathematik, ohne Philosophie , ohne Natur- 
wissenschaft haben kann .... 

Man kaim gegen sich selbst nicht genug idealistisch 

— idealistische Willensforderangeui „kategorische ImperaÜTe" stel- 
lend — aber gegen Andere — Ausnahmen, die höchst schwierig 
zu konstatiren smd, ausgenommen — nicht genug materialistisch 

— gegen sich selbst nicht genug Stoiker, gegen Andere nicht genug 
Epikuräer sein. 

Nichts ist trostloser, nichts in seinen Folgen und Wirkungen 
geistloser, als eine ununterbrochene geistige, nicht durch geistlose 
Thätigkeit unterbrochene Thätigkeit zu haben. Nur Unterbrechungen 
erhalten den Geist frisch| ungebrochen. 



Wie ein guter Wirthschafler mit einem kleinen Vermögen, 
einena kleinen Gute mehr leistet, als ein sehlechter mit einem grossen 
Gute, so richtet auch der schlichte gemeine Mann mit wenigen 
Begriffen und Kenntnissen — mit wenigen, oft nur ein paar Büchern 
— mehr aus, als gelehrte Prasser mit ihren grossen Bibliotheken 
und ihrer Vielwisserei. 



Die Anzahl der Leute, die nicht belehrt werden wollen, ver- | 
steht sich Uber Dinge, die ihren Interessen, Wünschen und an- > 
gelernten Begriffen widersprechen, ist nicht geringer, als die Anzahl 
derer, die nicht belehrt werden kennen, aus Mangel an Anlagen 
und Bildung. 

Die armseligen Literatenseelen, die glauben, dass der Mensch 
nicht mehr ist, mehr kann und weiss, als er schreibt, die, weil sie 
selbst nichts fUr sich sind, nichts haben, als was sie auf dem 

O'rUn, Kenerlmcha liriertvvclHc-l ii. N«<-Iiln«x. II. 21 



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322 ' 

Büchermarkt feil bieten, nun auch dasselbe bei jedem andern 
Menseben voraussetzen, die daher den papiemen Mensehen, den 
Mensehen, wie er für sie ist, fttr den Menseben an sicbi den ganzen, 
vollen und wahren Mensehen halten! Allerdings kann man anch 
ans der Schrift den Menschen erkennen , benrtheilen; aber dazu 
gebOrt der feinste Sinn und jener Blick, der aber nicht Jedermanns 
Sache ist, welcher aus dem Fra^ente das Ganze, aus der Ueber- 
Setzung das Original zu erkennen veruia^. 

Die SelbHüindigkeit eines Menselieii und GeiHtcs zu begreifen, 
dazu gehört Helbnt ein selbständiger Oeist, ein unabhängiges Ur- 
tbeiL Die Unbequemlichkeit, die jeder selbständige Kopf bereitet, 
beseitigen sie dadurch, dass sie ihn bei ihren bereits bequemen 
Begriffen und Kategorien unterbringen; oder sie widerlegen ihn 
- dadnich, dass sie ihn auf bereits, wenn anch nnr ihrer Meinung 
nach, längst widerlegte Systeme und Gedanken znrflckversetzen, 
antiqniren. 

Meister Julian Schmidt! Weil Du selbst ein halbes Herz, 
ein halber Kopt, ein halber Mensch bist, glaubst Du, dass nur 
11 albgeliil d cte mir beistininien V Wer sind sie? Die noch nicht 
ganz Verbildeten, ganz Verschrobenen, ganz Verstockten. Es sind 
diejenigen, die noch gesunden Menschenverstand, noch »Sinn ftlr 
einfache Walirheit haben. Wo hat denn das Christenthum zuerst 
Boden gefasst? Waren es die ganz Gebildeten, die sich fttr das 
Christenthnm entschieden? Waren es nicht die Ungebildeten nnd 
Halbgebildeten? Habt denn ihr, die ihr dem Christenthnm, doch 
ohne es kennen nnd ohne es zu wollen, das Wort redet, nicht 
darin seine Wahrheit gefhnden, dass es ebenso dem Qebfldeten 
wie dem Ungebildeten nnd Halbgebildeten zusagtV Halbgebihlct 
sind gerade die Leute, wie Herr Julian Schmidt, Leute, die 
halb Atheisten, halb 'l'bcisten, balb frei, hall) unfrei sind, Leute, 
die zu keiner ganzen, entschiedenen, mit sich einigen Anschauung 
und Ueberzengung in religiösen und politischen Dingen es bringen. 

Das Urtheil eines Julian Schmidt ist das Urtheil eines 
Knaben über einen Mann. Wenn ein Knabe einen Bfann benrtheilt, 
wie kann sein Urtheil anders als lächerlich, schief und verkehrt 
ausfallen? 



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323 — 

Woher kommt es, dass wir in fremden Sprachen geschriebene 
Schriften höher stellen, wenn sie auch nicht dem Gehalte und Geiste 
nach höher steheD, als die in unserer Sprache geschriebenen? Es 
istj abgesehen von dem Beize des Fremden, das Selbstgefühl, das 
mit der Ueberwindnng der Schwierigkeiten in fremden Sprachen 
Terknüpft ist, das Geftthl unserer eigenen Meisterschaft, das den 
ausländischen Stttmper zum Meister macht Den einheimischen 
Schriftsteller kann Jeder lesen, sem Verständniss kostet nichts, ist 
Sache jedes Lumps, der nichts gelernt hat; aber das Verständniss 
einer fremden Sprache ist aristokratisch, kostet Mühe, Zeit und Geld. 



Ich bin in der deutschen Literatur nicht nur Landraaun, son- 
dern auch ein Bergmann, arbeite nicht auf der Oberfläche; mir 
fehlt darum gänzlich die Routine des gewöhnlichen Schriftstellers, 
welche nur die von den Bergleuten an die Oberfläche gebrachten 
Erze verarbeiten und in Umlauf setzen. 

Schriften, die man liest — lesenswerthe versteht sich — sind | 

Einnahmen ; Schriften, die man selbst schreibt, Ausgaben. Ich liebe I 

jene mehr, als diese. Wenn ich so wenig Ausgaben au Geld, als \ 
an Gedanken gemacht hätte, wie reich wäre ich! 

Mein Kopf ist wie die spinozistische Substanz, in die, wie \ 
Hegel vortrefflich sagt, Alles hinein, aber aus der nichts herausgeht. 



Wie oft sagt der Mensch: ja wenn ich an seiner Stelle wäre, 
wenn ich auch als Prinz geboren wäre, so wollte ich ganz anders 
handeln I ohne zu bedenken, dass wenn er eben an der Stelle emes 
Anderen, wenn er in der Lage, dem Stande, der Umgebung des 
Anderen geboren wäre, er nicht derselbe, d* h. dasselbe Ich wäre, 
tlas er jetzt ist. 

Sei tolerant gegen den Aberglauben, aber nur in alten, unver- i 
änderlichen Individuen; dehne diese Toleranz nicht auf deine Kin- I 
der aus! Licht kann man nicht genug verbreiten; was du nur ' 
immer beleuchten, erforschen, durchschauen kannst, da» musst du 
anch klar machen, dir selbst und vor Allem deinen Kindern. £s 
gibt kern anderes Gesetz, keine andere Richtschnur, das lacht in 
die KOpfe zu bringen. Wer wird je zu dem gefährlichen, heim- 
tttekischen Dunkel des Aberglaubens iseine Zuflucht nehmen wollen I 

21* 



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324 

Findest du denn in dem unermesslichen Bereich des Lichtes keinen 

Gegenstand, der dir den Trost, die Wärme geben kauU| die du im 
Dunkel des Aberglaubens suchst? 

Es hat Zeiten gegeben, wo man, wie z. 1^. in Eng^land, otTcn 
und ungcscheut den Werth des Menschen nur nach dem Inhalte 
seines Beutels anschlug. Aber, wenn auch verdeckter und ver- 
stohlener Weise, hiingt im Allgemeinen im bürgerlichen Leben die 
Wichtigkeit des Menschen nur vom Gewichte seines Geldsackes 
ib. ,|Geld ist der Mann.'' Ja, in der That: was vermag der 
Mensch ohne dies Instrument der Instrumente? Wer kein Ver- 
mögen hat, der hat auch keinen Willen. 

[ Herr Schlosser ist, wie die deutschen Gelehrten überhaupt, 

' 1 reisinnig dem oflenen Obskurantismus gegenllber; aber so wie es 

j zum wirklichen Liberalismus und zur That kommt, der grüsste 

I Obskurant, den es gibt. 



4. Politik. 
(1841—47.) 

Die Auflösung der Theologie in die Anthropologie auf dem 

Gebiete des Denkens ist auf dem Gebiete der Praxis, des Lebens, 
die Auflösung der Monarchie in die Kepublik. 

Der Dualismus, der Zwiespalt ist das Wesen der Theologie — 
der Zwiespalt das Wesen der Monarchie. Dort liaben wir den 
Gegensatz von Gott und Welt, hier ^den Gegpensatz von Staat und 
Volk. Dort wie hier steht dem Menschen sem eigenes Wesen als 
ein anderes gegenüber, — dort als ein Wesen im AUgemeinen, 
hier als ein wirkliches, persönliches oder individuelles Wesen. „Die 
Fürsten sind G($tter'S d. h. Wesen, die etwas anderes zu sein 
scheinen, als sie wirklich sind, die sieb nicht von anderen Menschen 
der Tliat nach unterscheiden, der Einbildung nach aber für Weseu 
anderer und höherer Art gelten. 

Die Einbildungskraft ist die Stärke der Theologie, und die 
Einbildungskraft die Stärke der Monarchie. Nur so lange lUsst 



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_ _ 325 

sich die Menschheit von Fttrsten beherrsehen, als sie sich von der 
Einbildung beherrschen lässt. Fürsten herrschen nur, wo die Phan- 
tasie den Menschen beherrscht Lnxns, Pomp, Glanz, Schein anf 
der einen, Noth, Elend, Dürftigkeit auf der anderen Seite, sind die 

nothwendigen Attribute der Monarchie. Die Einbildungskraft äussert 

und gelallt sich nur in Superlativen; dem allerhöchsten Glücke ent- 
spricht nur das allertiefste Unglück — dem Himmel nur die Hölle, 
dem Gotte nur der Teufel. 

Nicht die Zeiten nur der Revolutionen, sondern auch, ja noch 
mehr, die ihnen vorhergehenden, die rIc vorbereitenden sind die 
interessantesten der Geschichte; so die der französischen Bevolution 
vorhergehenden, wo Ein Yorwärtsstreben alle Geister erflUlte. 



(Aus den 50er Jahren.) 

Die Dinge fassen sich ganz anders an mit der ])lüssen Hand, 
als mit dem ledernen Handschuh der IStaudeswUrde. 

Der Verstand der Standespersonen reicht insgemein nicht 
über die Gränzen ihres Standes. Ihr Stand ist der Stand* 
punkt, von dem aus ede alle Dinge ansehen. 

Kur die „Lumpen'^ sind Revolutionäre! Natttrlieh, mit einem 
schweren Geldsack auf dem Buckel kannst du kdne hohen Sprünge 
machen. 

Was herrscht aul" der Fürsten Thron? Ach, nur der eitle Schein. 
Nur tief unten wird geschenkt der Wahrheit reiner Wein. 

Alles ist Schein in dieser (politischen, bürgerlichen) Welt — 
ausser ihrem Elend. 



„Halbgebildet'' — eine damals von den Reaktionären gegen 
alle Nichtstudirte, die sich m Religion und Politik zur Freiheit be- 
kannten, gebrauchte Redensart — „ist, Herr Landrichter, nur Der, 

dessen Gesichtskreis, wie der unscici Bureaukraten, sich nicht 
Uber die Hälfte der Erdkugel erstreckt, der nur das für recht, wahr 
und vernünftig hält, was in dem alten Europa besteht, der seine 
Gedanken und Gesinnungen nicht über die Schranken der europäi* 



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326 - 



schcD Duodcz-Monarchieu bis zur Aneikeanimg der grofifien ameri- 
kaoischen Demokratie erweitert hat'^ 

„Halbgebildet, Uerr Landrichter^ sind gerade die eingebildelea 
yyOebUdeten'^ der höhem Stände; denn ihr charakteriatisehes Wesen 
besteht gerade darin, dass sie halb gläubig, halb nngläabig, halb 
obskur, halb knltivirt — kaltiyirt, was Kttnste, Lebeusgenttsse and 

Uiiterhaltuugsgegenstände betrifft — halb Barbaren — Barbaren, 
was Religion uud Politik betrifft. Diesen Zwicj^pult autV.uliebeii, 
(las war eben die Auigabc, die Idee der freien Genieiuden, der 
Deutsclikatholiken, der l)c.sj5ern Demokraten, der Freidenker. Aber 
eben die Aufhebung dieses Zwiespaltes bat die Halbbildung unserer 
Staaten mit allen Mitteln der Barbarei unterdrückt, und sie lebt 
heute noch in dem barbarischen Dünkel, dass dieses ganz gebil- 
dete, ganz ungläubige, ganz freie Wesen, weil es äusserlich 
erdrttckt, das heisst nach innen getrieben, auch wirklich maus- 
todt ist" 



Staatenmoral I Was ein Orsini thut, das geschieht natffrlieh mit 

Bewnsstsein; aber das Legat, das der Kaiser Na])oleon l. dem 
Irauzcisiscben Unteroffizier, der den Wellington morden wollte, ver- 
machte, das machte er im Zustande einer Geistesverwirrung! 

Die rfaften und Aristokraten schreien Uber den ^laterialismus, 
tiber den Eigennutz der Gegenwart. Warum? Weil man den 
Herren nicht mehr allein das Kecbt des Eigennutzes einräumt, weil 
auch der Bauer, der Pöbel, das gemeirie Volk Überhaupt, nicht mehr 
Alles den Pfaffen und Aristokraten zur Befriedigung ihrer Herrsch- 
nnd Habsucht fiberlassen, sondern selbst etwas haben und sein wiU. 

Der Minister von der Pfordten äusserte unlängst in der Kam- 
mer: „Die nordamerikanischen Staaten sind so sebr auf der 
ersten Stufe der staatlichen Entwicklung, so sebr in einer An- 
fangszeit oder in der Kindheit der staatlichen Entwicklung, daj^s 
eine Vergleichung mit unsereu Kuitorzuständen und Staatseinrich- 
tungen unstatthaft ist/' Diese Aeusserung ist wahrlich im höchsten 
Grade sonderbar. Wo hat man je gesehen, dass ein Volk in seiner 
Kindheit sich selbst regierte? Wo ein Kind ist, da muss auch ein 
Papa sein. Wo ist denn aber der Papa der amerikanischen Re- 
publik ? Wo ein Kind ist, da ist auch ein kindlicher Sinn, Wor- 



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— 327 



nach steht aber der Sinn eines Kindes? Kaeh glänzenden Unii'or- 
men, nach Adelswappen, nach Orden nnd anderen Dekorationen 
nnserer Üieatralischen Staaten. Wo sind aber in Amerika diese 
Einderspielzeuge? Wo hat ein Volk in seiner Kindheit einen 

Franklins- Kopf? Die Anfänge unserer Geschichte verlaufen sieb 
wohl in die Kindermärchenwelt der Phantasie; aber Amerika be- 
ginnt am hellen, lichten Tage der Geschichte, beginnt seine, nament- 
lich von England unabhängige Existenz mit dem gesunden 
Menschenverstände. Thomas Paine' s Sehrilt, die einen so 
wesentlichen Einfluss auf die amerikanische Revolution hatte, heisst 
nicht umsonst der ^^gesunde Menschenverstand^'. Amerika verdankt 
seine Freiheit der unerträglichen Skhiverei Enropa's, seine Weis- 
heit der nnverbesserlichen Thorheit der europäischen Politik. Eu- 
ropa pocht auf sein Alter, aber Alter schützt vor Thorheit nicht. 
Europa ist ein alter Sünder, der, so oft er sich auch anfirafit^ immer 
wieder in das alte Laster znrtteksinkt. Haben wir nicht erst Tor 
Kurzem die Dragonnaden Liulwig's XIV,, die einen grossen Theil 
der Hugenotten nach Amerika vertrieben, unter uns erlebt, nur mit 
dem Unterschiede, dass unsere Dragonnaden nicht gegen religiöse, 
sondern politische Ketzer, gegen die Demokraten gerichtet waren? 
Ist also unsere Politik, ob sie gleich um fast zwei Jahrhunderte 
seitdem älter geworden ist, vernünftiger als zur Zeit Ludwig's XIV.? 
Was hilft es also älter zu werden, wenn man nicht gescheidter wird? 
Uebrigens ist das Alter Amerika's nicht nach enropäischen Begriffen 
zu bemessen. In Amerika whrd die Menschheit nicht auf einjsm 
Biittelalterlichen Frachtschiff, oder einem Thum- und Taxis'schen 
Postwagen weiter befördert; Amerika macht seme Fortschritte mit 
der Schnelligkeit der Dampfschiffe und Eisenbahnen, macht daher 
in Stunden mehr Eriahrung, als das langweilige Pairopa in Jahren. 
Die Geschichte der Vergangenheit Anierika's ist die Geschichte der 
Zukunft Europa's. Amerika ist im Laute seiner Entwicklung, im 
Gebrauch seiner Kraft nicht gehemmt durch das Fideikommiss einer 
todten Vergangenheit. Amerika fragt nicht nach dem, was einst 
war, sondern nach dem, was sein soll und sein muss. Amerika 
ist längst da, wohin £uropa erst nach langen KSimpfen kommen 
wird. Amerika hat Nichts hinter sich, Alles vor sich. 

Der wahre staatsmännisehe Kopf glaubt nicht an die Freiheit 

des Willens, sondern an die Nothwendigkeit der menschlichen 
ilaudlungen, daran, dass die Menschen unter diesen und jenen 



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328 



Umständen und Verbältoissen so and nicht anders denken nnd 
handeln werden nnd kOnnen. Der Demagoge der Verschwörer, der 
Geheimbündler dagegen bant seine Sache nur anf den guten Willen, 

anf die Gesinnung, die Freiheit, und ersetzt daher die Nothwendig- 

keit der Natur des Menschen und der Dinge durch willkürliche 
Ndthigung, durch terroristischen Zwang, durch die Faust, den Dolch 
oder die Guillotine. 



(1857 — 1860.) 

Unsere „Konkordate" sind nichts anderes, als Konkordate der 
Wissenschaft mit der Unwissenheit, der Kultur mit der Unkultur, 
der Gegenwart mit der Vergangenheit 

I^e Freiheit ist allerdings das Höchste, aber sie ist ebenso 
wenig wie die Idee Anfang, sondern Ziel, kein physisches, ange- 
borenes Vermögen — der Mensch ist nicht Ireigeboren sie ist 
Resultat der Bildung, ireüicb auch auf Grund angeborener, ent- 
sprechender Anlagen, 

Ich begreife nicht, wie ein Idealist oder Öpiritualist, wenn er 
wenigstens konsequent ist, politische üusserliche Freiheit zum Ziele 
seiner ThStigkeit machen kann. Dem Spiritualisten genügt ja die 
geistige Freiheit; je grosser der Druck aussen, desto mehr hat er 
Veranlassung, die geistige Freiheit dagegen geltend zu machen. 
Politische Freiheit ist im Sinne des Spiritualisten der Materialismus 
aul dem Gehicte der Politik. Zur wirklichen Freiheit gehört in 
der That auch materielle, körperliche. l'resslVciheit macht nicht 
nur meinem Kopfe, sondern auch meinem Herzen, meiner Lunge, 
meiner Galle Luft und Haum. Dem Spiritualisten genügt die ge- 
dachte Freiheit. 



„Ich habe Becht'^ ist so viel, als ich habe Gewalt, wenn 
auch nicht in nnd durch meinen eigenen, doch durch den Arm der 
Obrigkeit 

0, Sie PfifSkus! „F. hat sich tlbei)ebt!<< — Aber gleichwohl 

lebt noch der heilige Vater, und ich sage Ihnen, Herr Superklug, 
so lange noch der Papst, die Bischöfe, noch Konsistorialräthe, noch 
Geistliche, noch Theologen, noch die Kirche überhaupt, noch Könige 



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329 



von GotteBgoaden n. b. w. existiren, so lange hat sich auch noch 
F. nicht überlebt Nur wenn diese- nicht mehr existiren, dann, aber 
anoh nur dann, existirt, lebt auch F. nicht mehr, nnd dann mit 
Freuden singt er sieb selbst ein: „Gate Nacht| ihr Herrn, lasst 
eneb sagen'' etc. 

Ans Castelar's Rede gegen eine spanische Monarchie: 
„Die Geschichte der Menschheit ist ein steter Kampf zwischen 
den Ideen und Interessen; für den Augenblick siegen immer 
die letzteren, auf die Dauer immer die Ideen." 

Welch' ein Gegensatz ! Sind denn Ideen nicht auch Interessen, 
nicht auch, jedoch für den Augenblick nnr verkannte, verachtete, 
verfolgte, noch nicht wirkliche, gesetzlicb anerkannte, den besonderen 
Interessen einzelner jetzt herrsebender Stände oder Klassen wider- 
sprechende, &ir jetzt nnr in der Idee existirende Interessen, allge- 
meine, menschheitlicbe Interessen? Ist Gerechtigkeit nicht ein all- 
gemeines Interesse, nicht ein Interesse der mit Ungerechtigkeit 
behandelten, wenn gleich nicht, wie sich von selbst versteht, der 
diese Ungerechtigkeit ausübenden, der nur in Vorrechten ihr In- 
teresse findenden Stünde und Klassen? — Kurz der Kampf zwischen 
Ideen und Interessen ist nur der Kampf zwischen Altem und 
Neaem. 



Nicht umsonst habe ich in der 2. Ausgabe meiner „Geschichte 
der Philosophie'^ von Spinoza die Aeusserung hervorgehoben: je 
suis hon R^publicain, wie anderwärts, so auch hier unter dem 
Namen Spinoza meine eigene Gesinnung nnd Ueberzeugung aus- 
gesprochen. Von Gesinnung bin ich unbedingter Republikaner, als 
Demokrat von Kopf aber freilich bedingter, d. h. für die Republik 
nur da, wo Zeit und Platz flir sie ist, wo die Menschen auf dem 
dieser Staatsverfassung entsprecheudeu iStaudpunkte stehen. 



Es gibt nur zwei Erzfeinde für uns, — geistig das Papst- 
thum, weltlich das Kussenthum. 



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330 



5. N a t u r. 

„AoB einer onriehtbaren Ordnung der Dinge sind wir entsprangen.^ 
So konnte man aof dem frtthem Standpnnkte der NatnrwiasenBoliaft 
alienfalte reden. Aber jetzt heisst es: ans einer sichtbaren Ordr 
nong der Dinge sind wir entsprangen. 

Das Leben besteht ans denselben Stoßen wie die äussern so- 
genannten leblosen Körper. Aber es ist eine so besondere, so 
innige, so (»rii;inelle Verl)induu^' derselben, dass sie die Begrifte 
tibersteigt, die wir von den äussern, der menschlichen Willkür und 
chemisehen Fabrikationstiiätigkeit unterworfenen Körpern nnd Stoffen 
abgezogen haben. 

Wie viele glückliehe Umstftnde müssen sich yereinigen, dass 
die FrOchte auf dem Felde nnd an den Bänmen znr gehörigen 
Reife kommen! 80 selten ein Genie, so selten ist ein glückliches 
Jahr. Wie viele Versuche, wie viele Ansätze der Natur niiss- 
lingen! — Warum gibt es denn nicht jedes Jahr Obst, Wein, gutes 
Getreide? So war es auch nur unter der Gunst glücklich zusammen- 
treffender Umstände, dass der Mensch auf und aus der Erde entstand. 

Die Laufbahn der Geschichte der Menschheit ist allerdings 
eine ihr vorgezeichnetey weil der Mensch dem Laufe der Katar 
folgt, wie ersichtlich am Lauf der Ströme. Die Menschen ziehen 
dahin, wo sie Platz finden, nnd zwar einen ihnen entsprechenden 
Platz. Die Menschen lokaÜsiren sich, sie werden bestimmt darch 
den Ort, wo sie sind. Das Wesen Indiens ist das Wesen des 
Inders. Er ist, was er ist, was er geworden, nur das Produkt der 
indischen iSonne, der indischen Luit, des indischen Wassers, der 
indischen Pflanzen und Thicre. Wie sollte also der Mensch nicht 
ursprünglich aus der Natur cntspnniiron sein? Die Menschen, die 
sich in alle Natur schicken, sind entsprungen aus einer ^atur, die 
keinem Extrem baldigte. 

Populäre Ausgangspunkte, um die Menschen Aber die Esels- 
brücke der Teleologie hinweg in die Natur einznfUhren, sind die 
merkwtirdigen Bildungen mancher Felsen, zum Beispiel die Katar- 
brücke in Virginien, die Basalt -Säulen, woraus man konsequent 

vom Standpunkte der Ideologie aus schlicsscu uitisstCi dass aie 



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331 

ein Brückenbaumeisterl ein Maurermeister o. 8. w. so gemacht 
haben mtisse. Wenn man Leuten, die nichts von der Naturwissen- 
sohafty der Mineralogie verstehen , Krystalle zeigt, so werden sie 
ungläubig stutzen oder lächeln, wenn man ihnen sagt, dass diese 
so in der Natur vorkommen, dass sie nicht von menschJicher Kunst 
so geschaffen seien. Ist aber der Schluss auf einen teleologiseben 
Verstand überhaupt nicht derselbe, wenn auch abstrakter, der 
sinnlichen Augenfilliigkeit entblösstcr, als der Schluss, dass diese 
glatten Ebenen, diese spitzigen Ecken und Kanten von Instrumenten 
der Kunst so gemacht sein müssten? 80 macht der Menscli in der 
Telcologie sein auf dem bewussten Gegensatz von Öul)jckt und 
Objekt beruhendes Verhalten zu dem ursprünglichen schaffenden 
Wesen der Natur! 

„Sie haben ja noch gar nichts über Politik geschrieben"! — 
Nein. — Auch noch nichts Uber Naturphilosophie und Rechts- 
philosophie. Aber, mein Bester, wie man durch Schreiben sehr 
häufig nur Beweise von semer Unwissenheit und Tölpelhaftigkeit 
gibt, so kann man auch durch Nichtsohreiben Beweise von seinem 
richtigen Takt und Verstand geben, indem man dadurch eben aus 
Sachkenntniss zu erkennen gibt, dass zu dieser Sache, wie z. B. 
zur Naturphilosophie, jetzt noch keine Zeit ist. 



Ueber die Thiere. 

Das Thier lial niclit nur ,,Zustandsbewusstsein es hat auch 
Bewusstsein seiner Handiunj;cn. Man sehe nur, wie das l^c- 
wusstseiu einer vollbrachten Handlung, einer Handlung, deren Voll- 
bringung Muth und Geschicklichkeit oder besondere Kraft erfordert, 
das Thier, z. B. den Jagdhund, der einen Fuchs attaquirt und be- 
siegt hat, erbebt, stolz macht 

Auch das Thier verlegt den „Sitz der Seele'' in den Kopf, 
weiss, dass der Kopf erst der Mensch ist Wenn der Hund zu 

Dir gesprungen ist, um Dich zu bcgrüssen. Dir die Honneurs zu 
machen, so ruht er nicht, ist nicht gewiss, ol) seine Sehnieicheleien 
vcrnonmicn und angenommen worden, als bis Du ihm den Kopf 
zuwendest, ihm Auge in Auge die \'crsicherung gibst, dass Du 
"weisst, dass er nicht einem köpf- und sinnlosen Theile von Dir 
seine Ergebenheit und Verehrung bezeugt hat und bezeugen wollte, 



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332 - - 



Aach im Thiere finden schon psychologische oder mo-^ 
raiische Kämpfe. statt. Nllhere Dich nnr einem V<^elne8te ond 
siehe den Streit zwischen Egoismus, Selbsterhaltungstrieb, Furcht 
yor dem Feinde ond der Liebe, der Sorge fttr die Kleinen, siehe, 
wie der Vogel kommt nnd flieht nnd wieder kommt 



Waram gibt es denn jetzt keine Urzengung mehr? Wamm 
wiederholt sich denn nicht, was einst die Nalnr konnte? Ich frage, 
warnm wiederholt sich denn nicht die Zengnng eines und desselben 
lndi\ iduunis V Wanini bin ich denn nur einmal in der Welt? Warum 
kann dieses Individuum nur dieses Mal, nicht öftere Male ent- 
stehen? ^ 



Worin besteht die Kunst, eine uns an sich selbst unbegreifliche 
Sache, wie den Anfang des organischen Lebens, begreiflich an 
machen, wenigstens aproximativ? Darin, dass wir Dinge, deren 
Anfang nnd Ursprung uns nicht bekannt ist, wenigstens nicht so, 
wie wir es wflnschen, die nns gleichwohl aber fUr nichts weniger als 
miraknlös gelten, zum Ausgangs- nnd Vergleicbungspnnkt nehmen, 
wie z. B. die Entstehung der neueren Sprachen bei der Frage nach 
der Entstehung der »Sprache überhaupt. 



Welche Verkehrtheit, die rein theoretische Frage nach der 
Entstehung des organiischcn und bewussten Lebens zu verwirren, 
zu vermengen mit der theologischen , rein positiv religiösen Frage 
nach der Existenz eines die Kirche und allen Plunder mit sich 
führenden Gottes! 

Es ist viel interessanter und gewinnreicher (auch im gemeinea 
Sinn) sich natarwissenschaftlich mit den Länsen nnd Flöhen der 
Mönche nnd Nonnen, als sieh historisch, anthropologisch mit den 
Mönchen nnd Nonnen zn beschäftigen. Aber gehören denn die 
Mönche nnd Nonnen, so widerlich, so hässUch sie auch sind, nieht 
doch auch in die Naturgeschichte des Menschengeschlechts? 



Wie der Mensch ttberall zuerst an sich denkt, nur sieb in 

der Natur erblickt, beweist selbst anch die Geschichte der Ver- 
eteiueruDgslehrc. In den grandiosen, fossilen Knochen erblickt er 



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333 - 

Koerst die Ueberreste riesenartiger Menschenracen, ehe er sie er- 
kennt als von ihm unterschiedenen Wesen angeh()rige. 



Der Mensch ist bisher nur ein Accessor, ein Accidenz, ein 
Zafali der Ptiilosophie gewesen. «Auch die Naturwissenschaft hat 
den Menschen über der Natur vergessen, oder doch zu sehr gegen 
sie zarttckgesetzt. Auch der Naturwissenschaft -ist daher eine Kur 
oder eine Ergänzung nSthig. 



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CMmkt bet E. Ptolz In T^t^gr* 




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Digitizeu Lj, >^jOOgIe 



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